Nach dem Massaker in Las Vegas „Beten alleine hilft nicht“

Was kommt nach der Trauer? Ein Attentäter erschoss in Las Vegas 59 Menschen – doch eine Verschärfung der laxen Waffengesetze ist unwahrscheinlich, trotz prominenter Forderungen.
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„Wir hörten etwas, das wie ein Feuerwerk klang“ – Schockierender Bericht einer Augenzeugin

WashingtonWenn es in den USA um das Thema Waffenrecht geht, fließen auffällig häufig Tränen. Hinterbliebene trauern um ihre Angehörigen, die im Bleihagel zu Tode kommen. Täglich. Präsident Barack Obama weinte, als er im Januar 2016 vor Hinterbliebenen die großen Massenmorde seiner beiden Amtszeiten Revue passieren ließ. Jetzt liefen dem Fernsehmoderator und Kabarettisten Jimmy Kimmel in aller Öffentlichkeit die Tränen – wieder war es zu einem Massenmord mit Schusswaffen gekommen. Diesmal in Las Vegas, Kimmels Heimatstadt. Es war das opferreichste Gewaltverbrechen in der jüngeren US-Geschichte, mindestens 59 Menschen starben im Dauerfeuer eines 64-Jährigen.

So oft auch geweint wird, so selten allerdings wird gehandelt. Vor allem nicht politisch. Eine Verschärfung der teils extrem laxen Waffengesetze steht auch nach Las Vegas nicht in Aussicht. Die Waffengesetzgebung in den USA auf Bundesebene stammt aus dem Jahr 1968. Die letzte Änderung wurde in der Reagan-Ära vorgenommen, das war 1986. In dem „Waffenbesitzer-Schutzgesetz“ wurden die Regeln jedoch nicht etwa verschärft, sondern wieder gelockert.

Und die Bundesstaaten tun das Ihre: In Nevada etwa, wo der jüngste Massenmord stattfand, gilt eine der laxesten Regulierungen der Vereinigten Staaten. Schusswaffen dürfen offen getragen werden. Die Käufer müssen nicht einmal nachweisen, dass sie psychisch gesund sind. In anderen Staaten hat man dagegen gelernt. In Connecticut etwa wurden 2013 nach einem Massenmord die Regeln verschärft. Dort dürfen etwa Magazine nicht mehr als zehn Patronen enthalten, halbautomatische Waffen wurden strikt reglementiert.

Die Zahlen sprechen eigentlich für sich: In den USA kommen so viele Menschen durch Schusswaffen zu Tode wie nirgends anders in den entwickelten Ländern. Jahr für Jahr. Nach Angaben der Organisation Gun Violence Archive gab es allein 2017 in den USA mehr als 46 000 Vorkommnisse mit Schusswaffen. Mehr als 11.000 Menschen starben, über 23.000 wurden verletzt. Allein am 1. Oktober, dem Tag des Massakers von Las Vegas, kamen in den USA dem Archiv zufolge 49 Menschen bei weiteren Vorfällen durch Schusswaffen ums Leben – mindestens drei ebenfalls in Las Vegas.

Die Politik ist in dieser Frage klar an der Parteilinie gespalten. Die Demokraten wollen seit langer Zeit schärfere Waffengesetze. Schon Bill Clinton hatte sich als Präsident dafür eingesetzt, Barack Obama sowieso. Hillary Clinton hatte Schusswaffen zu einem ihrer Wahlkampfthemen gemacht – erfolglos. Sie alle kommen nicht am zweiten Verfassungszusatz vorbei, der den Amerikanern das Recht auf Selbstverteidigung zugesteht und damit das Recht auf Waffenbesitz festschreibt.

Viele US-Staaten erlauben den Verkauf derartiger Waffen ohne große Beschränkungen. Quelle: AP
Halbautomatische Waffe

Viele US-Staaten erlauben den Verkauf derartiger Waffen ohne große Beschränkungen.

(Foto: AP)

Die Demokraten stehen vor dem Problem, dass jeder vergebliche Anlauf, die Waffengesetze zu verschärfen, eine politische Niederlage darstellt und ihre Position weiter schwächt. Zudem gibt es im ländlich strukturierten Amerika, wo viele Menschen Stunden von der nächsten Polizeistation entfernt leben, durchaus auch nachvollziehbare Forderungen nach privatem Waffenbesitz, außerhalb von Sport und Jagd.

Entsprechend vorsichtig hören sich die Worte von Charles Schumer an, dem Chef der demokratischen Senatsfraktion. „Wir müssen sicherstellen, dass die gefährlichsten Waffen nicht in die falschen Hände geraten“, sagt er. Präsident Donald Trump kann sich nicht einmal dazu durchringen. „Über Waffengesetze werden wir sprechen, wenn die Zeit dafür gekommen ist“, sagte er am Dienstag.

Tatort Las Vegas Strip
Attentat vor dem Mandalay Bay Hotel
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Ein Todesschütze hat bei einem Musikfestival in der US-Touristenmetropole Las Vegas mindestens 50 Menschen umgebracht und mehr als 400 verletzt. Das teilte die Polizei am Montag im Bundesstaat Nevada mit. Nie zuvor in der Kriminalgeschichte der USA kamen bei einem derartigen Verbrechen mehr Menschen ums Leben. Nach Angaben der Polizei tötete sich der mutmaßliche Todesschütze wohl selbst.

Medizinische Versorgung vor Ort
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Es müssen unvorstellbare Szenen gewesen sein, die sich am Sonntagabend (Ortszeit) unweit des weltberühmten Las Vegas Strip abgespielt haben. Für ein Open-Air-Festival mit Stars der Countryszene hatten sich rund 30 000 Menschen an der Casino-Meile versammelt, als gegen 22.00 Uhr plötzlich Schüsse fielen. Wie die Polizei später mitteilte, feuerte der Schütze vom 32. Stockwerk eines Hotels aus auf die Konzertbesucher.

Casino-Meile abgeriegelt
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Es kam zu Panik und Chaos, als die verängstigten Menschen zu fliehen versuchten. Die Lage war länger unklar. Erst einige Zeit nach der Tragödie teilte die Polizei schließlich mit, sie habe den mutmaßlichen Täter gestellt und getötet. Es soll sich um den 64 Jahre alten Stephen Paddock aus Las Vegas handeln. „Wir glauben, dass es ein Einzeltäter ist. Ein einsamer Wolf“, sagte Bezirks-Sheriff Joe Lombardo am Montagmorgen. Zu dem Tatmotiv gab es zunächst keine Angaben.

Der Ort vor dem Anschlag
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Der Tatort befand sich nahe dem Mandalay Bay Resort and Casino - es gehört wegen seiner goldschimmernden Fassade zu den markanten Gebäuden des Unterhaltungsboulevards Las Vegas Strip. Die Schüsse fielen bei dem beliebten Route 91 Country Music Harvest Festival. Augenzeugen berichteten von Hunderten Schüssen.

FBI-Beamte im Einsatz
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Nach Ansicht eines Experten der US-Bundespolizei FBI könnte der Schütze so viele Menschen töten, weil er aus einer erhöhten Position heraus schoss. Da rund 30 000 Menschen auf engem Raum zusammengestanden hätten, „musste er nur auf die Mitte zielen und den Abzug drücken“, sagte James Gagliano, FBI-Agent im Ruhestand, dem Sender CNN. Zudem habe die Position des Schützen Verwirrung verursacht. Wenn ein Schütze aus einer erhöhten Position schieße, „weiß niemand, wo die Schüsse herkommen“, sagte Gagliano. „Menschen sind nicht darauf trainiert, nach oben zu gucken.“

Sicherheit erst im Gebäude
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Viele Menschen hätten blutüberströmt am Boden gelegen, sagte ein junger Mann dem Sender CNN. Die Konzertbesucherin Cari Copeland Pearson sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Wir krochen über Tote.“ Sie habe viele Schüsse gehört, vermutlich aus einem automatischen Gewehr. Ein weiterer Augenzeuge sagte CNN: „Menschen begannen, wie Fliegen zu fallen“. Viele hätten sich zu Boden geworfen, um sich vor den Schüssen in Sicherheit zu bringen.

In Sicherheit
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In Hotels wie dem Tropicana konnten die geflohenen Konzertgänger Zuflucht suchen. Die Unklarheit über die Situation, der Schrecken des Erlebten, sie bleiben.

Bisher hat sich Trump als klarer Unterstützer der Waffenlobby präsentiert, ihre Sprache und Argumente übernommen, sich gar als „ihr Freund und Anwalt“ im Weißen Haus ausgegeben. Seine Wählerbasis wird mit überwältigender Mehrheit dem Pro-Waffen-Lager zugerechnet. Mit Neil Gorsuch berief er einen klaren Befürworter des freien Umgangs mit Schusswaffen in den Obersten Gerichtshof. Richter wie Gorsuch können im Zweifel auch von der Politik erlassene Gesetze wieder kippen.

Eine Vielzahl von Gründen spricht also dagegen, dass ausgerechnet ein republikanisch geführtes Weißes Haus mit republikanischen Mehrheiten im Senat und Abgeordnetenhaus im Rücken das Waffenthema neu anpackt. Die Waffenlobby tut ihr übriges. Organisationen wie die National Rifle Asscociation pumpen Millionen in das Thema – für teure Rechtsgutachten etwa, die den zweiten Verfassungszusatz ohne jede moderne Interpretation zementieren. Oder auch ganz unverblümt als Spenden in den Wahlkampf von Kandidaten mit entsprechender Gesinnung.

Der Moderator plädierte unter Tränen für schärfere Waffengesetze. Quelle: dpa
Jimmy Kimmel

Der Moderator plädierte unter Tränen für schärfere Waffengesetze.

(Foto: dpa)

Appelle verhallen. Wohl auch der von Gabby Giffords, einer ehemaligen Kongressabgeordneten. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem früheren Astronauten Mark Kelly, hat sie eine Lobbyorganisation zum verantwortungsvollen Umgang mit Schusswaffen gegründet. „Das muss aufhören, wir müssen das stoppen“, sagt die Frau, die 2011 selbst durch einen Kopfschuss schwer verletzt wurde und noch heute unter den Folgen leidet. Und wohl auch der von Entertainer Jimmy Kimmel: „Beten alleine hilft nicht“, sagte er.

  • dpa
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