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Olivier Blanchard im Interview Ex-IWF-Chefökonom zur Krisenfinanzierung: „Ich glaube, dass Italien das schaffen kann“

Olivier Blanchard fordert von der Euro-Zone ein stärkeres Vorgehen, um eine neue Euro-Krise zu verhindern. Euro-Anleihen könnten dabei helfen – es gibt aber auch Alternativen.
24.03.2020 - 14:44 Uhr Kommentieren
Der Ökonom glaubt, Regierungen könnten Firmen auf zwei unterschiedliche Arten helfen. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
Olivier Blanchard

Der Ökonom glaubt, Regierungen könnten Firmen auf zwei unterschiedliche Arten helfen.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

Italien könne seine Schulden tragen, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) und die Regierungen der Euro-Zone gemeinsam dafür sorgten, dass die Zinsen für italienische Staatsanleihen niedrig blieben. Das sagte Olivier Blanchard, der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.

„Ich glaube, dass Italien das schaffen kann – auch wenn ich weiß, dass die deutsche Öffentlichkeit skeptisch ist“, sagte der französische Ökonom, der am Peterson Institute for International Economics (PIIE) in Washington forscht.

Da die italienischen Schulden zum tragbaren Zinssatz sicher seien, solle die EZB bereit sein, den Investoren italienische Staatsanleihen abzukaufen und damit den niedrigen Zinssatz aufrechtzuerhalten.

Wenn die Krise anhalte, müsse die Unterstützung Italiens im Rahmen eines Programms des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) und mit Unterstützung der EZB durch Käufe von Staatsanleihen (Outright Monetary Transactions, OMT) geschehen. „Die Konditionalität wäre sehr einfach: Verwenden dürfen die Empfängerländer das Geld nur zur Bekämpfung der Gesundheitskrise und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen. Ich denke, dies ist eine Botschaft, die sowohl die Italiener als auch die Deutschen verstehen und akzeptieren können.“

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    Gemeinsame Pandemie-Anleihen der Euro-Zone seien dafür nicht unbedingt notwendig, sagte Blanchard und fügte hinzu: „Wenn wir früher Euro-Anleihen und einen liquiden Euro-Anleihemarkt geschaffen hätten, wären diese Instrumente jetzt sehr nützlich.“

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Blanchard, die Welt steht vor einer schweren Rezession. Wie schlimm wird es?
    Das hängt vor allem von der Dynamik der Pandemie ab. Viele Länder ergreifen immer strengere Maßnahmen gegen die Pandemie, sodass wir in einigen Monaten einen Höhepunkt der Infektionen sehen sollten. Bis zum Sommer dürfte die Infektionsrate dann zurückgehen. Die entscheidende Frage ist dann, wie schnell wir die Quarantänebeschränkungen lockern können. Ich vermute, dass es noch recht umfangreiche Restriktionen geben muss, bis ein Impfstoff oder ein Heilmittel gefunden ist. Für den Rest des Jahres wird die wirtschaftliche Aktivität gering sein.  

    Wie schnell kann sich die Weltwirtschaft von dem Schock erholen?
    Eine schnelle V-förmige Erholung scheint unwahrscheinlich. Einige Leute glauben, dass alles gut wird, sobald wir die Infektion unter Kontrolle haben. Aber das glaube ich nicht. Wir werden noch lange mit einem hohen Maß an Unsicherheit leben müssen. Die Genesung wird wahrscheinlich langsam erfolgen. Eine Sorge ist, dass einige Regierungen sogar wie 2011/12 in Panik geraten und zu früh mit der Haushaltskonsolidierung beginnen. Das wäre ein großer Fehler.

    In Europa steht Italien im Zentrum der Krise. Sie behaupten, dass Italien seine steigenden Schulden weiterhin tragen kann. Warum?
    Ja, ich glaube, dass Italien das schaffen kann – auch wenn ich weiß, dass die deutsche Öffentlichkeit skeptisch ist. Aber es ist nützlich, sich die Arithmetik genau anzuschauen. Italiens Verschuldung betrug vor der Krise 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Und das Land konnte sich zu etwa ein Prozent verschulden, was darauf hindeutet, dass sich die Investoren damals keine Sorgen über die Tragfähigkeit der Schulden machten.

    Das ist inzwischen anders …
    Nehmen wir an, dass die italienische Verschuldung als Folge der fiskalischen Reaktion auf die Krise um weitere 30 Prozent des BIP steigt (das ist wahrscheinlich mehr, als nötig sein wird). Dann müsste Italien bei einer weiterhin tragbaren Verzinsung von etwa einem Prozent die Steuern erhöhen oder die Staatsausgaben senken, und zwar jeweils um 0,3 Prozent des BIP, damit die Schulden nicht explodieren. Das ist sicherlich machbar. Kurzum, zu einem tragbaren Zinssatz würde die Verschuldung sicher und nachhaltig bleiben. Die Investoren sollten also bereit sein, Italien Kredite zum gleichen Zinssatz wie vor der Krise zu geben.  

    Die Investoren sind offenbar anderer Meinung, die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen sind gestiegen. Wie können wir sicherstellen, dass sich Italien weiterhin zu einem tragbaren Zinssatz am Markt verschulden kann?
    Wenn sich die Investoren Sorgen machen, werden sie höhere Zinssätze verlangen. Das würde es Italien erschweren, seine Schulden zu tragen, und könnte zum Teufelskreis einer neuen Schuldenkrise werden, weil sich die Sorgen der Investoren quasi selbst bestätigen würden. Wir haben solche Szenarien in der Vergangenheit schon oft erlebt.

    Was können wir dagegen tun?
    Das Ziel der Politik und in diesem Fall die Aufgabe der Europäischen Zentralbank (EZB) ist es, diese Möglichkeit auszuschalten. Da die italienischen Schulden zum tragbaren Zinssatz sicher sind, sollte die EZB bereit sein, den Investoren italienische Staatsanleihen abzukaufen und damit den niedrigen Zinssatz aufrechtzuerhalten. Genau das hat die Bank von Japan mit großem Erfolg getan. So wurden Investoren davon abgehalten, ihre Papiere zu verkaufen. Das hat die Bank von Japan nicht viel gekostet. Um es klar zu sagen: Eine solche Verpflichtung ist kein Bail-out, sie ist kein Gelddrucken, sondern eine Möglichkeit, um sicherzustellen, dass Italien zu einem niedrigen Zinssatz weiter Kredite aufnehmen kann und seine Schulden nachhaltig bleiben.  

    Dafür müsste die EZB ihre Regeln ändern. Brauchen wir im Gegenzug nicht auch Auflagen, damit aus der Hilfe kein Blankoscheck wird?
    Es muss etwas getan werden, um eine weitere Euro-Krise zu vermeiden. Die EZB hat Regeln, die in normalen Zeiten gelten, aber in außergewöhnlichen Zeiten wie jetzt ausgesetzt werden können. Sie ist bereits sehr weit gegangen, um ihre Flexibilität zu erweitern. So hat die Zentralbank beispielsweise zugestimmt, bei außergewöhnlichen Umständen von der Emittentengrenze abzuweichen, wonach nicht mehr als 33 Prozent des Nominalvolumens aller ausstehenden Anleihen eines Euro-Landes gekauft werden sollen. Außerdem hat sie 750 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt. Dank Madame Lagarde hat die EZB also eine Menge getan.

    Sollte die EZB im Rahmen eines Hilfsprogramms des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) helfen?
    Wenn die Krise anhält, würde ich es vorziehen, wenn dies im Rahmen eines ESM-Programms und mit Unterstützung der EZB durch Käufe von Staatsanleihen (Outright Monetary Transactions, OMT) geschieht. Die Konditionalität wäre sehr einfach: Verwenden dürfen die Empfängerländer das Geld nur zur Bekämpfung der Gesundheitskrise und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen. Ich denke, dies ist eine Botschaft, die sowohl die Italiener als auch die Deutschen verstehen und akzeptieren können. Bislang war es gut, dass die EZB genau das getan hat, was sie tun konnte.

    Der deutsche Finanzminister befürchtet, dass eine frühzeitige Aktivierung des ESM noch mehr Angst an den Märkten vor einer Staatsinsolvenz auslösen könnte.
    Es besteht immer ein Risiko. Als die US-Notenbank Federal Reserve vor zehn Tagen größere Hilfsmaßnahmen ankündigte, gingen die Finanzmärkte in die Knie, weil die Investoren dachten, die Situation müsse schlimmer sein als gedacht. Es besteht immer das Risiko, dass die Leute glauben, die Regierungen oder Notenbanken wüssten etwas, was sie nicht wissen. Die Antwort darauf ist gute Kommunikation. Man muss die Märkte davon überzeugen, dass man nicht mehr weiß als die Investoren. Und man ergreift die Maßnahmen, weil sie helfen werden. Das ist nicht einfach, aber es ist möglich.

    Braucht Europa auch gemeinsame Schuldscheine, also Corona-Anleihen oder Euro-Bonds?
    Es gibt mehrere Möglichkeiten: Die EZB kann die Zinskurve kontrollieren, wie es die Bank von Japan getan hat. Oder die EZB kann innerhalb eines Hilfsprogramms ihr OMT-Instrument nutzen und Staatsanleihen kaufen. Oder wir können Euro-Anleihen oder Pandemie-Anleihen ausgeben. Die Finanzmittel sollten Italien oder anderen hilfsbedürftigen Ländern gegeben werden. Dies sind alles verschiedene Wege, um zu den gleichen Ergebnissen zu gelangen. Wenn wir früher Euro-Anleihen und einen liquiden Euro-Anleihemarkt geschaffen hätten, wären diese Instrumente jetzt sehr nützlich.  Aber das haben wir nicht getan, sodass wir wahrscheinlich auf die ersten beiden Optionen angewiesen sind.  

    Sind Spanien, Portugal und Griechenland in einer ähnlichen Lage wie Italien?
    Wenn ich mir aus fiskalischen Gründen keine Sorgen um Italien mache, dann mache ich mir auch keine Sorgen um Spanien, Portugal, Frankreich oder Deutschland.  Die Fiskalpolitik muss aggressiv eingesetzt werden. Ich mache mir Sorgen darüber, dass die Menschen nicht genug Geld haben, um Lebensmittel zu kaufen. Die Regierung muss sie mit Bargeld versorgen.

    Droht uns eine neue europäische Bankenkrise?
    Firmen könnten in Konkurs gehen, weil sie nicht ihre Waren verkaufen können oder die Nachfrage verschwunden ist. Die Regierung muss ihnen helfen, und das kann sie auf zwei Arten tun. Zum einen kann sie die Steuerzahlungen aussetzen oder aufschieben. Und sie kann zum anderen die Banken bitten, den Unternehmen Kredite zu gewähren. In diesem Fall muss der Staat den Banken gleichzeitig versichern, das Risiko zu tragen, sollten die Rückzahlungen ausfallen. Wenn Firmen in Konkurs gehen, und einige werden sicher in Konkurs gehen, möchte ich nicht, dass die Banken in Schwierigkeiten geraten. Die Regierung kann den Verlust auffangen. Die deutsche Regierung hat in diesen Fragen sehr gute Maßnahmen ergriffen.

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    Wie sollen die Regierungen die Hilfsgelder verwenden: für Steuersenkungen, Kreditlinien oder direkte Zahlungen?
    Ich denke, das hängt einmal davon ab, was sie erreichen wollen, und es kommt auch auf die administrativen Fähigkeiten an. Wir alle werden durch die Krise einen Einkommensverlust einstecken. Für einige Menschen, die weder über Bargeld noch über Kredite verfügen, kann dies sehr schwierig sein. Für sie ist alles gut, was ihnen hilft, schnell Geld zu bekommen. Oder nehmen Sie Unternehmen wie Fluggesellschaften: Wir wollen nicht, dass sie in Konkurs gehen. Aber wollen wir sie vollständig schützen und Steuergelder verwenden oder einen Teil der Last an die Aktionäre weitergeben?

    Der Staat wird zum Retter. Wird die Coronakrise seine Rolle in der Wirtschaft verändern?
    Ich weiß es nicht. Es könnte sein, dass wir in zwei Jahren wieder zur alten Tagesordnung zurückkehren. Ich hoffe nicht. Vor uns liegen mehrere wirklich große Herausforderungen: der Klimawandel, die zunehmende Ungleichheit und Unsicherheit sowie die Alterung unserer Gesellschaften. Vor der Krise war unsere kollektive Antwort auf diese Herausforderungen eindeutig unzureichend. Vielleicht kommen wir aus dieser Krise mit größerer Bereitschaft heraus, uns diesen Herausforderungen zu stellen und das zu tun, was wir tun müssen. Dies könnte jedoch eher eine Hoffnung als eine Prognose sein.
    Herr Blanchard, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Ökonomen haben unterschiedliche Vorstellungen, wer die wirtschaftlichen Schäden der Pandemie bezahlen sollte. Drei Optionen.

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