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Mysteriöser Flugzeugabsturz Warum starb Mexikos Innenminister?

Knapp zwei Wochen nach dem mysteriösen Tod des mexikanischen Innenministers Juan Camilo Mouriño bei einem Flugzeugabsturz in Mexiko-Stadt gehen die Behörden von einem Pilotenfehler als Ursache des Unglücks aus. Die Erklärungen werfen allerdings mehr Fragen auf, als sie Antworten geben.
  • Klaus Ehringfeld
17.11.2008 - 11:49 Uhr
Experten begutachten den Absturzort. Doch warum das Flugzeug des mexikanischen Innenministers am Boden zerschellte, ist weiter unklar. Foto: Reuters Quelle: Reuters

Experten begutachten den Absturzort. Doch warum das Flugzeug des mexikanischen Innenministers am Boden zerschellte, ist weiter unklar. Foto: Reuters

(Foto: Reuters)

HB MEXIKO-STADT. Nach vorläufiger Auswertung von Flugschreiber und Stimmenrekorder sei es wahrscheinlich, dass das Kleinflugzeug am 4. November in die Turbulenzen einer Boeing 767 geraten war, da der Pilot den notwendigen Abstand nicht eingehalten habe, sagte Verkehrsminister Luis Téllez am Freitag. Die beiden Piloten hätten nicht genügend Erfahrung mit dem Learjet 45 gehabt.

Die Erklärungen werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben, betonen Analysten und kritisieren, dass die Regierung nur in Richtung eines Unfalls ermittle. Sollte die Erklärung des Verkehrsministers stimmen, stellt sich die Frage, warum zwei der wichtigsten Politiker des Landes unerfahrenen Piloten anvertraut wurden. In dem Kleinflugzeug des Innenministeriums saßen die beiden Verantwortlichen für den Kampf gegen die Organisierte Kriminalität. Experten halten ein Attentat der Drogenmafia zumindest für wahrscheinlich.

Der 37 Jahre alte Innenminister Mouriño und José Luis Santiago Vasconcelos, einer der wichtigsten Sicherheitsberater der Regierung, waren nahe dem Präsidentenpalast von Mexiko-Stadt abgestürzt. Mouriño, Nummer zwei im Staat, war engster Mitarbeiter und persönlicher Freund von Präsident Calderón und in seinem Kabinett zuständig für den Kampf gegen das Organisierte Verbrechen. Vasconcelos war seit 15 Jahren Mafiajäger. Er stand auf der Todesliste der Drogenkartelle ganz oben.

Der mysteriöse Tod der beiden Politiker schürt in Mexiko die Angst vor einem regelrechten Drogenterrorismus. "Es ist durchaus denkbar, dass die Mafia einen solchen Anschlag verübt", betont Edgardo Buscaglia, Experte für Organisiertes Verbrechen. Ein Attentat gegen eine führende Figur der Bundesregierung gehöre zur Strategie der Organisierten Kriminalität, um dem Staat die Stirn zu bieten. Erst vor kurzem hatte die Regierung zugegeben, dass die Führungszirkel der Polizei von der Drogenmafia infiltriert sind, insbesondere die Polizeieinheit, die für den Schutz der beiden Opfer zuständig war. Die Regierung ermittle zu einseitig in Richtung eines Unfalls, kritisiert Experte Buscaglia gegenüber dieser Zeitung. "Ich kann nicht erkennen, dass alle möglichen Ursachen erforscht werden." Vielmehr wurde die These eines Attentats von vornherein ausgeschlossen.

In die gleiche Richtung geht die Kritik der Nichtregierungsorganisation "Bürgerrat für Öffentliche Sicherheit". "Insbesondere die Möglichkeit, dass das Kleinflugzeug abgeschossen wurde, werde nicht ausreichend verfolgt", sagt José Antonio Ortega, Vorsitzender des Bürgerrats. Die Mafia sei im Besitz russischer Raketen, die ähnliche Turbulenzen verursachen können wie ein Düsenjet und so ein Kleinflugzeug ohne Einschlag vom Himmel holen könnten.

Auffällig ist tatsächlich, dass die Piloten noch zwei Minuten vor dem Absturz keinerlei Probleme an den Kontrollturm meldeten. Augenzeugen berichteten später, das Kleinflugzeug habe bereits vor dem Aufprall in Flammen gestanden: "Ein Sabotageakt, eine Bombe oder ein Abschuss; alles würde zur Mafia passen", betont Buscaglia.

"Es tobt ein blutiger Krieg da draußen", resümiert Federico Estévez, Politologe an der Universität ITAM von Mexiko-Stadt. Vier große Mafiaorganisationen kämpfen untereinander und gegen den Staat um die profitablen Transitrouten vor allem für Kokain in die USA. Die US-Anti-Drogenbehörde DEA schätzt den Umsatz der mexikanischen Rauschgiftmafias auf jährlich 23 Milliarden Dollar. "Die Profite aus dem Drogengeschäft machen die Kartelle extrem reich und gefährlich, weil sie bis an die Zähne bewaffnet sind", sagt ITAM-Politologe Estévez.

Den Kampf gegen die Kartelle hat Calderón bei seinem Amtsantritt vor knapp zwei Jahren zu seinem Hauptanliegen gemacht. 35.000 Soldaten und Bundespolizisten stationierte der Präsident im ganzen Land.

Aber der massive Militäreinsatz bringt nur noch mehr Gewalt. Die Kartelle nehmen die Herausforderung an und lassen sich vom Staat nicht in die Knie zwingen. Kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo im Land Polizisten, Staatsanwälte, Zivilisten oder Drogenhändler bei Auseinandersetzungen der Mafia untereinander oder beim Kampf gegen den Staat sterben, Leichenteile in Müllsäcken auftauchen oder Massengräber in Naherholungsgebieten gefunden werden. In diesem Jahr zählt Mexiko bereits 4 200 Tote und bald 7 000 seit Calderón dem Organisierten Verbrechen im Dezember 2006 den Krieg erklärt hat.

Spätestens am mexikanischen Nationalfeiertag am 15. September ist dem Präsidenten sein Feldzug endgültig zum Alptraum geworden. In dieser Nacht warfen die Killer eines Drogenkartells mehrere Handgranaten auf den mit Tausenden Menschen gefüllten zentralen Platz der mexikanischen Stadt Morelia, Hauptstadt des Bundesstaates Michoacán. Die Explosionen rissen sieben Menschen in den Tod, über Hundert erlitten Verletzungen. Michoacán ist der Bundesstaat, aus dem der Präsident stammt. Niemand zweifelt daran, dass der Anschlag eine Botschaft an Calderón war.

"Morelia war ein Wendepunkt, weil erstmals die Zivilbevölkerung angegriffen wurde", betont Edgardo Buscaglia. Mexiko sei auf dem Weg zum Drogenterrorismus und die Kartelle längst dabei, das Land zu übernehmen. 63 Prozent der 2800 Gemeinden Mexikos seien vom Narco infiltriert, acht Prozent würden völlig von der Organisierten Kriminalität kontrolliert, fügt der Berater für Organisiertes Verbrechen hinzu.

Gegen diese Bedrohung setze der Staat auf die falschen Gegenmittel, kritisiert Buscaglia. Nur mit militärischer Härte sei das Problem nicht in den Griff zu bekommen. Ohne den entschiedenen Kampf gegen Korruption und die Finanznetze seien die Mafias nicht zu besiegen. Aber an dieser Front tue die Regierung fast nichts, moniert der Experte. "Mexiko läuft die Zeit davon".

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