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Naher Osten USA machen Iran für Angriffe auf Saudi-Arabiens Ölindustrie verantwortlich – Teheran reagiert

Die Drohnenangriffe auf Saudi-Arabiens Ölproduktion lassen die Förderung einbrechen – und schüren Sorgen um die Konflikte in der Region. Die USA haben im Iran bereits einen Schuldigen gefunden.
Update: 15.09.2019 - 12:36 Uhr Kommentieren
Die Drohnenangriffe auf die größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien in der Region Buqyaq verschärfen die Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Quelle: dpa
Drohnenangriffe in Saudi-Arabien

Die Drohnenangriffe auf die größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien in der Region Buqyaq verschärfen die Spannungen zwischen den USA und dem Iran.

(Foto: dpa)

Washington, Riad, Dubai, London Der Iran bedroht nach den Worten eines hochrangigen Militärvertreters US-Militäreinrichtungen in der Region mit Raketen. „Jeder sollte wissen, dass amerikanische Stützpunkte und Flugzeugträger in einer Entfernung bis zu 2000 Kilometer vom Iran in Reichweite unserer Raketen sind“, sagte Amirali Hajizadeh, dem die Luftwaffe der Revolutionsgarden untersteht, der halbstaatlichen Nachrichtenagentur Tasnim. Sein Land sei immer bereit für einen „voll entwickelten“ Krieg, fügte er hinzu.

Vom Iran unterstützte Huthi-Rebellen hatten mit Drohnenangriffen das Herz der saudi-arabischen Ölindustrie getroffen. Sie beschossen am Samstag unter anderem den weltgrößten Betrieb zur Öl-Verarbeitung in Abkaik.

Die Vorwürfe von US-Außenminister Mike Pompeo allerdings weist der Iran vehement zurück. Pompeos Unterstellungen, das Land sei an den Drohnenangriffen auf die größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien beteiligt gewesen, seien absurd, unerklärlich und daher auch halt- und wirkungslos, sagte Außenamtssprecher Abbas Mussawi an diesem Sonntag. Was im Jemen passiere, sei der Widerstand der Jemeniten gegen die Kriegsverbrechen der von den Saudis angeführten Militärkoalition, sagte der Sprecher laut Nachrichtenagentur Isna.

Pompeo hatte den Iran für die Angriffe verantwortlich gemacht. „Inmitten der Rufe nach Deeskalation hat der Iran jetzt einen beispiellosen Angriff auf die Welt-Energieversorgung verübt. Es gibt keinen Beweis, dass die Angriffe vom Jemen kamen“, so Pompeo auf Twitter. Zuvor hatten sich die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen aus dem benachbarten Jemen ausdrücklich zu den Angriffen bekannt.

Weiter sagte Mussawi: „Weil die US-Politik des maximalen Drucks auf den Iran gescheitert ist, sind die Amerikaner nun auf die der maximalen Lügen umgestiegen.“. Aber trotz extremer Feindseligkeit sollten die Aussagen von Politikern „ein Minimum an Glaubwürdigkeit“ haben, was aber bei den Amerikanern derzeit nicht der Fall sei. Daher könnte man zu dem Ergebnis kommen, dass sie mit solchen absurden Unterstellungen „ganz andere Ziele“ verfolgen, sagte er weiter.

Auf Fernsehbildern waren am Wochenende in Flammen stehende Anlagen und weithin sichtbare Rauchsäulen zu sehen. Einem Insider zufolge ist die Förderung von fünf Millionen Barrel Rohöl pro Tag betroffen, das wäre fast die Hälfte der Produktion des weltgrößten Ölexporteurs und fünf Prozent der weltweiten täglichen Nachfrage. „Ein erfolgreicher Angriff auf Abkaik käme einer heftigen Herzattacke für den Ölmarkt und die Weltwirtschaft gleich“, sagte Bob McNally vom US-Energie-Analysedienst Rapidan Energy Group.

„Der bislang größte Angriff in Saudi-Arabien“

Der Anschlag schürte neben Sorgen vor einem nun unmittelbar bevorstehenden Ölpreis-Anstieg auch Befürchtungen vor einer Eskalation der Gewalt in der Region. Nur Stunden nach den Angriffen erklärte das Weiße Haus, US-Präsident Donald Trump habe mit dem saudischen Kronprinzen telefoniert und dem Land Hilfe für die Selbstverteidigung angeboten.

US-Außenminister Pompeo erklärte weiter, die Führung in Teheran habe trotz aller Aufrufe zur Mäßigung einen Angriff auf die weltweite Ölversorgung gestartet. Alle anderen Länder müssten die Attacken ebenfalls verurteilen. Die Huthis erklärten, sie hätten mit zehn Drohnen angegriffen. Getroffen wurden die Anlagen in Abkaik und Churais.

Es sei der bislang größte Angriff in Saudi-Arabien gewesen – und eine „legitime Antwort“ auf die anhaltende Militärkampagne der Saudis im Jemen. „Wir versprechen dem saudischen Regime, dass unsere nächste Operation größer und schmerzhafter sein wird“, sagte ein Militärsprecher der Rebellen.

Abkaik verarbeitet Öl aus dem weltgrößten Ölfeld Ghawar. Vor dort geht das Öl an die weltgrößte See-Verlade-Station Ras Tanura. Die Anlagen gehören dem Öl-Giganten Saudi Aramco, der derzeit auf den mit Spannung erwarteten größten Börsengang aller Zeiten zusteuert. Über die genauen Zerstörungen gab es zunächst keine klaren Angaben.

Mehrere mit der Sache vertraute Personen sagten, Produktion und Ausfuhren seien beeinträchtigt. Das Innenministerium teilte lediglich mit, die Brände an den beiden Standorten seien unter Kontrolle. Das staatliche Fernsehen berichtete, die Öl-Exporte gingen weiter. Berichte über Tote oder Verletzte gab es zunächst nicht.

Der Ölpreis wird wohl steigen

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Ölpreis steigt, falls die Produktionsunterbrechung von täglich vielen Millionen Barrel für mehr als einen oder zwei Tage anhält“, sagte Josh Young von der Energie-Investment-Unternehmen Bison Interests. „Wenn es darüber hinaus geht, sind Öl-Preise von mehr als 80 Dollar in der nächsten Zeit nicht unrealistisch.“ Am Freitag hatte US-Leichtöl 55 Dollar pro Barrel (je 159 Liter) gekostet, Brent-Öl aus der Nordsee rund 60 Dollar pro Barrel.

Nach den Drohnenangriffen auf wichtige Ölanlagen wird Saudi-Arabien voraussichtlich einige Zeit brauchen, um wieder seine vollständige Produktionskapazität zu erreichen. Eine mit der Angelegenheit vertraute Person sagte der Nachrichtenagentur Reuters, dies dürfte eher „Wochen als Tage“ dauern. Durch die Attacken auf Standorte des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco in Abkaik und Churais am Samstag wurde eine Fördermenge von 5,7 Millionen Barrel pro Tag bis auf weiteres lahmgelegt. Das ist mehr als die Hälfte der täglichen Ölproduktion des Königreichs. Offizielle Angaben zur Dauer der Lieferausfälle lagen bislang nicht vor.

Sandy Fielden vom Analysehaus Morningstar sagte, die wichtigste Frage sei nun, wie viel Öl Saudi-Arabien im Lagerbestand habe, um die internationalen Märkte zu versorgen, bis die Anlagen wieder repariert seien. Eine Möglichkeit zum Ausgleich eines Engpasses sei, dass die Öl-Sanktionen der USA gegen den Iran aufgehoben würden. Schließlich hätten die Iraner wegen des derzeitigen Embargos Öl im Überfluss. „Aber politisch wäre das für die Regierung Trump eine schwer zu schluckende Pille.“

Andere Experten verwiesen darauf, dass es auch strategische Öl-Reserven der Mitglieder der Internationalen Energie-Agentur IEA gebe. Die sieht nach den Drohnenangriffen auf die größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien zunächst keine Versorgungsprobleme. Vorerst seien die Märkte gut mit reichlich kommerziellen Beständen versorgt, teilte die Agentur mit Sitz in Paris mit.

Die USA sind im Fall von Engpässen zur Freigabe von Ölreserven bereit. Damit könne etwaigen Störungen der Ölmärkte entgegengewirkt werden, teilte die Sprecherin des US-Energieministeriums, Shaylyn Hynes, am Sonntag mit.

Energieminister Rick Perry habe die Führung seines Ministeriums angewiesen, in dieser Hinsicht mit der IEA in Paris zusammenzuarbeiten. Die strategischen Ölreserven der USA umfassen nach Ministeriumsangaben 630 Millionen Barrel.

Die Aktien in dem Königreich haben deutlich an Wert verloren. Der Hauptindex des Landes, Tadawul All Share, fiel um 3,1 Prozent, angeführt von der Al Rajhi Bank und der Saudi Basic Industries. Auch andere Börsenplätze am Persischen Golf gaben nach. So fiel der wichtigste Index in Kuwait um 1,1 Prozent, in Dubai waren es 0,8 Prozent.

Der Aktien-Index des Landes hat seit Anfang Mai 18 Prozent an Wert verloren. Saudi Basic Industries - der größte petrochemische Konzern des Landes - büßte am Sonntag 3,3 Prozent an Börsenwert ein. Das könnte möglicherweise Auswirkungen an den geplanten Börsengang des führenden Ölproduzenten Saudi Aramco haben, der bis Ende des Jahres zunächst einen Teil-Börsengang in Riad plant.

Fünf Prozent seiner Anteile will Saudi Aramco insgesamt an die internationalen Börsen bringen – für bis zu 100 Milliarden Dollar. Es wäre der größte Börsengang aller Zeiten. Ayham Kamel, Analyst des internationalen Beratungsunternehmen Eurasia Group und zuständig für den Nahen Osten und Nordafrika, glaubt: „Die Angriffe könnten die IPO-Pläne von Aramco komplizieren.“

Mit Blick auf die politischen Auswirkungen des Anschlags herrschet Unklarheit, wie der US-Verbündete Saudi-Arabien nun reagiert. „Das ist eine sehr ernste Eskalation des Krieges zwischen dem Iran und Saudi Arabien“, sagte James Krane, Energie-Spezialist für den Nahen Osten an der Denkfabrik Rice University's Baker Institute in Houston. Mit dem Anschlag könnten nun auch die USA in den Konflikt hineingezogen werden.

Jason Bordoff vom Zentrum für globale Energiepolitik an der Clomubia-Universität in Ney York erklärte, das Risiko, dass sich der regionale Konflikt hochschaukele, sei deutlich gestiegen. „Werden die Saudis meinen, sie müssen antworten? Werden die Amerikaner antworten? Ich weiß es nicht“, sagte Bordoff. „Aber eins ist klar: Jede neue Attacke erhöht das Risiko einer ungewollten Eskalation zu einem militärischen Konflikt, bei dem sich jede Seite gezwungen sieht, auf den vorangegangenen Vorfall zu antworten.“

Regierung in Teheran steht unter heftigen Druck

Ähnlich äußerte sich Robert McNally von der Rapidan Energy Group in Maryland: „So eine dreiste Attacke eines iranischen Erfüllungsgehilfen auf die Kronjuwelen des saudi-arabischen Energiesystems wird die geopolitischen Risiken erhöhen.“ Die dem Iran nahestehende Huthi-Miliz wird im Jemen von einer Militärallianz unter Führung Saudi-Arabiens bekämpft.

Sie hat schon mehrere Drohnen- und Raketenangriffe auf Städte, Flughäfen und Ölanlagen in Saudi-Arabien geführt, die zum Großteil aber abgefangen wurden. Saudi-Arabien wirft dem Iran vor, die Huthis mit Waffen zu beliefern. Das wird vom Iran und den Huthis bestritten. Laut einem Augenzeugen kam es am Samstag nach den Attacken auf die Öl-Anlagen zu Luftangriffen des Militär-Allianz in Jemens Provinz Saada, einer Hochburg der Huthis.

Dem von der Miliz betriebenen Sender Masirah TV zufolge griffen die Kampfbomber ein Militärlager an. Die Regierung im Iran steht unter schwerem innenpolitischen Druck, seit die USA vor rund einem Jahr das Atomabkommen mit westlichen Staaten sowie China und Russland aus dem Jahr 2015 einseitig aufgekündigt und wieder Wirtschaftssanktionen gegen den Iran in Kraft gesetzt hatten.

Die USA wollen unter anderem den kompletten iranischen Ölexport unterbinden. Für den Iran ist die Ölausfuhr jedoch die wichtigste Einnahmequelle. Angesichts der Entwicklung schwächelt im Land das Wirtschaftswachstum, die Arbeitslosigkeit und die Inflation steigen. Trump will den Iran zu einem neuen Vertrag mit viel schärferen Einschränkungen bei dessen Atom- und Raketenprogramm zwingen.

Der UN-Sondergesandte für den Konflikt im Jemen, Martin Griffiths, äußerte sich „extrem besorgt“ über die Entwicklungen. Solche Zwischenfälle stellten eine ernsthafte Bedrohung für die Stabilität der regionalen Sicherheit dar und würden den von den Vereinten Nationen geleiteten politischen Vermittlungsprozess gefährden.

Mehr: Das Förderkartell will seine Mitglieder auf Linie bringen. Doch der Ölboom in den USA und die sich eintrübende Konjunktur machen den Exporteuren das Leben schwer.

  • dpa
  • rtr
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