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Neue japanische Zeitrechnung Japan gibt sich mit dem neuen Kaiser auch eine neue Zeitrechnung

In Japan beginnt mit dem Kaiserwechsel im Mai eine neue Zeitrechnung: das Jahr Reiwa 1. Die Rückbesinnung auf die eigene Kultur soll den gesellschaftlichen Wandel begleiten.
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Japan setzt auf kulturelle Tradition Quelle: dpa
Neue Devise für Japan

Shinzo Abe, Premierminister von Japan, gibt nach der Bekanntgabe der Zeitrechnung „Reiwa“ die neue Regierungsdevise bekannt.

(Foto: dpa)

TokioPublic Viewing ist in Japan nicht nur für Fußballweltmeisterschaften reserviert. Am Montag hatten sich tausende Tokioter vor Großbildschirmen oder dem Kaiserpalast versammelt. Denn dort wurde übertragen, wie im Sitz des Ministerpräsident Japans Kabinettsamtschef Yoshihide Suga Geschichte schrieb.

Um 11.40 Uhr hielt Japans mächtigster Politiker nach Ministerpräsident Shinzo Abe einen schlichten Holzrahmen mit einer Kalligraphie in die Kameras, dem Namen der Regierungsdevise, unter der Kronprinz Naruhito am 1. Mai das Kaiseramt von seinem Vater Akihito übernehmen wird. Reiwa stand da, ein schwer zu übersetzender neuer Begriff.

Die beiden Schriftzeichen Rei (in diesem Fall wohl gut, glücklich) und Wa (Frieden, Harmonie) sind einem Gedicht aus dem japanischen Klassiker Manyoshu aus dem achten Jahrhundert entlehnt. Es beschreibt, wie die Menschen gemeinsam zu Beginn des Frühlings die Pracht der Pflaumenblüte genießen. Erste Übersetzungsversuche gehen in Richtung „gute Harmonie“.

Die Wahl des Namens ist nicht nur kulturelles Beiwerk, sondern eine Zäsur in Japan. Nicht nur werden in Japan die Jahre neben dem westlichen Kalender auch traditionell nach den Regierungsdevisen gezählt. Damit springt das Jahr vom jetzigen Heisei 31 am 1. Mai zum Jahr Reiwa 1. Zudem ist der Name immer hochpolitisch. Denn es handelt sich nicht einfach nur um einen Namen, sondern eine Hoffnung für die neue Zeit.

Dabei spielte weniger der Anspruch an den Herrscher eine Rolle, erklärt Shigeji Ogura, Historiker am Nationalmuseum für japanische Geschichte. „Es ist eine Reflektion, die an das Volk übermittelt wird.“ Und Japans Ministerpräsident Shinzo Abe machte daraus in einer Pressekonferenz auch kein Geheimnis.

„Der Name Reiwa bedeutet, dass Kultur geschaffen wird und wächst, wenn Menschen auf schöne Weise zusammenkommen und sich umeinander kümmern“, sagte Abe. Die Gesellschaft stehe vor großen Veränderungen, erklärte er. Und er will, dass die Menschen sich zur Bewältigung der Herausforderungen auf die eigene Kultur besinnen und Stolz darauf sind.

Die Wahl der historischen Gedichtsammlung Manyoshu als Referenz ist daher kein Zufall. Erstmals nahmen die Namensgeber Bezug auf einen japanischen Klassiker. Bisher wurden die Regierungsdevisen aus alten chinesischen Werken entlehnt.

Abe setzt auf nationalkonservatives Programm

Die Wahl des Namens passt damit zum nationalkonservativen politischen Programm von Shinzo Abe. Er will ein „schönes Japan“ schaffen, das sich weniger an den dunklen Seiten des japanischen Imperialismus orientiert.

Der jetzige Kaiser, der im Gegensatz zu Abe für eine Vergangenheitsbewältigung steht, tat ihm den Gefallen, seine Idee nun auch als Regierungsdevise unters Volk zu bringen. Denn Kaiser Akihito, der offiziell 125. Monarch der ältesten Erbmonarchie der Welt, hatte etwas gemacht, das es seit rund zwei Jahrhunderten nicht mehr gab. 2016 bat er sein Volk in einer Fernsehansprache darum, ihn aus Altersgründen abdanken zu lassen.

So weise das erschien, so kompliziert war die Aufgabe, die er der Regierung stellte. Denn rechtlich war die Übergabe der Insignien der Macht zu Lebzeiten nicht vorgesehen. Ausgerechnet die Konservativen, die an den Traditionen des Kaisertums hängen, mussten nun ein Sondergesetz erlassen, um den Willen des Kaisers zu erfüllen.

Sie mussten nicht nur einen politisch passenden Zeitpunkt wählen, sondern auch neue Anreden für das Kaiserpaar. „Seine Majestät, Kaiser Emeritus“ wird Naruhito nun nach seinem Umzug vom Kaiser- in den nahen Kronprinzenpalast gegenüber vom Hauptquartier des Autoherstellers Honda genannt. Die Kaiserin wird zur Emerita.

Auch die Wahl der Regierungsdevise war komplex. Experten durften Ideen einreichen, aus denen eine Kommission auswählte. Die Vorschläge wurden gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Die letzte Entscheidung traf dann am Montag das Kabinett.

Die Ansprüche sind sehr hoch. Denn besonders seit Beginn von Japans Modernisierung stehen die Namen für Epochen, erklärt der Historiker Ogura. Die Meiji-Regierung (aufgeklärte Herrschaft) von 1868 bis 1912 steht stellvertretend für Japans Sprung in die industrielle Moderne und den Aufstieg zu einer imperialen Macht in Asien ein.

Danach folgt bis 1926 die Epoche Showa (große Gerechtigkeit), in der es eine rege parlamentarische Demokratie gab. Die Zeit ging als Taisho-Demokratie in die Geschichtsbücher ein. Der Name der folgenden Epoche, die Japan von 1926 bis zum Tod des Kaisers Hirohito 1989 prägte, wiederum wirkte mit seinen Kriegen gegen China und die USA zumindest in den ersten zwei Dekaden ironisch: Showa bedeutet „erleuchteter Friede“.

Erst nach der Niederlage Japans im zweiten Weltkrieg kam dem Epochenname Berechtigung zu. Die amerikanischen Besatzer hatten den Tenno vom Gott zum politisch machtlosen Symbol des Staats degradiert, das nur das tun darf, was die Regierung ihm erlaubt. Gleichzeitig verboten sie Japan mit der Verfassung den Besitz von Kriegspotenzial.

Zwar schaffte sich auch Japan wie Deutschland wieder ein Militär an. Aber dank den Beschränkungen der Verfassung war Japan im Gegensatz zu Deutschland seither nicht mehr kämpfend an Kriegen beteiligt. Stattdessen stieg Japan zu eine Wirtschaftsmacht auf, die am Ende der Showa-Zeit sogar die USA herauszufordern schien.

Bürgerkaiser Nummer zwei kommt an die Macht

Nachdem Tod seines Vaters trat der jetzige Kaiser Akihito 1989 unter dem Regierungsnamen Heisei, „Frieden schaffen überall“, seine Regentschaft an. Mit seiner Heirat der bürgerlichen Industriellentochter Michiko war er die Verkörperung der Mittelschicht Japans, der mit seinem Handeln für eine liberale Gesellschaft und eine Aufarbeitung der japanischen Geschichte stand. Wirtschaftlich bedeutend für diese Zeit war das Platzen von Japans Aktien- und Immobilienblase, aber auch die Schaffung der wohlhabendsten Gesellschaft in der Geschichte des Landes.

Sein Sohn Naruhito, der eine Karrierediplomatin heiratete, übernimmt Japan ebenfalls an einem Wendepunkt der Geschichte. Die japanischen Babyboomer, die Japan seit dem Wirtschaftswunder geprägt haben, sind nun größtenteils in Rente.

Zudem altert die Gesellschaft immer schneller, die Staatsverschuldung steigt immer höher, die Folgen des Klimawandels werden spürbar – während gleichzeitig Spannungen mit Südkorea und China wieder aufflammen. Zudem drängt eine neue Jugendgeneration mit neuen Vorstellungen von der Vereinbarkeit von Leben und Job auf den Arbeitsmarkt.

Naruhito muss nun in dieser neuen Zeit seine Rolle definieren. Und die Japaner werden mit einer Spannung verfolgen, wie er, die Regierung und die Gesellschaft dabei tatsächlich mit der neuen Devise Reiwa harmonieren.

Es ist nicht gesagt, dass seine Interpretation deckungsgleich mit Abes Vorstellungen ist. Denn er wird von den Konservativen als liberaler Geist angesehen – wie sein Vater. Allerdings noch ist offen, ob er nur durch Andeutungen oder auch Taten Einfluss auf die Bevölkerung nehmen wird.

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