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NATO-Manöver Deutsche und russische Kampfpiloten unter gegenseitiger Beobachtung

Im estnischen Ämari taxieren sich russische und deutsche Kampfpiloten über dem Baltikum und dokumentieren ihre Beobachtungen.
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15 Minuten – solange brauchen die Kampfpiloten bis sie mit ihren voll bewaffneten Kampfjets in der Luft sind. Quelle: dpa
Alarmrotte in Ämari

15 Minuten – solange brauchen die Kampfpiloten bis sie mit ihren voll bewaffneten Kampfjets in der Luft sind.

(Foto: dpa)

Ämari Nur eine Tür trennt die Piloten der deutschen Alarmrotte im estnischen Ämari vom Hangar. In Unterzeug aus dickem grünen Wollfrottee warten sie wenige Meter von ihren Eurofightern entfernt auf ihren Einsatz. Entdeckt die Nato auf dem Radar ein verdächtiges Flugzeug, muss es schnell gehen: 15 Minuten haben die beiden Kampfpiloten, dann müssen sie mit ihren voll bewaffneten Maschinen in der Luft sein.

Die Zeit läuft, sobald die schrille Hupe in der Unterkunft dröhnt. Die Piloten ziehen die Fliegerkombi, den besonders isolierten Seenotüberlebensanzug und den Helm über, klettern in ihre Jets, warten, bis die Techniker die Sicherungsstifte mit den roten Fähnchen gezogen und damit die Waffen scharf gemacht haben. Dann rollen sie aus den Hangars auf die Startbahn, zünden donnernd den Nachbrenner und heben nebeneinander mit knapp 300 Kilometern pro Stunde ab.

Das Militäraufgebot im Ostseeraum ist in diesen Tagen so stark wie selten in den vergangenen Jahrzehnten: Während die beiden Eurofighter nach dem Probealarm als kleine Punkte am Himmel über Ämari verschwinden, üben gut tausend Kilometer entfernt in Norwegen beim größten Nato-Manöver seit dem Ende des Kalten Krieges 50.000 Soldaten aus 31 Nationen die Verteidigung des Bündnisgebiets.

In den Schären vor der finnischen Hafenstadt Turku, nicht einmal 200 Kilometer von Ämari entfernt, trainieren unter deutscher Führung unterdessen 3600 Soldaten aus über einem Dutzend Ländern mit 40 Schiffen, wie sie im Fall einer Krise die wichtigsten Seewege freihalten, Frachtschiffe eskortieren und Minen vor Hafenzufahrten räumen können.

Die Manöver sollen ein Signal der Abschreckung an Russland senden, auch wenn der große Nachbar im Osten nie als Gegner genannt wird.

„DA BLITZT ES DIE GANZE ZEIT AUS DEM FLUGZEUG“

In Ämari ist die Lage in dieser Hinsicht klarer. Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 verstärkte die Nato die Überwachung des Luftraums über den drei baltischen Staaten, die keine eigenen Kampfjets besitzen.

Die deutsche Luftwaffe ist seit Ende August von Ämari aus wieder für acht Monate mit vier Eurofightern im Einsatz, Belgien hat vier F-16 im litauischen Siauliai stationiert. 24 Mal stiegen die Jets der beiden Länder auf Anweisung der Nato seither auf, um verdächtige Flugzeuge unter die Lupe zu nehmen.

Insgesamt dürfte die Zahl der Alarmstarts dieses Jahr nach Prognose der Bundeswehr auf knapp hundert im gesamten Baltikum ansteigen.

Die Gründe für einen „Alpha Scramble“, wie die Militärs den Alarmstart nennen, sind unterschiedlich. Oft schalteten russische Militärjets ihre Transponder ab und machten sich damit für zivile Flugzeuge unsichtbar, erklärt der Kommandeur des 170 Soldaten starken deutschen Kontingents in Estland, Oberstleutnant Swen Jacob.

Auf dem viel engmaschigeren Radar der Militärs tauchen die Maschinen dennoch auf. In manchen Fällen wollten die russischen Piloten die Eurofighter mit dem Abschalten des Transponders anlocken, um sie aus der Nähe fotografieren zu können.

„Da blitzt es die ganze Zeit aus dem Flugzeug“, sagt Jacob. Derzeit sei die Lage allerdings etwas ruhiger. „Momentan sind alle bei Trident Juncture“, verweist der Offizier auf die Anziehungskraft des Nato-Manövers auch auf Russland.

Nicht nur die Russen, auch die Deutschen nutzen den Einsatz im Baltikum, um Informationen über den potenziellen Gegner zu sammeln. Neulich flog den deutschen Piloten dabei ein besonderer Leckerbissen vor die Linse, eine Suchoi-35. Der nagelneue russische Kampfjet, der im Syrienkrieg im Einsatz ist und bei der Nato unter dem Codenamen „Flanker“ läuft, sei mit anderen Flugzeugen über dem finnischen Meerbusen unterwegs gewesen, als er in Richtung Westen ausscherte.

„Und dann war der Pilot noch so dämlich, das Radar aufzuschalten - und zwar mehrfach“, sagt Jacob. Die deutschen Piloten hatten damit die Gelegenheit, den elektronischen Fingerabdruck der Suchoi zu nehmen.

Der russische Pilot habe sich außergewöhnlich verhalten, berichtet Jacob. Er sei Überschall geflogen, habe stark abgebremst auf 110 Knoten, eine Rolle gemacht und mit den Flügeln gewackelt. „Ich bin mir nicht sicher, ob er das befohlen bekommen oder aus Gutdünken gemacht hat.“

Auch eine Tupolew-160, Nato-Codename Blackjack, lichteten die deutschen Piloten ab, einen besonders raren Gast im Baltikum. „Es ist halt ein Atombomber, wenn der mal ins Baltikum fliegt...“, erklärt der Offizier das Aufsehen, das der strategische Bomber erregte.

Bei manchen russischen Flugzeugen interessieren sich die deutschen Experten auch für ganz spezielle Details, bei der Iljuschin-20 etwa dafür, ob sich die Antennen an ihrem Rumpf verändern. „Die können estnische Telefone abhören“, erklärt Jacob trocken.

EUROFIGHTER-PILOTEN KÖNNEN NICHT GENUG STUNDEN FLIEGEN

Der Einsatz im Baltikum bringt der Luftwaffe aber nicht nur neue Erkenntnisse, er ist wegen der angespannten Materiallage in der Heimat auch eine Belastung. Weil Ersatzteile im Zweifel vorrangig in den Einsatz gehen, verknappt die Mission die ohnehin überschaubare Zahl von Flugstunden der Piloten in Deutschland.

Im Schnitt kommen Eurofighter-Piloten nach Angaben aus Luftwaffenkreisen momentan auf gut 80 Flugstunden im Jahr. Die Nato fordert dagegen 140 Flugstunden.

Luftwaffen-Chef Ingo Gerhartz hält den Einsatz im Baltikum trotz der weiter angespannten Materiallage für nötig. „Das ist für mich gelebte und sichtbare Bündnissolidarität“, erklärt er bei einem Besuch in Ämari.

Die Zahl der Alarmstarts zeige, dass die Luftwaffe im Baltikum durchaus gefordert sei. Bei seinem Amtsantritt im Mai hatte Gerhartz für Aufsehen gesorgt, als er einen Tiefpunkt der Einsatzbereitschaft der Luftwaffe beklagte. In Ämari verweist er, der selbst Kampfpilot ist, darauf, dass sich mittlerweile erste Verbesserungen abzeichneten.

So gehe er davon aus, dass Airbus dieses Jahr 30 und damit doppelt so viele Eurofighter wie im vergangenen Jahr durch die große Inspektion nach 400 Flugstunden schleusen werde.

  • rtr
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