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Österreich Die neuste Biografie schadet Kurz mehr im Wahlkampf als sie nützt

In Österreich ist das vierte Buch über Kanzlerkandidat Sebastian Kurz erschienen. Die zuckersüße Lobhudelei schadet dem jungen Altkanzler mehr als es ihm nutzt.
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Altbundeskanzler Sebastian Kurz will wieder Kanzler werden. Die „offizielle Biographie“ hilft ihm dabei wenig. Quelle: AFP
Wahlkampf-Poster für Sebastian Kurz

Altbundeskanzler Sebastian Kurz will wieder Kanzler werden. Die „offizielle Biographie“ hilft ihm dabei wenig.

(Foto: AFP)

Wien Sebastian Kurz ist in Wien geboren und aufgewachsen und dort bis heute geblieben. Nach einem abgebrochenen Studium wurde er Staatssekretär, Chef der ÖVP, Außenminister und 2017 schließlich Bundeskanzler. Dann jüngster Altbundeskanzler Österreichs und nun wieder Kanzlerkandidat. Er ist gerade mal 33 Jahre alt. Soweit die harten Fakten.

Trotz seines relativ kurzen Politikerdaseins ist gerade die mittlerweile dritte Biografie über sein Leben und Wirken erscheint. So viel Aufmerksamkeit in so kurzer Zeit für einen Politiker – das ist ein österreichisches Phänomen.

Wenn in Österreich Wahlen anstehen, müssen Biografen Schwerstarbeit leisten. Nicht nur FPÖ-Chef Norbert Hofer hat für die anstehenden Wahlen am 29. September eine passende Biografie erhalten, sondern auch Sebastian Kurz. Die österreichische Journalistin Judith Grohmann darf daher ihr Werk auch „Die offizielle Biographie“ nennen. Denn die PR-Strategen in der Parteizentrale durften das Manuskript prüfen und ermöglichten der Autorin auch Zugang zu Personen aus dem persönlichen Umfeld des einstigen Jura-Studenten. Beispielsweise durfte sie mit den Eltern Elisabeth und Josef Kurz reden.

Was gibt es Neues zu erzählen? Wenig, denn schließlich haben bereits Barbara Tóth und Nina Horaczek („Sebastian Kurz – Österreich neues Wunderkind?“, 2017) sowie der „Bild“-Journalist Paul Ronzheimer („Sebastian Kurz: Die Biographie“, 2018) ausführliche Biografien vorgelegt.

Hinzu kommt noch der frühere Herausgeber der Wiener Zeitung „Kurier“ und jetzige Politiker der liberalen Neos, Helmut Brandstätter. Mit seinem Buch „Kurz & Kickl. Ihr Spiel mit Macht und Angst“ hat er in der Frühphase des Wahlkampfes eine Abrechnung mit dem ÖVP-Chef geschrieben. Der frühere NTV-Chef plaudert dabei aus, wie die Medienbeeinflussung nach der Methode Kurz in Österreich in der Praxis aussieht.

Bisweilen unfreiwillig komisch

Brandstätter konnte sich diese offenen Worte als prominenter Zeitungsmacher nur leisten, weil er die Medienbranche auf Nimmerwiedersehen verlassen hat. Der selbstbewusste Journalist hat mit dem Offenlegen der „Message control“, die von der damaligen konservativ-rechtspopulistischen Regierung 2017 eingeführt wurde, dem politischen Ansehen Kurz’ geschadet. Die Regierung hatte versucht, den Informationsfluss immer stärker zu kontrollieren.

Bei Judith Grohmann und ihrem Buch liegt der Fall komplett anders. Diese Biografie hat zum Ziel, den Porträtierten, der in seinem Heimatland gerne als „Wunderwuzzi“ gefeiert wird, in bestmöglichem Licht erscheinen zu lassen. Dieses Ziel macht das Buch bisweilen unfreiwillig komisch.

Mit ihren Lobpreisungen, Übertreibungen und Gemeinplätzen setzt die Autorin Kurz unbeabsichtigt Hohn und Spott aus. Sie charakterisiert ihn als „ein Baby, das auf der Überholspur fuhr“. Da er bereits mit zehn Monaten laufen gelernt habe. Schon in den ersten Lebensjahren sei er ein „guter Zuhörer“ gewesen.

Und heute? „Sebastian Kurz hat mit seinen knapp über 30 Jahren bereits das Auftreten eines erfahrenen, 65-jährigen Diplomaten.“ An anderer Stelle heißt es: „Er ist einer, der sich nicht vor den üblichen politischen Karren spannen lässt. Aber vor allem ist er ein beinharter Macher, einer neuen, modernen, sensiblen Politik.“

Es ist eine Biografie im Zuckerbäckerstil – wie ein Wiener Apfelstrudel mit Schlagobers und warmer Vanillesoße. Hinter vorgehaltener Hand wird selbst in konservativen Kreisen, die Kurz als Kanzlerkandidat für die Wahl am 29. September unterstützen, über so viel Polit-Lyrik gelächelt. Andere ärgern sich, dass das Buch als „offizielle Biographie“ nun in den Buchläden steht.

Die Ibiza-Affäre mit dem FPÖ-Chef und Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache fegte Ende Mai Kurz und seine Regierung aus dem Amt. Wer als Leser gehofft hat, die Hintergründe und Details zum größten Skandal in der jüngeren österreichischen Geschichte zu erfahren, wird enttäuscht sein. Die Autorin ergründet nicht, ob und wie die Ibiza-Affäre Kurz verändert hat.

Autorin hat ein Glaubwürdigkeitsproblem

Das mittlerweile vierte Buch über Sebastian Kurz wartet mit keinen essentiell unbekannten Informationen oder gar Einsichten auf. Es listet chronologisch längst Bekanntes und Geschriebenes über den „jüngsten Altkanzler der Welt“ auf.

Fast infantil analysiert die Autorin die Wahlkampf-Wanderungen von Kurz in den Bundesländern: „Veranstaltungen dieser Art sind für die Volkspartei ein gutes Mittel zum Austausch mit der Bevölkerung über politischen Themen in angenehmer Atmosphäre, nämlich in den Bergen. Auf dieses Weise kann die ÖVP sehr gut Werbung für die Partei und ihren Spitzenkandidaten machen.“ Es drängt sich der Eindruck auf, dass ein lässiges Lektorat die vielen Banalitäten, die das Buch wie ein roter Faden durchziehen, einfach übersehen hat.

Zu allem Überfluss hat die Autorin sich mittlerweile ein Glaubwürdigkeitsproblem in ihrem Land eingefangen. Das Nachrichtenmagazin „Profil“ wirft Grohmann vor, mit einer geschönten eigenen Biografie zu arbeiten. Entgegen ihrer Angaben sei sie nicht in leitender Funktion bei „Profil“ tätig gewesen.

Ironisch teilt das Magazin in einer Pressemitteilung mit: „ ,Profil‘ hofft jedenfalls, dass es nicht Frau Grohmanns offenbar stark geschönte Referenzen waren, die Sebastian Kurz dazu veranlassten, sie als seine ‚offizielle‘ Biografin zu autorisieren.“ Das ist eine peinliche Situation, schließlich sind „Profil“-Herausgeber Christian Rainer und Kurz seit langem Duz-Freunde. Das Statement des Magazins schadet indirekt auch dem Buch.

In ihrem Epilog wirft Grohmann die Frage auf: „Was soll einmal in den Geschichtsbüchern über die politische Ära von Sebastian Kurz stehen?“ Auf alle Fälle mehr als in dieser kuriosen, bisweilen unfreiwillig komischen „offiziellen Biographie“.

Das politische Talent Sebastian Kurz hat zweifellos Besseres verdient. Doch vielleicht ist es eine gute Idee für die Zukunft, auf autorisierte Porträts dieser naiven Art als Wahlkampfhilfe zu verzichten? Denn sie schaden dem Kandidaten mehr als sie ihm nutzen.

Judith Grohmann: Sebastian Kurz. Die offizielle Biographie, Finanzbuch-Verlag, 24,99 Euro.

Mehr: Ein neues Buch beleuchtet die Innenansischten der Ibiza-Affäre. Doch bei der Lektüre des Buches zur Ibiza-Affäre wird einem angst und bange

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