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Nach Streit um Syrieneinsatz Türkische Autolobby macht Druck auf VW wegen Bau des neuen Passat-Werks

Wegen eines umstrittenen Militäreinsatzes hat der Autobauer den Bau eines neuen Werkes vorerst auf Eis gelegt. Die türkische Autoindustrie will sich damit nicht abfinden.
15.11.2019 - 11:45 Uhr 3 Kommentare
Der Syrieneinsatz der Türkei sorgt für Kontroversen auch innerhalb des Autokonzerns. Quelle: AFP
Demonstranten vor dem VW-Showroom in Berlin

Der Syrieneinsatz der Türkei sorgt für Kontroversen auch innerhalb des Autokonzerns.

(Foto: AFP)

Istanbul In der Debatte um die Blockade eines neuen VW-Werkes in der Türkei durch den Konzernbetriebsrat suchen führende türkische Politiker und Industrielobbyisten nun den direkten Kontakt zu Entscheidungsträgern von Volkswagen.

„Wir erwarten von Volkswagen, dass sie nicht politisch, sondern wirtschaftlich entscheiden“, erklärte der türkische Industrie- und Technologieminister Mustafa Varank im Gespräch mit dem Handelsblatt und anderen deutschen Journalisten am Donnerstag in Ankara.

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Baran Çelik, Präsident des türkischen Automobilverbandes Oib, erklärte: „Wir haben der Gewerkschaft, die die türkische Automobilindustrie abdeckt, vorgeschlagen, informell mit der VW-Gewerkschaft zu sprechen, da wir gehört haben, dass diese nicht möchte, dass VW in die Türkei geht.“

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    Der Konzernbetriebsrat hatte Ende Oktober angekündigt, die Planung eines neuen Werkes in dem Land im Aufsichtsrat blockieren zu wollen. Anlass dafür war ein Einsatz des türkischen Militärs in Nordsyrien im Oktober, der zu internationaler Kritik geführt hatte. „Wir bestehen darauf, unsere Position zu erklären“, heißt es dazu aus der türkischen Industrie.

    Mit dem Vorgehen wollen Politik und Wirtschaft in der Türkei den Druck auf den Volkswagen-Konzern erhöhen, eine positive Entscheidung für den Bau einer Fabrik in der Westtürkei zu treffen, in der ab 2022 rund 4.000 Menschen beschäftigt und bis zu 300.000 Fahrzeuge pro Jahr gefertigt werden sollen.

    Ein prestigeträchtiges Projekt

    Für die Türkei geht es dabei um ein Prestigeprojekt, für Volkswagen um die Zukunft der Produktion des Passat-Modells. Wenn das Investment scheitert, müsste einerseits Volkswagen umdenken. Die türkische Automobilindustrie würde ein Scheitern noch härter treffen. Sie würde vermutlich noch länger brauchen, aus einer konjunkturell bedingten Talfahrt herauszukommen.

    Industrieminister Varank vermied es in dem Gespräch, klare Kritik am VW-Konzern zu üben. Seine Enttäuschung über die Verzögerung bei dem Investment war dennoch hörbar. „Wir haben Volkswagen gezeigt, dass die Türkei ein Land ist, das viele Chancen bietet“, sagt er.

    Bezogen auf die politische Blockade des Projekts antwortete Varank: „Wir denken, dass Politik und Handel nicht miteinander vermischt werden dürfen.“ Wenn Unternehmen anfingen, politische Entscheidungen zu treffen, „dann bedeutet das, dass sie nicht mehr an die Interessen ihrer Investoren und Partner denken“.

    Varank bestätigte, dass es weiterhin Gespräche mit der deutschen Seite gebe. „Natürlich reden wir auch mit Volkswagen.“ Er erklärte weiter, dass die Gewerkschaften beider Länder in Kontakt stünden. „Ich weiß, dass es ein paar Kontakte und ein paar Gespräche gegeben hat.“

    Zweifel bei Volkswagen

    Seit über einem Jahr denkt der Konzern aus Wolfsburg darüber nach, ein neues Werk in der Türkei zu bauen. Dort sollen der VW Passat sowie der Skoda Superb der tschechischen Konzerntochter produziert werden. Im Sommer hatte VW-Vorstandschef Herbert Diess Verhandlungen mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan geführt. Auch Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte sich Berichten zufolge im Juli mit türkischen Gewerkschaftern getroffen und anschließend grünes Licht gegeben.

    Doch mit der zunehmenden politischen Kritik nach Beginn des türkischen Kampfeinsatzes in Syrien veränderte sich auch in Wolfsburg die Rhetorik. Das Militär war im Oktober in Nordsyrien gegen Milizen der YPG vorgegangen, die Verbindungen zur Terrororganisation PKK hat.

    Kritiker sahen die Türkei nicht berechtigt zu dem Einsatz, die USA führten kurzzeitig Sanktionen ein, europäische Regierungen konnten sich nicht auf gemeinsame Strafmaßnahmen einigen. In Deutschland demonstrierten Menschen gegen den Einsatz, darunter PKK-Anhänger und Kriegsgegner.

    Zunächst hieß es bei VW, der für Mitte Oktober geplante Beschluss für das neue Werk werde vertagt, „auch wenn das Investment aus betriebswirtschaftlicher Sicht weiterhin sinnvoll ist“. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der für das Land als Anteilseigner im Aufsichtsrat bei VW sitzt, erklärte im Oktober, er könne eine solche Entscheidung nicht fällen, so lange der türkische Kampfeinsatz andauere.

    Dann meldete sich der Betriebsrat. „Solange die Türkei versucht, ihre politischen Ziele mit Krieg und Gewalt zu erreichen“, werde die Arbeitnehmervertretung im Konzernaufsichtsrat nicht zustimmen, erklärte der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh. Der „Braunschweiger Zeitung“ sagte er, Volkswagen habe wegen seiner Geschichte in der Nazizeit eine besondere Verantwortung als Industriekonzern: „Volkswagen darf und muss moralisch sein.“

    Die Bedenken seien unbegründet, die Türkei habe bloß ihre Grenzen schützen wollen, erklärt hingegen der Industrielobbyist Çelik: „Die Regierung hat das klar zum Ausdruck gebracht.“

    Auch im türkischen Außenministerium zeigt man sich überrascht über die harsche Kritik am türkischen Militäreinsatz. „Unsere Nachbarländer heißen nicht Belgien oder Luxemburg, sondern Syrien und Irak“, erklärte ein hoher Beamter des Ministeriums dem Handelsblatt. Dadurch ergebe sich automatisch eine andere Außenpolitik.

    Der VW-Betriebsrat hat, anders als bei anderen Aktiengesellschaften in Deutschland, die Macht, solche Projekte zu blockieren. Das VW-Gesetz aus dem Jahr 1960 sieht vor, dass der Aufsichtsrat des Unternehmens „der Errichtung, Verlagerung oder Erweiterung von Produktionsstätten“ zustimmen muss, und zwar mit einer Zweidrittelmehrheit seiner Mitglieder.

    Da Betriebsrat und IG Metall in dem Kontrollgremium die Hälfte der Mitglieder stellen, sind sie in der Lage, Entscheidungen zu blockieren. Und Ministerpräsident Stephan Weil verfügt qua VW-Gesetz über eine sogenannte Sperrminorität.

    Autoabsatz sinkt weiter

    Wie die Türken Osterloh und seine Genossen umstimmen wollen, ist noch nicht klar. Bei einem Gespräch zwischen türkischen und deutschen Gewerkschaftsvertretern Anfang November sei das Thema auf die Tagesordnung getreten, erzählt OIB-Präsident Çelik, ohne weitere Details zu nennen.

    Der Autoabsatz in der Türkei hatte sich in den vergangenen zwei Jahren halbiert. Während in der Türkei 2017 noch eine knappe Million Autos verkauft worden waren, fielen die inländischen Verkaufszahlen 2018 auf 635.000 Fahrzeuge. Auch VW hatte in manchen Monaten Einbußen von bis zu 47 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hinnehmen müssen.

    Im laufenden Jahr soll es noch einmal abwärts gehen, glaubt Güven Özyurt, Produktionsvorstand bei der Firma Ford Otosan, die in der Türkei seit Jahrzehnten Fahrzeuge für den US-amerikanischen Autobauer produziert. „Wir rechnen für 2019 branchenweit mit 450.000 bis 500.000 Einheiten“, erklärte er auf Anfrage des Handelsblatts. Im nächsten Jahr erwartet er bis zu 800.000 Einheiten.

    Volkswagen führt, wie in vielen Ländern, auch in der Türkei regelmäßig die Liste der meistverkauften Automarken an. Doch wenn der Konzern über eine eigene Betriebsstätte im Land verfügt, streicht die Regierung eine kürzlich eingeführte teure Steuer auf Importfahrzeuge. Weil vor allem Regierungsbeamte und Taxifahrer in der Vergangenheit gerne Passat gefahren sind, ergibt sich ein großes Absatzpotenzial.

    Die Führung in Ankara ging sogar soweit, staatlichen Stellen sowie Taxi-Diensten vorzuschreiben, künftig nur noch inländisch gefertigte Modelle zu kaufen. Entscheidet sich VW endgültig gegen die Türkei, wäre der Konzern hier offiziell aus dem Rennen.

    Handelskonflikt setzt türkischen Herstellern zu

    Doch es geht nicht nur um den türkischen Markt. Produzenten in dem Land, ob inländische oder ausländische, exportieren in der Regel 80 Prozent ihrer Produkte, erklärt Verbandschef Çelik. Ein Fünftel davon geht nach Deutschland. Der Handelskrieg zwischen den USA und China und die daraus folgende Unsicherheit bei Firme weltweit macht es den türkischen Herstellern noch schwerer, ihre Autos loszuwerden.

    Hinzu kommt, dass sich durch das neue Volkswagen-Werk viele Manager in der Branche einen technologischen Wandel in der Branche erhoffen. „Das würde neue Zulieferer und Technologien ins Land bringen“, erklärt Ford-Manager Özyurt. Der Markt sei zwar bereits groß. „Aber bei Exporten und Infrastruktur könnte ein neuer Großinvestor Synergien schaffen.“

    Volkswagen sei sehr wichtig für die türkische Automobilindustrie, betont auch Oib-Präsident Çelik. Es gehe nicht nur um die Fabrik, sondern auch um Aufträge für türkische Zulieferer.

    Zuletzt hatte ein Sprecher des VW-Konzernbetriebsrates noch einmal deutlich gemacht, dass der Bau des Werkes in der Türkei derzeit nicht in Frage komme. „Wir lehnen einen Zuschlag für ein mögliches neues Werk in der Türkei unter den gegenwärtigen Verhältnissen ab. Diese Haltung wird von allen Betriebsräten auf VW-Konzernebene voll und ganz mitgetragen.“

    „Wir können das nicht nachvollziehen“, sagt Çelik dazu. Die Türkei sei ein schwieriges Land, räumt er ein, „alleine schon geografisch“. Doch für den Branchenlobbyisten steht fest: „VW hat keine anderen Optionen als die Türkei.“

    Mehr: Der türkische Präsident führt mit dem Krieg in Syrien sein Land in die Isolation. In der Bevölkerung wächst der Rückhalt für Erdogan trotzdem.

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    3 Kommentare zu "Nach Streit um Syrieneinsatz: Türkische Autolobby macht Druck auf VW wegen Bau des neuen Passat-Werks"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ich hatte früher beruflich "einiges" mit Bus-Zuliefern zu tun. Seinerzeit ist Evobus (Mercedes-Tochter) in die Türkeit gegangen, mit der Montage von Bussen, um Kosten zu sparen; insofern kommen heute viele Busse, also auch Mainzer E-Busse aus der Türkei - das ist aber absolut keine Entwicklung von türkischen Firmen! - So einfach geht das - Frau Bicakci!

    • @ Herrn Schöneberg
      Für die meisten deutschen ist die Türkei egal mit oder ohne Erdogan mittlerweile No Go!
      Diese Begründung ist meist nicht sachlich sondern eher subjektiver Natur. Diese Empfindung ist auch der jahrelangen desinformativen Berichterstattung gewisser Medienkonzerne geschuldet.

      Fakt ist jedoch, dass die Türkei in der Automobilbranche eine wichtige Rolle spielt.
      Für den Ottonormal Bürger in D ist das nicht nachvollziehbar, zumal doch dieses "rückständige Land" ausser Döner und Tomaten nicht zu bieten hätte. Doch man irrt. Jeder der im Automotive oder Maschinenbau Sektor tätig ist kommt an der Türkei als Produktion- und Entwicklungstandort nicht mehr vorbei. Zu groß ist die gegenseitige Abhängigkeit. Die Türkei produziert für viele OEM Systemrelevante Bauteile. E-Fahrzeuge die in der Türkei entwickelt wurden werden mittlerweile nach Deutschland exportiert uvm. (Siehe Mainzer E-Linienbusse)

      Darüber hinaus hat ein Automobil Schließsystemhersteller zugegeben einen großen strategischen Fehler begannen zu haben, da man sich auf den Produktionsstandort Bulgarien entschieden hatte. Der wettbewerbsschwache Markt fürhrte dazu, das man die wichtigen Bauteile aus der Türkei importieren musste. Wodurch der Standort zur Montagehalle degradiert werden musste.

    • Ich bin schon der Meinung, dass ein Unternehmen wie VW bei Investitionen die politische Situation eines Landes berücksichtigen sollte. Allerdings wäre für mich schon vor dem Einmarsch in Syrien Herr Erdogan ein no go gewesen. Würden vielleicht Kunden, die einen Passat oder einen Superb kaufen, ihre Entscheidung überdenken, wenn der Wagen in der Türkei produziert würde?

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