Bedrohte Kleinbauern

In Malaysia erwirtschaften 650.000 Menschen ihr Einkommen mit Palmöl.

(Foto: dpa)

Palmöl-Streit mit Südostasien Europa droht ein Handelskrieg

Das EU-Parlament will umstrittene Palmöl-Importe eindämmen. Doch der Schritt, der die Umwelt schützen soll, sorgt in Malaysia und Indonesien für Empörung. Kleinbauern fürchten um ihre Existenz.
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BangkokEuropas Umweltschützer machen dem malaysischen Bauern Ambrose Anbu richtig Angst. Normalerweise arbeitet er auf einer kleinen Plantage auf der Insel Borneo. Was in der EU gerade geschieht, hat ihn aber so wütend gemacht, dass er bis in die Hauptstadt Kuala Lumpur reiste, um zu protestieren. Zusammen mit rund 1700 Bauern zieht er vor die Büros der örtlichen EU-Delegation. Viele haben selbstbemalte Banner mitgebracht. Auf ihnen stehen Sätze wie: „Unser Leben hängt von Palmöl ab“ und „Palmöl ermöglicht meiner Familie das Essen“.

Palmöl, das aus den Früchten der Ölpalme gewonnen wird, ist eines der erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Exportgüter Malaysias: Kritiker bringen den Rohstoff, der sowohl in Shampoos als auch in Tiefkühlpizza steckt, in Verbindung mit massiver Abholzung von Regenwäldern. Um Platz für die Plantagen zu schaffen, kommt es regelmäßig zu Brandrodung. Das EU-Parlament will die Nachfrage nach dem Öl nun eindämmen: Am Mittwoch beschlossen die Abgeordneten, Palmöl als Basis von Biokraftstoffen ab 2021 zu verbieten. Die Palmölexporteure Malaysia und Indonesien, die für 90 Prozent der globalen Produktion stehen, wollen sich das nicht bieten lassen: Sie drohen mit einem Handelskrieg.

Ambrose Anbu gehört zu den rund 650.000 Kleinbauern, die in Malaysia ihr Einkommen mit dem geschmähten Öl erwirtschaften. „Bevor wir die Plantagen mit den Ölpalmen hatten, gab es in meinem Dorf keine Straßen und keinen Strom“, erklärt er lokalen Journalisten. „Die Frucht hat unser Leben verbessert. Jetzt haben wir Straßen, ein Einkommen und unsere Kinder können zu Schule gehen.“ Der Beschluss der EU-Parlamentarier gefährde nun das bisschen Wohlstand, warnen die protestierenden Bauern. Ähnlich äußerte sich vergangene Woche Malaysias Plantagenminister Mah Siew Keong in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt: Er sprach von einer Armutsfalle für Hunderttausende.

Am Tag nach der Entscheidung in Straßburg zeigte sich der Politiker entsetzt. Es sei ein schwarzer Tag für den freien Handel, sagte er auf einer Veranstaltung von Palmölproduzenten in Kuala Lumpur. Er forderte den Rat der Europäischen Union, der dem EU-Parlamentsvorstoß noch zustimmen muss, dazu auf, das Vorhaben zu stoppen. Der Minister warnte die Europäer vor ökonomischer Vergeltung: „Glaubt nicht, dass wir weiter Produkte aus Europa kaufen werden.“ Zuvor hatte Mah bereits ein geplantes Freihandelsabkommen mit der EU wegen des Konflikts in Frage gestellt.

Auch Indonesiens Präsident Joko Widodo sprach mit Blick auf das Vorhaben des EU-Parlaments von „unfairen Maßnahmen“. Indonesien und Malaysia beklagen, dass Palmölproduzenten ungerechterweise als Umweltsünder herausgegriffen werden, während gleichzeitig auch andere Nutzpflanzen als Basis von Biosprit zur Abholzung beitragen. Dass an dem Argument etwas dran ist, zeigt etwa eine Anfang Januar veröffentlichte Untersuchung der Umweltschutzorganisation Mighty Earth, die dokumentierte, wie in Argentinien 120 Quadratkilometer Wald abgeholzt wurden, um Platz für neue Sojafelder zu schaffen. Diese belieferten wiederum Produzenten von Biodiesel.

Dennoch ist kaum zu leugnen, dass das Problem in der Palmölindustrie besonders dramatisch ist: Regelmäßig sind die Inseln Borneo und Sumatra sowie sogar nahegelegene Metropolen wie Singapur wegen illegaler Brandrodung von Palmölproduzenten in dichte Rauchschwaden gehüllt. Wegen der Abholzung ist die Klimabilanz von Biodiesel mit Palmölbasis drei Mal schlechter als die von herkömmlichen Diesel, stellte die Umweltorganisation T&E 2016 in einer Analyse fest. Zwar zeigt die Untersuchung auch negative Umweltfolgen von Raps- und Sojaölen – beim Palmöl waren sie aber mit Abstand am größten.

Die Erkenntnisse sind für die Weltmarktführer Indonesien und Malaysia geschäftsschädigend: Die EU ist für ihren Rohstoff der zweitwichtigste Exportmarkt – hinter Indien, wo Palmöl vor allem zum Kochen verwendet wird. Allein aus Indonesien importierte die EU zuletzt Palmöl im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro im Jahr. Die in der EU verbrauchten Biokraftstoffe werden derzeit zu rund einem Drittel aus Palmöl gewonnen.

Palmöl und seine Folgen
Eine illegale Plantage
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In den Hauptanbauländern Indonesien und Malaysia, erschweren lokale Machtstrukturen und Korruption die Umsetzung von Umweltauflagen.

Palmölnüsse
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In tropischen Ländern werden für den Anbau von Ölpalmen riesige Flächen Urwald brandgerodet. Der extensive Anbau schädigt die Umwelt und auch die Arbeitsbedingungen der Landarbeiter sind immer wieder Gegenstand von Kritik.

Palmoelnuesse
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Ölpalmen benötigen viel weniger Platz als Alternativen, um dieselbe Menge Öl zu produzieren: Während sich auf einem Hektar Anbaufläche 3,3 Tonnen Palmöl gewinnen lassen, liegt der Ertrag von Raps-, Kokos- und Sonnenblumenöl bei nur 0,7 Tonnen. Aus Sojapflanzen lassen sich auf derselben Fläche sogar nur 0,4 Tonnen Öl produzieren. Das macht Palmöl mit 700 bis 1.200 US-Dollar pro Tonne auch günstiger als andere Öle.

Gesundheitliche Auswirkungen
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Um die rote Farbe und den unangenehmen Geruch der natürlichen Nuss zu beseitigen, wird das Öl auf über 200 Grad erhitzt, Dabei entstehen so genannte Glycidil-Ester. Die europäische Behörde für Lebensmittelschutz (efsa) gab im Mai eine Studie heraus: Glycidil-Ester und das bei der Verdauung daraus entstehende Glycidol, stufte sie darin als karzinogen und gentoxisch ein. Das heißt, Glycidol ist krebserregend. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt deshalb, Palmöl so weit wie möglich zu vermeiden. Die europäische Kommission hat im Herbst deswegen erst einmal Grenzwerte für Glycidil-Ester festgelegt.

Orang-Utan Rettungsstation
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In der Quarantäne-Zentrum der Organisation Sumatran Orang Utan Conservation Program (SOCP) im Hinterland von Medan, hausen dutzende von Tieren in großen Stahlkäfigen, mitten im Urwald. Eine Gruppe von Wärtern füttert die Affen, pflegt sie bei Krankheit, versorgt ihre Wunden.

Orang Utan Baby
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Die Orang-Utans, die es nur auf Sumatra und Borneo gibt, brauchen nach wie vor dringend Hilfe: Obwohl sie schon seit mehr als 60 Jahren unter Schutz stehen, landen noch immer Tiere auf dem Schwarzmarkt. Manche von ihnen werden in Kleidchen gezwängt und wie Puppen behandelt, andere sogar als Sexsklaven missbraucht. Die Zerstörung ihres Lebensraumes für Palmölplantagen ist als Problem in den letzten Jahren hinzugekommen.

Vom Aussterben bedroht
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Die Öl-Plantagen fressen sich tief in den Regenwald und bedrohen den Lebensraum von Tieren, etwa dem Orang-Utan.

Die Kritiker der EU-Parlamentsentscheidung werfen jedoch die Frage auf, ob Europas Umweltschutz auf Kosten von Bauern in Schwellenländern gehen sollte. In Malaysia werden rund 40 Prozent der Ölpalmen von Kleinbauern gepflanzt. „Die Palmen haben sich in Indonesien und Malaysia als eines der stärksten Instrumente zur Armutsbekämpfung herausgestellt“, kommentierte Ahmad Ibrahim, Forscher an der Academy of Sciences Malaysia. „Es kann keine Nachhaltigkeit geben, wenn das Armutsproblem nicht gelöst ist.“

Ähnlich äußerte sich Richard Mani Banda, der die Palmölbauern unter der indigenen Bevölkerung Borneos vertritt: „Europa schwächt die indigenen Volksgruppen“, sagte er. „Familien wird das Einkommen genommen, das sie brauchen, damit ihre Kinder ebenso gut ausgestattet zur Schule gehen können, wie es auch den Kindern in Berlin und London möglich ist.“

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1 Kommentar zu "Palmöl-Streit mit Südostasien: Europa droht ein Handelskrieg"

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  • Wer mit dem Flieger in Kuala Lumpur landet, sieht über einen längere Distanz riesige Ölpalm-Wälder,- und denkt erst dann darüber nach, wer die Gewinner dieser Ölindustrie sind. Die Ölbauern haben mit Sicherheit am wenigsten davon, aber dennoch hat sich ihr Leben wesentlich verbessert. Man kann der EU nur empfehlen den Umweltschutz zu Lasten der Ärmsten in Indonesien und Malaysia nicht zu überdehnen und der Ökoreligion in diesen Ländern die ROTE KARTE zu zeigen.

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