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Pandemie Schluss mit dem britischen Sonderweg – Johnson verhängt Ausgangssperre

Lange hat Boris Johnson gezögert, aber jetzt gilt auch in Großbritannien eine Ausgangssperre. Dem Premier blieb nichts anderes mehr übrig – die Todeszahlen auf der Insel steigen rapide.
24.03.2020 - 23:33 Uhr Kommentieren

Leere Straßen in London

London Die Briten erleben derzeit, wie Boris Johnson sich immer weiter der EU annähert. Jeden Nachmittag tritt der britische Premierminister vor die Kameras, um die neuesten Maßnahmen gegen die Corona-Epidemie zu verkünden.

Am Montagabend nun rief Johnson den nationalen Notstand aus und verkündete Ausgangsbeschränkungen, wie sie auf dem Kontinent bereits seit Tagen üblich sind. „Sie müssen zuhause bleiben“, sagte der Premierminister in einer Fernsehansprache an seine Landsleute. Zum ersten Mal nahm er das Wort „Anweisung“ in den Mund, nicht mehr nur „Empfehlung“.

Jeder dürfe seine Wohnung nur noch aus vier Gründen verlassen, erklärte Johnson. Einkaufen, Spazierengehen (einmal am Tag), Arztbesuch und Arbeit (wenn Homeoffice nicht möglich ist). Jegliche Versammlung von mehr als zwei Personen werde aufgelöst, die Polizei könne Strafen verhängen. Passierscheine wie in manchen europäischen Ländern allerdings gibt es nicht.

Der Kurswechsel war aus Sicht von Experten längst überfällig. Wochenlang hatte Johnson im Kampf gegen die Epidemie einen britischen Sonderweg beschritten. Bis weit in den März hatte er lediglich zum Händewaschen aufgerufen, jegliche Einschränkungen des öffentlichen Lebens hatte er abgelehnt. Stattdessen hatten seine Berater davon geredet, in der Bevölkerung eine Herdenimmunität gegen das Virus aufzubauen.

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    Viele Pendler sind weiterhin auf den Nahverkehr angewiesen. Quelle: Bloomberg
    U-Bahn in Großbritannien

    Viele Pendler sind weiterhin auf den Nahverkehr angewiesen.

    (Foto: Bloomberg)

    Doch die rapide steigenden Todeszahlen auf der Insel zwangen Johnson vor einer Woche zum Umsteuern. Zunächst appellierte er an seine Landsleute, Pubs, Cafes und Massenveranstaltungen zu meiden und von zuhause aus zu arbeiten. Als viele Briten diesen Aufruf ignorierten und weiterhin in die Pubs und Cafes strömten, machte er am Freitag alle Gastronomie-Betriebe dicht. Auch zur Schließung der Schulen rang er sich schließlich durch, nachdem viele Eltern Sturm gelaufen waren.

    Doch sein Vorgehen blieb zögerlich. Während die anderen europäischen Regierungschefs teils schon vor Wochen den Notstand ausgerufen hatten, tastete der Premier sich in Trippelschritten an das Unvermeidliche heran.


    Reaktion nur auf öffentlichen Druck

    Seine halbherzigen Empfehlungen verpufften, die Aufrufe zum „social distancing“ wurden von vielen Briten nicht befolgt. In den Londoner Parks wurde am Wochenende in großen Gruppen gepicknickt, auch Tourismusgegenden wie der Lake District und die Seebäder verzeichneten einen Ansturm der Großstädter. Am Montagmorgen bot sich in der Londoner U-Bahn teils ein gewohntes Bild. Dicht gedrängt standen die Menschen in einigen Zügen – ganz so wie sonst in der Rush-Hour.

    In den U-Bahnen ist es schwierig, den vernünftigen Sicherheitsabstand zu halten. Quelle: AFP
    Viele Masken

    In den U-Bahnen ist es schwierig, den vernünftigen Sicherheitsabstand zu halten.

    (Foto: AFP)

    Darum griff Johnson nun zur Ausgangssperre. Alle Läden werden geschlossen, nur Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Tier- und Heimwerkergeschäfte, Postämter und Banken bleiben geöffnet. Die Parks bleiben offen, aber es gilt ein Kontaktverbot. Wie auf dem europäischen Festland dürfte nun auch in Großbritannien das öffentliche Leben allmählich zum Erliegen kommen. 

    Allerdings ist fraglich, inwieweit die Polizei in der Lage ist, die Vorschriften auch durchzusetzen. In drei Wochen werde man die Maßnahmen überprüfen, sagte Johnson.

    Der Premier reagiert auf den wachsenden öffentlichen Druck. Kommentatoren hatten ihm in den vergangenen Tagen mehrfach unklare Ansagen vorgeworfen und an seinen Führungsqualitäten gezweifelt. Johnson stifte „öffentliche Verwirrung“, hatte die konservative Tageszeitung „The Times“ am Montagmorgen kommentiert. Jetzt sei aber klare Führung nötig.

    In seiner Ansprache wählte Johnson nun unmissverständliche Worte. „Wenn Eure Freunde sich verabreden wollen, sagt ihr Nein“, sagte er an seine Landsleute gewandt. Jeder Einzelne sei gefragt, beim Kampf gegen das Virus mitzumachen.

    Noch am Wochenende waren die Kneipen voll. Quelle: Bloomberg
    Pub in London

    Noch am Wochenende waren die Kneipen voll.

    (Foto: Bloomberg)

    Wieder allerdings hinkte Johnson den Ereignissen hinterher. Die Filialschließungen hatten etliche Unternehmen bereits in Eigenregie angekündigt – darunter große Ketten wie der Buchhändler Waterstones, das Kaufhaus John Lewis und selbst McDonald’s.

    So setzt sich das Muster fort: Statt den Weg vorzugeben, folgt die Regierung dem privaten Sektor. So hatte Johnson erst vom Besuch von Massenveranstaltungen abgeraten, nachdem die Premier League sämtliche Fußballspiele für die kommenden Wochen abgesagt hatte. Und zu den Schulschließungen hatte er sich erst durchgerungen, nachdem etliche Privatschulen schon in Eigenregie gehandelt hatten.

    Aus Sicht vieler Experten hat Johnson sich viel zu lange Zeit gelassen. Die Zahl der Corona-Toten in Großbritannien stieg am Montag bereits auf 335. Zu dem Zeitpunkt hatten Frankreich und Spanien längst den Notstand erklärt. Besorgte Briten aber werden sich denken: Besser spät als nie.

    Mehr: Die Coronakrise wird Großbritannien wohl zwingen, den Austritt aus dem europäischen Binnenmarkt zu verschieben. Dazu muss Boris Johnson jedoch seine Meinung ändern

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