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Nach Zinssenkung Entgegen den Prognosen: Die türkische Wirtschaft ist stabil

Der türkische Präsident prophezeite Konjunktur, Kritiker das Chaos: Die starke Senkung der Leitzinsen in der Türkei war ein großes Experiment.
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Die türkische Notenbank hat die Leitzinsen zuletzt stark gesenkt. Quelle: dpa
Finanzviertel in Istanbul

Die türkische Notenbank hat die Leitzinsen zuletzt stark gesenkt.

(Foto: dpa)

Istanbul Zinsen zu senken ist wieder in Mode gekommen. Die amerikanische Notenbank hat die Leitzinsen gesenkt. Die Europäische Zentralbank könnte die Zinsen für Bankeinlagen, die ohnehin schon negativ sind, noch weiter herabsetzen. Schwellenländer wie Südkorea, Südafrika und Indonesien haben ihre Leitzinsen gesenkt. Doch die Türkei hat sie alle getoppt.

Notenbankchef Murat Uysal, der nach dem Rauswurf von Murat Cetinkaya Anfang Juli dessen Posten übernommen hatte, senkte die Zinsen um ganze 4,25 Prozentpunkte, von 24 auf 19,75 Prozent. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wollte es so.

Der drastische Zinsschritt hat der Türkei Kritik eingebracht – vor allem, weil Präsident Erdogan Druck auf die Geldwächter ausgeübt hatte, die Zinsen zu senken. Doch die Entscheidung hat sich bisher als rational erwiesen. Die Wirtschaft scheint das Schlimmste hinter sich zu haben. Allerdings gibt es ein Sorgenkind.

Dass die türkische Notenbank die Zinsen senken konnte, hängt auch mit dem Verhalten der amerikanischen Kollegen zusammen. Die US-Notenbank Fed senkte in dieser Woche zum ersten Mal seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 die Leitzinsen. Das liegt nicht nur an der Angst vor Handelskriegen, die das Weiße Haus derzeit provoziert.

Auch die Tatsache, dass Menschen immer älter werden und dementsprechend mehr und länger sparen, drückt die Zinsen auf Geldanlagen und auch auf die Inflation. Schließlich benötigen sie und die Rentenkassen mehr Geld, um die niedrigen Zinserträge und die längeren Rentenauszahlphasen zu kompensieren. Aber: Geld, das gespart wird, steht nicht für Konsum zur Verfügung. Und damit bleibt auch die Inflation niedrig. Durch diese Faktoren ergibt sich für die Notenbanken in Schwellenländern neuer Spielraum, die eigenen Zinsen zu senken.

Es ist aber nicht nur die Zentralbank, die Einfluss auf die türkische Wirtschaft hat. Der Kauf russischer S400-Abwehrraketen durch die türkische Regierung sorgte dafür, dass sich viele Unternehmer und Investoren in dem Land vor Sanktionen aus den USA fürchteten. Am Ende gab es faktisch kaum Strafmaßnahmen.

Nusret Altinbas, Chef der türkischen Investmentfirma Alnus Yatirim, ist überzeugt, dass viele Anleger und Analysten dies falsch eingeschätzt hätten. „Auch die großen Ratingagenturen gingen davon aus, dass der Druck auf der Türkei steigt“, erklärt er das Vorgehen von Fitch und Moody’s, die ihr Türkeirating in diesem Sommer erneut herabgesetzt haben. Doch letztlich habe sich die Lage entspannt.

Das zeigt sich auch beim Wert der Landeswährung. Die Lira hatte zwar alleine im vergangenen Jahr rund ein Drittel an Wert zum US-Dollar verloren. Doch seit Mai gehört sie zu den stärksten Währungen weltweit. Auch die krasse Zinssenkung durch die Notenbank konnte der Performance der Währung kaum einen Abbruch tun. Derweil steigern viele türkische Unternehmen ihren Absatz, da ihre Produkte im Ausland billiger werden.

Im Juli stiegen die Ausfuhren türkischer Unternehmen um 8,32 Prozent, während die Einfuhren um 7,98 Prozent sanken.

Und trotz des gesunkenen Leitzinses geht auch die Inflation im Land tatsächlich zurück. Die Zentralbank senkte für 2019 ihre Inflationsprognose von 14,6 auf 13,9 Prozent. Das ist immer noch hoch, aber niedriger als im Oktober 2018, als die Inflation auf 25 Prozent geklettert war. Normalerweise sind niedrige Leitzinsen ein Preistreiber.

Doch weil die Inflation in der Türkei bereits derart gestiegen war, sorgt der sogenannte Basiseffekt nun dafür, dass die Raten in diesem Jahr nicht mehr so hoch ausfallen.

Bevölkerung profitiert von Maßnahmen

Außerdem hatte die Regierung parallel einige Maßnahmen erlassen, um die Preise für Konsumenten zu senken. So ging Ankara im März gegen Wucherpreise bei Lebensmittelgroßhändlern vor und erließ einige Steuern auf Luxusprojekte, zu denen in der Türkei auch Neuwagen zählen.

Und so sinken auch, wie vom Präsidenten gewünscht, jetzt in der Türkei die Zinsen für Kredite auf Häuser, Autos und andere Konsumgegenstände. Die vier staatlichen Banken Ziraat, Vakifbank, Eximbank und Halkbank haben ihre Konsumkredite bereits verbilligt. Bei Halkbank sind die Kosten für Konsumkredite auf 1,49 Prozent pro Monat gesunken, für Hauskredite auf 0,99 Prozent. Große Wohnungsbaugesellschaften, die ihr Geschäftskonto bei Halkbank haben, kommen sogar für 0,79 Prozent Zinsen an Immobilienkredite.

Interessant ist, wie Halkbank-Chef Osman Arslan die Zinssenkungen begründet. Er sehe, dass die Zinsen in Industrie- und Schwellenländern weltweit sinken, erklärte er dem Handelsblatt am Rande einer Investmentkonferenz in dieser Woche. „Da wir annehmen, dass die Zinsen weiter sinken werden, wird das Interesse ausländischer Investoren am türkischen Anleihemarkt wieder zunehmen und deren Zinsen weiter abnehmen“, erklärte Arslan und fügte hinzu. „Diese günstigen Bedingungen wollen wir dem Heimatmarkt nicht vorenthalten.“

Anders ausgedrückt: Sobald sich die Möglichkeit ergibt, den Konsum auf Pump anzukurbeln, wird sie wahrgenommen - eine ehrliche Beschreibung des türkischen Bankensektors und seiner Kunden.

Türkische Unternehmen haben die Schwächephase der vergangenen 18 Monate erstaunlich gut verkraftet. Auch in Branchen, die laut Meinung von Experten auf der Kippe stehen. Der Baukonzern Tekfen beispielsweise hat im zweiten Quartal dieses Jahr sein Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und sonstigen Aufwändungen (Ebitda) im Vergleich zum Vorjahresquartal um die Hälfte gesteigert.

Der Telekommunikationsanbieter Turkcell steigerte sein Ebitda im abgelaufenen Quartal um 21 Prozent. Die Tourismusbranche freut sich ebenfalls über ein Umsatzplus von 13,2 Prozent zum Sommerbeginn zwischen April und Juni.

Im Gegenzug leiden andere Branchen, etwa der Automobilsektor. Nachdem eine Steuererleichterung für den Kauf von Neuwagen Ende Juni ausgelaufen war, sind die Verkäufe im Folgemonat um zwei Drittel eingebrochen. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres wurden 48 Prozent weniger Autos und kleine Transporter verkauft, wie der türkische Verband der Automobilverkäufer ODD am Freitag bekanntgab.

Verbandschef Ali Bilaloglu warnt: Wenn nun die sogenannte Luxussteuer auf Autos wieder erhoben werde, könnte der Absatz in diesem Jahr auf unter 350.000 Fahrzeuge fallen. Das sind mehr als 630.000 weniger verkaufte Einheiten als im Spitzenjahr 2016.

Alleine Volkswagen hat im Juli in der Türkei 77 Prozent weniger Autos verkauft. Der Konzern überlegt, sein neues Auslandswerk in dem Land aufzubauen, nachdem die VW-Marken bisher dorthin exportiert worden waren. Es locken Staatsgarantien, eine gute Infrastruktur für den Neuwagenbau und großes Interesse am Passat-Modell, das in der Türkei zu den meistverkauften Limousinen zählt.

Der türkische Autobauer Tofas, der unter anderem in Lizenz für Fiat-, Alfa-Romeo und Jeep-Fahrzeuge produziert, verkaufte im zweiten Quartal 17 Prozent weniger Autos als im Vorjahreszeitraum.

„Viele Autohäuser fragen sich schon jetzt, ob sie ihr Geschäft überhaupt noch fortsetzen sollen“, ergänzt Verbandschef Bilaloglu. Das ist eine nur schwach verdeckte Warnung vor drohenden Insolvenzen in dem Sektor.

Bruttoinlandsprodukt legt wieder zu

Nach einer technischen Rezession über drei Quartale stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes im ersten Quartal dieses Jahres um 1,3 Prozent. Für das Gesamtjahr rechnen Ökonomen mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,6 Prozent. Finanzminister Berat Albayrak glaubt indes, dass das Wachstum am Ende des Jahres positiv ausfallen werden.

Doch wie sich in Zukunft die türkische Wirtschaft entwickelt, hängt nicht nur von den Wünschen und Prognosen des Finanzministers ab. Sondern auch davon, wie sich die Regierung in Ankara einerseits selbst verhält und wie sie andererseits auf die Politik in den anderen Hauptstädten der Welt reagiert.

Investoren, ausländische Unternehmer und Analysten haben zuletzt viel Vertrauen in die türkische Politik verloren, nachdem Präsident Erdogan mehr und mehr Macht auf sein Amt vereint hatte. Die Regierungspartei AKP habe dadurch die staatlichen Institutionen nach und nach von sich selbst abhängig gemacht, meint Mehmet Gün, Inhaber der Wirtschaftskanzlei Gün & Partners. „Infolgedessen wurde das Vertrauen in die Institutionen des Landes geschwächt und die Anleger verunsichert.“

Hinzu kommen geopolitische Entwicklungen. Neue Handelskriege aus Washington belasten die gesamte Weltwirtschaft, wie sich auch den Prognosen deutscher Unternehmen zeigt. Strafmaßnahmen der EU gegen die Türkei wegen umstrittener Gasbohrungen könnten den wichtigsten Absatzmarkt türkischer Unternehmen gefährden.

Der Krieg in Syrien neigt sich zwar dem Ende zu, trotzdem sterben dort täglich Menschen. Die Wirtschaft des Landes, mit dem die Türkei eine 900 Kilometer lange Grenze teilt, ist eingebrochen, und damit auch der Handel zwischen den beiden Ländern.

Finanzminister Berat Albayrak kündigte vorsorglich an, ab Oktober mit Steuererleichterungen den Konsum ankurbeln zu wollen. Schon sein Vorgänger Mehmet Simsek warnte vor anderthalb Jahren, die massiven Steuererhöhungen der damaligen Zeit würden die gesamtwirtschaftliche Nachfrage drücken. Jetzt muss sich Albayrak um die Folgen kümmern – und dürfte es mit Steuerrabatten versuchen. Ob damit ein robustes Wachstum erwirtschaftet werden kann, wird sich erst in der Zukunft zeigen.

Mehr: Erdogan missbraucht die Zentralbank für seine gefährliche Geldgier.

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