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Neuer Premierminister Make Britain great again: Das sind Boris Johnsons Pläne für Großbritannien

Der Premier will den schnellen Brexit und sieht sich mehr als Cheerleader-in-Chief. Details sollen andere regeln – diese Einfachheit lockt die Briten.
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Der neue Premierminister liebt die Selbstinszenierung. Quelle: AFP
Boris Johnson beim Boxen

Der neue Premierminister liebt die Selbstinszenierung.

(Foto: AFP)

London Kurz bevor das Ergebnis der Urwahl bekanntgegeben wird, greift sich Boris Johnson noch einmal ins Haar und stellt sicher, dass es ordentlich verwuschelt ist. In der zweiten Reihe des Konferenzzentrums im Londoner Regierungsviertel sitzt fast der komplette Johnson-Clan: Vater Stanley, Schwester Rachel und Bruder Jo wollen sich den historischen Moment nicht entgehen lassen. Nur der jüngste Bruder Leo fehlt, er hat es nicht so mit dem Rampenlicht wie der Rest der Familie.

Mit überwältigenden 66 Prozent haben die Tory-Mitglieder Johnson zu ihrem neuen Parteichef gewählt. Am Mittwoch wird Queen Elizabeth II. ihn im Buckingham-Palast zum 77. Premierminister ernennen. Johnson federt auf die Bühne, um seine erste Ansprache als designierter Premierminister zu halten.

Zunächst lobt er seinen unterlegenen Rivalen Jeremy Hunt. Sein Nachfolger im Außenministerium habe in dem siebenwöchigen Duell „exzellente Ideen“ vertreten, „die ich allesamt klauen werde“, witzelt Johnson und erntet seinen ersten Lacher. Dann wird er etwas ernster. „Ich weiß, es gibt viele Leute, die die Weisheit dieser Entscheidung anzweifeln, selbst in dieser Halle“, sagt er. Aber er werde hart arbeiten, um die Partei und das Land zu einen.

Seine Aufgabe sei es, zwei tief sitzende Wünsche miteinander zu vereinbaren, fährt Johnson fort: den Wunsch nach Freundschaft mit der EU und den Wunsch nach britischer Selbstbestimmung. „Manche Leute sagen: Das geht nicht“, ruft Johnson. „Ich weiß, dass wir es schaffen können. Wir werden wieder an uns selbst glauben.“

Wo ein Wille ist, da ist ein Weg, das kann getrost als Johnsons Lebensmotto gelten. Sein Glaube an sich selbst ist unerschütterlich, und dieses Selbstbewusstsein soll nun auf das ganze Land abstrahlen. Seine neue Aufgabe versteht er als Cheerleader-in-Chief. Um die komplizierten Details sollen sich die anderen kümmern. Einer der Ersten, der gratuliert, ist der US-Präsident. Johnson werde „großartig“ sein, twitterte Trump.

Was Johnson Optimismus nennt, halten seine Kritiker für Traumtänzerei. Doch nach drei Jahren Brexit-Verhandlungen ist der Frust auf der Insel so groß, dass Johnsons Parolen auf manchen verführerisch wirken. Und der Neuanfang soll nicht auf den Brexit beschränkt sein. Vollmundig verspricht er Steuersenkungen, große Infrastrukturprojekte, ein besseres Gesundheitssystem, mehr Geld für die Schulen, die Polizei und den Wohnungsbau.

Make Britain great again

Mit anderen Worten: Großbritannien soll wieder großartig werden. Mit dieser Verheißung versetzte der Möchtegern-Trump in den vergangenen Wochen die konservative Basis in Euphorie und schaffte den Erdrutschsieg über Hunt. Johnson sei „high risk, high reward“, jubelte David Iron bei der Regionalkonferenz in Maidstone. Der 65-jährige Finanzberater ist einer der 92.153 Tories, die Johnson gewählt haben.

Anhänger von Boris Johnson wollen den Brexit trotz aller Risiken. Quelle: imago/Cronos
Britische Flagge

Anhänger von Boris Johnson wollen den Brexit trotz aller Risiken.

(Foto: imago/Cronos)

Beim Rest der Bevölkerung hingegen löst der neue Premierminister gemischte Gefühle aus. Das Land bleibt gespalten in Anhänger und Gegner der EU, und eine Mehrheit der Briten misstraut dem Frontmann der Brexit-Kampagne von 2016. Selbst unter konservativen Wählern geben laut einer Umfrage nur 48 Prozent an, dass man Johnson vertrauen könne.

„Johnson ist ein Kasper“, schimpft Barry Parkin. „Dem geht es nur um den eigenen Vorteil.“ Der 73-jährige Rentner steht am vergangenen Samstag vor dem Londoner Hotel Ritz. Brexit-Gegner haben zu einer Demonstration unter dem Motto „Nein zu Boris, Ja zu Europa“ gerufen. Parkin war 14 Jahre für das britische Militär in Niedersachsen stationiert. Danach arbeitete er für ein japanisches Unternehmen und reiste viel durch Europa. „Jede Form von Brexit wird uns schaden“, sagt er.

Ein weiterer Demonstrant, Matthew Cooper, hat den Brexit schon persönlich zu spüren bekommen: Seine Firma im Westen Londons habe einen Teil ihrer Belegschaft nach Berlin verlagert, sagt der 40 Jahre alte IT-Spezialist. Deswegen müsse er nun nach Deutschland pendeln. Um solche Fakten kümmere sich Johnson nicht.

Insbesondere die Ankündigung des neuen Premierministers, notfalls einen ungeordneten Brexit im Oktober durchzuziehen, nährt die Angst, dass das Land bei ihm nicht in guten Händen ist. Der Historiker Brendan Simms warnt, dass die politische Dynamik zwischen Briten und Europäern nun auf einen No-Deal hindeute. Für den Fall sagen Ökonomen eine Rezession voraus. Kleinunternehmer wie Katie Owen sehen das mit Sorge.

„Die Ungewissheit ist das Schlimmste“, sagt die Ex-Bankerin, die vor einigen Jahren ein Onlinebusiness gegründet hat und hochhackige Schuhe verkauft. „Das Geschäft ist schon kompliziert genug, aber der Brexit wird das alles noch schlimmer machen.“ Sollten ab November die Regeln der Welthandelsorganisation WTO gelten, drohen auf ihre in Spanien bestellten Waren Zölle von 4,1 Prozent. Beim Versand an EU-Kunden würden acht Prozent mehr fällig.

Obendrein fürchtet Owen den zusätzlichen Verwaltungsaufwand – und ärgert sich, dass noch so vieles ungeklärt ist. Sie hat keinerlei Vorbereitungen getroffen. „Was hätte ich tun sollen? Ich kann ja schlecht alle Schuhe vorbestellen. Das wäre ein riesiger Kostenfaktor“, erklärt sie. „Wo sollte ich die ganzen Kartons lagern?“

Auch Ivan Rogers befürchtet das Schlimmste. Der frühere britische Botschafter in Brüssel hat 2016 ein halbes Jahr unter dem damaligen Außenminister Johnson gearbeitet. Dieser habe die Warnungen vor einem ungeordneten Brexit stets als übertrieben abgetan, erzählt Rogers an einem heißen Sommertag in einem Londoner Straßencafé.

Außenminister Jeremy Hunt war immer ein Außenseiter im Rennen um den Tory-Vorsitz. Quelle: Bloomberg
Der Unterlegene

Außenminister Jeremy Hunt war immer ein Außenseiter im Rennen um den Tory-Vorsitz.

(Foto: Bloomberg)

„Er denkt, wir sollten es einfach mal ausprobieren und sehen, was passiert. Es ist unverantwortlich.“ Als Kabinettsmitglied hatte Johnson Einblick in die alarmierenden No-Deal-Szenarien der Regierung. Rogers bezweifelt jedoch, dass er die Akten je gelesen hat. „Er ist nicht diese Art von Politiker“, merkt er trocken an.

Normalerweise genießt ein neuer Regierungschef hundert Tage Schonfrist. Doch Johnson wird von Anfang an gegen die Uhr kämpfen. Er will in dieser Zeit bereits sein wichtigstes Versprechen einlösen – den Brexit am 31. Oktober. Genau hundert Tage nach seinem Amtsantritt soll Großbritannien die EU verlassen haben. Daran werden ihn seine Parteifreunde messen.

In den kommenden Wochen will Johnson die Europäer dazu bringen, den von seiner Vorgängerin Theresa May ausgehandelten Ausstiegsvertrag nachzuverhandeln. Er will den irischen Backstop streichen, weil dieser die Souveränität Großbritanniens potenziell dauerhaft einschränke. Die EU-27 lehnen dies bisher ab.

Schon jetzt ist klar, dass Johnsons Amtszeit vom Brexit dominiert wird. „Es könnte ein Desaster werden oder ein Triumph“, sagt Andrew Gimson. Der 61-jährige Journalist kennt Johnson seit mehr als 30 Jahren und hat eine Biografie über ihn geschrieben. Johnson werde versuchen, die beiden Brexit-Lager im Land zu versöhnen, sagt Gimson. Doch die Stimmung sei zweifellos feindseliger geworden, insbesondere die Londoner Eliten kultivierten einen regelrechten Hass auf Johnson.

Dabei sei der Tory keine „bittere Spalterfigur“ wie US-Präsident Donald Trump, sagt Gimson. Kulturell sei er eher europhil und liberal. Er glaubt, dass Johnsons Appeal immer noch über Parteien und Lager hinweg reicht – so wie zwischen 2008 und 2016, als der Konservative Bürgermeister der Labour-Hochburg London war.

„Boris-Effekt“ in Schottland
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2 Kommentare zu "Neuer Premierminister: Make Britain great again: Das sind Boris Johnsons Pläne für Großbritannien"

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  • Trump´s kleiner Bruder- die Welt am Abgrund

  • Lügner und lowperformer an die Macht - unglaublich was heute so möglich ist.

    Wo sind die zuverlässigen, anständigen und leistungsstarken politischen Führer/-innen die wichtige Zukunftsthemen aufgreifen und einen Plan haben?

    Vielleicht wollen diese Persönlichkeiten sich nicht die heutigen Zustände von bösartigen Anfeindungen und hirnlosen Pseudo-Diskussionen nicht antun. Verständlich ist es - und schade!

    Schönen Tag wünscht Peter Michael

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