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Netzausbau Tennet: „Wir sind nicht auf frisches Kapital des deutschen Staates angewiesen“

Der Übertragungsnetzbetreiber wehrt sich gegen die Darstellung, rasche Hilfe zu benötigen. Dennoch steht das Unternehmen vor großen Herausforderungen.
22.10.2020 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Einer von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland. Quelle: dpa
Umspannwerk von Tennet

Einer von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland.

(Foto: dpa)

Berlin Otto Jager hat eine klare Botschaft. Der Finanzvorstand der niederländischen Tennet Holding will den Eindruck zerstreuen, sein Unternehmen sei auf frisches Geld angewiesen und sehne einen schnellen Einstieg des deutschen Staates herbei: „Aus meiner Sicht existiert gerade in Deutschland ein Missverständnis. Man glaubt, wir benötigten dringend frisches Eigenkapital. Das ist aber absolut nicht der Fall“, sagte Jager dem Handelsblatt.

Seit Wochen verhandeln Vertreter der niederländischen Regierung mit Vertretern der Bundesregierung über eine Beteiligung des deutschen Staates an dem Übertragungsnetzbetreiber, der zu hundert Prozent dem niederländischen Staat gehört. Vergangene Woche tauschten die Emissäre beider Seiten wieder Positionen aus. Offiziell drang nichts nach außen. Aus Verhandlungskreisen hieß es, man sei „ein Stückchen vorangekommen“.

Schon lange wird kolportiert, der niederländische Staat sei nicht länger bereit, für den Ausbau der Stromnetze in Deutschland viele Milliarden Euro bereitzustellen. Andererseits hat die Bundesregierung großes Interesse daran, dass der Netzausbau vorangeht. Tennet, als einer der maßgeblichen Player dabei, muss daher imstande sein, die Investitionen zu stemmen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will helfen und prüft den Einstieg des Bundes bei Tennet.

Für den Minister geht es um viel. Mit dem Netzausbau steht und fällt der Fortgang der Energiewende. Wenn Tennet nicht mehr investiert, kann der Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere der Bau neuer Windparks im Norden und Nordosten Deutschlands, nicht vorangehen. Sie können nur in Betrieb gehen, wenn auch neue Leitungen gebaut werden, die den Strom in die Verbrauchszentren im Süden und Westen des Landes bringen. Im Mai hatten die Regierungen der beiden Länder eine Vereinbarung vorgestellt, die den Weg für einen möglichen Einstieg des Bundes bei Tennet skizziert. Seitdem wird verhandelt.

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    Tennet-Finanzvorstand Jager sagt selbstbewusst: „Wir haben ein so gutes Kreditrating, dass wir alle für die nächsten zehn Jahre geplanten Investitionen in Deutschland und den Niederlanden solide finanzieren können, ohne dass wir dazu frisches Eigenkapital benötigten.“ Die einzige Einschränkung sei, dass sich das Kreditrating des Unternehmens um eine Stufe verschlechtern würde. „Aber das wäre aus Finanzierungssicht akzeptabel, wir wären damit immer noch auf dem Level der anderen deutschen Übertragungsnetzbetreiber.“

    Netzbetreiber sind argwöhnisch

    Das Unternehmen würde jedoch gerne auf dem besseren Rating-Level bleiben. „Wir haben das auch unseren Investoren gesagt und werden uns nach Kräften darum bemühen. Aber es ist nur ein Wunsch und keine absolute Notwendigkeit“, sagte Jager. Man sei „in einer komfortablen Situation“. Es gehe „daher keineswegs um eine Rettungsaktion oder um irgendein dringendes Erfordernis“. Er vermute, dass vor 2023 ohnehin kein frisches Eigenkapital gebraucht werde und das Investmentprogramm weitergehe. „Das steht für uns im Zentrum aller Überlegungen“, sagte er. 

    Jagers Äußerungen zum Rating sind als Replik auf öffentlich geäußerte Zweifel aus der Branche an der Finanzkraft von Tennet zu verstehen. So hatte ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers Amprion kürzlich gesagt, man könne „gut nachvollziehen, dass die Bundesregierung aktiv wird, wenn sich ein ausländischer Staatsbetrieb gerade nicht in der Lage sieht, die notwendigen Investitionen ins deutsche Netz zu tätigen“. Die Aussage spiegelt die Stimmung in Branchenkreisen gut wider. Tennet fühlt sich seit Langem an den Pranger gestellt.

    Die Niederländer hatten das Netz 2009 dem Eon-Konzern abgekauft, nachdem die EU-Kommission auf eine Entflechtung der großen, vertikal integrierten Stromkonzerne gedrängt hatte. Seitdem ist Tennet einer von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland. Sein Netzgebiet umfasst einen Korridor, der von der Nordseeküste bis nach Bayern reicht. Im Westen ist Amprion zuständig, im Südwesten TransnetBW und im Osten Deutschlands 50Hertz. Doch die Niederländer unterschätzten die Anforderungen an den Netzausbau im Zuge der Energiewende. Über viele Jahre müssen hohe Milliardenbeträge investiert werden, um das Stromübertragungsnetz an die sich verändernde Stromerzeugung anzupassen.

    Tennet hat dabei bislang die Hauptlast getragen. Und das wird auch so bleiben. „Wir haben zwischen 2010 und 2019 in Deutschland 14 Milliarden Euro investiert. Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber haben in dieser Zeitspanne insgesamt 26 Milliarden Euro investiert, wir haben also den mit Abstand größten Anteil übernommen“, rechnete Jager vor. Er gehe davon aus, dass sein Unternehmen in Deutschland in den nächsten zehn Jahren weitere Investitionen in Höhe von „30 bis 35 Milliarden Euro“ zu stemmen habe. „Das wird voraussichtlich mehr als der Hälfte der Gesamtinvestitionen der Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland entsprechen“, sagte Jager.

    Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass der Investitionsbedarf angesichts der zuletzt gestiegenen politischen Ambitionen im Klimaschutz noch steigen dürfte. So hat die Bundesregierung sich beispielsweise kürzlich darauf verständigt, den Ausbau der Offshore-Windkraft in Nord- und Ostsee stärker voranzutreiben. Je mehr Strom im Norden produziert wird, desto höher wird der Bedarf an neuen Leitungen.

    Grafik

    Man werde im Frühjahr 2021 neue Berechnungen vorlegen, um damit den gestiegenen Ambitionen der Politik Rechnung zu tragen, kündigte Jager an. Die neuen Ziele der Politik bezögen sich allerdings überwiegend auf die Zeit nach 2030, sodass sich der Investitionsbedarf für den Netzausbau voraussichtlich größtenteils erst nach 2030 spürbar erhöhe.

    Doch hat der niederländische Staat auch künftig noch ein Interesse, sich an der Finanzierung der gewaltigen Investitionen in Deutschland zu beteiligen? In Branchenkreisen heißt es, die Zweifel daran seien zuletzt wieder gewachsen.

    Bei Tennet ist man dagegen optimistisch. „Wir erfahren durch das niederländische Finanzministerium anhaltende Unterstützung. Das gilt seit dem Einstieg in Deutschland 2010“, sagte Jager. Dahinter stehe die Überlegung, die Energiewende als ein europäisches Projekt zu betrachten, das nicht an Ländergrenzen haltmache. „Der Umbau des Energieversorgungssystems lässt sich nationalstaatlich nicht effizient gestalten. Wenn mehr und mehr erneuerbare Energien ins Netz eingespeist werden, führt das zwangsläufig zu höherer Volatilität. Das lässt sich wesentlich besser und effizienter managen, wenn man Netze über Landesgrenzen hinweg plant und betreibt“, so Jager.

    Die Frage, ob sich der deutsche Staat an der niederländischen Holding oder an der deutschen Tennet-Tochter beteiligen solle, ist aus Jagers Sicht nicht entscheidend. „Wir sind davon überzeugt, dass beide Modelle funktionieren können. Es kommt dabei nur auf die Rahmenbedingungen an. Für uns ist entscheidend, dass wir unsere Strategie fortsetzen können“, sagte er. Das Unternehmen solle wie bisher aus einer Hand gesteuert werden, mit dem Fokus auf Nordwesteuropa.

    Mehr: Bundesregierung und Niederlande streiten über Einstieg bei Tennet

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    1 Kommentar zu "Netzausbau: Tennet: „Wir sind nicht auf frisches Kapital des deutschen Staates angewiesen“"

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    • Wie sehen denn die Gewinne von Tennet aus? Die Netzkosten in Deutschland sind anteilig am Strompreis immens, da müsste Tennet sehr gut verdienen. Kredite dürften für Tennet kein Problem sein.

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