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Pandemie „Heilmittel schlimmer als das Problem“: Trump stößt Debatte um Corona-Maßnahmen an

Der US-Präsident will die Maßnahmen zur Eindämmung der Virus-Pandemie rasch lockern. Auch in Deutschland gibt es einzelne Befürworter. Mediziner halten die Idee für verheerend.
25.03.2020 - 04:00 Uhr 24 Kommentare

Trump: Maßnahmen könnten schlimmer sein als das Virus selbst

Düsseldorf, Washington Wie so oft bei Donald Trump begann alles mit einem Tweet. Am Sonntagabend, kurz vor Mitternacht amerikanischer US-Ostküstenzeit, sandte der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in Großbuchstaben seine Botschaft in die Welt: „Wir können die Therapie nicht schlimmer werden lassen als das Problem selbst.“

Mitte März hatte Trump eine 15-tägige Periode der Einschränkungen verkündet: Für gut zwei Wochen sollen die Amerikaner darauf verzichten, sich in Gruppen zu treffen. Schulen, Universitäten und Museen sollen geschlossen bleiben, der Arbeitsplatz soll wenn möglich ins Homeoffice verlegt werden, und Restaurants sollen nur Essen zum Mitnehmen oder Liefern anbieten.

Es handelt sich nur um Empfehlungen, doch das Land ist ihnen weitgehend gefolgt. Die Gouverneure vieler Bundesstaaten haben noch weit schärfere Vorschriften erlassen: Derzeit gelten in 16 der 50 US-Bundesstaaten strikte Ausgangsbegrenzungen, bei denen es nur noch erlaubt ist, die eigenen vier Wände für die wichtigsten Grundbedürfnisse zu verlassen.

Anfang der kommenden Woche läuft die 15-Tage-Periode der Regierung aus. Doch bereits in der Mitte dieses Zeitraums scheint Trump die Geduld zu verlieren angesichts der ökonomischen Verheerungen, die die Ausgangssperren in den USA anrichten. „Wir müssen das Land wieder zurück an die Arbeit bringen“, sagte Trump dem Sender „Fox News“ am Dienstag. „Dieses Heilmittel ist schlimmer als das Problem. Noch einmal: Menschen, viele Menschen – meiner Meinung nach mehr Menschen – werden sterben, wenn wir das weiter geschehen lassen.“

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    Und nicht nur im Weißen Haus, sondern in der gesamten westlichen Welt beginnt allmählich eine Debatte um die Verhältnismäßigkeit der Corona-Interventionen. Ist die Strategie, das Sozial- und Wirtschaftsleben einzufrieren, wirklich alternativlos?

    Es ist eine heikle Debatte. Denn es geht um Menschenleben. In diesem Fall um das der älteren und vorerkrankten Bürger, für die eine Infektion mit dem Coronavirus besonders oft tödlich verläuft. Es gilt abzuwägen zwischen dem Schutz der Gesundheit jedes Einzelnen und dem Schutz der Gesellschaft vor der schwersten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

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    In Deutschland sind es bislang nur Einzelne, die solche Überlegungen anstellen. Etwa der Private-Equity-Unternehmer und ehemalige Deutschlandchef der Investmentbank Goldman Sachs, Alexander Dibelius, der im Interview mit dem Handelsblatt sagte: „Ist es richtig, dass zehn Prozent der – wirklich bedrohten – Bevölkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden, mit der unter Umständen dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert?“ Auch der Vorsitzende des Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, bekannte in einem Beitrag für die hauseigene „Welt“ mit Bezug auf die Corona-Maßnahmen: „Ich habe Zweifel.“

    Um welche ökonomischen Dimensionen es geht, hat das Ifo-Institut Anfang der Woche klargemacht. Die Münchener Wirtschaftsforscher halten einen Einbruch der deutschen Wirtschaft von bis zu 20 Prozent in diesem Jahr für möglich. Ifo-Präsident Clemens Fuest glaubt, dass die Kosten dieser Krise „voraussichtlich alles übersteigen, was aus Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte in Deutschland bekannt ist“. Es müsse darum gehen, einen schrittweisen Exit aus dem Shutdown so zu gestalten, dass die Pandemiebekämpfung so wenig wie möglich beeinträchtigt werde.

    Auch der mächtigste Politiker der westlichen Welt muss diese Abwägung machen. Täglich wohnt Trump mittlerweile den Briefings seiner Corona-Taskforce bei, die US-weit von den großen Nachrichtensendern übertragen werden.

    Der US-Präsident nutzte dieses Forum am Montagabend, rund 18 Stunden nach seinem Tweet, um die Nation an seinen Überlegungen teilhaben zu lassen. „Wenn es nach den Ärzten ginge, würden die sagen: Lasst alles geschlossen, schließt die ganze Welt, und lasst sie geschlossen. Das können wir nicht machen“, sprach Trump in die Fernsehkameras. Dann kündigte er an: „Wir werden unser Land innerhalb eines kürzeren Zeitrahmens als einige Monate wieder öffnen.“

    Die US-Regierung erwägt laut Trump, die Anti-Corona-Empfehlungen in einigen weniger betroffenen Landesteilen zu lockern, in den „Hotspots“ der Krise aber beizubehalten oder sogar noch zu verschärfen. Eine andere Überlegung im Weißen Haus, über die die „Washington Post“ berichtet: Die Ausgangsbeschränkungen könnten zunächst für Menschen unter 40 oder unter 50 Jahren gelockert werden, bei denen die Corona-Krankheit nur selten tödlich verläuft.

    Trumps Äußerungen kamen am Ende eines Tages, an dem in den USA erstmals mehr als 100 Menschen an den Folgen des Coronavirus starben und die Fallzahlen erneut stiegen. Vor diesem Hintergrund, so berichten es übereinstimmend mehrere US-Medien, sah sich Trump widersprüchlichen Forderungen seiner Berater ausgesetzt.

    Ein Notkrankenhaus in Oregon: Die Gesundheitsbehörden bereiten sich auf die Spitze der Epidemie vor. Quelle: AFP
    Coronakrise

    Ein Notkrankenhaus in Oregon: Die Gesundheitsbehörden bereiten sich auf die Spitze der Epidemie vor.

    (Foto: AFP)

    Der medizinische Corona-Krisenstab im Weißen Haus drängt darauf, die Beschränkungen aufrechtzuerhalten oder sogar noch zu verschärfen. Die Wirtschaftsberater des US-Präsidenten forderten hingegen zunehmend ungeduldig eine Perspektive, wann die US-Ökonomie wieder in den Normalmodus zurückkehren kann.

    Mit dieser Ungeduld fanden sie offenbar Gehör bei einem Präsidenten, der im November um seine Wiederwahl kämpfen muss und dessen Kernbotschaft stets lautete: Unter meiner Führung sind die Vereinigten Staaten wirtschaftlich erfolgreich.

    Wichtigster Maßstab dieses Erfolgs waren für Trump immer die steigenden Aktienkurse an der Wall Street. Daran gemessen hatten seine Äußerungen den gewünschten Effekt: Der Dow Jones schloss am Dienstag über elf Prozent und damit mit den kräftigsten Aufschlägen seit 1933. Allerdings war die Rally vor allem getrieben von der Hoffnung, dass der Kongress endlich ein gewaltiges Stimuluspaket im Umfang von knapp zwei Billionen Dollar für die US-Wirtschaft beschließt.

    Was ist ein Leben wert?

    Wie realistisch sind Trumps Überlegungen angesichts einer Pandemie, die sich in den USA mit ungebremstem Tempo ausweitet? Das Epizentrum der Coronakrise in den USA ist der Großraum New York. Dort ist laut der Corona-Koordinatorin im Weißen Haus, Deborah Brix, mittlerweile ein Promille der Bevölkerung infiziert – fünfmal so viele wie im Schnitt des Landes.

    Die Zahl der Infizierten verdoppelt sich in New York alle drei Tage. Der demokratische Gouverneur Andrew Cuomo wendet sich entschieden gegen Trumps Trade-off zwischen ökonomischen und medizinischen Interessen. „Es ist eine falsche Alternative, die öffentliche Gesundheit gegen den Neustart der Wirtschaft zu setzen“, sagte Cuomo bei CNN. „Und wenn man diese Alternative aufmacht, dann muss man sich für die öffentliche Gesundheit entscheiden, denn man kann den Wert eines menschlichen Lebens nicht mit Geld bemessen.“

    Das Epizentrum der Coronakrise in den USA ist der Großraum New York. Dort ist laut Regierung mittlerweile ein Promille der Bevölkerung infiziert. Quelle: dpa
    Coronakrise

    Das Epizentrum der Coronakrise in den USA ist der Großraum New York. Dort ist laut Regierung mittlerweile ein Promille der Bevölkerung infiziert.

    (Foto: dpa)

    Das mag unter ethischen Gesichtspunkten richtig klingen. In der Praxis wird dem menschlichen Leben jedoch sehr wohl ein materieller Wert zugemessen. Etwa bei der Abwägung, wie viel Aufwand zur Vermeidung von Unglücksfällen getrieben wird.

    Bei entsprechenden Kosten-Nutzen-Analysen wird in den USA meist ein Wert von rund neun Millionen Dollar pro gerettetem Leben veranschlagt. Das geplante Rettungspaket für die US-Wirtschaft hätte in dieser Betrachtungsweise den Gegenwert von etwa 200.000 Menschenleben. Das klingt zynisch – und vor allem stellt sich die Frage, ob der Trade-off in dieser Form tatsächlich existiert.

    Die meisten Mediziner in den USA sind von Trumps Überlegungen entsetzt. Sie warnen, dass sich bei einem zu frühen Lockern der Beschränkungen das Virus schon bald wieder rasant ausbreiten werde – mit tödlichen Folgen: Die Krankenhäuser wären schnell überlastet, die Opferzahlen allein in den USA würden in die Hunderttausende gehen.

    Es droht das Italienszenario

    Spätestens dann müssten auch die Beschränkungen des öffentlichen Lebens wieder verschärft werden. Es droht das Italienszenario: unermessliches Leid bei gleichzeitigem wirtschaftlichem Stillstand.

    Als positives Gegenbeispiel verweist Trump auf Südkorea, wo es nach dem Corona-Ausbruch innerhalb weniger Wochen gelungen ist, das Leben wieder zu normalisieren. Doch Voraussetzungen dafür waren die flächendeckenden Coronatests in Südkorea.

    Sie haben es möglich gemacht, die genaue Ausbreitung des Virus im Land zu erfassen und die Infizierten vom Rest der Bevölkerung zu isolieren. Mit solchen flächendeckenden Tests könnte auch Trumps Hotspot-Idee funktionieren. Doch bislang gilt auch in den USA: Getestet wird nur, wer bereits Symptome aufweist.

    Am Ende sind es die Gouverneure der Einzelstaaten, die über die Anti-Corona-Maßnahmen in ihrem Gebiet entscheiden. Und bei denen zeigt sich wenig Neigung, die Beschränkungen aufzuheben, im Gegenteil: Der Staat Florida hat gerade erst eine 14-tägige Zwangsquarantäne für alle erlassen, die aus dem Corona-Hotspot New York in das beliebte Urlaubsziel im Süden der USA reisen.

    Mehr: Trump sollte die Coronakrise den Experten überlassen: Als selbst ernannter Virus-Experte seines Landes stiftet der US-Präsident bislang vor allem Verwirrung.

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    24 Kommentare zu "Pandemie: „Heilmittel schlimmer als das Problem“: Trump stößt Debatte um Corona-Maßnahmen an"

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    • 1. Ungefähr 28% der Bevölkerung der Bundesrepublik sind über 60 Jahre alt (Statista, Sept. 2019, Daten vom 31.12.2018). 5,5 Mio zwischen 61 und 65, 17,9 Mio. über 65 Jahre alt. Das Ausgrenzen einer so umfangreichen Bevölkerungsgruppe ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden und man muss sich das gut überlegen. Das Konzept sieht rational aus, hat aber erkennbare Gefahren.
      2. Wenn die Wirtschaft zu lange nichts produziert, aber Geld gedruckt wird, wird es für dieses Geld nichts zu kaufen geben und das Ausland nichts sehen, was es bei uns kaufen kann. Hyperinflation aus politischen Gründen hat schon der Weimarer Republik nicht genützt. Daher muss man sich über den Wiederanlauf der Wirtschaft sofort Gedanken machen und planen. Wozu haben wir denn qualifizierte Ökonomen ?
      3. In dieser Krise treten alle, aber wirklich alle, Erscheinungen wie Marktschreierei, Gerüchte, Moralerpredigten und Hoffnungen auf die reinigende Krise, die bessere Gesellschaft und den neuen Menschen hervor. Wesentlich ist dagegen, dass die Bürgerrechte erhalten bleiben, zu denen gehört, dass abweichende Meinungen geäußert werden dürfen. Wer alle Lösungen schon kennt und alle Pläne für alle erdenklichen Mauern bereit hat, muss sich fragen, ob der den Ansprüchen an unsere Demokratie genügen kann.

    • Liebe Frau Heidel, Sie haben recht, Vorurteile helfen nicht weiter, obgleich meine Bemerkung über den ökonomischen Sachverstand durchaus auf Beobachtungen und Erfahrungen beruht. Danke auch für den Hinweis auf den Text von Adorno, denn ich mir gewiss einmal anschauen werde. (Obgleich ich das Wenige, was ich von ihm kenne immer sehr verquast fand; was natürlich an mir liegt.)
      Zu Ihrer Frage. Güterabwägungen finden nie schwarz-weiß statt, aber ich würde eindeutig mehr zu einem verantwortungsethischen Handel und Entscheiden neigen. Damit geht man größere kurzfristige Risiken für einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft ein, riskiert aber nicht (im worst case) eine tiefgreifende Krise unseres Wirtschafts- und Gemeinwesens für dessen Erholung es Jahre braucht. Am Ende ist dies auch eine Frage der Generationengerechtigkeit (Ich bin 67, gehöre also eher zur Risikogruppe).

    • Lieber Herr Boehm, vor der Antwort auf die Frage haben Sie sich gedrückt - wie fällt denn ihre Güterabwägung aus? Dann machen wir es doch konkret, hic Rhodos, hic salta. Vorurteile helfen nicht weiter, wie das über die angebliche Unkenntnis ökonomischer Zusammenhänge im Bildungsbürgertum. Für Sie trifft dieses Urteil natürlich nicht zu. Das fand ich schon bei der Lektüre von Adornos Theorie der Halbbildung so lustig, wie er seine Ergebnisse ganz stringent als Notwendigkeiten ableitete, aber keinen Satz darauf verwendete, warum diese Notwendigkeiten für ihn nicht galten. Kenntnis von ökonomischen Zusammenhängen haben ganz sicher nicht nur diejenigen, die einer doch ziemlich platten Version des homo oeconomicus nachhängen.

    • Liebe Frau Heidel, bei der Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik geht es um eine Güterabwägung und nicht um Ideologie. Auch wenn es im deutschen Bildungsbürgertum eine erschreckende Unkenntnis ökonomischer Zusammenhänge gibt, sollte doch jede und jeder wissen, dass die Wirtschaft das Fundament unserer Gesellschaft ist. Wie sollte denn das Gesundheitssystem finanziert werden, wenn nicht über die Versicherungsbeiträge die Arbeitnehmer von ihrem Gehalt und Unternehmen von ihrem Gewinn entrichten. Auch steuerliche Zuschüsse der Staates müssen erst verdient werden. Von Ihnen, mir und allen anderen. Der "Staat" hat kein Geld, er leiht es sich nur. Von uns oder den Kapitalmärkten.
      Auch wenn die Politik "Lebenserhalt" jetzt als oberstes Prinzip definiert, um ihre Entscheidungen zu begründen,
      wird es z.B. bei der Güterabwägung zwischen Freiheit (Autofahren, Rauchen) und Gesundheit oder zwischen Sicherheit (Kriegseinsätze) und körperliche Unversehrtheit nicht als primär oder absolut gesetzt.

    • Lieber Herr Furch, wenn man den Virologen vom RKI und der Charite zuhört, ist der Covid-19-Virus eigentlich recht harmlos. 80% der Infizierten hätten gar keine Symptome. Bei denen die Symptome haben verläuft die Krankheit meist milde. Nur bei 20% der symptomatisch Erkrankten ist der Verlauf schwer und die Sterberate in Deutschland liegt bei 0,5%.
      Die Politiker haben vor allem Angst vor Bildern aus Krankenhäusern, wie wir sie aus Spanien und Italien sehen. Deshalb treffen sie lieber aktionistische Entscheidungen, als sich wenigstens etwas Zeit zu nehmen, um Alternativen zu diskutieren. Niemals ist etwas alternativlos!
      Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es intelligenter gewesen wäre als die ersten Fälle in Deutschland auftraten, das Gesundheitswesen massiv "aufzurüsten", Notkrankenhäuser etc. zu bauen, um vorbereitet zu sein, statt das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben komplett lahm zu legen. Wie schon gesagt, wenn die Lösung schlimmer als das Problem ist, haben wir weit mehr zu beklagen, als eine größere Anzahl von Grippeopfern.



    • Wenn die Forderung nach Vorrang des Schutzes von Alten und Schwächeren hier als Gesinnungsethik diffamiert wird, ist dann die Forderung, diese Gruppe zur Gewährleistung steten Wachstums stattdessen lieber über die Klinge springen zu lassen, Verantwortungsethik?

    • Herr Furch, wir sind nahe beieinander und doch nicht ganz einig: Erstens ist das Dilemma weder entschieden, noch wäre eine Entscheidung, egal welcher Art, ‚im Sinne der Menschlichkeit‘. Und ja, wir wissen zu wenig, die Datenlage ist dürftig, die Analogie zu früheren Pandemien und anderen Viren ist weit weg von perfekt. Dennoch gilt es heute abzuwägen welche Maßnahmen gerechtfertigt und verhältnismäßig sind. EM und Olympiade zu verschieben ist sicher sinnvoll, kurzfristig ist fast jede shutdown Massnahme sinnvoll. Aber Schulen und Unis und Geschäfte schließen? Zwei Wochen, zwei Monate, zwei Jahre? Ob wir wollen oder nicht, wir müssen abwägen und es wird logischerweise mehrere Meinungen geben.

    • Herr Stehle, ich weiß, was Sie sagen möchten. Aber dieses konkret beschriebene Dilemma haben wir in unserer Gesellschaft zugunsten der Menschlichkeit entschieden: Er dürfte das nicht, wenn er es weiß, (Vorsatz) dass er andere damit aktiv tötet. Ihr Beispiel könnten wir vielleicht dahingehend präzisieren und dann träfe es aktuell vielleicht auch besser, wenn der Pilot gar nicht sicher wüsste, dass alle sterben und er auch keine klare Sicht auf die Landebahn hätte. Ich finde, das beschreibt etwas mehr die jetzige Situation. Wir wissen einfach viel zu wenig über das Virus und die Krankheit. Noch. Wir lernen jeden Tag dazu. Was wir aber sehr schnell wussten: Das Virus ist sehr ansteckend, die Krankheit, die es verursacht ist für einen sehr hohen Prozentsatz der Bevölkerung schlimm bzw. tödlich. Ich hoffe, dass wir schnell mehr und bessere wissenschaftliche Daten erhalten, um auf dieser Basis die Entscheidungen zu fällen. Es gibt ja mehrere "Großversuche" für das gegenteilige Vorgehen.

    • Lieber Herr Furch, da werfen Sie aber ein Problem auf ganz anderer Ebene und vermutlich weit komplizierter als die Bekämpfung der Corona-Krise auf. Ich bin mit mit Ihnen einig, dass unsere auf Wachstum beruhende Marktwirtschaft (zum Glück haben wir noch eine soziale) immer wieder zu Krisen führt. Corona kann man Ihr nicht anlasten. Wohl aber z.B. Artensterben und Klimawandel auf Grund wachsender Bedürfnisse einer immer noch zunehmenden Weltbevölkerung. Sogenannte "Nicht-Wachstums-Theorien" haben aber alle den Nachteil, dass es in Ihnen einen Institution gibt, die über die Legitimität von Bedürfnissen und die Verteilung von Gütern
      wacht. Ich habe persönlich die Ineffizienz und den Zusammenbruch der DDR-Planwirtschaft erlebt und bin seither immun gegen o.g. reformökonomische Ideen. Die politische Herausforderung besteht vielmehr darin, den richtigen Regulierungsrahmen für eine Volkswirtschaft zu finden. Und diesen noch global abgestimmt. Aber das ist nicht nur ein weites sondern ganz anderes Feld als Corona.

    • - Fortsetzung -


      Was bedeutet nun aber das "Heilmittel" des unlimitierten Gelddruckens (wobei wir es hier auch noch überwiegend mit einem Angebotsschock zu tun haben)?
      Ich muss erstens meinen früheren Nickname korrigieren: jetzt heißt es nicht mehr "Inflate
      Or Die!", sondern vielmehr "Inflate AND Die!"
      Oder mit den brillanten Worten Roland Baaders:
      "Die Amerikaner werden den Namen "Weimar" lernen - und daß die Welt außer von Bomben auch von Papier brennen kann."

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