Politologe Thomas Berger „Japan hasst es, mit Deutschland verglichen zu werden“

Japan hatte im Zweiten Weltkrieg große Teile Chinas besetzt und Gräueltaten verübt. Muss Japan mehr Einsicht zeigen, um Chinas Vergebung zu verdienen? Interview mit dem Politologen Thomas Berger über diese Streitfrage.
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Japans Regierungschef Shinzo Abe  – hier bei einem Besuch im Anne-Frank-Haus in Amsterdam – ist überzeugt, dass ein Mangel an Patriotismus sein Land schwächt. Quelle: dpa

Japans Regierungschef Shinzo Abe – hier bei einem Besuch im Anne-Frank-Haus in Amsterdam – ist überzeugt, dass ein Mangel an Patriotismus sein Land schwächt.

(Foto: dpa)

Der Politologe Thomas Berger erforscht Vergangenheitsbewältigung in Japan, Deutschland und China. Sein Buch „War, Guilt and Politics After World War II“ gilt als Standardwerk zu diesem Thema. Neben einer Professur an der Boston University hält er Forschungspositionen in Japan. Anlässlich des Besuchs von Präsident Xi Jinping in Berlin erklärt er, warum China die Deutschen in den Konflikt mit Japan hineinziehen will.

Herr Berger, China fordert von Japan, sich bei der Vergangenheitsbewältigung an Deutschland zu orientieren. Ist Deutschland ein angemessenes Vorbild?
Die Japaner hassen es, mit den Deutschen verglichen zu werden. Es unterstellt, dass sie den internationalen Goldstandard für die Annahme von Schuld nicht erreichen. Tatsächlich finden sich viele Unterschiede. Nanjing und Einheit 731 (zwei Schauplätze von Gräueltaten der japanischen Armee, d. Red.) waren nicht Auschwitz, so schrecklich sie auch waren. Die Politik in China und Korea nutzt zudem antijapanische Gefühle für politische Zwecke.

Verstehen die Asiaten überhaupt die Vorgänge in Europa?
Die deutsche Vergangenheitsbewältigung war ein deutlich komplexerer und schwierigerer Prozess, als er in China und Korea wahrgenommen wird. Dennoch gibt es viele Lektionen, die Japan von der europäischen Erfahrung lernen könnte. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass gegenseitige Animositäten gezähmt werden können.

Zeigt der Wunsch Xis, das Thema in Berlin anzusprechen, einen Trend, die Auseinandersetzung ins Ausland zu tragen?
In der Tat, das tut er. Die Chinesen und Koreaner versuchen, Japan international an den Pranger zu stellen und es unzuverlässig erscheinen zu lassen. Zum Teil sind sie dabei erfolgreich. Das liegt einerseits daran, dass die japanische Gegenstrategie so untauglich ist. Andererseits verfolgt die Regierung Abe wirklich einen revisionistischen Kurs.

Abe ist Nationalist, oder?
Ja. Er ist vermutlich die nationalistischste japanische Führungspersönlichkeit seit seinem Großvater Kishi. Vielleicht sogar ist er sogar noch nationalistischer. Abe ist davon überzeugt, dass Japan unter schwachem Nationalstolz leidet, und dass der Mangel an Patriotismus das Land schwächt – gesellschaftlich, wirtschaftlich und militärisch. Er will den Riss zwischen Volk und Staat wieder kitten, den er als Machenschaft der Amerikaner nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg sieht. Die Verbreitung eines positiven Geschichtsbilds ist ein wichtiges Werkzeug dafür. Deshalb zeigt Abe so große Entschlossenheit.

Und schadet dabei nebenbei den Beziehungen zum großen Nachbarland China.
Er hegt Ansichten, die ganz klar nationalistisch sind und Japans Beziehungen zum Rest der Welt massiv schaden. Es ist schwer zu sagen, was als nächstes passieren wird. Ich hoffe, dass die Pragmatiker unter seinen Beratern die Oberhand gewinnen.

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7 Kommentare zu "Politologe Thomas Berger: „Japan hasst es, mit Deutschland verglichen zu werden“"

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  • „Japan hasst es, mit Deutschland verglichen zu werden“

    Kann ich gut verstehen. Immerhin behauptet die welt das deutschland den 2. WK angefangen hat und er auch mit DE beendet wurde.
    Da das eigentlich mit den Japanern geschah, kann ich mir gut vorstellen, dass die japaner sich da in ihren stolz verletzt fühlen.
    Stolz? ..zur erinnerung an deutsche, ..ach nee, das ist etwas, was ihr für immer verloren habt. Habt ihr soch sogar existtenzängste ggü rollstuhlfahrern.


  • Ich meine, bevor wir uns je wieder an den "Pranger" stellen lassen, sollten Wir von uns aus mal damit anfangen, dass wir die Gräueltaten der Kolonialmächte und der Amis (Vietnam, Dresden,..) aufarbeiten.

    Was sind wohl 12 Jahre Nazi Terror gegen 500 Jahre Kolonial-Terror durch die sog. Kolonial-Mächte. Was ist mit dem Opium-Kartell, oder dem Sklavenhandel. Was ist mit den Indianern und damit, dass China (neben Russland) die meisten Kriegstoten vom WK-II vorzuweisen hat ? Und was ist mit dem Völkermord an der palästinensischen Urbevölkerung?

    Bevor man also andere an den „Pranger“ stellt, sollte man evlt. erst einmal seinen eigenen Dreck aufarbeiten.

  • "Hilfe kommt auch immer zurück."
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    Glauben Sie ernsthaft, daß Deutschland jemals Hilfe bekäme, wenn's uns dreckig ginge? Man würde schallend lachen und sich die Hände reiben. Ich hege da keinerlei Illusionen.

    Ich darf auf die Flutkatastrophe verweisen, die D letztes Jahr stemmen mußte und bei der es in der EU lapidar hieß "Dafür ist leider kein Geld vorhanden.".
    *So* sieht die Hilfsbereitschaft der anderen aus. Man brauchte das Geld für die Banken und den Club Med. Deutschland hat nur dann "Freunde", wenn es eifrig katzbuckelt und zahlt. Merkel ist die schlechteste Kanzlerin, die ich in meinem Leben erlebt habe (das sind immerhin ein paar Jahrzehnte) und das Wohl Deutschlands steht imho *nicht* auf ihrer Agenda!
    Wenn es mir nach gegangen wäre, wäre niemand, der in der DDR sozialisiert wurde, jemals in der BRD in ein politisches Amt aufgestiegen, das über einen einfachen Dorfschulzen hinausgeht. Wohin das nämlich führt, erleben wir gerade mit.

  • Eine sog. Vergangenheitsbewältigung wie sie in Deutschland stattfindet ist mit Sicherheit einzigartig. Die Siegermächte betreiben diese Politik um bei uns möglichst lange abzukassieren. Warum unsere Politiker und Medien mitspielen ist schwerer zu erklären. Aber vielleicht ist ja der ausgeübte und angedrohte Druck zu groß und es gibt keine umsetzbare Alternative.

  • An Frau Merkel kann man amS gut sehen, wie Politiker in reifen Demokratien handeln sollten; besonnen und überlegt, abseits des Getuschels der Wichtigtuer und Minderleister, fernab von latenten Vorurteilen mit ihren immer gleichen Reflexen, realitisch, dem konkreten Problem und auch der Empathie verpflichtet. Vielleicht gehts uns auch deswegen "besser" als den "stolzen" Griechen oder Japanern. Vernetztheit sichert den Frieden; Hilfe kommt auch immer zurück.

  • mj

  • "Abe ist davon überzeugt, dass Japan unter schwachem Nationalstolz leidet, und dass der Mangel an Patriotismus das Land schwächt – gesellschaftlich, wirtschaftlich und militärisch."
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    Gut gesagt! Das gleiche gilt für Deutschland. Die Art von "Demut", die Deutschland penetrant wie eine Monstranz vor sich herträgt, erzeugt nämlich keine Achtung bei anderen Völkern, sondern macht uns zur Lachnummer auf dem Globus. Man muß den Patriotismus ja nicht gleich übertreiben, wie es in den USA üblich ist. Aber eine *moderate* Version davon plus etwas mehr Selbstbewußtsein (angesichts unserer wirtschafltichen Leistung wäre das durchaus angemessen) täte diesem Land besser, als sich abzuschaffen. Es ist nicht normal, daß ein Industriegigant wie Deutschland katzbuckelt (Immerwährende Schuld lt. manchen Politikern? Lächerlich!) und sich servil und zahlungsbereit gibt, während wirtschaftliche Nullen wie Griechenland vor verfehltem Stolz (Auf was eigentlich? Auf die perfektionierte Kunst des Schnorrens?) bald platzen.

    Shinzo Abes Weg ist also nicht so falsch, wie manche suggerieren möchten. Von ihm könnten sich unsere Politiker mal eine Scheibe abschneiden und sich so wieder etwas ihrem Amtseid "zum Wohle des deutschen Volkes" annähern!

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