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Ortsbesuch Die Sisyphusarbeit der Griechen

Handeln statt warten, nach vorne gehen statt jammern: Unternehmer und Politiker, Ökonomen und Kreative - viele Menschen arbeiten an der Vision eines neuen Griechenlands, eines ehrlicheren, innovativeren, unbürokratischeren Griechenlands. Die große Frage: Schaffen sie es, die Mehrheit des Volkes hinter sich zu scharen? Es gibt zumindest Indizien, wie die Antwort ausfallen könnte. Ein Ortsbesuch im Epizentrum der Euro-Krise.
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Held der griechischen Mythologie: Sisyphos versucht, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen.

Held der griechischen Mythologie: Sisyphos versucht, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen.

Gikas Hardouvelis schiebt die Lesebrille auf die Nasenflügel und beugt sich über ein eng beschriebenes Blatt Papier. Rechts und links auf seinem Schreibtisch türmen sich die Akten. In jeder einzelnen steckt ein neues Thema, ein neuer Reformvorschlag, ein neuer Lösungsansatz. Zur Bankenrettung, zur Privatisierung von Staatsfirmen, zum Schuldenabbau.

Sein Schreibtisch steht in einem Büro gleich rechts neben dem Amtszimmer von Lukas Papademos, dem griechischen Premierminister. Hardouvelis leitet das Ökonomische Büro des Regierungschefs in dessen Amtssitz, der Villa Maximos. Alles, was Papademos in diesen Tagen tut, bespricht er vorher mit Hardouvelis. „Ich hatte noch nie einen so harten Job“, sagt der Ökonom. Aber wohl auch noch nie einen so wichtigen. Das Land wartet auf Lösungen. Auf schnelle Lösungen.

Ökonom Gikas Hardouvelis. Quelle: Nilkos Pilos für Handelsblatt

Ökonom Gikas Hardouvelis.

(Foto: Nilkos Pilos für Handelsblatt)

Darum gibt es in Griechenland keinen langen Wahlkampf. Am 6. Mai wählen die Griechen ein neues Parlament. Spätestens im Juni muss es weitere Reformen beschließen. Hardouvelis bereitet sie schon jetzt vor. Denn nur, wenn das Land den Zeitplan einhält, fließt die nächste Tranche aus dem Hilfspaket der Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds. Einmal mehr muss das Land sich vor dem Bankrott retten. Die Bürger verlieren die Geduld. 21 Prozent der Griechen sind arbeitslos, bei den 15- bis 24-Jährigen ist es sogar jeder Zweite. Die Einkommen im öffentlichen Dienst wurden um 20 Prozent und mehr gekürzt, die Löhne in der Privatwirtschaft sanken 2011 um mehr als elf Prozent. So hat sich Griechenland teils selbst verschuldet, teils erzwungen in eine Falle manövriert: In einer Zeit, in der es wachsen müsste, schrumpft es.

So kann es nicht weitergehen, sagen Unternehmer und Politiker, sagen Ökonomen und Kreative. Anders als zu Beginn des langen Abstiegs ihres Landes schauen die Griechen dabei nicht mehr verzagt zu, beschränken sich nicht mehr auf Jammern und Konservieren alter Privilegien. Sie warten nicht mehr darauf, dass die Politik etwas tut. Sie tun selbst etwas.

Aber noch ist die neue Aufbruchsstimmung nicht gefestigt. Noch gibt es viele Griechen, die sich als Opfer einer internationalen Verschwörung fühlen, noch ist es nicht ausgeschlossen, dass die Griechen bei der Wahl Parteien stärken, die eher auf Protest denn auf konstruktives Arbeiten an der Zukunft des Landes setzen, noch ist nicht ausgeschlossen, dass der alte Schlendrian zurückkehrt.

Aber noch nie waren die Chancen so gut, dass die Griechen ihr Phlegma überwinden. Die erneute Reise in das Epizentrum der Euro-Krise sechs Monate nach dem ersten Besuch des 20-köpfigen Handelsblatt-Reporter-Teams führt zu einem Wirtschaftswissenschaftler, der selbst ins Parlament drängt, einem Unternehmenschef, der Arbeitsplätze schafft, einem Behördenchef, der gegen alte Seilschaften kämpft – Menschen, die Beharrungsvermögen durch Tatkraft ersetzt haben. Sie alle arbeiten an einer Vision. An der Vision eines neuen Griechenlands, eines ehrlicheren, innovativeren, unbürokratischeren Griechenlands. Die große Frage: Schaffen sie es, die Mehrheit des Volkes hinter sich zu scharen? Es gibt darauf bisher keine Antwort. Aber Indizien, wie die Antwort ausfallen könnte.

Realitätssinn

Interaktive Infografik

Griechenland: Staatsverschuldung von 2007 bis 2011

in Mrd. Euro


Das neue Griechenland von Gikas Hardouvelis etwa ist realistischer: „Vor sechs Monaten dachten viele Menschen noch, dass die Krise nur von kurzer Dauer ist. Jetzt aber merken sie: Es ist eine permanente Situation.“ Die Menschen haben die Krise unterschätzt, wollten sie vielleicht nicht wahrhaben. „Als die Weltfinanzkrise ausbrach, habe ich davor gewarnt, dass es sieben Jahre der Stagnation geben würde“, sagt der 56-Jährige. „Niemand wollte es hören.“ Doch es kam schlimmer. 2012 wird das vierte Jahr der Rezession für Griechenland sein. Jeder Grieche spürt das mittlerweile.

Schon die alte Regierung um Giorgos Papandreou hatte die Staatsausgaben gekappt, das Rentenalter von 61,3 auf 63,4 Jahre angehoben, das 13. und 14. Monatsgehalt abgeschafft, die Mehrwertsteuer auf 23 Prozent erhöht. Aber an der entscheidenden Stelle hatte sie aufgehört, kritisiert Hardouvelis vor einem halben Jahr. „Sie hat noch nicht die Privilegien der mächtigen Interessengruppen abgeschafft.“

Vor einem halben Jahr, da war Hardouvelis noch Chefökonom der Eurobank. Doch als am 15. November sein Telefon klingelte, war am anderen Ende der Leitung Papademos. Fünf Tage zuvor war er zum neuen Premierminister ernannt worden. Nun bat er Hardouvelis um Hilfe. Die beiden kennen sich gut. Zusammen waren sie Professoren für Ökonomie an der Columbia University; vor der Einführung des Euros haben sie zusammen bei der griechischen Notenbank gearbeitet. Jetzt arbeiten sie zusammen gegen die Krise ihres Landes.

Die Säulen vom Panthenon auf der Akropolis. Quelle: dpa

Die Säulen vom Panthenon auf der Akropolis.

(Foto: dpa)

Ein Allheilmittel gegen all die Missstände im Land hat auch die Regierung Papademos noch nicht gefunden. Jedes Gesetz muss auf seine Effizienz hin überprüft werden und auch jede Institution. Der Weg hinaus aus dieser Lage ist ebenso langwierig wie jener hinein.

Es gibt kaum große Unternehmen, die eine wirkliche Stütze sein könnten, dafür ist der Beamtenapparat völlig aufgebläht, die Bürokratie überbordend, das Beziehungsgeflecht dicht. Im öffentlichen Sektor arbeiten nicht weniger als 700000 Beschäftigte; 30000 Stellen hat der Staat bereits gestrichen, bis zu 150000 sollen es werden. Und eine Untersuchung hat ergeben, dass 78 Prozent der Gesetze aus dem vergangenen Jahr ineffektiv sind. Griechenland muss nicht weniger schaffen als eine komplette Neuorganisation der Wirtschaft.

Da ist etwa die Sache mit der Wettbewerbsfähigkeit. „Die griechischen Unternehmen haben es in der Vergangenheit versäumt, internationale Beziehungen aufzubauen“, sagt Hardouvelis. Wirtschaftlichen Erfolg aber ohne Exporte, das funktioniert nicht. Die griechische Exportquote liegt nur bei rund acht Prozent. In Deutschland sind es mehr als 41 Prozent. Selbst die anderen Krisenstaaten wie Portugal oder Spanien haben mit 25 und 20 Prozent bessere Werte.

Die größten Unternehmen Griechenlands
Deutsche Telekom strebt Kontrolle bei griechischer OTE an
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Auf Platz fünf der umsatzstärksten griechischen Unternehmen landet OTE. Den gleichen Platz belegt die Telekommunikationsgesellschaft beim Börsenwert (1250 Millionen Euro). Der Umsatz liegt bei 5038 Millionen Euro.

(Foto: dpa)
Workers block the headquarters of PPC during their 48-hour strike in Athens
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Die staatliche Stromgesellschaft Public Power nimmt Platz vier ein. Das Unternehmen hat einen Umsatz von 5521 Millionen Euro.

(Foto: Reuters)
Bottles of Coca Cola are seen in a store display in New York
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Mit einem Umsatz von 6854 Millionen Euro landet Coca Cola Bottling auf dem Treppchen der umsatzstärksten griechischen Unternehmen. Auch sonst mischt der Getränkehersteller vorne mit - mit 280 Millionen Euro fährt das Unternehmen den dritthöchsten Gewinn Griechenlands ein. Mit dem Börsenwert von 12.631 Millionen Euro führt Coca Cola Bottling dieses Ranking sogar an.

(Foto: Reuters)
Smoke rises from the chimneys of an oil refinery near Corinth town
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Mit 7803 Millionen Euro Umsatz landet Motor Oil auf dem zweiten Platz der umsatzstärksten Unternehmen in Griechenland. Mit einem Nettogewinn von 144 Millionen Euro landet Motor Oil hier immer noch auf dem fünften Platz.

(Foto: Reuters)
A general view of the Hellenic Petroleum refineries is seen at Aspropyrgos town
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Mit einem Umsatz von 8948 Millionen Euro landet Hellenic Petroleum auf Platz eins. Auch beim Nettogewinn landet das Unternehmen mit 166 Millionen vor Motor Oil - allerdings nur auf Platz vier im Landesvergleich. Den gleichen Platz erreicht Hellenic Petroleum mit 1757 Millionen Euro beim Börsenwert.

(Foto: Reuters)
Volkswagen verdoppelt Gewinn
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Zusammen kommen alle fünf Unternehmen auf einen Umsatz von 34.164 Millionen Euro. Zum Vergleich: Deutschlands Spitzenreiter Volkswagen erreicht alleine einen Umsatz von 159.000 Millionen Euro.

(Foto: dpa)

Welche Branchen die künftigen Stützen der griechischen Wirtschaft sein können, das vermag Hardouvelis, der nach der Wahl wieder als Wirtschaftsprofessor arbeiten will, nicht zu prognostizieren. Energie gehöre sicher dazu, auch der Tourismus. Der allerdings, sagt er, sei kein einfacher Sektor. Denn die Touristen kommen nur, wenn sie das Land sympathisch finden.

Die vielen negativen Schlagzeilen und Bilder über das Land bewirken jedoch das Gegenteil. Wütende Demonstranten, träge Bewohner, aggressive Kriminelle. Nur noch 18,8 Prozent der Deutschen erwägen einen Griechenland-Urlaub in den nächsten drei Jahren. 2010 waren es noch 23,3 Prozent.

Optimismus

Einer, der das Image wieder aufpolieren will, ist Achilles Constantakopoulos. Er ist der Chef von Temes, dem Betreiber der Costa-Navarino-Luxusresorts auf der Halbinsel Peloponnes. Sein neues Griechenland ist optimistischer. Er lebt es vor, glaubt an sein Land. „Man kann sicher zehn Gegenbeispiele finden, aber ich habe das Gefühl, dass alle verstanden haben, worum es geht“, sagt er.

Unternehmer Achilles Constantakopoulos. Quelle: Nilkos Pilos für Handelsblatt

Unternehmer Achilles Constantakopoulos.

(Foto: Nilkos Pilos für Handelsblatt)

Immer alles schlechtzureden, bringe das Land nicht weiter. Etwas tun, das es besser macht, das sei der Weg. Am besten mit einem Lächeln. „Fröhliche Menschen sind die beste Werbung“, sagt der Unternehmer. Was er nicht sagt, aber meint: Wer in eines seiner Luxushotels fährt, hat keine andere Wahl, als fröhlich zu sein. Und wer in einem seiner Luxushotels arbeitet, auch nicht.

1200 Menschen arbeiten in den Navarino-Hotels. Weitere sollen folgen. In einer Region, in der Arbeitsplätze bisher rar waren. Und die für Investoren nicht sonderlich attraktiv war. Constantakopoulos aber steckte mehr als eine Milliarde Euro in das Projekt. Allein deutsche Unternehmen bekamen Aufträge im Wert von 43 Millionen Euro.

Constantakopoulos’ Vater Vassilis war ein vermögender Reeder aus der unberührten Gegend der Peloponnes. Ihm gehörte Costamare, einer der wichtigsten Eigner von Containerschiffen weltweit. Nun gehört er seinen drei Söhnen, Achilles’ älterer Bruder Konstantinos leitet die Geschäfte. Bevor Vater Vassilis 2011 starb, setzte er sich in seiner Heimat, der Region Messinia, ein Denkmal: Costa Navarino, das wohl ehrgeizigste Tourismusprojekt des Landes, 130 Hektar groß.

Der erste Teil, Navarino Dunes, liegt direkt am Mittelmeer. Das dorfähnliche Gelände hat 766 Zimmer und Suiten, in der Mitte einen Marktplatz mit Geschäften, Cafés, Restaurants, Spa und Open-Air-Kino. Die Preise liegen zwischen 220 Euro für ein Standardzimmer bis zu 20000 für die Präsidentenvilla. Ein zweites Resort, Navarino Bay, soll im kommenden Jahr eröffnen.

Die Gegend ist traumhaft, weitgehend unbebaut, idyllisch. Ein Olivenbaum reiht sich an den nächsten, das Meer ist azurblau, die Golfplätze sind sattgrün. Es ist nicht die Gegend, an die der gemeine Tourist denkt, wenn es um Griechenland geht. Die beliebtesten Ziele sind die Inseln in der Ägäis. Constantakopoulos will das ändern. Die Hauptstraße durch die Peloponnes wurde ausgebaut, und mehrere Fluglinien, auch Air Berlin, fliegen den nahegelegenen Flughafen von Kalamata an.

Was der Altkanzler zu Griechenland zu sagen hat
Bouffier feiert 60. Geburtstag
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"Der Blick über den Tellerrand und in die Geschichte macht deutlich: Die bösen Geister der Vergangenheit sind keineswegs gebannt, sie können immer wieder zurückkommen. Das heißt: Europa bleibt eine Frage von Krieg und Frieden und der Friedensgedanke also das Bewegungsgesetz der europäischen Integration. Der Blick über den Tellerrand und in die Geschichte macht deutlich: Die bösen Geister der Vergangenheit sind keineswegs gebannt, sie können immer wieder zurückkommen. Das heißt: Europa bleibt eine Frage von Krieg und Frieden und der Friedensgedanke also das Bewegungsgesetz der europäischen Integration."

Altkanzler Helmut Kohl in einem Artikel der "Bild".

(Foto: dpa)
Altkanzler Kohl erhaelt Kissinger-Preis in Berlin
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"Wer jetzt in der Krise zweifelt, dem halte ich entgegen: Wo stünden wir heute in Europa, wenn wir den Kleinmütigen und Bedenkenträgern immer erlegen wären und die große europäische Idee nicht gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt hätten?"

Helmut Kohl in einem Artikel in der "Bild".

(Foto: dapd)
Helmut Kohl
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"Es ist wahr: Dieser Weg nach Europa war oft mühsam. Wir sind dabei auch manches Mal zwei Schritte vor- und einen Schritt zurückgegangen, und wir sind auch nicht immer so weit gekommen, wie wir es uns vorgenommen hatten."

Helmut Kohl in einem Artikel der "Bild".

(Foto: APN)
Former German Chancellor Kohl sits in front of a large photograph of himself during a news conference to promote his new book in Berlin
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"Aber auch das gehört zu Europa, und das wird sich auch in Zukunft nicht grundsätzlich ändern: dass man einander nicht überfordert, sondern miteinander das Machbare gestaltet und mit Ausdauer, Zielstrebigkeit und auch Mut immer weiter vorangeht. Das waren entscheidende Voraussetzungen für die Erfolgsgeschichte der europäischen Integration."

Altkanzler Helmut Kohl in einem Artikel in der "Bild".

(Foto: Reuters)
huGO-BildID: 2401695 German Chancellor Helmut Kohl bursts out in laughter as he listens to a speech during the budget debate at the Bundestag, the Ge
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"Nicht den Bedenkenträgern gehört die Zukunft, sondern denen, die mit einem klaren Ziel vor Augen die Dinge bewegen."

Altkanzler Helmut Kohl in einem Artikel in der "Bild" über die Zukunft Europas.

(Foto: ap)
Kohl: Leo Kirch war ein grosser Mann, ein grosser Deutscher
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„Deutschland ist schon seit einigen Jahren keine berechenbare Größe mehr – weder nach innen noch nach außen. Konrad Adenauer (...) hat mit seiner festen Haltung gegen mancherlei Widerstände ein Fundament der Berechenbarkeit und Verlässlichkeit geschaffen, auf dem alle Bundeskanzler nach ihm aufbauen konnten und können.“

Die Zitate entstammen einem Interview Helmut Kohls mit der Zeitschrift „Internationale Politik“ der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

(Foto: dapd)
Helmut Kohl - ein Leben für Deutschland und die CDU
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„Wenn ich die Entwicklung der vergangenen Jahre betrachte, dann frage ich mich schon, wo Deutschland eigentlich steht und wo es hin will. (...) Wir müssen dringend zu alter Verlässlichkeit zurückkehren. Wir müssen wieder und für andere erkennbar deutlich machen, wo wir stehen und wo wir hin wollen, dass wir wissen, wo wir hingehören, dass wir Werte und Prinzipien haben, die über den Tag hinaus gelten, für die wir einstehen und für die wir werben, und wir müssen (...) eine gemeinsame Linie finden und dann auch stehenbleiben, auch wenn der Wind uns einmal ins Gesicht bläst.“

(Foto: dpa)

Noch aber teilen nicht so viele Touristen wie erhofft die Begeisterung für das Gebiet. „Wir wussten, dass die ersten Jahre schwer werden“, sagt Constantakopoulos. „Aber es entwickelt sich gut.“ Genauere Auslastungszahlen verrät er nicht. 16 Millionen Menschen verbrachten ihren Urlaub im vergangenen Jahr in Griechenland, auch 1,8 Millionen Deutsche. Nicht weniger als 2009 und 2010. In diesem Jahr könnte sich das jedoch ändern. Das griechische Tourismusministerium befürchtet, dass eine Million Urlauber weniger kommt. „So ist das im Tourismus“, sagt Constantakopoulos. „Mal gehen die Zahlen rauf, mal runter. Hauptsache, die langfristige Tendenz geht rauf.“

Die Branche ist enorm wichtig für Griechenlands Wirtschaft. 750000 Menschen arbeiten im Tourismus; er trägt mehr als 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. In Deutschland sind es nur vier Prozent. 

Vertrauenswürdigkeit

Griechenland wird sich nicht alleine aus seiner Lage befreien können. Es braucht Investoren aus dem Ausland, genauso wie Touristen, die ihr Geld in Athen, auf Kreta oder der Peloponnes ausgeben. Yiannis Paraschis ist einer der Männer, die die Ausländer – Geschäftsleute und Touristen – ins Land holen sollen. Paraschis ist Chef der Flughafengesellschaft Athen. Und damit auch Vorstand eines der wenigen Vorbild-Unternehmen Griechenlands. Nirgendwo ist das Land wettbewerbsfähiger als am Flughafen seiner Hauptstadt. Das Griechenland von Paraschis ist vertrauenswürdiger.

Der Ingenieur hat den Flughafen, an dem der Essener Baukonzern Hochtief mit 40 Prozent beteiligt ist, seit 2007 zu einem der erfolgreichsten Unternehmen des Landes geformt. Die operative Marge liegt bei rund 40 Prozent, den Aktionären hat der Konzern im vergangenen Jahr eine Dividende von 111 Millionen Euro gezahlt.

„Dieses Geld dient der Stabilisierung der Banken“
ECOFIN meeting
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„In den vergangenen zwei Jahren und in dieser Nacht habe ich gelernt, dass Marathon wirklich ein griechisches Wort ist“, sagte EU-Währungskommissar Olli Rehn am Dienstag in Brüssel. Mehr als 13 Stunden berieten die Euro-Finanzminister die Nacht hindurch, um das zweite Milliarden-Hilfspaket für Griechenland innerhalb von zwei Jahren und den ersten Schuldenschnitt für ein Euro-Land überhaupt zu beschließen.

(Foto: dpa)
huGO-BildID: 25261553 German Finance Minister Wolfgan Schaeuble gives a joint press after an Eurogroup Council meeting on February 21, 2012 at EU hea
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Noch unklar ist, wie viel der Internationale Währungsfond zum neuen Rettungspaket beisteuert. Das soll laut IWF-Chefin Christine Lagarde in der zweiten Märzwoche entschieden werden. Beim ersten Programm hatte der IWF rund ein Drittel der 110 Milliarden Euro übernommen, für das zweite Paket wird eine niedrigere Beteiligung erwartet. Finanzminister Schäuble sagte am Dienstag, sollte der IWF doch mehr zahlen, sei dies „kein großes Problem, sondern im Gegenteil nur erwünscht“.

(Foto: AFP)
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Die privaten Gläubiger Griechenlands müssen nach den Worten von Finanzminister Wolfgang Schäuble keine weitere Einschnitte fürchten. „Die Beteiligung des Privatsektors ist mit diesem Paket abschließend definiert“, sagte Schäuble am Dienstag in Brüssel. Er bezog sich damit auf die Vereinbarungen, die den privaten Gläubiger des südeuropäischen Euro-Landes abfordern, auf 53,5 Prozent des Nominalwerts ihrer griechischen Anleihen zu verzichten.

(Foto: AFP)
Buchungsfehler bei Abwicklung der HRE durch FMS Wertmanagement
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Indirekt dürfte der Schuldenschnitt für Griechenland Milliarden kosten. Allein die sogenannte Bad Bank der verstaatlichten Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE), die FMS Wertmanagement, dürfte nach Angaben aus Finanzkreisen zu Abschreibungen in einem Volumen von 6 bis 8 Milliarden Euro gezwungen sein. Ein FMS-Sprecher konnte die genauen Folgen allerdings noch nicht beziffern.

(Foto: dapd)
Bilanzpressekonferenz Fresenius
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Ausstehende Forderungen von Fresenius an Griechenland sind nach Einschätzung des Gesundheitskonzerns nicht von der vereinbarten Umschuldung des Landes betroffen. „Unser Verständnis ist, dass wir an dem Schuldenschnitt nicht beteiligt werden“, sagte Fresenius-Finanzchef Stephan Sturm (rechts im Bild). Das Unternehmen habe für ausstehende Forderungen an Griechenland spezielle Anleihen (Zero Bonds) bekommen, erklärte Sturm. Diese würden - anders als griechische Staatsanleihen - nicht am Anleihentausch beteiligt, auf den sich private Gläubiger in der Nacht auf Dienstag mit dem Mittelmeerland verständigt hatten. Fresenius habe einen „erheblichen Teil“ der griechischen Anleihen bereits veräußert.

(Foto: dpa)
Sitzung der BayernLB-Kontrollkommission
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Der Bundesverband der deutschen Banken rechnet mit einer regen Beteiligung des Finanzsektors an dem neuen Milliarden-Hilfspaket für Griechenland. „Nur wenn alle an einem Strang ziehen, können sich die Perspektiven für Griechenland wirklich verbessern“, erklärte Bankenverbands-Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer. Er gehe davon aus, dass sich die Gläubiger zahlreich an dem Schuldenschnitt beteiligten, obwohl dieser erheblich sei. „Das muss jede Bank für sich erst einmal verkraften.“ Zugleich mahnte er, die griechische Politik müsse „ihrer Bevölkerung klar vermitteln, welche Chance das Land nun noch einmal bekommt.“ Letztlich könne sie nur selbst den Verbleib des Landes in der Währungsunion sichern.

(Foto: dpa)
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Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn kritisierte das neue Rettungspaket gegenüber „Spiegel Online“ hart: „Es geht hier gar nicht so sehr um das Land. Die Griechen werden von den Banken und Finanzinstituten von der Wall Street, aus London und Paris als Geisel genommen, damit das Geld aus den Rettungspaketen weiter fließt - nicht nach Griechenland, sondern in ihre eigenen Taschen.“

(Foto: dapd)

Paraschis gilt in Griechenland als ein Modernisierer, ein Vorzeigemanager. Von seinem Büro im sechsten Stock blickt er nicht nur auf die hügelige Landschaft, die die Fünf-Millionen-Metropole Athen umgibt, sondern auch auf einen der größten Solarparks des Landes. Fünf bis sechs Millionen Euro Umsatz pro Jahr erzielt der Flughafen damit, Zukunftsstrom ins nationale Netz zu speisen. Ein ertragreiches, intelligentes Nebengeschäft. 40 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die Flughafengesellschaft jährlich aus solchen Nebenstandbeinen, aus der Vermietung von Immobilien und mit einem Beratungsunternehmen.

Doch Paraschis weiß auch, dass 2012 ein schwieriges Jahr werden wird. Nicht nur, dass immer weniger Europäer nach Griechenland kommen wollen: Seine Landsleute haben auch immer weniger Geld, um zu verreisen. Rund 15 Millionen Passagiere fertigt der Athener Flughafen jährlich ab, zwei Drittel davon sind Touristen. Seit Ausbruch der Krise wurden es immer weniger, jetzt soll der April die Trendwende markieren. Die Passagierzahlen sind um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Deshalb ist Paraschis, der in Hamburg promoviert hat, optimistischer als noch vor sechs Monaten, erkennt einen positiven Wandel. Vor allem, weil die Unsicherheit nicht mehr so groß sei. „Die Gefahr einer unmittelbaren Insolvenz Griechenlands ist gebannt“, sagt der 52-Jährige. Wenn sein Land die reale Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen und den Staatsapparat reduzieren würde, dann könne auch das Vertrauen in die Regierung wachsen. Die Bevölkerung habe das verstanden. Die Politik, die folge hoffentlich nach dem 6. Mai.

Sein Land, sagt er vorsichtig, sei ein guter Markt für Europa. Paraschis muss das sagen, will die Investoren nicht verschrecken und die Banken erst recht nicht. Er weiß, dass das in der Vergangenheit oft nicht so war. Früher, da mischte sich die Politik in alles ein und da ließ sich die Politik beeinflussen. Korruption, Steuerhinterziehung, das gehörte in Griechenland dazu. Und zum Teil gehört es das bis heute. 

Ehrlichkeit

Einer, der das ändern will, ist Nikolaos Lekkas. Er ist der oberste Steuerfahnder des Landes. Lekkas’ Griechenland ist ehrlicher. Die Bodenplatten in seiner Behörde für die Verfolgung von Finanzverbrechen (SDOE) wackeln, die Stühle sind zerschlissen, die Wände vergilbt. Lekkas setzt andere Prioritäten. Sein Budget steckt er lieber in die Sache. „Die Party der Steuerhinterziehung in Griechenland ist zu Ende“, sagt er. „Wenn ich mich entschließe, Steuern zu hinterziehen, also zu stehlen, kann ich nicht erwarten, dass ich Schulen, Krankenhäuser und Straßen habe. Die Bürger müssen das ‚Ich’ vergessen und an das ‚Wir’ denken. Das ‚Ich’ schadet der Gesellschaft.“

Über das Unglück, ein Grieche zu sein
Dimous
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Nikos Dimous Aphorismen-Sammlung „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“ wurde in Griechenland bereits vor 36 Jahren veröffentlicht und ist nun auch auf Deutsch (Verlag Antje Kunstmann) erschienen. Was sich auf den ersten Blick wie eine Anhäufung von billigen Vorurteilen über den Griechen an sich liest, ist in Wirklichkeit eine tragikomische Auseinandersetzung des Autors mit der Seele seines Landes.

(Foto: Penelope Massouri)
Dimous
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Nikos Dimous liebevolle, aber kritisch-distanzierte Haltung zu seinem Land hat ihm den Ruf des Nestbeschmutzers eingebracht. Die Gedanken zu seinem Buch „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“ schrieb er bereits während der Obristen-Diktatur Anfang der siebziger Jahre nieder. Dennoch wirken seine Sätze erstaunlich aktuell, mit denen er den griechischen Geist zu umreißen versucht. Hier einige Auszüge aus dem leicht misszuverstehendem Werk...

(Foto: Penelope Massouri)
Griechenland - Eurokrise
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Die griechische Übertreibung

„Axiom: Ein Grieche tut alles, was er kann, um die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu vergrößern.

Das erreicht er, indem er entweder seine Forderungen ins Unerfüllbare steigert oder indem er, so gut er kann, seine Umwelt ruiniert. Oder auch mit beidem zugleich.“

(Foto: dpa)
Greece Financial Crisis
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Die griechische Übertreibung

„Der Grieche lebt entweder – oder, das heißt: entweder himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt. Eine der Folgen: die absolute Unfähigkeit zur Selbstkritik und Selbsterkenntnis.“

(Foto: dapd)
Griechische Schuldenkrise - Papandreou will Referendum
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Die griechische Übertreibung

„Der Grieche sieht, wenn er sich im Spiegel betrachtet, entweder Alexander den Großen, Kolokotronis (Anführer im griechischen Unabhängigkeitskrieg) oder (zumindest) Onassis (berühmter griechischer Reeder). Niemals den Karagiosis (Schattenspielfigur türkischen Ursprungs, verkörpert die Tugenden und Laster des griechischen Untertans, ist hässlich, verschlagen, materialistisch, aber auch witzig und manchmal sogar weise).“

(Foto: dpa)
Greece Financial Crisis
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Die griechische Übertreibung

„Ein Grieche nimmt die Realität prinzipiell nicht zur Kenntnis. Er lebt zweifach über seine Verhältnisse. Er verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann. Er weiß viermal so viel wie das, was er tatsächlich gelernt hat. Er zeigt seine Gefühle fünfmal stärker, als er sie wirklich empfindet.“

(Foto: dapd)
The Parthenon of Athens
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Die griechische Übertreibung

„Die Übertreibung ist nicht nur ein nationaler Fehler. Sie ist die Lebensform der Griechen. Sie ist die Konstante ihres Nationalcharakters. Sie ist der Hauptgrund ihres Unglücks, aber auch ihrer Glorie. Weil übertriebenes Selbstwertgefühl Ehrgefühl genannt wird. Übertriebenes Verhalten nennt man Großartigkeit.“

(Foto: dpa)

Durch Steuerhinterziehung verliert der Staat 15 bis 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, rund 35 bis 40 Milliarden Euro pro Jahr. „Wenn wir diese Summe um die Hälfte reduzieren, haben wir das Defizitproblem Griechenlands gelöst“, sagt Lekkas.

Das Problem: Alles, was die Griechen tun, dauert. Zu lange, sagt Lekkas. Von 4500 Bankkonten, deren Offenlegung seine Behörde beantragt hat, sind erst 180 Fälle abgeschlossen. Weil die Bürokratie Lekkas und seine 600 Steuerfahnderkollegen lähmt. Die abgeschlossenen Fälle immerhin haben Steuerstrafen in Höhe von 400 Millionen Euro eingebracht. Damit es noch mehr werden, fordert er schnellere Gerichtsverfahren, erfahrenere Juristen, Online-Zugriff auf die Kontobewegungen von Verdächtigen, junges Personal, das sich mit der Technik auskennt.

Lekkas Behörde ist nur eine von vielen, die Neuerungen braucht, um besser arbeiten zu können. Das erschöpfte Land braucht Ideen, braucht Reformen. 

Reformwillen

Änderungen, an denen der Ökonom Manos Matsaganis mitwirken will. Sein Griechenland ist reformwilliger. Er weiß, dass dies eine schwierige Aufgabe ist. Denn es ist nicht weniger als die Rettung eines gesamten Landes. Der 48-Jährige sitzt in seiner Wohnung nahe der Akropolis, dem berühmtesten Bauwerk Athens, und referiert darüber, was geschehen muss, um seine Heimat endlich zukunftsfähig zu machen. Die Verwaltung verschlanken, den Ruf im Ausland wiederherstellen, Korruption bekämpfen, Bürokratie abbauen und trotz aller Sparmaßnahmen die Schwachen schützen.

Professor. Manos Matsaganis. Quelle: Nilkos Pilos für Handelsblatt

Professor. Manos Matsaganis.

(Foto: Nilkos Pilos für Handelsblatt)

Vor sechs Monaten war Matsaganis noch ein einfacher Wirtschaftsprofessor, heute ist er bei den Wahlen Kandidat für einen Platz im Parlament. Er hat sich einer neuen Partei angeschlossen, der Demokratischen Linken, die erst im Juni 2010 entstand, mitten in der Krise. In Umfragen liegt sie bei neun bis zwölf Prozent. Ihr Motto: Eine neue Hoffnung wird geboren.

Wie diese Hoffnung aussehen soll, ist jedoch unklar. Die Partei lehnt die Hilfskredite und die Sparauflagen ab. Im Gegensatz zu anderen Linksparteien bekennt sie sich zwar zur EU-Mitgliedschaft und zum Euro. Sie hat bisher aber nicht erklärt, wie sie sich eine Lösung der Schuldenmisere vorstellt. Vielleicht, weil sie sich bisher nicht auf eine einheitliche Linie einigen kann.

Die Griechen-Profiteure
A man walks past a Hellenic Telecom branch in central Athens
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Bei der bereits teilprivatisierten Telefongesellschaft OTE: Zuschuss für Aufwärmung der Dienstfahrzeuge in Höhe von 25 Euro monatlich. Nach Angaben der Gewerkschaft am Montag wurde dieser Zuschuss abgeschafft. Die Angestellten fordern aber, dass er wieder eingeführt wird.

(Foto: Reuters)
A man stands as a train passes in front of him at a central train station in Athens
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Besonders kuriose Vergünstigungen bekommen die Lokführer der Staatsbahnen OSE, die ohnehin bis zu 7.000 Euro im Monat verdienen: sie bekommen eine Prämie für jeden gefahrenen Kilometer, und ihre freien Tage haben nicht 24 sondern 28 Stunden. Hinzu kommt ein Zuschuss für das Händewaschen in Höhe von 420 Euro monatlich. Dieses Geld bekam bislang fast ein Viertel der Angestellten, die auf Zügen arbeiteten.

(Foto: Reuters)
Demonstration against the Greek Government's pending austerity me
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Bürger protestieren gegen den Sparkurs. Der ist aber nötig, wie auch folgendes Beispiel zeigt: Für Boten von Ministerien gibt es bislang in Griechenland einen Zuschuss von 290 Euro im Monat - wenn sie Akten tragen.

(Foto: dpa)
File photo of employee typing on a computer keyboard
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In vielen griechischen Behörden bekommen Beschäftigte Zulagen für die Bedienung eines Fotokopiergerätes. Auch wer einen PC bedienen kann, bekommt dafür eine Prämie.

Die meisten Zuschüsse stehen mittlerweile auf dem Prüfstand oder sollen gestrichen werden.

(Foto: Reuters)
A man walks past an empty bus station during a strike of public transport workers in Athens
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Den Busfahrern der staatseigenen Athener Verkehrsbetriebe wird der Weg zur Arbeit und der Heimweg auf die Arbeitszeit angerechnet. Wer rechtzeitig seine Arbeit antritt, wird mit 310 Euro belohnt.

(Foto: Reuters)
Hölzerner Hammer auf Richterbank
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Richter erhalten einen Bonus, wenn sie Fälle „schneller“ bearbeiten.

(Foto: dpa)
RABATT
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Viele Bedienstete des griechischen Kulturministeriums bekommen eine „Bekleidungszulage“.

(Foto: ap)

Ganz überzeugt scheint Matsaganis denn auch nicht von seiner Kandidatur. Denn er weiß, ohne Sparen geht es nicht. Doch auch, wenn Teile seiner Partei das anders sehen: Er will sich nicht vorwerfen müssen, sich nicht einzubringen. Darum stellt er sich der Herausforderung, der Reifeprüfung. Denn er glaubt, anders als seine Partei, dass die Griechen die Einschnitte akzeptieren müssten, dass Veränderung notwendig ist. Matsaganis selbst hat bereits 20 Prozent seines Gehalts eingebüßt.

Der 48-Jährige will als Politiker versuchen, seine Studenten in Griechenland zu halten, den Guten Anreize zu bieten, nicht ins Ausland abzuwandern. Damit ihre Ideen in Griechenland bleiben. Die Voraussetzungen, in Griechenland ein Unternehmen zu gründen, müssen besser werden, fordert Matsaganis deshalb. „Die jungen Menschen sollen hier ihre Betriebe aufbauen“, sagt er. „Hier Steuern zahlen, wachsen und sich etwas aufbauen.“ 

Mut

So wie Christos Papazafeiropoulos. Hochqualifiziert, hochmotiviert – und doch kurz davor, sein Internet-Start-up wieder einstellen zu müssen. Sein Griechenland muss mutiger werden. Mutiger, in die Zukunft zu investieren, auch wenn sie ungewiss ist. Der 27-Jährige hat in Schweden studiert, dort beim Telekomkonzern Ericsson gearbeitet – und ist zurückgekehrt. Mit drei Freunden gründete er im Herbst 2010 in Athen „iMellon“; sie entwickeln Apps, Programme für Mobiltelefone.

Start-Up-Gründer Christos Papazafeiropoulos. Quelle: Nilkos Pilos für Handelsblatt

Start-Up-Gründer Christos Papazafeiropoulos.

(Foto: Nilkos Pilos für Handelsblatt)

Was ihnen fehlt, sind Investoren genauso wie Kunden. Die einen scheuen das Risiko, die anderen haben kein Geld. Für zwei kleinere Firmen programmieren die Jungunternehmer zurzeit. Für ihre Hauptidee eines mobilen Stadtführers durch Athen aber finden sie keinen Finanzier. 3000 Nutzer hat die App bislang, aber solange sie kostenlos ist, verdienen die Freunde kein Geld damit. „Wir stecken immer noch unser eigenes Geld in das Start-up“, sagt Papazafeiropoulos. „Wir kämpfen ums Überleben.“

Alle zwei Monate treffen er und seine Freunde sich zur Krisensitzung, wie die Großen der Politik, und fragen sich, wie es weitergehen kann. Aufgeben wollen sie nicht. Aber dafür muss sich bald etwas tun. Die beste Idee, sagt er, bringt nichts, wenn das unternehmerische Umfeld nicht stimmt. „Bis heute weiß ich nicht, wie viel Steuern wir noch für das Start-up zahlen müssen.“

63000 neue Unternehmen gab es 2010 in Griechenland, aber es gingen auch 56 000 pleite. Zum Vergleich: In Deutschland gab es gut 400000 Unternehmensgründungen und gut 30000 Insolvenzen. Es ist eine kleine Gründerszene, die sich in Griechenland im „Colab workspace“ versammelt hat, einem unscheinbaren Bürogebäude nahe des Syntagma-Platzes. Dort, wo die Proteste der Griechen ihren Anfang nahmen, dort versammeln sich die jungen Kreativen. Sie teilen sich die Kosten für Büromaterial, Telefon und den Schreibtisch – und arbeiten gleichzeitig an einem gemeinsamen Netzwerk. Doch Papazafeiropoulos zweifelt immer mehr an seiner Chance auf Erfolg. Sein Pessimismus droht eine ganze Generation zu erfassen.
ENGAGEMENT

Engagement

Eine Generation, zu der auch der Künstler Polydoros Karyofyllis gehört. „Ich bin von Natur aus pessimistisch“, sagt er. Die Situation der Griechen mache es ihm nicht leicht, die Dinge positiv zu sehen. Das „große Drama“, wie er es nennt, habe nur einen positiven Nebeneffekt: „Die Menschen rücken enger zusammen, zeigen eine größere Teilnahme.“

Künstler Polydoros Karyofillis. Quelle: Nilkos Pilos für Handelsblatt

Künstler Polydoros Karyofillis.

(Foto: Nilkos Pilos für Handelsblatt)

Die Menschen in seinem Griechenland sind engagierter. Karyofyllis ist Kurator der Athener Biennale. Lange war nicht klar, ob Karyofyllis und seine Kollegen die Kunstschau im vergangenen Herbst finanziert bekommen. Das Budget von 1,5 Millionen Euro war um ein Sechstel gekürzt worden, private Geldgeber gab es kaum. Trotzdem kamen rund 20 000 Besucher; das Interesse war größer als die beiden Male zuvor.

Kreativität kennt keine Krise. So pessimistisch, wie Karyofyllis vorgibt zu sein, ist er in Wirklichkeit nicht. „Die Menschen werden mehr und mehr zu einer Einheit und arbeiten zusammen“, sagt er. „Sie wollen mitwirken an einer Lösung.“

Er ist sich da einig in seiner Einschätzung, mit Gikas Hardouvelis und Yiannis Paraschis, mit Christos Papazafeiropoulos und Achilles Constantakopoulos, mit Nikolaos Lekkas und Manos Matsaganis. Ob sie Minderheit bleiben oder Mehrheit werden? Ob sie weiter in Visionen schwelgen oder Realitäten schaffen? Die Antworten können nur die Griechen geben. Sie entscheiden mit der Wahl, wo genau sich ihr Weg zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchschlängeln soll. Sie müssen ein bisschen mehr werden diese sieben Griechen mit ihrer Vision vom neuen Griechenland. Dann endet die Reifeprüfung mit dem Reifezeugnis.



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Mehr zu: Ortsbesuch - Die Sisyphusarbeit der Griechen

27 Kommentare zu "Ortsbesuch: Die Sisyphusarbeit der Griechen"

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  • Betr. Zeus
    Also - ich glaube inzwischen, dass die Redaktion diesen Zeus erfunden hat, um die Klickquote zu erhöhen...
    So einfältig kann doch ein echter Mensch gar nicht sein. Trotzdem: herzlichen Glückwunsch, Redaktion! Gute Idee!

  • Auch wenn der Dokumentarfilm anstrengend ist, zeigt er doch, wie verbrecherisch dieses illegitime Schuldensystem aufgebaut ist.
    Der einzige Ausweg ist die Aufklärung der Völker über die Illigitimität der handelnden Regierungen Europas!
    Sehr guter Film.
    Danke für den Link

  • Der Artikel ist etwas langatmig so viel Zeit habe ich nicht. Wenn GR aus dem Euro austräte, müsse man sich um das Wachstum keine Gedanken mehr machen. GR würde boomen.

    Die langatmigkeit zeigt nur wie schwierig es ist Hoffnung herbeizuschreiben. Die Scheere zwischen uns und GR wird jede einzelne Stunde größer.

    Mit jeder Stunde, die GR auf der Euro-Austritt verzichtet, werden sie nur tiefer in den Abgrund rutschen.

    Es ist ja gerade das Ziel des Euros die PIIGS mittels Export auszubeuten, bis ihr Blut kommt. Und jetzt kommt Blut.

  • @HabeMeinenUrlaubStorniert

    Wie verblendet kann man nur sein!! Das hat Du wohl von deinen Verbrecher-Vorfahren geerbt. Das gilt auch für den Beitrag von ANDRE. Solche inhaltslosen Geister konnten schon immer leicht manipuliert werden. Einfach armselig, so etwas von sich zu geben. Aber zu einer Demokratie gehört es, dass auch diese Äußerungen getätigt werden können. Diese Demokratie wurde von jener Kultur geründet und hat die gesamte westliche Welt maßgeblich geprägt,die Du nun mit deinem ungewaschenen Mund gänzlich beschimpfst. Du solltest um diese Zeit lieber schlafen als im Suff solche Kommentare zu schreiben. NICHTSNUTZ

  • Mir ist unklar, weshalb die Handelsblatt-Redakteure entgegen der offiziellen GR-Notenbank eine so optimistische Äußerung abgeben können. Noch vor 5 Tagen, am 25.4.2012, erschien an dieser Stelle der Wortlaut "Eurokrise 2.0 spitzt sich weiter zu
    Die griechische Wirtschaft wird 2012 noch weiter abstürzen, prognostiziert die Griechische Zentralbank. Ihr Chef, Giorgos Provopoulos, attackiere die Politiker in Athen hart, meint das » Handelsblatt. Provopoulos habe die Regierung zu "entschlossenen Reformen" aufgerufen, denn in den beiden vergangenen Jahren hätten "Nachlässigkeiten und Verzögerungen" die Schuldendynamik beschleunigt." (von mir einkopiert). Wer, bitte, hat wohl mehr Einblick in die tatsächliche GR-Situation? Eine Antwort dazu ist überflüssig.

  • Die ökonomischen und finanzpolitischen Mentalitätsunterschiede zwischen Süd- und Mittel/Nordeuropa sind zu unterschiedlich, als das sie in wenigen Jahren, geschweige denn Generationen angeglichen werden könnten. Mit den laufenden Transferleistungen gibt es keinen ausreichenden Druck auf die Südländer zur Anpassung an die notwendigen ökonomische Realitäten, zum Beispiel die Arbeitsproduktivität spürbar zu steigern. GR 16,50 €/Arbeitsstunde, D 39,60 €/Arbeitsstunde, alles laut OECD. Da liegen Welten dazwischen. Nur als Beispiel. Mentalitäten lassen sich weder mit Sparprogrammen noch mit Krediten und schon gar nicht mit Subventionen verändern, sondern nur mit ökonomischen Zwängen, wie dem Wechselkursmechanismus. Diese Erkenntnis ist überhaupt nicht neu, wird nur vor lauter falscher Solidarität permanent von den Politikern ignoriert. Die EURO-Transferunion ist damit dauerhaft installiert.

  • Wie sich die Geschichte wiederholt! Im Jahre 1832 wird von England und Frankreich, den hauptsächlichen Geldgebern des befreiten Griechenlands, der bayerische Prinz Otto, Sohn von König Ludwig I als erster griechischer König eingesetzt. Er sollte Garant für eine Verwaltung sein, die eine spätere Rückzahlung ermöglicht. Sein Vater schickt ihn mit seinen besten Experten der Verwaltung, einer bayerischen Armee und 60 Millionen Franken los. Der bayerische Architekt Friedrich von Gärtner errichtet den Staatspalast nach Anregungen von Klenze und Schinkel. Wir sehen ihn fast jeden Abend in den Nachrichten, mit dem Kommentator auf dem Syntagma-Platz im Vordergrund und lassen uns von der Fassade auf das klassische Griechenland einstimmen. Doch der bayerische Architekt überlegte sich wohl, wie ein Engländer sich die klassische griechische Architektur vorstellt. Die Griechen wurden nie gefragt. Die hätten lieber eine byzantinische Hagia Sophia (natürlich ohne die später dazugebaute Minarette) gewünscht. Doch in der Regierung Ottos war kein einziger Grieche, nur bayerische Technikraten. Diese erreichten tatsächlich 1842 einen ausgeglichenen Haushalt. Doch schon 1843 revoltierten die im Freiheitskampf gegen die osmanische Herrschaft leiderprobten Griechen gegen die „Bavarokratia“ (Griechischer Orginalton Βαυαροκρατία ) . Otto sprach perfekt Griechisch, aber ob er seine tief in der identitätsgebenden orthodoxen Kirche und im Byzantinismus verwurzelte Landeskinder verstanden hat, darf bezweifelt werden. Hat er die tiefe Menschlichkeit in der einfachen Bevölkerung irgendwann einmal spüren dürfen?
    Es wird Zeit einmal schonungslos die Realität zur Kenntnis zu nehmen.
    Unser Bild von den Griechen liegt zwischen verlogenen Betrügern und gebildeten Kindern von Plato und Alexander dem Großen. Die Krise könnte auch die Chance zu einem realistischen gegenseitigen Verstehen und Neustart in gegenseitiger Wertschätzung werden. Verblendung schafft nur neues Leid.

  • Also nach zwei Jahren Griechenlandkrise und exorbitanten Schuldenberg wird man konfrontiert mit Rentnern, die Probleme in der Arzneimittelversorgung haben. Dies kommt u.a. da es noch offene Rechnungen gab, die nicht bezahlt worden sind. Die Lieferung scheint erfolgt zu sein und der Verkauf höchstwahrscheinlich auch. Jeder regt sich über die Arzneimittelversorgung auf, aber niemand über die Tatsache, dass da ein Haufen Geld vom Tisch gefallen ist. Bis heute beinahe keine Artikel zu diesem Thema, wobei gerade dies für Griechenland wichtig wäre. Will das land eine wirkliche Chance, dann muss man schon schauen, wer was verursacht hat und gegebenenfalls auch mal die legalen Konsequenzen von betrügerischen Handlungen erfahren lassen. Aus diesem Grunde sehe ich auch keine guten Chancen für Griechenland. Wobei ich benachdrücken möchte, dass der Durchschnitssbürger in so einer Gesellschaft wahrscheinlich wenig mitzubestimmen hat. Wie überall, man passt sich an und adaptiert sich an die Umstände. So lange die Umstände gleich bleiben, findet keine neue Ausrichtung statt.

  • Deutschland rettet Griechenland mit Hilfszahlungen und die Griechen verbrennen oeffentlich deutsche Fahnen und spucken in das Essen von deutschen Urlaubern. Nie wieder Urlaub in Griechenland!!!

  • @Andre

    Der durchschnittliche Grieche hat die desaströsen Entwicklungen weder verursacht noch zu verantworten.

    Vielleicht sollten Sie deshalb Ihr Statement nochmals überdenken und Urlaub in privat geführten griechischen Hotels verbringen.

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