Nemzow-Mord Putin-Kritiker vermuten Ablenkungsmanöver

Schauprozess zur Beschwichtigung? Der Fall des ermordeten russischen Oppositionellen Nemzow wühlt die Öffentlichkeit auf. Die Verdächtigung eines Islamisten bezeichneten Kreml-Gegner in Moskau als „Nonsens-Theorie“.
Update: 09.03.2015 - 15:14 Uhr 15 Kommentare
Ein mutmaßlicher Islamist soll der Mörder des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow sein. Quelle: dpa
Prozess gegen Nemzow-Mörder

Ein mutmaßlicher Islamist soll der Mörder des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow sein.

(Foto: dpa)

MoskauRussische Oppositionspolitiker halten einen islamistischen Hintergrund beim Mord am Regierungskritiker Boris Nemzow für ein Ablenkungsmanöver. „Die unsinnige Theorie der Ermittler über islamistische Motive beim Mord an Nemzow nutzt dem Kreml und nimmt Putin aus der Schusslinie“, erklärte Ilja Jaschin, neben Nemzow Co-Vorsitzender der kleinen oppositionellen Liberalen Partei in Russland, im Kurznachrichtendienst Twitter. Auch die Mutter des Hauptverdächtigen sagte am Montag, ihr Sohn werde von Unbekannten für deren Ziele missbraucht. In Berlin pochte das Auswärtige Amt auf eine umfassende Aufklärung des Mordes an Nemzow, der einer der bekanntesten Kritiker von Russlands Präsident Wladimir Putin war.

„Unsere schlimmsten Befürchtungen sind wahr geworden“, schrieb Jaschin am späten Sonntagabend. Der Todesschütze werde angeklagt, aber seine Auftraggeber kämen ungeschoren davon. Am Sonntag hatte eine Richterin Haftbefehle gegen zwei von fünf inhaftierten Verdächtigen erlassen. Nach Gerichtsangaben ist einer der beiden Hauptverdächtigen geständig. Dabei handelt es sich nach Angaben der Ermittler um Saur Dadajew, einen Ex-Polizeioffizier aus Tschetschenien.

Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow lenkte den Verdacht auf einen islamistischen Hintergrund, indem er im sozialen Netzwerk Instagram erklärte: „Alle, die Saur kennen, bestätigen, dass er ein tiefgläubiger Mensch ist und wie alle Muslime über die Veröffentlichungen von Charlie (Hebdo) und die Unterstützung für den Abdruck der Karikaturen schockiert war.“ Kadyrow regiert, unterstützt von der Führung in Moskau, Tschetschenien mit harter Hand.
Islamisten hatten im Januar wegen Karikaturen über den Propheten Mohammed die Redaktion der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ überfallen und zwölf Menschen getötet. Nemzow hatte sich hinter die französische Satire-Zeitung und ihre Mohammed-Karikaturen gestellt.

Freitag vor einer Woche wurde der 55-Jährige mit vier Schüssen in den Rücken getötet. Weggefährten halten einen Zusammenhang mit islamistischen Attentätern auch deswegen für unglaubwürdig, weil Nemzow im Hochsicherheitsbereich in Sichtweite des Kreml erschossen wurde. Ohne einflussreiche Hintermänner hätte ein einzelner Attentäter in den Kontrollen auffallen müssen, argwöhnen die Oppositionellen.

Die Mutter des Hauptverdächtigen, Aimani Dadajew, sagte Reuters am Telefon, ihr Sohn habe zwölf Jahre für sein „sogenanntes Vaterland“ gekämpft und dafür zahlreiche Orden bekommen. Nun instrumentalisierten die Behörden ihren Sohn. „Ich will nicht, dass irgendjemand uns für seine eigenen Zwecke benutzt“, sagte Dadajew unter Tränen.

In Berlin forderte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes von der russischen Regierung die Einhaltung rechtstaatlicher Standards und einen umfassenden Aufklärungswillen. Es dürfe keinen Zweifel daran geben, dass der Fall Nemzow vollständig und transparent aufgeklärt werde. Zwar war der 55-Jährige nicht besonders populär jenseits der städtischen Intellektuellen-Kreise. Aber seine Unterstützer erklärten, er sei eine Gefahr für die russische Führung gewesen, da er entschlossen gewesen sei, Korruption und Betrug im Staatsapparat aufzudecken.

  • rtr
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15 Kommentare zu "Nemzow-Mord: Putin-Kritiker vermuten Ablenkungsmanöver"

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  • Liebe Elly Müller,
    bevor Sie derartige Aussagen machen, sollten Sie sich einmal über Russland und die Absichten der Nato genau informieren. Es genügt heute nicht mehr nur die Berichte in den Leitmedien zu konsumieren, sonst kommt man so vollkommen einseitigen Meinungen. Nur ein Tipp.

  • Es werden, wie auch im Westen, bei jedem Attentat ein oder mehrere Islamisten beschuldigt. Die westlichen Medien sind ohnehin erst zufrieden, wenn Putin als Mörder feststeht. Das sind nun inzwischen unsere tollen europäischen Werte. Destabilisieren ist z.Zt. die Hauptaufgabe unserer Medien.

  • Wenn der russische Geheimdienst jemand verschwinden lassen will, dann verschwindet der ganz still und leise und ohne Zeugen. Oder verschwinden die Zeugen auch gleich mit .

  • Nonsens-Theorie, das passt absolut!

    Wenn es nicht so traurig wäre könnte man echt lachen!

    Gut, jetzt hat Putin über zwei Abende im russischen Staatsfernsehen schwadroniert wie das alles minuziös mit der Krim abgelaufen ist! Der Mann hat keine Scrupel und findet sich dabei echt toll! Sein Volk bzw. eine große Mehrheit findet sein Vorgehen absolut richtig!
    Wird doch Russland vom westlichen Faschismus bedroht!!!!!!!
    Dass in Russland die Faschisten das sagen haben merken manche nicht oder wollen es nicht wahr haben!

    Das Gelaber von den vielen Putinverstehern hier in Deutschland kann man auch schlecht ertragen!

    Der hat mit voller Überzeugung einen Krieg vom Zaun gerissen und dabei nimmt er alles in Kauf, auch einen Mord an seinen Kritikern!

  • Nun, offensichtlich will die russische Opposition einen konkreten Wunsch-Schuldigen haben.

  • Ein Scheinprozess mit Bauernopfern - etwas anderes hat auch niemand von Putin erwartet. Der einzigste, der die Kameras ausschalten konnte war das Putin Regime. Und dass er in Kremel Nähe erschossen wurde, ist Putin doch völlig egal.

  • Ein im Käfig hin und her rennender Verdächtiger, der, wie unter Drogen, immer nur ruft, er liebe Mohammed, beseitigt auch kaum alle Zweifel, ob man den wahren Täter gefasst hat.

  • - Kritiker bezweifeln islamistisches Motiv -

    Ja, weil die Kameras zum Teil ausgeschaltet waren, vielleicht auch noch die Strassenbeleuchtung. Das können die Islamisten nicht machen, das müssen andere veranlasst haben. - Satire

    Aber noch gilt: Wenn der Kreml, der Geheimdienst oder Putin den Oppositionellen Nemzow hätte weghaben wollen, dann hätten sie mit tödlicher Sicherheit eine andere Variante gewählt.
    Man legt sich selbst nicht eine Leiche vor die Haustür.


  • @ Herr Jörg Pitschke

    >> Islamisten? Ja sicher doch....kann man glauben .... muß man aber nicht.... >>

    Schätze, dass die Islamisten nur die "Handlanger" für die Drecksarbeit waren.
    Bezahlte Killer, nicht mal Profis ( die Profis hätten damit kalkuliert, dass die Kremlnähe per Videokameras überwacht und die Handys abgehört werden ).

    Die Lokalisierung ( inkl. Fluchtauto ) der Täter war also ein Kinderspiel. Insbesondere für Russischen Geheimdienst.

    Schwierig wird es mit den Auftraggebern, den Hintermännern.

    Die Täter kennen diese mit Sicherheit auch nicht. Es gibt viele Wege, einen Mord in Auftrag zu geben, ohne selbst mittelbar in Erscheinung zu treten.

    Falls es auch "Geheimdienste" waren, die den Mord beauftragten,

    Ukrainische, Jüdische, Amerikanische, Russische....so wird man die Hintermänner vermutlich NIE finden.




  • haha wer glaubt den so etwas?! Ich finde es toll wie der friedliebende und demokratische Putin sich für die Aufklärung einsetzt.

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