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OECD-Beschäftigungsausblick Warum der Jobboom vielen Deutschen nicht mehr Lohn bringt

Aus Wachstum ohne Jobs wird Wachstum ohne Lohn: Die Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten sinkt. Doch die meisten Arbeitnehmer profitieren davon nicht.
2 Kommentare
Die Konjunktur brummt, aber die Löhne steigen nicht entsprechend. Quelle: dpa
Mehr Beschäftigung in Industriestaaten

Die Konjunktur brummt, aber die Löhne steigen nicht entsprechend.

(Foto: dpa)

BerlinMehr Jobs ja, mehr Geld aber nicht: Jetzt, im Aufschwung nach der Finanzkrise, greifen alte Regeln offenbar nicht mehr. In jedem Aufschwung ist bisher zwar die Wirtschaft gewachsen, nur die Zunahme an Arbeitsplätzen kam nicht so in Schwung wie vor 1970. Von „Jobless Growth“, Wachstum ohne Jobs, sprachen die Arbeitsmarktforscher, die sich jahrzehntelang mit diesem Phänomen beschäftigten.

Jetzt, im Aufschwung nach der Finanzkrise, ist das komplett anders: Viele neue Arbeitsplätze entstehen - nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen 34 Industriestaaten, seitdem das Wachstum nach der großen Rezession von 2009 wieder Fahrt aufgenommen hat. 

Aber statt „Jobless Growth“ gibt es nun „Wageless Growth“ – Wachstum ohne Lohn. So nennen die OECD-Arbeitsmarktexperten das neue Phänomen in ihrem diesjährigen Beschäftigungsausblick. Es betrifft nicht nur Deutschland, sondern alle Industriestaaten. 

Verblüffend ist das deshalb, weil normalerweise bei stark sinkender Arbeitslosigkeit die knapperen Arbeitskräfte eine bessere Verhandlungsposition gegenüber ihren Arbeitgebern haben – und deshalb höhere Löhne durchsetzen können. Nur: In diesem Aufschwung klappt das nicht. „Das Lohnwachstum war nur halb so stark, wie es vor der großen Rezession bei vergleichbaren Arbeitslosenquoten war“, schreiben die OECD-Experten – und zwar in allen 34 OECD-Staaten. 

Das „The winner takes it all“-Phänomen

„Noch besorgniserregender“ sei, dass dieses Phänomen vor allem Menschen mit niedrigem Lohn und die Mittelschicht treffe. Das oberste eine Prozent Top-Verdiener dagegen kann sich über besonders starke Gehaltszuwächse freuen. Die Experten nennen dies das „The winner takes it all“-Phänomen.

Bereits im vergangenen Jahr hatte die Industrieländer-Organisation OECD davor gewarnt, dass der in der Mittelschicht verbreitete Eindruck, Verlierer von Globalisierung und Digitalisierung zu sein, eine reale Basis hat. „Technologisch führende Unternehmen verzeichnen ein starkes Produktivitätswachstum“, heißt es in dem Bericht.

Auf breiter Front jedoch ist die Produktivität in den Industriestaaten mit 1,2 Prozent nur noch halb so kräftig gewachsen wie vor 2008 – damals waren es 2,3 Prozent. Lohnsteigerungen sind normalerweise eine Folge von Produktivitätsfortschritten.  

Während es im Jahrzehnt vor 2008 noch ein Überschwappen des Produktivitätswachstums von technologisch führenden Firmen zum breiten Rest gegeben hat, ist dies nun nicht mehr der Fall. Der mit zunehmender Digitalisierung einsetzende „GAFA-Effekt“ wird messbar. GAFA ist die Abkürzung für Google, Amazon, Facebook, Apple.

Diese Firmen verbinden höchsten technologischen Fortschritt mit immer größeren Weltmarktanteilen. Und den Profit daraus können sie offenbar komplett bei sich konzentrieren. Die Weltmarktmonopole dieser Tech-Firmen gehen einher mit starkem kapitalgetriebenen Wachstum. 

Die Rekordzahl an Arbeitsplätzen „ist beeindruckend“

Dieser Trend verringert den Anteil der Arbeit am Nationaleinkommen. „Superstar-Firmen tragen dazu bei, dass ein geringerer Teil des Wohlstandsgewinns an Arbeitnehmer geht“, so die OECD. Und Deutschland, das Jobwunderland? Hierzulande ist die Arbeitsmarktlage zwar aktuell gut, doch das Phänomen des Wageless Growth gibt es genauso.

Die Rekordzahl an Arbeitsplätzen „ist beeindruckend“, so der Bericht. Zwei Drittel aller 15- bis 74-Jährigen waren im letzten Quartal 2017 erwerbstätig. Diese Beschäftigungsquote liegt um fünf Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt. Und: Das Wachstum der Arbeitsplatzzahl dürfte sich fortsetzen.

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2 Kommentare zu "OECD-Beschäftigungsausblick: Warum der Jobboom vielen Deutschen nicht mehr Lohn bringt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Sehr geehrte Frau Riedel,

    OECD hin oder her. Wenn wir die Geschehnisse verstehen wollen, brauchen wir einen roten Faden. Wir müssen zunächst dessen Anfang finden. Sonst verstehen wir überhaupt nichts.

    Der Anfang des roten Fadens: Seit 10 Jahren haben wir in den meisten Industrieländern einen konjunkturellen Aufschwung. Und weil die Nachfrage steigt, wollen die Firmen ihre Produktion steigern.

    Um die gewünschte Produktionssteigerung zu realisieren, haben die Firmen aber 2 alternative Möglichkeiten. Sie können neues Personal einstellen oder aber rationalisieren.

    Die OECD schildert, dass die Firmen schwerpunktmäßig auf Neueinstellungen gesetzt haben. Wir haben somit vielerorts eine Art von "Beschäftigungswunder" erlebt. Bei seiner Bewertung sollten wir aber nicht übersehen, dass die Firmen auch den neu eingestellten Mitarbeitern Löhne bezahlen müssen, dass somit die Lohnsumme steigt.


    Mit ins Bild gehört auch, dass die neu eingestellten Mitarbeiter nicht nur Löhne beziehen, sondern auch produzieren. Sie übernehmen die von den Firmen angestrebte Produktionssteigerung zu einem guten Teil. Weil dem so ist, können die Firmen bei ihrer Rationalisierung den Ball flach halten und sich auf wenige Maßnahmen beschränken. Das statistisch gemessene Ergebnis des Rationalisierens, der sogenannte Produktivitätsfortschritt, fällt somit dürftig aus. Das sagt auch die OECD. Das sagt auch der Handelsblatt-Artikel.

    Aber vielleicht wird nirgendwo genug verdeutlicht, dass der Produktivitätsfortschritt die Quelle aller Lohnsteigerungen ist. Auf den Punkt gebracht: Wenn wenig rationalisiert wird, steigt auch die volkswirtschaftliche Mehrleistung je Arbeitsstunde nur bescheiden. Das bedeutet eben, dass der Topf für jegliche Steigerungen von Löhnen und Gewinnen Jahr für Jahr nur wenig zunimmt.

  • Neben der Halbierung im Produktivitätsfortschritt hat sich nach 2008 auch die Inflationsrate fast halbiert (Bsp. OECD Total, im Vgl. mit 8-10 Jahren vor/bis 2008).
    Es kommt bei Lohnsteigerungen auf Realwerte an, die scheinen im Artikel jedoch zu fehlen.
    Zudem wäre die Auswirkung höherer Steuern auf Nettolöhne ("kalte Progression") zu thematisieren.