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Modern Monetary Theory Eine neue Geldtheorie spaltet die Wirtschaft

Ökonomen und Politiker streiten darüber, ob eine neue Geldtheorie innovativ ist – oder unsinnig. Besonders linke Politiker berufen sich immer wieder auf „MMT“.
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Die US-Demokratin empfindet ein höheres Staatsdefizit nicht als Katastrophe. Quelle: Getty Images
Alexandria Ocasio-Cortez

Die US-Demokratin empfindet ein höheres Staatsdefizit nicht als Katastrophe.

(Foto: Getty Images)

FrankfurtUS-Notenbankchef Jerome Powell wurde kürzlich vor dem Kongress gefragt, was er von dieser „Modern Monetary Theory“ (MMT) halte, die in Washington gerade Furore macht. Powell räumte ein, dass er noch nichts gelesen habe, was diese Theorie genauer erklärt – er halte aber nichts davon. „Die Vorstellung, dass Defizite keine Rolle spielen, wenn ein Land sich in der eigenen Währung verschulden kann, ist einfach falsch“, sagte er.

MMT ist eine mit rund 25 Jahren recht junge Theorie. Im Zentrum steht die „staatliche Theorie des Geldes“, die Georg Friedrich Knapp vor 100 Jahren entwickelte. Demnach gibt der Staat Geld heraus und bestreitet damit seine Ausgaben. Steuern werden im Rahmen von MMT nicht als Finanzierungsinstrument des Staates betrachtet.

Vielmehr dienen sie dazu, die Inflation zu begrenzen, indem ein Teil des Geldes wieder eingesammelt wird, und daneben als Instrument der Umverteilung. Auch Staatsanleihen dienen nicht der Finanzierung, sondern dazu, den Zins zu steuern und zu verhindern, dass dieser auf Null fällt. Denn durch Ausgabe von Anleihen tauscht die Regierung einen Teil des ausgegebenen, zinslosen Geldes gegen verzinste Anleihen.

In den USA ist das Prinzip MMT umstritten. Doch so wie Fed-Chef Powell hält es auch Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman, der dem Establishment der Demokraten nahesteht. Er widmete mehrere seiner New-York-Times-Kolumnen der Kritik an MMT, wobei sich die Verfechter der Theorie von ihm missverstanden fühlten.

Auch der frühere Finanzminister Larry Summers, ein Demokrat, und der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Ken Rogoff, kritisierten die Geldtheorie. Unsinn und Quacksalberei lautete ihr Urteil. Ziel des Zorns ist eine sehr kleine, manchmal sektenhaft anmutende Gruppe, von der bisher nur wenige Notiz nahmen.

Summers kritisierte die Verheißung von MMT, die Regierung könne durch Drucken von Geld Defizite kostenlos „finanzieren“. Es sei nicht wahr, dass Regierungen alle ihre Verpflichtungen erfüllen und den Konkurs vermeiden könnten, indem sie neues Geld drucken.

„Weder für die Rechten, noch für die Linken gibt es einen kostenlosen Lunch“, schrieb er – will heißen, nichts ist umsonst. Vergessen war, dass er wenige Jahre vorher unter Verweis auf seine These von der „säkularen Stagnation“ selbst geschrieben hatte: „In einer Zeit schwacher Wirtschaft und unzureichenden öffentlichen Investitionen gibt es nun doch einen kostenlosen Lunch.“

Linke Fürsprecher

Dass sich die Elite der Ökonomen mit solchem Furor einer bisher ignorierten Theorie annimmt, hat einen einfachen Grund: Linke Politiker, die das konservative Establishment der demokratischen Partei herausfordern, haben sich auf diese Theorie berufen, vor allem die populäre Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez. Sie begründete mit Verweis auf MMT, dass ein höheres Staatsdefizit keine Katstrophe wäre.

Stephanie Kelton, eine führende Vertreterin von MMT, war 2016 Wahlkampfberaterin von Bernie Sanders. Der Sozialist bewirbt sich auch diesmal um die Nominierung bei den Demokraten. Er fordert unter anderem eine staatliche Job-Garantie, für die auch führende MMT-Vertreter eintreten.

„Sie prügeln MMT, aber sie meinen natürlich die linken Präsidentschaftskandidaten der Demokraten“, schreibt Bill Black, ein ehemaliger Bankenregulierer und Professor für Recht und Wirtschaft an der Universität Missouri, einer Heimstätte von MMT. Schließlich werben ja selbst die MMT-Kritiker Krugman und Summers dafür, höhere Defizite in Kauf zu nehmen. Und auch die Republikaner unter Trump haben kein Problem mit Defiziten, solange nicht ein „Green New Deal“, also eine ökologische Industriewende, oder eine Beschäftigungsgarantie die Ursache sind.

Die Diskussion hat auch Deutschland erreicht. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und ehemaliger Ökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), schrieb auf Twitter, Rogoff habe Recht mit dem Urteil, dass MMT größtenteils Unsinn sei. Peter Bofinger von der Universität Würzburg hielt mit dem Beispiel Japan gegen. Dort hat die Notenbank 2017 sogar den unlimitierten Aufkauf von Staatsanleihen angekündigt. Zinsen und die Inflation sind dennoch weiter sehr niedrig.

Anderer Blick auf Geld

Exponierteste Vertreter von MMT sind in den USA der ehemalige Hedgefonds-Manager Warren Mossler und die Ökonomen Bill Mitchell und Randall Wray, sowie die Sanders-Beraterin Kelton. Auch James Galbraith und Michael Hudson werden dem MMT-Umfeld zugerechnet. Zu den wenigen europäischen Vertretern zählt Dirk Ehnts, Autor des auf der MMT-Perspektive basierenden Buchs „Geld und Kredit: eine europäische Perspektive“.

„Laut MMT gibt es immer mehr Platz für höhere Defizite, nicht nur bei niedrigen Inflationsraten“, bestätigt Ehnts die Position, die Powell, Krugman und Summers angreifen. Er fügt hinzu: „Das heißt aber nicht, dass auch nur irgendeiner von uns generell für höhere Defizite plädiert.“ MMT sei ein Analyseinstrument, das dazu diene, Zusammenhänge zu begreifen.

Es sei keine wirtschaftspolitische Handlungsempfehlung. Man könne darauf linke Positionen aufbauen, wie Kelton das tut, aber auch rechte. Tatsächlich kann man auf Basis von MMT ebenso gut für niedrigere Steuern wie für höhere Ausgaben eintreten. MMT-Begründer Warren Mossler ist kein Linker, sondern kommt aus dem Umfeld der Republikaner-Elite.

Die Kommunikation zwischen MMT-Vertretern und dem Mainstream ist schwierig, auch wegen dem, was Krugman „messianischen“ Eifer nennt. Man sieht den eigenen Blickwinkel im MMT-Lager nicht als einen zusätzlichen, andere ergänzenden, sondern als den einzig richtigen.

Ehnts hält die Kritik, MMT propagiere die direkte Staatsfinanzierung mit der Notenpresse, für ein Missverständnis. „Das ist eine Möglichkeit, aber wir werben nicht dafür“, sagt er.

Vielmehr seien seit Ende der Golddeckung der Währungen die Zusammenhänge de facto überall so, wie MMT das darstellt, unabhängig vom konkreten geldpolitischen Arrangement. Auch im heutigen System etwa der USA finanziere die Regierung die Staatsausgaben mit selbst herausgegebenem Geld – wenn auch auf indirekte, verschleierte Weise.

Das gehe so: Die Notenbank stellt den Banken durch einfachen Computereintrag Geld in Form von Notenbankguthaben zur Verfügung. Die Banken kaufen damit Staatsanleihen und stellen es so ihrerseits wieder dem Staat zur Verfügung. Wenn die Notenbanken, wie sie das in den letzten Jahren in großem Umfang getan haben, selbst Staatsanleihen kaufen, betätigen sie sich sogar fast direkt als Staatsfinanzierer; nur mit dem kleinen Umweg, dass sie die Anleihen den Banken abkaufen, nicht gleich dem Staat.

Gehorsame Notenbanken

Letztlich betätige sich die Notenbank bei Bedarf immer als Finanzierer des Staats, so Ehnts. Die formale Unabhängigkeit der Notenbanken von den Regierungen dient aus Sicht der MMT-Vertreter nur der Verschleierung dieses Zusammenhangs. Das dürfte auch ein wichtiger Grund dafür sein, dass MMT unter Mainstream-Ökonomen und Notenbanken schlecht ankommt. Denn dort betont man sehr die Bedeutung der Unabhängigkeit.

MMT sei eine Theorie des Vorrangs der Finanzpolitik, die dem Vorrang der Geldpolitik, wie er in Europa praktiziert werde, zuwiderlaufe, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré jüngst auf einer Veranstaltung in Mailand. Die EZB mache Geldpolitik für 19 Länder mit unabhängigen Finanzpolitiken. Zumindest für die Währungsunion scheinen deshalb die von MMT unterstellten Zusammenhänge nicht zu gelten.

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