Plagiats-Vorwürfe Wie ein deutscher Software-Entwickler in die Mühlen der spanischen Politik gerät

Mit dem Programm von PlagScan wollte Madrid beweisen, dass Ministerpräsident Sánchez seine Doktorarbeit nicht abgeschrieben hat. Doch an dem Ergebnis gibt es Zweifel.
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Der spanische Minipräsident könnte bei seiner wissenschaftlichen Arbeit betrogen haben – und ein deutscher Softwareentwickler bedroht seinen Job. Quelle: dpa
Plagiat

Der spanische Minipräsident könnte bei seiner wissenschaftlichen Arbeit betrogen haben – und ein deutscher Softwareentwickler bedroht seinen Job.

(Foto: dpa)

MadridTelefonanrufe mit spanischer Vorwahl werden bei der Kölner Software-Schmiede PlagScan derzeit automatisch an den Firmenchef weitergeleitet. „Hier rufen im Stundentakt spanische Journalisten an“, seufzt Markus Goldbach. „Eine Tageszeitung hat mich schon nach Madrid eingeladen.“ In Spanien ist Goldbachs Plagiat-Software in aller Munde, nachdem die spanische Regierung sie benutzt hatte, um Ministerpräsident Premier Pedro Sánchez von dem Plagiats-Verdacht in seiner Doktorarbeit reinzuwaschen.

Die Regierung hatte nach Vorwürfen gegen Sánchez dessen Doktorarbeit digitalisiert und zwei Anti-Plagiats-Programme darüber laufen lassen. Eines davon war PlagScan, das nur eine Übereinstimmung von 0,96 Prozent mit Quellen aufwies, die nicht ausdrücklich als Zitate gekennzeichnet waren. Goldbach kam das Ergebnis merkwürdig vor, weil die zweite eingesetzte Software, ein Programm des Anbieters Turnitin, auf 13 Prozent kam.

„Ich habe um den Ruf meines Unternehmens gefürchtet“, sagt er dem Handelsblatt und hat deshalb seine Software selbst über Sánchez Arbeit laufen lassen. Dabei kam er auf 21 Prozent Übereinstimmungen. Goldbach hat daraufhin mehrere Emails an die Regierung in Madrid geschrieben und sie gebeten, ihm den Prüf-Bericht seiner Software zu zeigen. Darin sind die Filter ersichtlich, die sie bei der Prüfung verwendet hat. Als er tagelang keine Reaktion bekam, veröffentlichte er eine Pressemitteilung, in der er den Sachverhalt schilderte.

Der Chef der Kölner Software-Schmiede PlagScan hat seine Software über Sánchez' Arbeit laufen lassen. Dabei kam er auf 21 Prozent Übereinstimmungen. Quelle: PlagScan
Markus Goldbach

Der Chef der Kölner Software-Schmiede PlagScan hat seine Software über Sánchez' Arbeit laufen lassen. Dabei kam er auf 21 Prozent Übereinstimmungen.

(Foto: PlagScan)

„Wir beschuldigen weder jemanden des Plagiats noch sind wir Plagiats-Jäger“, heißt es darin. „Aber der große Unterschied zu Ergebnissen anderer Programme hat uns neugierig gemacht, worin die Erklärung dafür liegt.“ Die Regierung schwieg weiter, was zahlreiche spanische Medien als Hinweis darauf werten, dass sie die Software-Prüfung manipuliert haben könnte.

„Der Chef eines Antiplagiat-Programms beschuldigt die Regierung: Die Doktorarbeit von Pedro Sánchez hat 21 Prozent aufgedeckt und nicht 0,96 Prozent“, lautete etwa die Überschrift in der großen spanischen Zeitung El Mundo. „PlagScan beschuldigt die Moncloa der Manipulation“ schrieb die Online-Zeitung Okdiario. Der Moncloa-Palast ist der Sitz des spanischen Ministerpräsidenten.

Nun könnte man meinen, die mediale Aufmerksamkeit komme Goldbachs kleiner Firma ganz gelegen. Das Kölner Startup wurde 2009 gegründet, funktioniert in vier Sprachen und hat heute 1500 Organisationen und 1,2 Millionen Studenten als Kunden. Doch dem jungen Gründer ist der Wirbel zu viel. „Mir ist unangenehm, dass ich in diese politische Maschinerie reingezogen werde“, sagt er. „Das war nicht meine Absicht, aber der Fall war so populär und die spanische Regierung hat unsere Software selbst erwähnt, da musste ich mich äußern.“

Spanische Regierung enorm unter Druck

Zudem beschuldige er auch niemanden, der Fall werde in Spanien stark aufgebauscht. Es sei normal, bei einer Prüfung Filter zu verwenden. Die schließen zum Beispiel Quellen aus, die ebenfalls von Sánchez stammen – also Fälle, in denen der Premier von sich selbst abgeschrieben hätte. Oder Quellen mit einem späteren Datum – also Fälle, in denen andere von Sánchez abgeschrieben hätten. Oder aber lange Redewendungen, die der Algorithmus der Software nicht erkennt und die keinerlei Plagiat darstellen.

Goldbach ist bei seiner Prüfung ohne jeden Filter auf die 21 Prozent gekommen. „Das korrekte Ergebnis liegt auf jeden Fall darunter, vielleicht ja auch bei 0,96 Prozent“, sagte er. „Darüber hätte ich einfach gerne mit der Regierung geredet – dann wäre ich vielleicht auch nicht an die Presse gegangen. Oder aber gemeinsam mit der Regierung und hätte die Validität der Ergebnisses bestätigt.“

Die spanische Regierung ist mit den Vorwürfen gegen Sánchez enorm unter Druck geraten. Den Verdacht, dessen Doktorarbeit könne Unregelmäßigkeit aufweisen, hatte vor einer Woche der Chef der liberalen Ciudadanos im spanischen Parlament geäußert – just am Tag nach dem Sánchez‘ Gesundheitsministerin wegen des zweifelhaften Erwerbs ihres Mastertitels sowie Plagiatsvorwürfen zurückgetreten war.

Sánchez ist erst im Juni nach einem Misstrauensvotum gegen seinen Vorgänger Mariano Rajoy ins Amt gekommen und sowohl Ciudadanos als auch die konservative Partido Popular (PP) fordern, der Premier solle Neuwahlen ansetzen statt die restlichen zwei Jahre der regulären Regierungszeit an dem Chefsessel zu haften. Sánchez’ sozialistische Partei PSOE hat im Parlament nur ein Viertel der Sitze und große Probleme, die nötigen Mehrheiten für den Haushalt oder Gesetzinitiativen zusammen zu bekommen.

Ciudadanos-Chef Rivera fordert nach Goldbachs Mitteilung ebenfalls, Sánchez solle den Prüfbericht der deutschen Software veröffentlichen. „Es deutet alles darauf hin, dass in der Doktorarbeit von Pedro Sánchez betrogen wurde“, sagt er. Zusammen mit der PP will er Sánchez verpflichten, dem Senat Rede und Antwort zu stehen.

Erklärungen forderten am Donnerstag selbst Sánchez‘ Unterstützer im Kongress, die katalanischen Separatisten PDECat und die linkspopulistische Podemos an, nachdem neue Vorwürfe ans Licht gekommen waren. Die lauten: Sánchez hat in dem Buch zu seiner Doktorarbeit zusammen mit einem Co-Autor Absätze aus einer Konferenz eines spanischen Diplomaten verwandt ohne sie als Zitate zu kennzeichnen.

Sánchez hat das als „Fehler“ bezeichnet, der in der nächsten Auflage des Buches korrigiert würde. Er ist auch bereit, im Senat zu erscheinen, hat die Konservativen aber gewarnt: „In der Opposition zu sein bedeutet nicht, Lärm zu machen.“

Ein allzu hartes Vorgehen gegen Sánchez könnte aber auch für die PP unangenehm werden. Deren neuer Chef Pablo Casado steht unter Verdacht, seinen Mastertitel ähnlich wie die zurückgetretene Gesundheitsministerin aufgrund von politischen Kontakten erhalten zu haben ohne alle dafür nötigen Arbeiten absolviert zu haben. Casado weigert sich anders als Sánchez, seine Arbeiten zu veröffentlichen.

Beide Politiker haben ihren Master an der Madrider Universität Rey Juan Carlos gemacht – ebenso wie die ehemalige konservative Regierungschefin der Region Madrid. Sie ist im Frühjahr wegen ähnlicher Vorwürfe zu ihrem Master zurückgetreten.

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