Nach Krankenhaus-Bombardierung Putin und Obama müssen Syrien-Verhandlungen retten

Die UN fordert angesichts der Kämpfe in Syrien dringend eine Friedensinitiative von Obama und Putin. In der Nacht wurde ein Krankenhaus in Aleppo zerstört. Das Rote Kreuz warnt angesichts der Lage vor einer Katastrophe.
Bewohner und Hilfskräfte versuchen am Donnerstag Opfer unter den Trümmern eines Luftangriffs von der Nacht zuvor zu bergen. Bei dem Angriff wurde auch ein Krankenhaus schwer getroffen und mindestens 20 Menschen getötet. Quelle: dpa
Schäden nach Luftangriff auf Aleppo

Bewohner und Hilfskräfte versuchen am Donnerstag Opfer unter den Trümmern eines Luftangriffs von der Nacht zuvor zu bergen. Bei dem Angriff wurde auch ein Krankenhaus schwer getroffen und mindestens 20 Menschen getötet.

(Foto: dpa)

Beirut/GenfAngesichts der eskalierenden Kämpfe in Syrien fordert die UN eine neue Friedensinitiative von US-Präsident Barack Obama und Russlands Staatschef Wladimir Putin. Der laufende Prozess sei kaum noch am Leben, sagte der Syrien-Gesandte Staffan de Mistura am Donnerstag. In der Nacht war ein von Ärzte ohne Grenzen unterstütztes Krankenhaus in Aleppo zerstört worden. In der Metropole toben seit Wochen ungeachtet einer von den USA und Russland im Februar auf den Weg gebrachten Waffenruhe heftige Kämpfe zwischen Rebellen und der Armee. Die Versorgung von Millionen Menschen sei gefährdet, sagte der für humanitäre Hilfe zuständige UN-Vertreter Jan Egeland. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie viel in den kommenden Stunden und Tagen auf dem Spiel steht.“

Die im Februar ausgerufene, immer brüchigere Waffenruhe war auf Drängen Russlands und der USA zustandegekommen. Nun drohe sie in Aleppo und mindestens drei anderen Orten zu scheitern, sagte De Mistura. „Deswegen mein Aufruf zu einer dringenden amerikanisch-russischen Initiative auf höchster Ebene.“ Obama und Putin „müssen wiederbeleben, was sie geschaffen haben, aber das heute kaum noch am Leben ist“. In den vergangenen 48 Stunden sei im Schnitt alle 25 Minuten ein syrischer Zivilist ums Leben gekommen.

De Mistura hatte die Zahl der Toten in dem fünfjährigen Konflikt jüngst auf 400.000 geschätzt. Er führt die Friedensverhandlungen in Genf zwischen den Aufständischen und der syrischen Regierung. Allerdings haben die Rebellen die Gespräche abgebrochen. Im Mai sollten die Treffen fortgesetzt werden, sagte De Mistura am Donnerstag. Einen konkreten Termin nannte er jedoch nicht. Außenminister Frank-Walter Steinmeier lud de Mistura zu Beratungen nach Berlin ein.

Nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte starben beim Angriff auf das Al-Kuds-Krankenhaus in Aleppo mindestens 27 Menschen. Unter den Opfern seien drei Kinder. Die Gruppe Ärzte ohne Grenzen sprach von einem gezielten Angriff auf die Klinik, deren Standort allgemein bekannt gewesen sei. Eine lokale Zivilschutzgruppe berichtete, insgesamt seien 50 Menschen bei diesen Luftangriffen ums Leben gekommen. Die Angaben aus Syrien können kaum überprüft werden. Syrien wies jede Verantwortung für die Bombardierung zurück. Russische Vertreter waren für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Die Regierung in Moskau unterstützt Syriens Präsident Baschar al-Assad mit Luftangriffen. Sie hat den Beschuss ziviler Ziele jedoch immer bestritten.

Tod, Armut und Verzweiflung
Unter ständigem Beschuss
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Es ist die Zivilbevölkerung, die unter den erbitterten Kämpfen leidet: 470.000 Menschen sollen im syrischen Bürgerkrieg ums Leben gekommen sein. Das geht aus einem aktuellen Bericht des „Syrian Center for Policy Research“ (SCPR) hervor. Die Schätzungen des unabhängigen Instituts übersteigen die der Uno, die bisher mit 250.000 Toten rechnet, damit bei weitem.

Ständig unter Beschuss
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Die Zahl der Verletzten seit dem Beginn der Kämpfe im März 2011 stieg laut Bericht auf 1,9 Millionen. Insgesamt sind damit 11,5 Prozent der Bevölkerung im Krieg umgekommen oder wurden verwundet. Fast ein Fünftel aller Kriegstoten starb nicht an den direkten Folgen des Kriegs, sondern an fehlender medizinischer Versorgung oder humanitärer Hilfe.

Dem Krieg ausgeliefert
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Und die Zahlen werden dramatisch ansteigen, vermuten viele Experten mit Blick auf die Situation in Aleppo. Die Stadt ist zurzeit der Offensive des Assad-Regimes ausgeliefert, das von iranischen Kämpfern und russischen Kampfflugzeugen unterstützt wird. Bis zu 50.000 Menschen sind in der Stadt im Norden des Landes eingesperrt – ohne Nahrung, ohne humanitäre Hilfe.

1900 Ziele hat Russland bisher bombardiert
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Je mehr Bomben auf die syrischen Städte fallen, desto größer werden auch die Erwartungen an die Münchener Sicherheitskonferenz, die am Donnerstagabend beginnt. Die syrische Bevölkerung hofft, dass sich Russland und die USA auf ein Ende der Luftangriffe einigen. Erste Anzeichen gibt es: Die „Washington Post“ berichtet, das die Regierung in Moskau vorgeschlagen hat, die Luftangriffe zum 1. März einzustellen.

Syrien verarmt
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Währenddessen verschlechtern sich die Lebensbedingungen für die Zivilbevölkerung von Tag zu Tag. Im Jahr 2015 ist die Armut laut dem Bericht auf mehr als 85 Prozent gestiegen, nahezu 70 Prozent leben sogar in extremer Armut. 2,7 Millionen haben seit Beginn der blutigen Konflikte ihren Job verloren, mehr als die Hälfte aller Syrer ist arbeitslos. Die Schäden für die Wirtschaft werden auf insgesamt 255 Milliarden US-Dollar veranschlagt.

Nur das Nötigste für die Flucht
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Für viele Syrer gibt es angesichts der aussichtslosen Lage in ihrer Heimat nur einen Ausweg: Flucht. Mehr als sechs Millionen haben seit Kriegsbeginn ihren Wohnort verlassen, viele schon mehrmals. Das entspricht etwa 45 Prozent der Bevölkerung. Weitere vier Millionen Flüchtlinge haben bereits das Land verlassen.

Die Kämpfe um Aleppo waren zuletzt eskaliert. Nach Erkenntnissen der Beobachtungsstelle wurden in den vergangenen sechs Tagen bei Luftangriffen der Regierung etwa 200 Zivilisten getötet. Das Rote Kreuz warnte angesichts der Lage in Aleppo vor einer Katastrophe. Durch die Kämpfe seien „Millionen Menschen einer großen Gefahr ausgesetzt“, heißt es in einer Erklärung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).

Die Waffenruhe gilt nicht für Kämpfe gegen Extremisten-Gruppen wie den Islamischen Staat (IS). Obama hatte in diesem Zusammenhang am Montag die Entsendung von bis zu 250 Soldaten nach Syrien angekündigt. Die Regierung in Damaskus erklärte am Donnerstag, sie sei beunruhigt über Berichte, dass etwa 150 US-Soldaten in einem von kurdischen Milizen kontrollierten Gebiet eingesetzt würden. Es handle sich um einen Akt der „eklatanten Aggression“, zitierten staatliche Medien einen Regierungsvertreter. Die US-Truppen sollen sich demnach bereits in einem Teil des Landes befinden, der von kurdischen Milizen gehalten wird.

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