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Pandemie In den griechischen Flüchtlingscamps geht die Angst vor Corona um

Zehn EU-Staaten wollen Flüchtlingskinder aus den Lagern aufzunehmen. Aber die Verlegung kommt nur schleppend in Gang. Dabei drängt die Zeit wegen Corona.
10.04.2020 - 20:00 Uhr Kommentieren
Ein Mädchen steht am Stacheldrahtzaun in einem provisorischen Zeltlager in der Nähe des Camps für Migranten in Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Quelle: dpa
Minderjährige Migranten

Ein Mädchen steht am Stacheldrahtzaun in einem provisorischen Zeltlager in der Nähe des Camps für Migranten in Moria auf der griechischen Insel Lesbos.

(Foto: dpa)

Athen Kommende Woche sollen 50 unbegleitete Minderjährige aus den griechischen Migrantenlagern nach Deutschland verlegt werden. Auch Luxemburg nimmt zwölf Kinder auf. Und weitere acht EU-Mitgliedsländer haben sich zu Ähnlichem bereit erklärt. Wann sie ihre Zusagen umsetzen, ist unklar.

Die EU-Kommission bemüht sich seit Monaten, wenigstens alleinstehende Kinder aus den Lagern herauszuholen. Fast 40 000 Migranten harren weiter in den überfüllten griechischen Insellagern aus, unter ihnen viele Minderjährige im Alter unter 18 Jahren ohne Angehörige.

Fachleute warnen: In den Camps tickt eine Zeitbombe. Denn jetzt beschwört die Corona-Epidemie neue Gefahren herauf. In zwei Flüchtlingslagern nördlich von Athen wurden bereits 28 Bewohner positiv getestet. Die Camps stehen inzwischen unter Quarantäne.

Noch gibt es in den Insellagern keine bekannten Infektionsfälle, aber in den Camps geht die Angst vor dem Virus um. Viele Bewohner tragen Masken. Die Empfehlung Abstand zu halten klingt für die Menschen, die in den Unterkünften auf engstem Raum zusammengepfercht sind, wie ein Hohn.

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    Selbst Händewaschen ist ein Problem: „In einigen Teilen des Lagers Moria müssen sich 1300 Menschen den Zugang zu Wasser an einem Hahn teilen, und es gibt keine Seife“, berichtet die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.

    Experten befürchten, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Epidemie sich auch in den Insellagern ausbreitet. Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland, sagt, allein auf Lesbos und Samos gebe es etwa 600 besonders gefährdete Lagerbewohner: ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, aber auch kranke Kinder. Die Hilfsorganisation fordert: „Wir brauchen sofort eine Notevakuierung aller Geflüchteten der Covid-19-Hochrisikogruppe, bevor das Virus in die Lager gelangt.“

    Etwa 100 000 Migranten leben derzeit in Griechenland. Sie sitzen dort fest, seit die Balkanstaaten im Februar 2015 ihre Grenzen dichtmachten. Die Zahl der allein reisenden Kinder und Jugendlichen, die in Griechenland gestrandet sind, kennt niemand genau. Es sind geschätzt mehr als 5100. Davon sind etwa 500 unter 14 Jahren. Manche machten sich als Waisenkinder allein auf den Weg, andere verloren ihre Eltern und Geschwister in den Wirren der Flucht.

    Grafik

    Nach einer Erhebung des Nationalen Zentrums für soziale Solidarität (Ekka), das dem griechischen Arbeits- und Sozialministerium untersteht, werden nur 1836 unbegleitete Minderjährige in geeigneten Unterkünften auf dem Festland betreut. Die anderen leben in Camps oder sind ganz auf sich selbst gestellt.

    Die altersgerechte Unterbringung und Betreuung der unbegleiteten Minderjährigen ist kostspielig und personalintensiv. „Man muss sie in kleinen Gruppen von höchstens 25 Kindern unterbringen“, erklärt Giorgos Protopapas, der Direktor der SOS-Kinderdörfer in Griechenland.

    Die internationale Organisation hat jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Waisen und Kindern aus zerbrochenen Familien. „Viele dieser Kinder und Jugendlichen sind tief traumatisiert, für ihre Betreuung braucht man rund um die Uhr Psychologen, Mediziner, Pädagogen und Dolmetscher“, erklärt Protopapas.

    800 unbegleitete Kinder leben auf der Straße

    Der Chef der SOS-Kinderdörfer schätzt, dass etwa 800 unbegleitete Kinder und Jugendliche in Griechenland „auf der Straße leben“ und sich irgendwie durchzuschlagen versuchen, häufig mit Prostitution und Drogenhandel.

    Eine noch höhere Zahl nennt Gavriil Sakellaridis, Griechenland-Direktor von Amnesty International: „Etwa 1200 unbegleitete Migranten unter 18 Jahren sind einfach aus dem Fokus der Behörden verschwunden und sehr wahrscheinlich schutzlos ernsten Gefahren ausgesetzt“, sagt Sakellaridis.

    In den fünf Lagern auf den ostägäischen Inseln leben fast 1700 Minderjährige ohne Angehörige. Vor allem um sie geht es bei den jetzt anlaufenden Verlegungen. Die Bedingungen in den fünf so genannten Hotspots auf den Inseln Lesbos, Samos, Kos, Chios und Leros sind katastrophal.

    Noch gibt es in den Insellagern wie hier in Moria auf Lesbos keine bekannten Infektionsfälle, aber in den Camps geht die Angst vor dem Virus um. Quelle: dpa
    Flüchtlingslager Moria auf Lesbos

    Noch gibt es in den Insellagern wie hier in Moria auf Lesbos keine bekannten Infektionsfälle, aber in den Camps geht die Angst vor dem Virus um.

    (Foto: dpa)

    Die Unterkünfte sind für weniger als 8000 Menschen konzipiert. Tatsächlich sind dort aber 39 429 Migranten eingepfercht, so die offizielle Statistik von Mitte dieser Woche. Weil in den Wohncontainern kein Platz mehr ist, hausen geschätzt 30 000 Menschen, darunter viele Familien mit kleinen Kindern, in Campingzelten oder Verschlägen, die sie aus Latten, Pappe und Plastikplanen selbst gezimmert haben.

    Am schlimmsten sind die Zustände auf Samos, wo das Lager Vathy mit 6932 Bewohnern mehr als zehnfach überbelegt ist. Hier leben zum Beispiel 22 minderjährige Mädchen in einem Wohncontainer, der nur für fünf Personen vorgesehen ist.

    Nicht genügend Liegen für die Lagerbewohner

    Weil es nicht genug Liegen gibt, müssen die Mädchen versuchen, abwechselnd zu schlafen. Auf der Insel Lesbos hausen im berüchtigten Camp Moria 18 804 Menschen in Unterkünften, die für 2757 Personen ausgelegt sind.

    Moria hat als „Schande Europas“ Schlagzeilen gemacht. Bewohner sprechen von dem Lager als der „Hölle“. Die Hilfsorganisation Human Rights Watch hat Schicksale von Jugendlichen in Moria dokumentiert. „Hier ist alles gefährlich: die Kälte, das Zelt, in dem ich schlafe, die Schlägereien – ich fühle mich nicht sicher“, sagt der 14-jährige Afghane Rachid.

    Der 15-jährige Ali erzählt, man habe ihm bei seiner Ankunft in Moria einen Schlafsack gegeben und ihm gesagt: „Such Dir draußen einen Schlafplatz.“ Ähnlich erging es dem 16 Jahre alten Samir: „Sie haben mir eine Decke gegeben, ein gebrauchtes T-Shirt und eine kleine Matte und gesagt, ich soll mir draußen einen Platz suchen.“ Immer häufiger entlädt sich die Frustration der Jugendlichen in Aggression: Am Mittwoch erstach in Moria ein 20-jähriger Afghane im Streit einen 16 Jahre alten Jungen.

    Er sei schockiert gewesen, als er das Camp Moria besuchte, berichtet Christos Christou, Präsident der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Ein Drittel der Lagerbewohner ist unter 18 Jahren. „Diese Kinder und Jugendlichen haben den Appetit auf das Leben verloren, sie sprechen nicht, sie spielen nicht.“

    Die Situation in Moria sei „vergleichbar mit dem, was wir nach Naturkatastrophen oder in Kriegsgebieten sehen“. Es sei empörend, diese Bedingungen in Europa zu sehen, und zu wissen, dass sie „nicht Folge eines Desasters sind, sondern das Ergebnis gezielter politischer Entscheidungen“, sagt Christou.

    Die griechische Regierung versucht zwar, die überfüllten Insellager zu entlasten. Seit Jahresbeginn wurden bereits rund 11 000 Menschen von den Inseln aufs Festland verlegt. Aber auch dort sind die meisten Unterkünfte inzwischen überlastet.

    Griechenland fordert seit Jahren, dass die anderen EU-Staaten einen Teil der Asylverfahren übernehmen. Seit 2015 diskutiert die EU über eine Reform des europäischen Asylsystems. Es geht darum, die Erstankunftsländer zu entlasten und die Asylverfahren auf alle Mitgliedsstaaten zu verteilen. Aber die Reform lässt aber weiter auf sich warten, vor allem weil sich einige osteuropäische Staaten weigern, überhaupt Flüchtlinge aufzunehmen.

    Mehr: Die Aufnahme von Flüchtlingskindern ist eine Frage des Anstands: Nach Deutschland sollten sich auch andere EU-Staaten dazu durchringen.

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