Nach Offensive in Ost-Ghuta In Syrien droht bereits die nächste Eskalation

Der Süden Syriens gerät zunehmend ins Visier des Regimes. Doch Vorstöße gegen die Rebellen in der Nähe der israelischen Grenze wären sehr heikel.
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Bereits im März bombardierte das Regime neben Ost-Ghuta auch die südliche Provinz Syriens. Quelle: AFP
Daara

Bereits im März bombardierte das Regime neben Ost-Ghuta auch die südliche Provinz Syriens.

(Foto: AFP)

AmmanIm südlichsten Zipfel Syriens war es monatelang relativ ruhig. Eigentlich gilt hier seit dem Sommer eine Waffenruhe. Doch nach der Offensive in Ost-Ghuta haben die Kampfjets von Präsident Baschar al-Assad und seinen russischen Verbündeten auch hier erste Angriffe geflogen. Damit bedrohen sie nicht nur Rebellengruppen, die lange direkt von den USA unterstützt wurden. Vor allem aufgrund der Nähe zur israelischen Grenze sind die Vorstöße äußerst heikel.

Washington unterstützte die Rebellen in dem Gebiet viele Jahre mit Waffen, Geld und militärischer Ausbildung. Die Gruppe, die sich „Südliche Front“ nennt, bekämpfte nicht nur die Terrormiliz IS, sondern auch Einheiten Assads. US-Präsident Donald Trump ließ die Mission des Geheimdienstes CIA zwar im vergangenen Jahr einstellen. Aber die strategische Bedeutung der von den Kämpfern gehaltenen Region könnte die Amerikaner im Zweifel doch wieder zu einem Eingreifen zwingen.

An das „Deeskalations-Abkommen“ vom vergangenen Sommer scheint sich das syrische Regime jedenfalls nicht mehr gebunden zu fühlen. Bereits im März bombardierte es neben Ost-Ghuta auch die südliche Provinz Daraa. Tausende Menschen sind seitdem innerhalb der Provinz auf der Flucht und fürchten eine weitere Eskalation. Die Rebellen würden sich angesichts der Drohungen des Regimes und Russlands bereit machen, sagt der örtliche Aktivist Ahmed al-Massalmeh. Zugleich träten die Amerikaner und Israel mit Luftangriffen gegen Assad immer aggressiver auf.

Israel hat den ebenfalls mit Assad verbündeten Iran mehrfach gewarnt, sich aus dem Grenzgebiet fernzuhalten. Experten gehen davon aus, dass Israel hinter einem Luftangriff auf einen Stützpunkt der syrischen Streitkräfte steckt, bei dem kürzlich sieben iranische Militärangehörige ums Leben kamen. Im Februar flog das Land eine Reihe von Angriffen, nachdem es im eigenen Luftraum eine iranische Drohne abgefangen hatte. Insgesamt hat Israel seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 schon mehr als hundert Luftangriffe auf Ziele in Syrien geflogen.

„Die iranische Krake versucht, uns die Luft abzuschneiden und uns einzuschüchtern. Aber Israel ist stärker als sie es sind“, sagte Bildungsminister Naftali Bennett am Dienstag bei einer Feier zum Gedenken an die israelische Staatsgründung vor 70 Jahren. „An dieser Stelle sei den Anführern des Irans, Syriens sowie der Hamas und der Hisbollah gesagt: Fordert uns nicht heraus!“

Es ist jedoch sehr gut möglich, dass Assad und seine Verbündeten die Risiken eines militärischen Vorstoßes Richtung Süden in Kauf nehmen. Denn seit das Gebiet 2015 in Rebellenhand geriet, ist dort auch die Grenze nach Jordanien gesperrt - und damit sind wirtschaftlich wichtige Handelswege unterbrochen. Das vor allem um die eigene Stabilität bemühte Jordanien hat angekündigt, die Grenze erst dann wieder zu öffnen, wenn die Region unmittelbar auf der anderen Seite wieder in den Händen der syrischen Regierung ist.

Nach Angaben der US-Botschaft in Amman gibt es regelmäßige Kontakte zwischen Jordanien, Russland und den USA, bei denen es um die Sicherheitslage im südlichen Syrien geht. Moskau hat allerdings bereits im Fall von Ost-Ghuta gezeigt, dass es Vereinbarungen in der Region sehr schnell wieder über Bord werfen kann, wenn dies den eigenen Interessen dient. In Ost-Ghuta wurde im Februar aus einer Waffenruhe schlagartig eine brutale Offensive, in deren Rahmen die syrischen Streitkräfte am 7. April sogar Chemiewaffen eingesetzt haben sollen.

Die Rebellen im Süden fürchten nun eine ganz ähnliche Entwicklung. Seit sie nicht mehr von den USA unterstützt werden, sind sie zudem geschwächt. In den zurückliegenden Monaten mussten sie sowohl vor Regierungstruppen als auch vor IS-Kämpfern zurückweichen. Inzwischen kontrollieren sie daher nur noch ein recht kleines Gebiet. „Für das Regime werden sie eine leichte Beute sein. Es gibt keinen Schutz“, sagt der Rebellensprecher Junis Salameh.

Die Hoffnung der Rebellen ruht aktuell auf Spezialkräften der USA, die im syrischen al-Tanf stationiert sind. Deren Aufgabe ist es vor allem, Teheran am Aufbau eines direkten Landkorridors in den südlichen Libanon und damit bis an die Grenze Israels zu hindern. Auch der IS stellt für die Stabilität im Süden Syriens aber weiterhin eine große Gefahr dar. Seit ihren schweren Verlusten im Osten halten sich die verbliebenen Kämpfer überwiegend in Wüstengebieten und abgelegenen Dörfern auf. Im Süden könnten sie sich nun neu formieren.

Es sei davon auszugehen, dass die Präsenz der sunnitischen Terrormiliz noch als Vorwand für weitere militärische Aktionen im Süden Syriens dienen werde, sagt Rami Abdurrahman von der in Großbritannien ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte - und zwar sowohl dem Regime als auch den USA. Die „wahre Absicht“ der von den Amerikanern angeführten Koalition werde aber das Verhindern eines iranischen Korridors sein. „Es wird eine umfassende Offensive mit mehreren Fronten“, sagt der Aktivist. Unabhängig von den Beweggründen der einzelnen Konfliktparteien müssen sich die Bewohner der Region, die in den Jahren des Bürgerkriegs ohnehin schon sehr gelitten haben, womöglich auf das Schlimmste einstellen. „Die Menschen leben in ständiger Anspannung und es gibt innerhalb der Provinzen viele Vertriebene“, sagt Mohammed al-Migdad, der Mitglied des Provinzrates von Daraa ist. „Sie haben Angst - große, große Angst.“

  • ap
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