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Pandemie-Bekämpfung Gemeinsam bestellen, getrennt impfen: Strategien von sechs EU-Ländern im Vergleich

Bei der Sicherung der Impfdosen gegen Covid-19 zeigt die EU eine lohnende Einigkeit. Die Vorbereitung der nationalen Impfkampagnen variiert aber stark.
04.12.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
In wenigen Wochen sollen die ersten Menschen gegen Corona geimpft werden. Quelle: dpa
Spritze mit Impfstoff

In wenigen Wochen sollen die ersten Menschen gegen Corona geimpft werden.

(Foto: dpa)

Paris, Rom, Stockholm, Madrid, Wien, Berlin Der Weckruf kam im Mai 2020: Die erste Welle der Corona-Pandemie geht zurück und die Regierungen der EU-Länder hecken alle unterschiedliche nationale Strategien aus, diesmal für die Versorgung mit einem Impfstoff.

Doch dann erreicht sie eine beunruhigende Nachricht: Sanofi, in Frankreich beheimateter Pharmamulti, soll sich der America-first-Strategie von US-Präsident Donald Trump gebeugt haben. Die USA würden als Erste mit dem Impfstoff beliefert, den Sanofi entwickelt, wird aus Übersee gemeldet.

Der nationale Weg, das ist damit klar, führt Europa ins Abseits. Binnen sechs Wochen raufen sich Frankreich, Deutschland, Italien und die Niederlande zu einer Impfstoff-Allianz zusammen. Daraus wird eine EU-Operation: Die EU-Kommission bestellt bei verschiedenen Laboren, Sanofi inklusive, Hunderte von Millionen Dosen, unterlegt mit einer Vorfinanzierung. Die gebündelte Schlagkraft der Europäer überzeugt die Pharmaunternehmen. Und der Erfolg überzeugt die Europäer: Sie bleiben größtenteils solidarisch.

Reynilda Veugelers, Wirtschaftsprofessorin in Leuven und Fellow beim Brüsseler Thinktank Bruegel sieht die EU-Kooperation positiv: „Der gemeinsame Einkauf stärkt die Verhandlungsmacht, er ermöglicht auch eine bessere Diversifizierung der Impfstoffe, das verringert die Risiken.“ Allerdings bemängelt sie: „Ich weiß nicht, wie weit die EU-Kommission ihre Verhandlungsmacht tatsächlich nutzt, denn sie kommuniziert nicht genug darüber.“

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    Mittlerweile rückt die Zulassung und Vermarktung der ersten Wirkstoffe näher. Großbritannien hat das Vakzin des Mainzer Unternehmens Biontech bereits zugelassen, die EU will erst am 29. Dezember darüber entscheiden. Damit rückt die Frage näher, wie viel Gemeinsamkeit es in Europa bei der Verteilung und dem Einsatz des Impfstoffs wirklich geben wird. Das Handelsblatt hat Impfbeschaffung und die geplanten Impfkampagnen der sechs EU-Länder Deutschland, Frankreich und Italien, Spanien, Schweden und Ungarn verglichen.

    Beschaffung: Deutschland und Ungarn scheren aus

    Bis heute ist es beim gemeinsamen EU-Vorgehen geblieben. Alle Länder wollen ihre Quote, die sich aus dem nationalen Bevölkerungsanteil ergibt, aus der EU-Gesamtmenge von mehreren Hundert Millionen Dosen ziehen. Nur Deutschland und Ungarn gehen neben dem europäischen auch den nationalen Weg.

    Neben der EU-Beschaffung sicherte sich Deutschland auf bilateralem Weg zusätzliche Vorrechte an den Ergebnissen von drei heimischen Impfstoffentwicklern, die im Gegenzug insgesamt 750 Millionen Euro an zusätzlicher Forschungsförderung erhielten. Darunter ist auch der vielversprechende Impfstoffkandidat von Biontech.

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    Genaue Angaben zu den Absprachen macht die Bundesregierung nicht. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach Mitte November aber davon, dass Deutschland über den EU-Verteilmechanismus und die direkten Verträge „bis zu 100 Millionen Dosen“ des Biontech-Impfstoffs bekommen könnte.

    Ungarns Regierungschef Viktor Orbán hat mit seiner Ankündigung, den umstrittenen russischen Corona-Impfstoff Sputnik V zu importieren sowie fast drei Millionen Dosen in China zu ordern, in Brüssel für Aufregung gesorgt. Budapest erhofft sich von Sputnik V wirtschaftliche Chancen. Zur Diskussion steht, den Impfstoff auch in Ungarn in Lizenz herstellen zu lassen.

    Von einem Ende der Zusammenarbeit mit der EU kann allerdings keine Rede sein. Orbán zufolge hat sich Ungarn mithilfe der EU-Kommission zwölf Millionen Impfdosen gesichert, 6,5 Millionen davon stammten von Astra-Zeneca. Orbán hält sich damit die Tür zu den Großmächten Russland und China offen, ohne auf das europäische Sicherheitsnetz zu verzichten.

    Die französische Regierung verzichtet nach eigenen Angaben auf zusätzliche nationale Kontingente. Präsident Emmanuel Macron fuhr aus der Haut, als er von Sanofis Deal mit Trump erfuhr. Seinen damaligen Premier ließ er sofort erklären, ein Impfstoff müsse wie ein globales öffentliches Gut behandelt werden.

    Am 16. Juni kündigte Macron beim Besuch eines Sanofi-Werks bei Lyon an, der Staat werde 200 Millionen Euro für die Re-Lokalisierung bestimmter Pharmaproduktionen zahlen. Der französische Regierungssprecher Gabriel Attal erwähnte später bilaterale Impfstoffbestellungen der Regierung.

    Ein Sprecher des Industrieministeriums, das gemeinsam mit dem Gesundheitsressort die Versorgung mit dem Vakzin organisiert, bezeichnete das später als Missverständnis. „Die Bestellungen Frankreichs finden ausschließlich innerhalb der Mengen statt, die die EU-Kommission ordert.“ Von jeweils 100 bestellten Impfdosen „werden 15 an Frankreich geliefert, entsprechend seinem Anteil an der Bevölkerung der EU-27“. Sanofi bestätigt, dass es keine gesonderten Absprachen mit der französischen Regierung gebe.

    Italien bekommt, analog zur Bevölkerung, 13,46 Prozent der reservierten EU-Dosen. Das Land verlässt sich komplett auf die EU. Insgesamt beläuft sich die EU-Orderliste für Italien auf rund 202 Millionen Impfdosen. Allein auf Biontech/Pfizer entfallen rund 27 Millionen.

    Das spanische Gesundheitsministerium erklärt, dass es sich ausschließlich über die EU-Kontingente Corona-Impfstoffe gesichert habe, und zwar weit mehr, als das Land benötigt – insgesamt 140 Millionen Dosen. Da einige Impfstoffe zwei Mal verabreicht werden müssen, kann Spanien damit 80 Millionen Menschen impfen – deutlich mehr als seine 47 Millionen Einwohner. Die nicht benötigten Mittel sollen an ärmere Länder gespendet werden.

    Schweden hat sich wie auch Dänemark und Finnland dem Impfstoffbeschaffungsprogramm der EU-Kommission angeschlossen. Bilaterale Verträge mit den Impfstoffherstellern wurden nicht abgeschlossen. Der Anteil, den die Länder über die Abkommen der EU-Kommission erhalten werden, ist für die Impfung der Gesamtbevölkerung ausreichend. Die nordeuropäischen Länder erwarten die ersten Lieferungen Anfang des neuen Jahres.

    Impfkampagnen: Die Kühlanforderungen unterschiedlich im Griff

    Die EU-Staaten sind unterschiedlich weit mit der Vorbereitung ihrer Impfkampagnen. In Deutschland laufen die Vorbereitungen für erste Impfungen auf Hochtouren: Die Bundesländer sollen bis zum 15. Dezember Impfstoffzentren schaffen, in denen die erforderliche Ultrakaltlagerung des Gen-Präparats von Biontech möglich ist. Auch mobile Impfteams sind in der Anfangsphase geplant, die in Krankenhäuser und Pflegeheime gehen.

    Priorität haben medizinisches Personal und Menschen, die einer Risikogruppe angehören. Für die späteren Impfungen in der Breite der Bevölkerung setzt die Bundesregierung auf klassische Impfstofftypen, die weniger komplexe Anforderungen haben und in Arztpraxen verabreicht werden können.

    Frankreich will wie Deutschland auf freiwilliger Basis impfen. Die Impfung ist kostenlos. Sobald die Zulassungen vorliegen, sollen Menschen über 70 Jahre in Altersheimen sowie medizinisches Personal geimpft werden. Erst „im Mai oder Juni“ werde die Regierung dann unter Rückgriff auf leichter zu transportierende Vakzine der breiten Bevölkerung die Vorsorge anbieten. Die Exekutive hat jedoch erst vor einigen Tagen damit begonnen, gemeinsam mit Ärzten, Bürgervertretern und den Regionen zu überlegen, wie die Kampagne konkret organisiert und in Europas größtem Flächenstaat ausgerollt werden kann.

    Italien hat seinen genauen Impfplan am Mittwoch präsentiert. Jeder Italiener soll sich auf freiwilliger Basis kostenlos impfen lassen können. Die Bürger werden dort geimpft, wo das Land bisher die höchsten Infektionsraten hatte: in den Krankenhäusern. Zuerst werden 1,4 Millionen Beschäftigte im Gesundheitssektor versorgt, darauf folgen 570.000 Pflegekräfte und Bewohner von Altenheimen.

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    Im Laufe des Januars, wenn auch der Impfstoff von Moderna verfügbar sein könnte, rückt die nächste Risikogruppe in den Fokus: die vier Millionen Menschen, die älter als 80 Jahre alt sind. Es folgen die 13 Millionen im Alter von 60 bis 79 sowie die chronisch Vorerkrankten. Erst im Anschluss will die Regierung die Impfungen auf Lehrkräfte, Polizisten und Gefängniswärter ausweiten.

    Für die Januar-Dosen sind bislang 300 Krankenhäuser und mobile Impfeinheiten vorgesehen. Pfizer soll den Impfstoff selbst ausliefern, doch in vielen Einrichtungen fehlen noch die speziellen Kühlschränke und Spritzen. Rund 20.000 Helfer sind für die Kampagne nötig. Im weiteren Verlauf des Jahres sollen auch Hausärzte, Sanitäter des Militärs und ambulante Impfpraxen bei der breiten Immunisierung helfen.

    Spaniens nationale Impfstrategie sieht vor, dass voraussichtlich ab Januar die besonders gefährdeten Gruppen geimpft werden – Bewohner von Seniorenheimen, deren Pfleger und Ärzte sowie Behinderte. Anschließend ist das Pflegepersonal in Krankenhäusern an der Reihe, danach das übrige medizinische Personal. Bis März sollen so rund 2,5 Millionen Personen geimpft sein. Insgesamt hat Spanien 18 Gruppen definiert, die Priorität bei der Impfung besitzen und bis Juli ein Covid-19-Vakzin angeboten bekommen. Die Impfung ist gratis und wird über die nationalen Gesundheitszentren verabreicht.

    Dem Gesundheitsminister zufolge sind die Lieferanten des Impfstoffs darauf vorbereitet, die Kühlkette sicherzustellen. Pfizer habe Behälter entwickelt, die die erforderliche Temperatur von minus 80 Grad Celsius für den Impfstoff halten. Deshalb sei es nicht erforderlich, dass alle Impfstellen über Lagerplätze verfügen.

    In Schweden ist noch unklar, wie die Kühlkette bei den Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna zuverlässig aufrechterhalten werden kann. Das schwedische Pendant zum Robert-Koch-Institut, „Folkhälsomyndigheten“, erklärt, dass man an der Lösung des Problems arbeite. Geimpft werden soll in Krankenhäusern, Ärztezentren und Apotheken. Derzeit laufen auch in Dänemark und Finnland die Vorbereitungen, zu denen auch die Neuanstellung von Personal gehört.

    Mehr: Türkei bestellt Impfstoff aus China

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