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Olympische Spiele in Tokio Bei Olympia droht Rückversicherern, Sponsoren und dem Veranstalter ein finanzielles Desaster

Covid-19 infiziert den Sport: Zuschauereinnahmen brechen weg, selbst große Sponsoren wie Toyota wenden sich von dem Mega-Event ab. Aber es gibt auch Gewinner.
23.07.2021 - 11:49 Uhr Kommentieren
Touristen und Einheimische sind als Zuschauer von den Weltspielen ausgeschlossen. Quelle: imago images/ZUMA Wire
Olympia 2021 im Zeichen von Corona

Touristen und Einheimische sind als Zuschauer von den Weltspielen ausgeschlossen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Tokio, München Japans erster Sieg bei den Olympischen Spielen ging in gespenstischer Stille unter. Beim 8:1 des Softballteams gegen überforderte Australierinnen grüßten am Mittwoch keine bunten Fan-Scharen beim sportlichen olympischen Auftakt, sondern nur leere blaue, grüne und rote Sitze im Baseballstadion in Fukushima. Und statt Jubel von den Rängen schallte das laute Zirpen der Zikaden aus dem nahen Park durch das Rund.

Dieser Kontrast zum engbesetzten Wembley-Stadion während der Fussball-Europameisterschaft zeigt, wie sehr die Olympischen Spiele in Tokio bereits vor ihrem offiziellen Start an diesem Freitag an Zugkraft verloren haben. Weil in Tokio wegen steigender Infektionszahlen wieder der Corona-Notstand ausgerufen wurde, herrscht auch bei den Spielen der Ausnahmezustand.

Selbst Akio Toyoda, der Konzernchef des Autobauers Toyota, sagte am Montag dieser Woche nicht nur seine Teilnahme an der Feier ab, sondern auch gleich Toyotas gesamte heimische Olympia-Werbung. Denn der Konzern fürchtet, dass eine positive Botschaft sich mit der Stimmung der Bevölkerung beißt, die nach Meinungsumfragen zur Hälfte eine Absage der Spiele befürwortet hat.

Und Toyoda ist nicht der einzige Großsponsor, der Thomas Bach, den Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), Japans Regierungschef Yoshihide Suga und seine globalen Gäste allein auf der Ehrentribüne sitzen lässt. Unter anderen werden auch die Chefs von Panasonic, Fujitsu, des Telekomriesen NTT und der Brauerei Asahi sowie der Chef des Unternehmensverbands Keidanren fehlen. Insgesamt haben japanische Großsponsoren die Rekordsumme von fast drei Milliarden Euro in das Sportspektakel investiert.

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    Hinzu kommt, dass allein dadurch, dass Touristen und Einheimische von den Spielen ausgeschlossen wurden, den Veranstaltern Ticketeinnahmen von mehr als 800 Millionen Dollar verloren gehen. Die Eröffnungsfeier am Freitag wird allerdings zeigen, dass der wirtschaftliche Schaden noch viel weiter reicht, bis weit nach Europa.

    Europas Rückversicherer werden zur Kasse gebeten

    Das gesamte Ausmaß des finanziellen Schadens, den die Pandemie bei dem Sportfest verursacht, ist noch nicht abzusehen. Aber schon jetzt ist klar, dass die ostasiatische Sportveranstaltung weltweite Auswirkungen haben wird. Das Interesse richtet sich besonders auf Europas Rückversicherer, die Ausfallversicherungen der Veranstalter absichern. Nur die Höhe ihrer Zahlungen ist noch offen.

    „Die feilschen noch“, meint ein Analyst in Tokio. Doch auch ausländische und japanische Sponsoren warten gespannt auf die Abschlussrechnung, von Japans Regierung ganz zu schweigen. Das Land hat immerhin weit mehr als zehn Milliarden Euro in die Vorbereitung der Spiele gesteckt.

    Besonders bei den großen Rückversicherern dominiert derzeit die Unsicherheit. „Im Bereich der Absicherung von Großevents sind wir gespannt, wie die Olympischen Spiele verlaufen“, sagt Jan Wicke, Finanzvorstand der Hannover-Rück-Mutter Talanx. Ähnlich betrachten die Wettbewerber das Geschehen. Denn Großevents wie das weltgrößte Sportereignis nach der Fußball-WM sind in den vergangenen Jahren für die Branche zu einem wichtigen Geschäftszweig geworden.

    Der Verlauf der 16-tägigen Großveranstaltung wird deshalb großen Einfluss auf mögliche Schadenforderungen und damit letztendlich auch auf das Jahresergebnis haben. Der könnte im Extremfall groß sein. Mit rund 2,5 Milliarden Dollar berechnet die Ratingagentur Fitch die versicherten Kosten der Spiele. Es wäre die höchste jemals versicherte Summe, die für die Absage eines einzelnen Events zu zahlen wäre, so die Experten.

    Da war die Stimmung noch gut. Nun will Toyota-Chef Toyoda nicht mehr an der Eröffnungsfeier teilnehmen. Quelle: AP
    Thomas Bach (r.) mit Akio Toyoda

    Da war die Stimmung noch gut. Nun will Toyota-Chef Toyoda nicht mehr an der Eröffnungsfeier teilnehmen.

    (Foto: AP)

    Die Zahl stellt im Moment aber nur eine theoretische Obergrenze dar und wäre womöglich bei einer kompletten Absage der Spiele fällig geworden. Nach derzeitigem Stand wird das Sportevent jedoch durchgezogen, wenn auch meist ohne Zuschauer.

    Die Schätzungen für mögliche Schadenzahlungen sinken daher laut den Berechnungen von Fitch auf etwa 300 bis 400 Millionen Dollar, also rund zehn bis 15 Prozent der insgesamt möglichen Schadensumme. Das meiste davon würde für Tickets fällig, die nicht verkauft werden konnten. Aber auch wegbrechende Einnahmen für Unterkunft und Verpflegung wären abgedeckt.

    TV-Rechte retten die Versicherer

    Dass die derzeit im Raum stehenden Kosten für Schäden deutlich unter den theoretisch möglichen Zahlungen liegen, hängt vor allem damit zusammen, dass solche Großveranstaltungen in den vergangenen Jahren immer mehr zum Medienevent geworden sind. Wie bei anderen sportlichen Großereignissen – beispielsweise der gerade beendeten Fußball-EM – bringt vor allem die fernsehgerechte Vermarktung das große Geld.

    Wie viel Geld das IOK insgesamt aus den Übertragungsrechten kassiert hat, ist nicht genau bekannt. Schätzungen belaufen sich auf über eine Milliarde Euro. Denn die US-Mediengruppe Comcast, zu der der Sender NBC gehört, hat 2011 die US-Rechte für vier Olympische Spiele seit 2014 erworben. Und die US-TV-Rechte machen den Großteil der Rechteverkäufe des IOK und damit des Gesamtbudgets der olympischen Bewegung aus.

    Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass das IOK ungeachtet der Pandemie und entgegen ärztlichem Rat auf eine Durchführung der Spiele gedrängt hat. Doch auch so ist für Spannung gesorgt, wie sehr die einzelnen Rückversicherer zur Kasse gebeten werden.

    Die großen Rückversicherer bilden bei der Absicherung solcher Großevents stets ein Konsortium. Nach Schätzungen aus der Branche gehört die Munich Re dabei zu den Mitgliedern mit einem großen Exposure. Die Rede ist von 500 Millionen Dollar, bei der Swiss Re sollen es angeblich 250 Millionen Dollar sein. Christoph Jurecka, Finanzvorstand bei der Munich Re, hatte im Frühjahr von Schäden in Höhe von rund 200 Millionen Euro gesprochen, die der Konzern durch Beeinträchtigungen bei Großveranstaltungen erwartet.

    Sponsoren teilen sich in Gewinner und Verlierer

    Bei den Sponsoren der Spiele ist der Schaden deutlich ungleicher verteilt. Globalen Großsponsoren droht wahrscheinlich der geringste Schaden. Sie könnten sogar wie geplant von ihrer Werbung profitieren. Denn global könnten sich die leeren Stadien durchaus zum Quotenhit entwickeln, da große Sportevents in der globalen Pandemie rar geworden sind.

    Eine der Gewinnerinnen der Spiele ist die Stadt Tokio. Quelle: AFP
    Tokio

    Eine der Gewinnerinnen der Spiele ist die Stadt Tokio.

    (Foto: AFP)

    Den mehr als 60 japanischen Sponsoren, deren Gelder 60 Prozent des Budgets der Veranstalter decken, droht dagegen ein Debakel. Denn sie haben nicht nur auf globale und heimische Zuschauer in den Stadien gesetzt, um für sich zu werben. Mindestens ebenso so schmerzhaft ist, dass sie nun keine Geschäftspartner zur Image- und Kundenpflege in Stadien und nebenbei in ihre Fabriken einladen können. Diese einmalige Gelegenheit lässt sich kaum mit Geld aufwiegen.

    Auch für Japan und den Austragungsort Tokio haben sich die Olympischen Spiele makroökonomisch immer mehr zum Reinfall entwickelt. Allerdings ist das Ausmaß umstritten. Der Wirtschaftsprofessor Katsuhiro Miyamoto von der Kansai-Universität schätzt, dass den Veranstaltern ursprünglich geplante Einnahmen und wirtschaftliche Nebeneffekte in Höhe von 19 Milliarden Euro durch die Verbannung der Zuschauer entgehen.

    Takahide Kiuchi, der Chefvolkswirt vom Nomura Research Institute, schätzt hingegen, dass der wirtschaftliche Begleitsegen der Spiele zuschauerlos nur um 1,1 Milliarden Euro auf 12,8 Milliarden Euro fallen wird. Und Martin Schulz, Volkswirt des Technikkonzerns Fujitsu, meint in einer privaten Analyse: „Allerdings sind die Mindereinnahmen keine wirtschaftliche Katastrophe.“

    Gastronomie und Hotels müssten sicher hohe Ausfälle verkraften, auch der erhoffte zusätzliche konjunkturelle Schwung dürfte kleiner ausfallen als mit vollen Stadien. Aber die Stadt Tokio kann sich dennoch ein bisschen als olympischer Sieger fühlen. „Die Gebäude, Infrastruktur und Stadien sind gebaut“, erklärt Schulz. Das habe schon positive makroökonomische und städtebauliche Effekte gehabt.

    Denn Japans Oberzentrum, das sonst mit seinen Steuereinnahmen im nationalen Finanzausgleich die ärmeren Präfekturen finanziert, sei nun selbst in den Genuss großer Staatsausgaben gekommen. Auch die neuen Veranstaltungsstätten hält er nicht für verschwendet: „Sie sind positiv, denn bisher ist Tokio für eine Weltstadt mit solchen Einrichtungen unterversorgt.“ Betagt waren sie obendrein. Das alte Olympiastadion stammte aus dem Jahr 1964, dem Jahr der ersten Olympischen Spiele in Tokio. Nun hat die größte Megacity der Welt auch wieder ein modernes Stadion.

    Doch abgerechnet wird erst lange nach dem Schluss der Spiele. Noch könnte die Austragung der Spiele langfristig Ertrag abwerfen. Denn sollte Japan das größte Sportfest der Welt mitten in der Pandemie ohne große Pannen auf der Weltbühne inszenieren, können sich Land und Unternehmen als resiliente Partner empfehlen, meint Volkswirt Schulz.

    Dann winken Vorteile durch Werbung und Reputationsgewinne. Wenn die Olympischen Spiele sich allerdings zu einem globalen Superspreader-Event entwickeln, werden vielleicht nicht nur die japanischen Olympia-Sponsoren ihre Werbung zurückziehen. Dann wären die Tokioter Spiele wirklich ein großes Verlustgeschäft.

    Mehr: Tokios Bürgermeisterin Yuriko Koike ist die erste Siegerin der Olympischen Spiele

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