Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Pandemie Seuchenexperte Farrar: „Gesundheit darf kein politischer Spielball sein“

Die brüchige Weltordnung hat Corona verstärkt, sagt der Chef des Wellcome Trust. Die Spaltung dürfte am Montag auch die WHO-Jahresversammlung prägen.
17.05.2020 Update: 18.05.2020 - 11:32 Uhr Kommentieren
Der Chef des Wellcome Trust mahnt die neue Verantwortung Europas in der globalen Ordnung an. Quelle: The Francis Crick Institute -  Dave Guttridge
Jeremy Farrar

Der Chef des Wellcome Trust mahnt die neue Verantwortung Europas in der globalen Ordnung an.

(Foto: The Francis Crick Institute - Dave Guttridge)

Berlin Jeremy Farrar leitet eine der finanzstärksten Stiftungen der Welt: Der Wellcome Trust unterstützt biomedizinische Forschung und setzt sich für internationale Zusammenarbeit gegen globale Gesundheitsgefahren ein. Neben der biologischen Stärke des Virus macht Farrar politische Schwächen bei der Bekämpfung als entscheidenden Grund für die weltweite Eskalation der Coronakrise aus.

„Die Geschwindigkeit, mit der sich das Virus ausbreitet, wäre in jeder politischen Zeit eine Herausforderung gewesen“, sagt der Infektionsmediziner im Interview mit dem Handelsblatt. Nun habe man es mit einem perfekten Sturm zu tun: „Ein Virus, das unglaublich ansteckend ist und Menschen tötet, breitet sich vor dem Hintergrund einer brüchigen geopolitischen Ordnung aus.“

Farrar warnt davor, internationale Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiter zu politisieren. Angesichts des Misstrauens zwischen China und den USA müsse nun Europa die Führungsrolle übernehmen.

Am heutigen Montag startet die Jahresversammlung der WHO-Mitgliedsländer, wegen der Corona-Pandemie läuft das Treffen als Videoschalte ab. Dort dürfte der Streit zwischen Washington und Peking auf offener Bühne ausgetragen werden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    US-Präsident Donald Trump forderte, dass Taiwan als Beobachter an der Weltgesundheitsversammlung teilnehmen darf. Mehr als ein Dutzend Länder unterstützen die Einladung Taiwans, darunter Deutschland.

    China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und lehnt die Teilnahme ab. Auf Pekings Seite stehen die meisten Staaten Afrikas, wo China in den vergangenen Jahren massiv investiert hat.

    Trump scheint es allerdings weniger um den Status Taiwans zu gehen, sondern um den Streit mit China über den Ausbruch des Coronavirus. Der US-Präsident wirft der Regierung in Peking vor, das neue Virus anfänglich vertuscht und die WHO dabei als „PR-Agentur“ eingespannt zu haben. Trump nutzt die Vorwürfe, um von eigenen Versäumnissen bei Corona abzulenken.

    Farrar kritisiert, dass Gesundheitsfragen in der Welt „zum politischen Spielball“ geworden seien. „Wenn wir jetzt auf Nationalismus und Schuldzuweisungen setzen, werden wir in der Zukunft noch schlimmere Gesundheitskrisen als heute erleben“, sagte er.

    Bei der Weltgesundheitsversammlung geht es am Montag und Dienstag auch um die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gegen das Coronavirus. Farrar mahnt zur Eile: „Das ganze Ausmaß der Pandemie haben wir noch nicht gesehen.“

    Erst im Laufe des Jahres werde das Virus „die besonders verwundbaren Länder in Afrika und im südlichen Asien mit zerstörerischer Wucht treffen“. Die Welt stehe bei der Entwicklung, Herstellung und Verteilung von Impfstoffen für mehr als sieben Milliarden Menschen vor einer beispiellosen Herausforderung, so der Stiftungschef.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Farrar, Sie haben 2002 und 2003 als Wissenschaftler in Vietnam den SARS-Ausbruch verfolgt. Warum ist uns damals eine globale Katastrophe erspart geblieben?
    Auch bei dieser tödlichen Lungenkrankheit hatten wir es mit einem Coronavirus zu tun, die Übertragung verlief aber sehr anders. Beim SARS-Virus reichte es, Menschen mit Symptomen ausfindig zu machen und sie zu isolieren. SARS-CoV-2 ist viel ansteckender, und auch symptomfreie Infizierte können es übertragen. Der Erreger hat sich in kurzer Zeit von einer Stadt in China über die ganze Welt ausgebreitet. Bei SARS hatten wir Glück. Dieses Glück ist nun aufgebraucht.

    Wir hätten also gewarnt sein müssen?
    Der SARS-Ausbruch war nicht die einzige Warnung, es gab in den vergangenen zwei Jahrzehnten weitere Epidemien wie MERS oder Zika. Wir werden das im 21. Jahrhundert in immer kürzeren Abständen sehen. Verstädterung, globale Vernetzung und veränderte Ökosysteme sind Treiber dieser Entwicklung. Darum ist es so wichtig, in Gesundheit zu investieren, selbst wenn sich das nicht unmittelbar auszuzahlen scheint. Die katastrophalen Folgen des Coronavirus zeigen aber, was passiert, wenn man diese Investitionen nicht tätigt.

    Vor einigen Jahren hätten vielleicht noch die USA frühzeitig gewarnt und reagiert…
    Die Geschwindigkeit, mit der sich das Virus ausbreitet, wäre in jeder politischen Zeit eine Herausforderung gewesen. Aber wir haben es tatsächlich mit einem perfekten Sturm zu tun: Ein Virus, das unglaublich ansteckend ist und Menschen tötet, breitet sich vor dem Hintergrund einer brüchigen geopolitischen Ordnung aus. Vor allem das Misstrauen zwischen China und den USA ist ein großes Problem. Aber auch die Kommunikation zwischen China und anderen Ländern lief nicht gut. In der Folge wurde das Virus anfänglich unterschätzt.

    Woher kommt dieses Misstrauen?
    Globale Institutionen wie die UN und die Weltgesundheitsorganisation sind zunehmend politisiert worden. Die öffentliche Gesundheit darf aber kein politischer Spielball sein. Wenn wir jetzt auf Nationalismus und Schuldzuweisungen setzen, werden wir in der Zukunft noch schlimmere Gesundheitskrisen als heute erleben.

    Von der chinesischen Millionenstadt breitete sich das Coronavirus über die ganze Welt aus. Die internationale Gemeinschaft versagte in der Frühphase der Pandemiebekämpfung. Quelle: AFP
    Mutter und Kind in Wuhan

    Von der chinesischen Millionenstadt breitete sich das Coronavirus über die ganze Welt aus. Die internationale Gemeinschaft versagte in der Frühphase der Pandemiebekämpfung.

    (Foto: AFP)

    Mit der Forderung nach mehr Kooperation in der Coronakrise dürften Sie bei der gegenwärtigen US-Regierung wenig Erfolg haben…
    Am Ende werden alle Staaten erkennen, dass es in ihrem ureigensten Interesse ist, die Kräfte zu bündeln. Das gilt ebenfalls für die USA, die ja auch auf die schnelle Entwicklung eines Impfstoffs angewiesen sind und für deren Wirtschaft ein Ende der weltweiten Krise wichtig ist. Übrigens: Amerikanische Pharmaunternehmen und Forschungseinrichtungen zeigen sich so offen für Zusammenarbeit wie eh und je. Auf einer wissenschaftlichen Ebene kommt die Welt längst zusammen.

    Und wie kann die Welt auf einer politischen Ebene zusammenkommen?
    Ich glaube, dass Europa in diesen angespannten geopolitischen Zeiten gefordert ist, eine Führungsrolle einzunehmen. Die Europäer müssen die Spannungen zwischen China und den USA überbrücken und eine internationale Antwort auf die Pandemie organisieren. Ein erster guter Schritt ist die von der EU gestartete Geberinitiative, um Tests, Impfstoffe und Medikamente zu entwickeln, die dann gleichberechtigt auf der Welt eingesetzt werden.

    Wie lange dauert es, bis die mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde Zugang zu einem möglichen Impfstoff bekommen?
    Das wird eine beispiellose Herausforderung sein. Nicht nur müssen wir Impfstoffe entwickeln, wir müssen sie auch in dieser Menge produzieren und die Menschen bis ins letzte Dorf erreichen. Bei den Pocken liefen die Impfprogramme über Jahre, bis die Krankheit Land für Land ausgerottet wurde. Nun muss das praktisch zeitgleich erfolgen. Dafür brauchen wir einen weltweiten Logistikplan, wo Impfstoffe produziert und wie sie verteilt werden.

    Wie schätzen Sie den weiteren Verlauf der Pandemie ein?
    Das Virus wird nicht so einfach weggehen. Die einzige Exitstrategie ist die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen. Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die viele Länder erlassen haben, waren nur ein Pflaster. Wenn diese Maßnahmen aufgehoben werden, wird es zu weiteren Infektionswellen kommen, auch in Europa. Das ganze Ausmaß der Pandemie haben wir noch nicht gesehen.

    Was bereitet Ihnen am meisten Sorge?
    Ich erwarte, dass das Virus erst im Laufe des Jahres die besonders verwundbaren Länder in Afrika und im südlichen Asien mit zerstörerischer Wucht treffen wird. Diese Länder verfügen nicht über Gesundheitssysteme wie Europa. Darauf müssen wir uns schon jetzt vorbereiten und die Staaten mit Testkapazitäten, Schutzausrüstung und anderen medizinischen Gütern unterstützen.

    Mehr: Trump spekuliert über Abbruch der Beziehungen zu China

    Startseite
    Mehr zu: Pandemie - Seuchenexperte Farrar: „Gesundheit darf kein politischer Spielball sein“
    0 Kommentare zu "Pandemie: Seuchenexperte Farrar: „Gesundheit darf kein politischer Spielball sein“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Serviceangebote
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%