Nahrungskrise: Wettlauf mit der Zeit: Kommen 65 Millionen Tonnen ukrainisches Getreide auf den Weltmarkt?
Ein Soldat bewacht während der Erntezeit ein Feld.
Foto: dpaIstanbul, Brüssel. Drei weitere Frachtschiffe mit Getreide haben am Freitag ukrainische Häfen verlassen. Sie wurden für Kontrollen in der Türkei erwartet, wie das türkische Verteidigungsministerium mitteilte.
„Aus den Häfen von Groß-Odessa ist die erste Karawane mit ukrainischem Getreide aufgebrochen“, teilte der ukrainische Infrastrukturminister Olexandr Kubrakow am Freitag auf dem Telegram-Kanal der Behörde mit. Beladen waren die drei Schiffe unterschiedlichen Angaben zufolge mit insgesamt 57.000 bis 58.000 Tonnen Mais.
Ein weiteres Schiff, die „Ocean Lion“ mit rund 75.000 Tonnen Kapazität hat signalisiert, von Tschornomorsk aus in See zu stechen. Das Schiff hatte seit Kriegsausbruch Ende Februar den ukrainischen Hafen nicht verlassen können, wie mindestens 15 andere Schiffe auch. Jetzt soll es Richtung Singapur aufbrechen und dort nach Angaben von Marine-Behörden am 29. August ankommen.
Erstmals sind auch leere Getreideschiffe unterwegs Richtung Ukraine. Ein erstes Schiff wurde in Istanbul bereits kontrolliert und durfte die Fahrt von dort fortsetzen.
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Die blockierten Getreideexporte hatten die Weltmarktpreise in die Höhe getrieben. Zudem sind viele ärmere Länder, etwa in Afrika, auf Weizen aus der Ukraine angewiesen.
Über Rumänien könnte deutlich mehr ukrainisches Getreide verschifft werden, wenn die Eisenbahnstrecke dorthin besser ausgebaut wäre.
Foto: dpaDie Erntesaison läuft, gerade hat die Ukraine ihre Prognose angehoben. Demnach werden die Landwirte dieses Jahr 65 bis 67 Millionen Tonnen Getreide einfahren. Die Silos an den Häfen sind mit 22 Millionen Tonnen allerdings schon ausgelastet.
Unter Vermittlung der Türkei und der Vereinten Nationen hatten Russland und die Ukraine Ende Juli ein Abkommen erzielt, das den Weg zur Freigabe von 22 Millionen Tonnen Getreide und anderen Agrarprodukten ebnen soll, die wegen des Krieges in Häfen am Schwarzen Meer festhängen. Beide Länder hatten das Abkommen separat mit der Türkei geschlossen.
Mais und Weizen drohen in der Ukraine zu verrotten
Die Abkommen laufen 120 Tage. Wird diese Zeit nicht gut genutzt, könnten Mais und Weizen in der Ukraine verrotten. Russland und die Ukraine gehören zu den weltweit wichtigsten Exporteuren von Grundnahrungsmitteln.
Die Wiederaufnahme der ukrainischen Getreideexporte gilt als wichtig für die Stabilisierung der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt und könnte der Ukraine frisches Geld bringen. Vorerst will Kiew aus Sicherheitsgründen allerdings täglich nur drei Schiffe entsenden.
Aber selbst wenn die Abkommen Bestand haben und Russland die Schiffe nicht behindert, wird es eine Herausforderung, die benötigten Mengen Getreide außer Landes zu bringen.
Die EU will darum die Alternativrouten weiter stärken, die erst vor wenigen Wochen etabliert wurden: Insbesondere per Zug gelangt immer mehr Getreide nach Polen und Rumänien. Von Polen aus kann es zu Nord- und Ostseehäfen gebracht werden. Von Rumänien aus kann es über den Hafen von Konstanza über das Schwarze Meer transportiert werden oder per Binnenschiff über den Donau-Kanal nach Westeuropa.
Bürokratie behindert Getreideexport
Im Juli wurden auf diesen Wegen 2,8 Millionen Tonnen an Weizen exportiert. „Das ist wirklich gut und eine relevante Größenordnung“, sagte der Vorsitzende des EU-Agrarausschusses Norbert Lins (CDU), der zweimal an die ukrainische Grenze gereist war, um sich die Abläufe dort anzusehen.
Am Anfang stockte der Export vor allem wegen der Bürokratie. Die Kontrolleure an der Grenze waren nicht darauf eingestellt, auf einmal Lebensmittelgroßtransporte zu inspizieren. Laut EU-Verkehrskommissarin Adina Valean waren darunter auch Checks, die im EU-Recht gar nicht vorgesehen waren. Die Lieferungen hätten darum bis zu zehn Tage an den Grenzen festgesteckt. Dann wurden viele Kontrollen einfach abgeschafft oder an den Zielort der Lieferungen verlegt.
Die Kommission warb um Binnenschiffe und Container und brachte die entscheidenden Handelspartner zusammen. Als „Solidarity Lanes“ bezeichnet sie die Korridore, über die ukrainisches Getreide seitdem exportiert wird.
Schiff mit einer Getreide-Ladung verlässt den Hafen von Odessa.
Foto: dpaUm den Seeweg zu ersetzen, reicht das noch lange nicht aus. „Unser Plan ist, langfristig die Infrastruktur der Ukraine besser mit der Infrastruktur der EU zu verbinden“, sagt ein Sprecher der EU-Kommission. „Solange die Ukraine auf den Seeweg angewiesen ist, ist sie von Russland erpressbar“, sagt der EU-Abgeordnete Lins.
Das größte Problem, das es zu lösen gilt, ist die Spurbreite der ukrainischen Eisenbahn. Die Schienen liegen dort 1520 Millimeter auseinander, in der EU sind es 1435 Millimeter. Das Getreide muss daher vor oder hinter der Grenze von ukrainischen auf europäische Züge umgeladen werden. Im Juli trafen sich die Chefs von rund 30 Bahnunternehmen in Wien und beschlossen, sich für zusätzliche Umschlagplätze einzusetzen.
Langfristig will die Ukraine aber auf die europäische Spurbreite wechseln, auch wenn die bisher genutzten Züge dann unbrauchbar werden. Die EU-Kommission will zunächst vier Transportkorridore in die Ukraine und die Republik Moldau verlängern und dabei auch die Häfen Mariupol und Odessa anschließen. Dann könnten diese Strecken nicht nur für den Getreideexport genutzt werden, sondern auch beim Wiederaufbau der Ukraine und im künftigen Handel mit der EU eine wichtige Rolle spielen.
Ukraine will Häfen auch für Ausfuhr anderer Güter nutzen
Ebenfalls sollen die nun geöffneten Häfen nach dem Willen der Ukraine für andere Güter genutzt werden dürfen. Vizewirtschaftsminister Taras Kachka sagte der „Financial Times“, das Exportabkommen für Getreide könne als Blaupause dienen. „Was ist der Unterschied zwischen Getreide und Eisenerz?“, fragte er.
Eine Begründung dafür, dass vor allem der Getreideexport ermöglicht wird, sind die hohen Preise an den Weltmärkten, die das Hungerproblem in der Welt verschärfen könnten.
Allerdings sind die bisher von der EU ermöglichten Exporte eher nicht geeignet, die Hungersnöte zu bekämpfen. „Bis zum Juni hat vor allem Futtermais die Ukraine verlassen. Weizen wurde nur in geringem Maße exportiert“, sagt Agrarpolitiker Lins.
Mais wird zum größten Teil als Viehfutter verwendet, aus Weizen werden direkt Nahrungsmittel hergestellt. „Die Produkte sind weitgehend in den europäischen Binnenmarkt gegangen.“ Lins ist deshalb nicht zufrieden mit dem, was die EU bisher erreicht hat: „Man kann kaum von einem Erfolg reden, wenn kein Weizen an die Welt rausgeht“, sagt er.
Weil in weiten Teilen Europas die Ernten schlecht waren, fehlt es an Kraftfutter für Masttiere. Die Züchter waren daher bereit, hohe Preise für ukrainischen Mais zu bezahlen – mehr als Entwicklungsländer für den Weizen ausgeben konnten.