Nach dem Gipfeltreffen Das schreibt Nordkoreas Diktator Kim in seinem Dankesbrief an Trump

Auf Twitter hat Trump einen Brief von Kim Jong Un veröffentlicht. Nordkoreas Machthaber findet darin anerkennende Worte für den US-Präsidenten.
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Nordkorea: Kim Jong Un schreibt Dankesbrief an US-Präsident Trump Quelle: AP
Kim Jong Un und Donald Trump

Der nordkoreanische Machthaber sieht das Gipfeltreffen mit den USA als Beginn einer „bedeutsamen Reise“.

(Foto: AP)

WashingtonNordkoreas Machthaber Kim Jong Un hat sich nach Angaben des Weißen Hauses in einem Dankesbrief an US-Präsident Donald Trump gewandt. Trump veröffentlichte das in koreanischer Sprache verfasste und mit der Unterschrift Kims versehene Schreiben am Donnerstag auf seinem Twitter-Konto.

In dem vom 6. Juli datierenden Brief bezeichnet Kim das gemeinsame Gipfeltreffen mit Trump am 12. Juni in Singapur als Beginn einer „bedeutsamen Reise“.

„Ich glaube fest, dass der starke Wille, die aufrichtigen Bemühungen und die außergewöhnlichen Anstrengungen und die einzigartige Herangehensweise von mir selbst und seiner Exzellenz des Präsidenten, die auf die Eröffnung einer neuen Zukunft zwischen der Demokratischen Volksrepublik von Korea und den Vereinigten Staaten abzielen, sicherlich fruchten werden“, heißt es in der vom Weißen Haus verbreiteten englischen Übersetzung des Papiers.

Kim gibt ferner der Hoffnung auf ein neuerliches Treffen mit Trump Ausdruck und spricht von „epochalen Fortschritten“, die erzielt worden seien. Trump bezeichnete den Brief in seinem Twitter-Kommentar als „sehr netten Kommentar“ von Kim. „Große Fortschritte werden erzielt“, betonte auch er.

Die große Frage für Beobachter bleibt allerdings, worin die reklamierten „großen Fortschritte“ bestehen. Schon die gemeinsame Abschlusserklärung nach dem Gipfeltreffen von Trump und Kim im Juni in Singapur war verschwommener als frühere Vereinbarungen zwischen beiden Staaten. Die erste Verhandlungsrunde zwischen Pompeo und Kims Unterhändlern voriges Wochenende in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang endete dann gar mit Missklängen.

Während Pompeo das Treffen als produktiv bezeichnete, beschwerte sich Nordkoreas Außenministerium in einer über die staatliche Nachrichtenagentur KCNA verbreiteten Stellungnahme über „räuberische Forderungen“ der USA. Für viele Experten war dies ein Zeichen, dass die USA und Nordkorea sich noch immer über den Begriff, den Inhalt und den Ablauf einer von Trump geforderten Denuklearisierung einig sind.

Auch Kims Brief legt nahe, was Nordkorea als ersten Tagesordnungspunkt in den Verhandlungen ansieht: Er schätze die „energischen und außerordentlichen Bemühungen“ Trumps „für die Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Staaten“. Trumps Forderung nach einer raschen Denuklearisierung erwähnte er nicht direkt, sondern allenfalls versteckt im zweiten Teil des Satzes über die Umsetzung der gemeinsamen Erklärung.

Der frühere amerikanische Nordkorea-Unterhändler Victor Cha, der unter Präsident George W. Bush diente, glaubt daher, dass Nordkorea weiterhin seinem alten Drehbuch folgt: der Forderung nach einem schrittweisen Vorgehen. Während die USA konkrete Abrüstungsschritte Nordkoreas als Schlüssel für eine spätere Normalisierung der Beziehungen sehen, lehne der Norden eine Abrüstung ohne großes Entgegenkommen der USA ab, meint Cha in einem Artikel im US-Magazin „National Interest“.

Die Wunschliste ist heute so lang wie vor zehn oder 20 Jahren: Aufhebung von Sanktionen, Normalisierung der Beziehungen, womöglich gleich ein Friedensvertrag mitsamt großzügiger wirtschaftlicher Hilfe und Energielieferungen.

Trump-Kritiker wie Colin Kahl, ein Berater von Barack Obama, der derzeit an Stanfords Center for International Security and Cooperation arbeitet, glaubt, dass der US-Präsident durch den frühen Gipfel und die mageren Ergebnisse eine nukleare Abrüstung erschwert habe. Kim sehe das Versprechen des Nordens als Teil einer multilateralen, gegenseitigen Bewegung in Richtung Abrüstung, also „einen langfristigen Prozess, der wahrscheinlich niemals in einem Ergebnis gipfeln wird.“

Dies gilt umso mehr, als dass Trump ein wichtiges Druckmittel geschwächt hat. So rechnet kaum jemand damit, dass Trump wieder so harte Sanktionen durchsetzen kann wie im vergangenen Jahr. Denn die entscheidende Bereitschaft von Nordkoreas Schutzmacht China, Kim Geld-, Öl- und Warenflüsse abzudrehen, hat Trump wahrscheinlich mit seinem Handelskrieg dauerhaft geschwächt.

Es sei schwer vorstellbar, wie Trump aus der gefährlichen Ecke wieder herauskommen könne, in die er sich manövriert habe, ist Kahls Fazit. Adam Mount, Nordkorea- und Abrüstungsexperte beim Rüstungsprojekt der Vereinigung amerikanischer Wissenschaftler, orakelte in einem Interview mit dem Nachrichtenkanal CNN sogar: „Nun wird im Überfluss deutlich, dass dieser Ansatz eine Sackgasse ist.“

Andere Experten wie Victor Cha stimmen jedoch Pompeo und der südkoreanischen Regierung zu, dem diplomatischen Prozess mehr Zeit zu geben. Selbst die vermeintlich schlechte Behandlung Pompeos in Pjöngjang kann Cha, der wahrlich kein Trump-Loyalist ist, nicht aus der Ruhe bringen.

„Diplomatie mit Ländern wie Nordkorea war nach meiner Erfahrung niemals einfach“, urteilt der Ex-Diplomat, der nun dem Korea-Projekt des Thinktanks CSIS vorsitzt. Man wisse bei Nordkorea-Reisen nie, wo man in Pjöngjang untergebracht werde und wen man wann treffe. Dies sei der Preis, den man für Verhandlungen mit Nordkorea zahlen müsse.

Er appelliert daher, geduldig zu bleiben: „Es ist noch nicht Zeit, Diplomatie aufzugeben“. Denn Gespräche seien deutlich besser als die Situation vor einem Jahr, als Trump militärische Angriffe auf Nordkorea erwog. Die offene Frage ist allerdings, wo Trumps wirkliche Schmerzgrenze im Falle Nordkoreas liegt.

Victor Cha kann sich vorstellen, dass Trump auch eine Teilabrüstung Nordkoreas als Sieg feiern würde. Die Verhandlungen bleiben damit spannend, ganz im Sinne von Trumps Weltsicht, Diplomatie als Reality-TV zu inszenieren. „Stay tuned! Schalten Sie wieder ein zur nächsten Episode Trump gegen Kim.“

Mit Material von dpa.

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