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Pandemie Was Deutschland von anderen Staaten für seine Test-Strategie lernen kann

Deutschland galt lange als Vorbild im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Doch inzwischen haben einige Länder neue Technologien entwickelt, die auch hierzulande nützen könnten.
20.08.2020 - 09:27 Uhr 2 Kommentare
In Südkorea kommen positiv getestete Menschen ins Krankenhaus oder in Ferienheime in Quarantäne. Quelle: AFP
Eine Angestellte nimmt Proben für einen Coronatest

In Südkorea kommen positiv getestete Menschen ins Krankenhaus oder in Ferienheime in Quarantäne.

(Foto: AFP)

Berlin, Sao Paulo, Peking, Tokio, Rom, Paris, New York Viele Passagiere des Ryanair-Flugs 1149, der um 0.25 Uhr in Berlin-Schönefeld gelandet ist, müssten sich verpflichtend auf eine Corona-Infektion testen lassen. Denn die auch bei deutschen Touristen beliebten Strände Bulgariens sind nach ausgiebigen Party-Nächten von der Bundesregierung als Risikogebiet eingestuft worden.

Doch das Corona-Testzentrum im Terminal M des Flughafens schließt um 21 Uhr. Auch die Passagiere von drei Flügen aus Palma de Mallorca sowie je einer Maschine aus Beirut, Varna, Malaga, Alicante und Antalya stehen vor verschlossenen Türen der Testzentren beider Berliner Airports.

Behördenirrwitz und Schlamperei – wie auch im Fall der mehr als 40 nicht mehr zu ermittelnden positiv an den Autobahn-Grenzen zu Bayern Getesteten – unterminieren die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angeordnete Testpflicht für Heimkehrer aus Corona-Risikogebieten. Ob sich Menschen, die sich nach der Rückkehr nicht testen lassen, an die dann verpflichtende 14-tägige Quarantäne halten, überprüfen die Behörden nicht lückenlos.

Das ist in anderen Ländern oftmals vollkommen anders: ob beim Testen, dem Einhalten der Quarantäne oder dem Einreiseverbot für Ausländer.

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    Wer in Japan einreist – und das dürfen derzeit bis auf genehmigte Ausnahmefälle von Ausländern, die etwa für einen Todesfall in der Familie in ihr Heimatland mussten und zurückkehren, nur japanische Staatsbürger – wartet 30 Minuten bis „wenige Stunden“ auf sein Testergebnis. Positiv Getestete werden in Krankenhäusern oder in leichten Fällen in Hotels in Quarantäne isoliert, nicht zu Hause. Dieses Prinzip der Quarantäne in speziellen Unterkünften hatte schon China früh verfolgt.

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    Japan hat zudem seine Testkapazitäten ausgebaut und das Testarsenal durch die schnelleren Antikörpertests erweitert. Inzwischen testen die Virenjäger zudem in Regionen, die als mögliches Cluster gelten, auch proaktiver größere Menschengruppen durch. 

    Auf Schnelltests und kostenlose Tests für alle Bürger, die das wollen, setzen die Vereinigten Arabischen Emirate: So ließ sich der Kronprinz von Abu Dhabi öffentlichkeitswirksam in seinem weißen Geländewagen in einem der in großen Zelten untergebrachten Testzentren auf Corona untersuchen.

    Nur zehn Minuten warten auf das Testergebnis

    Nach gut einer halben Stunde rollte Mohammed bin Zayed mit einem negativen Ergebnis wieder davon. Seit dem 1. August müssen alle Fluggäste von Emirates, die in Dubai ankommen oder die in einen Anschlussflug in Dubai steigen wollen, ein negatives Covid-19-Testzertifikat vorweisen. Am Dubai International Airport werden Blutschnelltests durchgeführt, bei denen die Ergebnisse innerhalb von zehn Minuten vorliegen.

    Auch in Deutschland, das im internationalen Vergleich früh und relativ viel getestet und die Tests seit dem Frühjahr deutlich ausgeweitet hat, mehren sich die Rufe, noch breiter zu testen. Das wäre aber nur möglich, wenn auch andere Testmethoden eingesetzt würden, die bislang als weniger treffsicher angesehen werden.

    Deutschland vertraut bei den Coronatests auf die sogenannten PCR-Tests, die als sehr zuverlässig gelten. Bei den Betroffenen wird im Nasen- oder Rachenraum ein Abstrich gemacht; die Proben werden daraufhin an ein Labor geschickt, wo nach dem Erbgut des Virus gesucht wird. Das Verfahren im Labor dauert mehrere Stunden, der gesamte Prozess von Probenentnahme bis Mitteilung des Ergebnisses eher 24 bis 48 Stunden.

    Um die Abläufe zu beschleunigen und die Testkapazitäten zu erhöhen, schlug der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vor, auch auf andere Verfahren zu setzen. Auch PCR-Tests gebe es in einer Schnellvariante, die keine aufwendige Laboranalyse benötige. Aber: Die Treffgenauigkeit beim Nachweis einer Infektion mit Sars-CoV-2 ist bei den alternativen Methoden geringer.

    Lauterbach argumentiert: „Schnelligkeit ist wichtiger als Genauigkeit.“ Für den Alltagsgebrauch würden auch günstigere und etwas weniger zuverlässige Tests ausreichen.

    Selbst Uruguay hatte bei Ausbruch der Pandemie bereits eigene Diagnose-Kits entwickelt: Die Universidad de la República hatte schon Mitte Januar begonnen, gemeinsam mit dem lokalen Pasteur-Institut daran zu arbeiten. Persönliche Verbindungen zu chinesischen Forschern und nach Europa halfen dabei.

    Die kostenlosen Tests sind Echtzeit-PCR-Tests, also Abstrichtestungen mit schnellem Ergebnis. Uruguays Ziel war nicht, die anderen Diagnostik-Kits zu ersetzen, sondern die Abhängigkeit von Importen zu begrenzen.

    „Dieses Kit soll nicht mit der Privatwirtschaft konkurrieren, sondern an die bedürftigsten Sektoren unserer Gesellschaft weitergeleitet werden“, sagte Gesundheitsminister Daniel Salinas. Zudem werden damit Mitarbeiter im Gesundheitswesen, der Feuerwehr, der Polizei und des Verteidigungsministeriums getestet.

    Auch andere Länder setzen auf Schnelltests. Seit dem 14. Juli setzt Abu Dhabi sogar eine eigenentwickelte laserbasierte DPI-Technologie (Diffractive Phase Interferometry) zur Erkennung von Covid-19-Fällen ein. Die DPI-Technologie untersucht Blutproben per Lasertechnologie auf das Virus. So führen die Gesundheitsbehörden groß angelegte Screenings mit Resultaten innerhalb weniger Sekunden durch. Wer so negativ getestet ist, darf in das Emirat einreisen. Bei Positiv-Scan-Testung muss ein herkömmlicher Test mit einem Nasenabstrich gemacht werden. Einreisewillige dürfen nur dann passieren, wenn dieser Test negativ ist.

    Die Handy-App überwacht die Einhaltung der Quarantäne

    Südkorea lässt im Gegensatz zu Japan nicht nur Ausländer wieder einreisen, die im Land leben. Auch Geschäftsleute dürfen wieder kommen und können durch eine Ausnahmegenehmigung und mit einem negativen Testergebnis sogar auf die 14-tägige Quarantäne verzichten. Der Rest der Reisenden wird bei der Einreise getestet und wartet danach in der Regel in Hotels auf das Ergebnis, um danach zu Hause die Quarantäne abzusitzen.

    Deren Einhaltung wird durch eine App überwacht, in die die betroffenen Personen ihren Gesundheitszustand eintragen müssen. Die App „belästigt“ die Menschen auch regelmäßig, wenn das Smartphone nicht bewegt wird. Damit wollen die Behörden gewährleisten, dass die Person sich auch wirklich daheim aufhält und nicht einfach ohne das Handy die Wohnung verlassen hat. Verstöße werden inzwischen immer strenger geahndet.

    Positive Testfälle werden nach Schweregrad der Krankheit sortiert. Ernstere Fälle werden in Schwerpunktkliniken behandelt, leichte Fälle in umgewidmeten Ferienheimen oder Hotels. Zudem werden die Positionsdaten der Handys und die Kreditkartendaten verwendet, um mögliche Kontaktpersonen aufzuspüren.

    In Frankreich wurde, um zu lange Wartezeiten bei Coronatests zu vermeiden, in Paris und Umgebung eine Internetplattform eingerichtet. Wer Verdacht auf eine Corona-Infektion hat oder mit Coronakranken Kontakt hatte, kommt schneller an einen Test-Termin – und innerhalb von 24 Stunden an das Ergebnis.

    Es existieren mehrere Testarten in Frankreich: Neben 54 verschiedenen PCR-Tests, die zeigen, ob das Virus aktiv ist, weisen Bluttests wie „Elisa“ nach, ob eine Immunität besteht. Von den schnellen Bluttests (Trod) sind 63 verschiedene zugelassen. Auch braucht es für einen Test kein Rezept mehr vom Arzt. Die Kosten werden nur für die Nasentests von der Krankenkasse auch ohne Rezept übernommen, nicht jedoch die Bluttests. Die Nasentests kosten 54 Euro. Die Schnelltests in der Apotheke kosten 15 bis 20 Euro.

    Eine Massentestung gab es vorigen Sonntagabend in Genua, wo das erste Kreuzfahrtschiff seit dem monatelangen Stopp durch den Lockdown in Italien startete. Die MSC Grandiosa hat 2500 Passagiere an Bord, 70 Prozent der normalen Belegung. Alle wurden an Bord beim Einchecken in einer eigens aufgebauten medizinischen Abteilung auf Corona getestet. Die Ergebnisse bekamen sie nach Angaben von Teilnehmern schon nach einer Stunde – alle negativ.

    Auf Roms Flughäfen werden Schnelltests für ankommende Besucher durchgeführt. Das Ergebnis kommt nach einer halben Stunde Wartezeit. Ist es positiv, werden die Touristen von der Polizei nach Hause gebracht in die Quarantäne – und das Tracking beginnt.

    Ein Speicheltest kann am ersten Tag negativ sein, aber am zweiten positiv. Deswegen lassen sich viele Italiener aus Eigeninitiative auf Antikörper testen. Diese Tests, die nachweisen, ob man Coronaviren im Körper gehabt hat oder nicht, kosten im Schnitt 55 Euro. Fallen sie positiv aus, folgt der Speicheltest. Die 14-tägige Quarantäne wird nicht überwacht. Doch die Italiener sind nach dem harten dreimonatigen Lockdown von März bis Mai sensibilisiert und folgen den Weisungen des Zivilschutzes und des Gesundheitsministeriums.

    Reisende in China sind Dauergäste in Krankenhäusern

    China setzt auf punktuelle Massentests. Laut offiziellen Angaben wurden etwa in der zentralchinesischen Stadt Wuhan im Mai alle elf Millionen Einwohner getestet. Als im Juni in Chinas Hauptstadt Peking neue Fälle des Virus auf dem Xinfadi-Großmarkt auftraten, testeten die lokalen Behörden zehntausende Menschen, die in dem betroffenen Distrikt wohnen.

    Ob man einen Test zur Einreise braucht, ist von Provinz zu Provinz und Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich und ändert sich immer wieder. Ob man ihn dann auch vorweisen muss, ist ebenfalls unsicher. Menschen, die viel reisen, sind jedoch inzwischen Dauergäste in den Krankenhäusern.

    Das Testen funktioniert zumindest in den großen Städten wie Schanghai oder Peking meist reibungslos. Je nach Krankenhaus kostet es umgerechnet zwischen rund 15 Euro und 50 Euro. In einem staatlichen Krankenhaus in Peking läuft die günstigste Testversion dann zum Beispiel so: Man macht online einen Termin aus, geht ein paar Stunden später oder am nächsten Tag zum Krankenhaus, zahlt die Gebühr und lässt einen Abstrich vornehmen. 24 Stunden später kann das Ergebnis abgeholt werden. Wer mehr Geld bezahlt, kann das Ergebnis in manchen Krankenhäusern auch digital bekommen.

    Die Kosten sind für die Mittelschicht nicht besonders groß. Doch mehr als zwei Drittel der Chinesen leben immer noch von gerade einmal 120 Euro im Monat – für sie ist ein Test für 15 Euro sehr teuer.

    In den USA ist der einstige Hot-Spot New York mittlerweile eine der rühmlichen Ausnahmen im Test- und Quarantäne-Chaos des Landes. Die USA gehören zwar zu den Ländern, die an der Bevölkerung gemessen am meisten testen, aber völlig unorganisiert und zu unterschiedlichen Bedingungen.

    Monatliche Tests für Bauarbeiter

    Im Bundesstaat und in der Stadt New York jedoch gehört das Testen mittlerweile zum Alltag. Insgesamt wurden in den USA 70 Millionen Tests durchgeführt, sieben Millionen davon im Bundesstaat New York.

    New York bietet gratis Tests an und lässt bestimmte Berufsgruppen wie Bauarbeiter einmal pro Monat testen. In den vergangenen Tagen kommen weniger als ein Prozent der Coronatests positiv zurück.

    Auch Antikörper-Tests werden von den Versicherern oder der Stadt übernommen. So weiß man heute, dass fast ein Viertel der New Yorker mit dem Virus infiziert wurden, in eigenen Stadtvierteln mehr als 40 Prozent. Bei den Ergebnissen müssen allerdings auch die New Yorker seit einiger Zeit länger warten.

    Weil die Labors wegen der steigenden Fälle im Rest des Landes überlastet sind, warnen die Zentren, dass es zwei Wochen dauern kann, bis die Ergebnisse vorliegen.

    Um sich vor einem neuen Aufflammen zu schützen, gibt es mittlerweile eine Zwangsquarantäne für Rückkehrer oder Besucher aus Bundesstaaten wie Florida, Arizona oder Kalifornien.

    In Russland durften die Menschen in vielen stark betroffenen Städten auf dem Höhepunkt des Lockdowns ihre Wohnungen nur kurz verlassen – und das auch nur, wenn sie sich vorher online bei der zuständigen Behörde einen von der Polizei scanbaren QR-Code besorgt hatten. Jetzt werden, so berichtet Kirill Dmitriew vom Staatsfonds RDIF, alle Flugpassagiere vor Abflug auf Corona getestet. Das Ergebnis liege binnen einer halben Stunde vor. Der RDIF hat eine russische Firma finanziert, die mit japanischer Lizenz Schnelltests produziert.

    Mehr: Streit über Teststrategie der Bundesregierung

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    2 Kommentare zu "Pandemie: Was Deutschland von anderen Staaten für seine Test-Strategie lernen kann"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • "Deutsche Strategie" ist ein Oxymoron, weil Strategien vorausschauend sind. Außerdem versuche ich mir gerade vorzustellen, dass man in Deutschland jemanden zwingt (ich nehme an, dass in Japan nicht auf Freiwilligkeit gesetzt, sondern im Zweifelsfall durchgesetzt wird), Quarantäne in einem Hotel oder Lager zu verbringen.

    • Unsere Probleme hängen mit Sicherheit auch mit dem Föderalismus zusammen; dort kocht jeder sein eigenes Süppchen. Außerdem halte ich unseren Beamtenapparat für ineffektiv (und teuer) Ich selbst (kurz vor 70) verwende die Corona-App in der Hoffnung, dass es irgendwas bringt! Wenn ich aber höre, dass nur 4,5% der Getesteten ihre Were eingeben, dann frage ich nach der Effektivität. (wenn ich es richtig verstanden habe)

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