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OECD-Bericht In Deutschland bleiben die Bildungschancen ungleich verteilt

Ministerin Karliczek lobt die Erfolge des deutschen Bildungssystems im internationalen Vergleich. Doch nicht alle profitieren gleichermaßen.
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„In Deutschland haben wir ein Bildungssystem, das Chancen eröffnet“, findet Bildungsministerin Anja Karliczek. Quelle: dpa
Bildungschancen

„In Deutschland haben wir ein Bildungssystem, das Chancen eröffnet“, findet Bildungsministerin Anja Karliczek.

(Foto: dpa)

Berlin
Deutschland habe ein Bildungssystem, das Chancen eröffnet, schwärmt Ministerin Anja Karliczek (CDU). „Es ermöglicht jeder und jedem, die eigenen Fähigkeiten auszubauen, den passenden Karriereweg zu gehen und damit die Grundlage für ein gutes Leben zu legen“, sagte die Bundesbildungsministerin am Dienstag bei der Präsentation des jährlichen Bildungsberichts der Industrieländerorganisation OECD.

Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren etwa beim Ausbau der frühkindlichen Bildung beträchtliche Fortschritte erzielt worden. Die duale Ausbildung führt mit zu hohen Beschäftigungsquoten junger Erwachsener. Und bei den Bildungsausgaben pro Kopf rangiert Deutschland über dem Schnitt der Industrieländer.

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten, betont Heino von Meyer, Leiter des Berlin Centre der OECD. Bildungschancen seien eben nicht so gerecht verteilt, wie die Regierung das gerne hätte. So liegt der Anteil der Geringqualifizierten, die die Schule ohne weiterführenden Abschluss verlassen, hierzulande mit 13 Prozent relativ hoch. Kanada, Polen, die Schweiz oder die USA erreichen hier Werte von zum Teil deutlich unter zehn Prozent.

Auch wenn Deutschland noch leicht unter dem OECD-Durchschnitt von 15 Prozent liege, so werde doch ökonomisches Potenzial vergeudet, kritisierte von Meyer. Zudem wüchsen gesellschaftliche Probleme, wenn Geringqualifizierte irgendwann zum Fall für die Sozialkassen würden.

Denn eins zeigt der OECD-Bericht ganz klar: Die Beschäftigungsquoten steigen mit dem Grad des erreichten Bildungsabschlusses. So sind nur 55 Prozent der 25- bis 34-Jährigen ohne Abschluss im Sekundarbereich II erwerbstätig. Bei den höher gebildeten Altersgenossen liegt die Quote bei 84 Prozent.

Akademiker gefragt

Deshalb hält von Meyer auch nichts vom Gerede über eine „Akademikerschwemme“. Auf dem Arbeitsmarkt seien Studierte weiter hochwillkommen, auch wenn man Studium und berufliche Bildung nicht gegeneinander ausspielen sollte. Der Anteil der 25- bis 64-Jährigen mit tertiärer Ausbildung – also abgeschlossenem Studium, Meister- oder Technikerprüfung – ist zwar in der zurückliegenden Dekade um acht Punkte auf 31 Prozent gestiegen, liegt aber immer noch weit unter dem OECD-Schnitt von 44 Prozent.

Kritik übt die Industrieländerorganisation daran, dass die Bildungschancen weiter stark von der sozialen Herkunft abhängen. So nehmen 49 Prozent der Kinder von Müttern mit Studienabschluss oder Meisterbrief an frühkindlicher Bildung teil. Bei den Kindern von Müttern mit geringerem Bildungsgrad sind es nur 37 Prozent. Es gehe nun darum, gerade Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern stärker an frühkindlicher Bildung partizipieren zu lassen, sagte von Meyer.

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Auch in höherem Alter setzt sich die Chancenungleichheit fort. So steigt die Wahrscheinlichkeit, einen höheren Schulabschluss zu erreichen oder ein Studium aufzunehmen, mit dem Bildungsstand der Eltern. Ein Migrationshintergrund wirkt sich ebenfalls weiter deutlich auf die Bildungs- und Arbeitsmarktchancen aus.

So zeigen sich zwar kaum Unterschiede bei den Beschäftigungsquoten von Deutschen und Migranten mit vergleichbarem Bildungsabschluss, die in jungen Jahren eingewandert sind. Es gehe nun aber darum, auch Erwachsene ausländischer Herkunft zu erreichen, sie zu qualifizieren oder ihnen noch einen Schul- oder Ausbildungsabschluss zu ermöglichen, sagte Karliczek.

Die Ministerin unterstrich zudem, dass immer mehr Migranten ihre Kinder auch in die Kita bringen. Insgesamt nehmen in Deutschland inzwischen 37 Prozent der unter Dreijährigen an frühkindlicher Bildung teil – 20 Prozentpunkte mehr als 2005. Nun gehe es auch darum, den Erzieherberuf attraktiver zu machen und die Personalschlüssel in den Kitas zu verbessern, mahnte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Thüringens Ressortchef Helmut Holter (Die Linke). Das vom Familienministerium geplante Gute-Kita-Gesetz müsse nun rasch kommen.

Gleiches gelte für die stärkere Beteiligung des Bundes an der Bildungsfinanzierung und den Digitalpakt Schule. Ob es eine Mehrheit für die dazu nötige Grundgesetzänderung gibt, ist allerdings weiter fraglich. Am Dienstag bekräftigte die grün-schwarze Landesregierung von Baden-Württemberg ihre Bedenken gegen eine zu starke Einflussnahme des Bundes.

Investitionen erforderlich

Karliczek will den Digitalpakt, sieht aber das Bildungssystem auch so schon gut gerüstet für das digitale Zeitalter. So sei nirgendwo in der OECD ein Studienabschluss in Mathe, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik (MINT) so beliebt wie in Deutschland. Das überrascht, beklagt doch die Wirtschaft seit Langem eine wachsende „MINT-Lücke“. Die zeigt sich allerdings in letzter Zeit verstärkt bei beruflich Qualifizierten und nicht so sehr bei Akademikern.

Bei der Bildungsfinanzierung generell sieht die OECD Luft nach oben. Die Bildungsausgaben pro Schüler und Studierenden vom Primär- bis Tertiärbereich liegen mit 12  139 Dollar zwar über dem OECD-Schnitt von 10 520 Dollar. Gemessen am BIP investierten Staat und Private aber nur 4,2 Prozent in Bildung – weniger als im Durchschnitt der Industrieländer mit fünf Prozent.

Dass der Anteil nicht noch niedriger ausfalle, sei auch „den massiven Investitionen der Wirtschaft in die duale Ausbildung zu verdanken“, betonte von Meyer. Auch der Staat müsse aber mehr investieren: „Sparen an Bildung wird sich bitter rächen“, warnte er. Dem Appell schloss sich auch KMK-Präsident Holter an: Die jetzt geplante stärkere Bildungsfinanzierung durch den Bund dürfe „keine temporäre Geschichte“ werden.

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