Pariser Anschläge Belgien erhebt Anklage gegen weiteren Verdächtigen

Nach den Pariser Terroranschlägen führten viele Spuren nach Belgien. Nun hat die Staatsanwaltschaft des Landes gegen einen weiteren Verdächtigen Anklage erhoben. Zum Angriff auf die Pariser Polizei gibt es neue Details.
Update: 22.01.2016 - 18:37 Uhr
Seit den Anschlägen von Paris gilt in Frankreich der Ausnahmezustand. Quelle: dpa
Ausnahmezustand in Paris

Seit den Anschlägen von Paris gilt in Frankreich der Ausnahmezustand.

(Foto: dpa)

Brüssel/DüsseldorfDie belgische Staatsanwaltschaft hat im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris Anklage gegen einen weiteren Verdächtigen erhoben. Ein zweiter, ebenfalls am Donnerstag festgenommener Mann sei dagegen freigelassen worden, hieß es am Freitag. Zudem sei eine Person wieder auf freiem Fuß, die im Dezember in Untersuchungshaft genommen worden war. Die vorliegenden Hinweise seien nicht ausreichend für eine weitere Haft, erklärte die Staatsanwaltschaft. Damit sind insgesamt zehn Personen in Belgien im Zusammenhang mit dem Anschlag in Haft. Bei dem Angriff am 13. November waren 130 Menschen getötet worden.

In der vergangenen Woche hatten die Ermittler mitgeteilt, dass die Attentäter von Paris vor ihren Anschlägen zwei Wohnungen und ein Haus in Belgien als Unterschlupf genutzt hätten. Nach den Anschlägen, zu denen sich die radikalislamische IS-Miliz bekannt hat, führten viele Spuren nach Belgien. Mindestens zwei der Attentäter sollen im Brüsseler Stadtteil Molenbeek gewohnt haben. Der in Brüssel geborene Hauptverdächtige Salah Abdeslam wird weiter gesucht

Die sozialen Brennpunkte der Republik
Soziale Brennpunkte
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Sinnbilder gescheiterter Integration: In den französischen Banlieues – urbanisierte Bereiche in den Randgebieten der Großstädte – herrscht Armut, Hass und Hoffnungslosigkeit. Die Bewohner der Banlieues fühlen sich ausgegrenzt und diskriminiert und lassen ihrer Wut regelmäßig freien Lauf.

Zuflucht für Migranten
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Viele Bewohner der Vorstädte – wie hier in Bobigny nahe Paris – haben einen Migrationshintergrund. Ein großer Teil der Bevölkerung stammt aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika. Plattenbauten und Hochhäuser sind charakteristisch für das Leben in dieser Region.

Wut und Hass
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Bilder wie diese sieht man häufig: Unzufriedene Jugendliche, die ihren Unmut öffentlich kundtun. Arbeitslosigkeit ist nach wie vor ein großes Problem: Durchschnittlich ist jeder Vierte ohne Job, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt die Quote bei über 40 Prozent.

Kriminalität
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Dementsprechend groß ist die Gefahr für Jugendliche, innerhalb der Banlieues auf die schiefe Bahn zu geraten. Angst und Gewalt gehören zum Alltagsleben dazu. Eine amtliche Kriminalitätsrate gibt es nicht, die Dunkelziffer dürfte allerdings erschreckend hoch sein. In der Vergangenheit wurde in Frankreich darüber diskutiert, Kriminellen mit Migrationshintergrund die französische Staatsbürgerschaft zu entziehen – was wiederum wütende Reaktionen der Bewohner der Randzonen hervorrief.

Clichy-sous-Bois
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Hier, in Clichy-sous-Bois, entlud sich die Gewalt 2005 in einem großen Knall: In dieser Randgemeinde östlich von Paris flüchten am 27. Oktober zwei Jugendliche mit maghrebinischem Migrationshintergrund vor der Polizei. Während der Verfolgung erleiden sie in einem Transformationshäuschen einen tödlichen Stromschlag. Es folgen schwere Unruhen in den französischen Banlieues: Aufgebrachte Bewohner – vorwiegend Jugendliche – liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei, zünden Autos an und zerstören alles, was sie nur zerstören können.

Unruhen in den Vorstädten
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Die Unruhen in den Banlieues dauern rund drei Wochen an: Zunächst in Clichy-sous-Bois, dann in anderen Pariser Vorstädten und schließlich im gesamten Land. Nachts verwandelt sich Frankreich in ein Schlachtfeld. Schulen, Kindergärten, Rathäuser und andere öffentliche Gebäude werden beschädigt und zerstört, Polizisten und Feuerwehrleute gezielt attackiert. Es ist eine Form des gewalttätigen Protestes, die Frankreich überrascht.

Ausgebrannte Autos
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Stellvertretend für die Gewaltspirale: Eine Reihe ausgebrannter Autos. Mehr als 10.000 Autos gingen landesweit in Flammen auf. Zeitweise musste gar der öffentliche Nahverkehr eingestellt werden, da zahlreiche Busse beworfen und angezündet worden waren.

Der vor zwei Wochen in Paris erschossene islamistische Attentäter ist den Ermittlern zufolge ein aus Tunesien stammender Einzeltäter. Mehrere Hinweise auf ein islamistisches Netzwerk hätten sich nicht bestätigt, sagte der Chef des Landeskriminalamtes (LKA) NRW, Uwe Jacob, am Freitag in Düsseldorf. Der Angreifer - der zeitweise als Asylbewerber in Recklinghausen lebte - sei inzwischen anhand seiner Fingerabdrücke als 24 Jahre alter gewordener Tunesier Tarek B. identifiziert worden.

B. sei bereits 2011 nach Rumänien eingereist und nach Tunesien abgeschoben worden. Er habe in sieben europäischen Ländern Asylanträge gestellt, 20 verschiedene Identitäten vorgetäuscht und sei straffällig geworden. 2014 kam er nach Recklinghausen. In NRW verbüßte er auch eine einmonatige Freiheitsstrafe. In Deutschland war er unter dem Namen Walid S. registriert. Das Ergebnis der DNA-Analyse stehe allerdings noch aus.

Das LKA hatte in dem Fall am Freitag erneut zahlreiche Objekte durchsucht und dabei auch das Umfeld des Mannes überprüft. Er war am 7. Januar, ein Jahr nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“, in Paris auf zwei Polizisten zugelaufen, hatte „Allah ist groß“ gerufen und ein Schlachterbeil gezogen. Die Beamten erschossen ihn.

Jacob kritisierte die europäische Asyl-Datenbank Eurodac. Sie gehöre auf den Prüfstand. Der Polizei müssten alle verfügbaren Daten zur Verfügung gestellt werden, um umherreisende Straftäter erkennen zu können, sagte der LKA-Chef. Bislang würden nicht einmal die Personalien mitgeteilt.

Die Reisewege des Attentäters hätten nur mit sehr großem Aufwand nachvollzogen werden können. Nach Rumänien hatte der Tunesier demnach auch in Österreich, Italien, Luxemburg, der Schweiz, Deutschland und Schweden Asylanträge gestellt. Eine Kommission aus 60 Beamten des LKA NRW ermittelt in dem Fall.

Im Zimmer des Mannes hatten Beamte schon im vergangenen Jahr eine aufgemalte Fahne der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) entdeckt. Die deswegen eingeleiteten Ermittlungen seien von der Staatsanwaltschaft aber im Juni 2015 eingestellt worden, weil sich keine Hinweise auf strafbare Handlungen ergeben hätten. Auf seinem Handy seien zwar IS-typische Bilder und Fotos von Osama bin Laden entdeckt worden. Diese stammten aber aus öffentlich zugänglichen Internetquellen.

Gegen Tarek B. wurde seit Mai 2014 unter anderem wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, Rauschgifthandels, Diebstahls und Körperverletzung ermittelt. Laut LKA reiste der Angreifer 2013 zum ersten Mal nach Deutschland ein und soll davor illegal in Frankreich gelebt haben. Ausgegeben habe er sich abwechselnd als Tunesier, Marokkaner, Syrer und Georgier.

Schon 2014 war der Angreifer vom Amtsgericht Recklinghausen wegen Rauschgiftdelikten zu zwei Wochen Arrest verurteilt worden. Er soll auch auf einen schlafenden Obdachlosen eingetreten und ihn mit Alkohol übergossen sowie einen weiteren Mann schwer verletzt haben. In einer Kölner Diskothek soll er Frauen angegrapscht haben.

  • rtr
  • dpa
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