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Mobbing Japan will stärker gegen Machtmissbrauch am Arbeitsplatz vorgehen

In Japan ist die Misshandlung von Angestellten durch ihre Chefs alltäglich. Nun will die Regierung die Lage am Arbeitsplatz mit einem Gesetz gegen „Power-Harassment“ verbessern.
08.06.2020 - 16:15 Uhr Kommentieren
Ein neues Gesetz soll Arbeitnehmer stärker vor Power Harassment schützen. Quelle: AP
Menschen in Japan

Ein neues Gesetz soll Arbeitnehmer stärker vor Power Harassment schützen.

(Foto: AP)

Tokio Der Fall Aktenzeichen 1096 Abschnitt 76 am Bezirksgericht Nagoya wird in Japan bis heute in Erinnerung gehalten. Ein Unternehmenschef hatte die Angestellten A und B im Jahr 2014 nach Fehlern bei der Arbeit geschlagen, lautstark beschimpft und dann gezwungen, den Schaden zu bezahlen sowie eine Kündigungserklärung zu verfassen. Angestellter B beging nach der Tortur Selbstmord. Seine Hinterbliebenen und sein Kollege A klagten und erhielten Recht. 440.000 Euro Schadenersatz sprach das Gericht den Betroffenen zu.

Dies ist einer der Präzedenzfälle, die das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt (MHLW) als abschreckendes Beispiel für Vorgesetzte präsentiert. Und die Illustration auf dem Titel macht klar, worum sich die amtliche Kampagne dreht. „No Harassment“, keine Belästigungen, sagen dort zwei Comic-Figuren mit bauschiger Haarpracht: „No seku-hara“ (kurz für sexual harassment, sexuelle Belästigung), no mata-hara (für maternity harassment, also Benachteiligung von Schwangeren) und dann noch die jüngste Addition, um die sich der Präzedenzfall dreht und die gerade diesen Monat wieder in die Schlagzeilen gerät: „no pawa-hara (power harassment).

Der Begriff „Power Harassment“ mag zwar Englisch klingen. Er ist aber eine japanische Wortschöpfung, die Machtmissbrauch sowie seelische wie körperliche Gewalt von Vorgesetzten an ihren Untergebenen am Arbeitsplatz umfasst.

Diesen Monat feiert die amtliche Kampagne gegen Belästigung ihren jüngsten Höhepunkt: Am 1. Juni ist ein Gesetz zur Vorbeugung von Power Harassment in Kraft getreten. Zuerst müssen nun Großunternehmen Mechanismen und Beratungsmöglichkeiten einrichten, um ihre Angestellten besser zu schützen. Ab 2022 hat auch die große Masse von Kleinunternehmen zu folgen.

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    Durch Gesetz zu sicherer Arbeitsumgebung

    Für den bekannten japanischen Arbeitsrechtler Nobunori Ishizaki von der Kanzlei Ishizaki & Yamanaka ist dieses Gesetz ein wichtiger Schritt. „Es bleibt zu hoffen, dass das neue Gesetz zu mehr Whistleblowing in kleinen bis mittleren Unternehmen führt“, sagt Ishizaki, der Japans Tribunale für Arbeitsrecht mitaufgebaut hat und viele Unternehmen berät.

    Auch der Opferanwalt Yoshitatsu Imaizumi sieht den Schritt positiv. Das neue Gesetz könne den Unternehmen stärker bewusst machen, „dass es ihre Pflicht ist, ihren Mitarbeitern eine sichere Arbeitsumgebung zu bieten“, so Imaizumi. „Die Ausrede ‚Früher war es in Ordnung, dies zu tun...‘ ist nicht mehr akzeptabel.“

    Diese höhere Sensibilisierung für Mobbing im Job ist gewiss keine japanische Besonderheit. Im deutschen Sprachraum klingt das Sprichwort „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ schon recht altmodisch. Denn in Europa wurde institutionalisierte Erniedrigung schon in den 1990er Jahren gesetzlich geregelt. In Japan ist das Thema aber nicht nur hochaktuell, sondern in Ausmaß und Äußerungsformen von Mobbing am Arbeitsplatz speziell.

    Die Psychologin Juko Kimura, stellvertretende Leiterin der psychologischen Praxis Tokyo Counseling Service, erinnert sich: „In Japan ist der Begriff der ‚Machtbelästigung‘ seit 2001 zu einem Thema geworden.“ Und zwar als eine Art Nachgedanke zum ersten Gesetz gegen sexuelle Belästigung aus dem Jahr 1999. Doch erst langsam hat sich das öffentliche Bewusstsein geschärft wie die amtlichen Mobbing-Statistiken zeigen.

    In den zehn Jahren bis 2016 hat sich die Zahl der Beschwerden über übergriffige Chefs auf 70.917 mehr als verdreifacht. Außerdem stieg von 2012 bis 2016 der Anteil der Befragten, die sich in den vergangenen drei Jahren von Vorgesetzten misshandelt fühlten, von einem Viertel auf ein Drittel. Sieben Prozent wurden demnach einmal vom Boss gemobbt, 18 Prozent hin und wieder und acht Prozent häufig.

    Veraltetes Bild von Vorgesetzten

    Kimura, die früher in Behörden und Großkonzernen Mobbing-Opfer psychologisch beraten hat, erklärt, warum sich Japaner lange schwertaten: „Im Grunde ist immer noch die Vorstellung verankert, dass der Chef ein Gott ist, und dass man nicht gegen ihn vorgehen kann.“

    Angestellte runterzuputzen war früher ein Privileg, das mit der Position kam. Honda-Gründer Soichiro Honda wurde von seinen Angestellten „Herr Donner“ genannt, weil er bei Fehlern laut herumtobte. Außerdem entwickelten sich mit der Zeit viele Formen der Personalführung, die heute wohl als Psychoterror angesehen würden.

    Ungeliebten Mitarbeitern wurde oft nicht direkt gekündigt, weil das rechtlich in Japan schwierig war und ist. Stattdessen signalisierte die Führungskraft dem Arbeitnehmer, dass er von ihm erwartet, selbst zu kündigen. Man wurde an weit entfernte Filialen versetzt oder gar an einen „Fensterplatz“, was bedeutete, dass man nur noch mit unwichtigen Aufgaben betraut wurde.

    Auch mata-hara (maternity harassment) beruht auf ungeschriebenen Gesetzen. So gingen viele Unternehmen früher davon aus, dass Frauen mit der Schwangerschaft aus dem Unternehmen ausscheiden.

    Diese Sitte schwindet langsam. Dafür wird der Begriff nun auch auf den Erziehungsurlaub ausgedehnt. Besonders frischgebackene Väter, die Elternurlaub nehmen wollen, drohen Schikanen.
    Eine amtlichen Mobbing-Hitliste zeigt, welche Gewaltformen besonders häufig vorkommen. Physische Gewalt - also Schlagen oder Treten - kommt demnach häufig vor. Das Bewerfen mit Gegenständen liegt dabei mit 7,6 Prozent abgeschlagen auf dem letzten Platz.

    Doch einige Fälle machen Schlagzeilen, wie der einer Parlamentsabgeordneten der regierenden Liberaldemokratischen Partei. Sie musste voriges Jahr ihr Amt aufgeben, weil sie ihren Fahrer nicht nur als „Dummkopf“ beschimpft, sondern auch auf den Kopf geschlagen hatte. Zum Verhängnis wurde ihr, dass der Mann ihr Verhalten mitgeschnitten hatte.

    Nicht alle Formen der Gewalt sieht man

    Am beliebtesten sind allerdings unsichtbare Formen der Gängelei wie die Herabsetzung vor Kollegen in Wort oder E-Mails mit 56,6 Prozent. Danach folgen mit rund einem Viertel der Fälle gezielte Überlastung durch viele Arbeitsaufträge oder unerreichbare Ziele sowie die soziale Isolierung. Schlusslichter sind mit rund 18 Prozent der Fälle die Verletzung der Privatsphäre (zum Beispiel das Durchsuchen von Taschen) und die psychische Folter durch gezielte Unterforderung.

    Der Hauptgrund für den Wandel ist das schleichende Ende von Japans lebenslanger Beschäftigungsgarantie. Bis in die 1990er Jahre honorierten die Konzerne die weitgehende Aufgabe des Privatlebens und die Unterordnung ihrer Mitarbeiter mit dem ungeschriebenen Versprechen, auf Massenentlassungen zu verzichten. „Die Ordnung der Organisation stand an erster Stelle, und die Würde des Einzelnen stand auf der Kippe“, erklärt Arbeitsrechtler Ishizaki. „Aber das war alles falsch - das Leben kommt zuerst und dann die Arbeit.“

    Seit dem Platzen der Internetblase im Jahr 2000 griff diese Stimmung auch in der arbeitenden Bevölkerung um sich. Denn die Großkonzerne feuerten auf einmal zigtausende Mitarbeiter. Das Job-Hopping ist zwar im internationalen Vergleich noch immer weniger verbreitet. Aber viele der Jobanfänger kündigen inzwischen, wenn ihnen die Arbeit nicht passt. Außerdem müssen Traditionskonzerne plötzlich mit Internetunternehmen und Startups konkurrieren, die inzwischen teilweise besser bezahlen als die Toyotas und Panasonics.

    Dies zwingt die Unternehmen nun zum Wandel, meint Ishizaki. „Große Unternehmen müssen ein gesundes Arbeitsumfeld aufrechterhalten, sonst wird ihre Produktivität sinken.“ Die Regierung hilft ihnen dabei auf die Sprünge. 2017 hat sie eine große Reform des Arbeitsstils beschlossen – mit durchaus wirtschaftspolitischen Zielen.

    Die Regierung will nicht nur das Feuern und Heuern für Unternehmen vereinfachen, sondern auch Überstunden abbauen und höhere Gehälter durchsetzen, damit die Menschen konjunkturfördernd mehr Zeit zum Konsumieren haben. Gleichzeitig habe die Reform „den Anstoß zur Einführung eines Anti-Macht-Belästigungsgesetzes gegeben“, so der Jurist.

    Machtmissbrauch schwierig zu beweisen

    Bei der Durchsetzung des Gesetzes greift die Regierung allerdings nicht zu harten Strafen, sondern vertraut wie in Japan oft üblich auf den erzieherischen Charakter von sozialem Druck und öffentlicher Beschämung. So fordert das Gesetz Unternehmen lediglich auf, Mechanismen zum Schutz der Arbeitnehmer einzurichten. Doch Ishizaki glaubt, dass dies die Lage schon verbessert.

    „Die Unternehmen haben Angst davor, bei einem Skandal ihren Ruf zu verlieren“, so der Jurist. Denn in Zeiten sozialer Netzwerke verbreiten sich üble Geschichten schnell und weit. „Und das veranlasst nicht nur Neuabsolventen, sich nicht bei einem solchen Unternehmen zu bewerben, sondern auch solche in der Mitte ihrer Karriere.“

    Damit liefen Unternehmen in der am schnellsten alternden Bevölkerung der Welt Gefahr, in der grassierenden Personalnot ihre Ränge nicht mehr füllen zu können, erklärt Ishizaki. „Daher ist es für Unternehmen von entscheidender Bedeutung, Belästigungen zu verhindern.“

    Für die Opfer von Machtmissbrauch ist es dennoch nicht immer leicht, ihre Ansprüche durchzusetzen. „Japanische Gerichte erkennen Verhaltensweisen, die im Rahmen von ‚Arbeitsaufträgen‘ vorgenommen werden, oft nicht als Machtbelästigung an“, erzählt Opferanwalt Imaizumi. „Denn sie ist in der Regel geschickt inszeniert und vor Gericht nicht leicht zu beweisen.“ Er hat sogar einen Fall gegen den Technikkonzern IBM Japan verloren, obwohl sein Klient die Repressalien aufgezeichnet hatte. Aber das Gericht nahm die Ton-Aufnahmen nicht als Beweismittel an.

    Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das MHLW auch Beispiele aufgeführt hat, die nicht als Belästigung gelten. Stoßen ist verboten, aber unbeabsichtigte Körperkontakte nicht. Dies könnte Vorgesetzte dazu verleiten, ihre Quälereien geschickter zu tarnen, warnen Anwälte. Der Opferanwalt Imaizumi meint daher: „Das neue Gesetz ist noch immer weit von den Normen der Internationalen Arbeitsorganisation entfernt und muss daher noch verbessert werden.“

    Aber eines erkennt auch er an: „Es könnte jedoch den Opfern von Belästigungen mehr Türen öffnen, um gegen ihre Arbeitgeber wegen Verletzung der Sicherheitspflicht vorzugehen.“ Das Ministerium sorgt jedenfalls dafür, die neue Botschaft durch ihre No-Harassment-Kampagne in Japan zu verbreiten. Dabei setzt sie auf einen Schuss Optimismus.

    Das MHLW hat nicht nur eine Internetseite eingerichtet, die aufklärt und auf Beratungsdienste verweist. Die Poster mit den zwei tanzenden Japanern werden auch in U-Bahnen ausgehängt - mit dem Hinweis auf die „Informationsseite der Cheerleader für einen heiteren Arbeitsplatz“.

    Mehr: Während Deutschland über den Ausstieg aus dem Lockdown diskutiert, ziehen die Behörden in Japan die Zügel an. Die Politik des sanften Notstands ist vorerst gescheitert

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