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Präsident des Weltwirtschaftsforums im Interview „Fair Play ist das Gebot der Stunde“ – Børge Brende bestärkt Rolle der WTO

Børge Brende sieht die Weltwirtschaft vor einem Paradigmenwechsel: Die Globalisierung wird digital. Umso wichtiger seien einheitliche Spielregeln. Aber die Risiken für die Weltwirtschaft seien größer geworden.
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Der Präsident des Weltwirtschaftsforums hatte zuvor mehrere Ministerposten in Norwegen inne. Quelle: picture alliance/AP Photo
Børge Brende

Der Präsident des Weltwirtschaftsforums hatte zuvor mehrere Ministerposten in Norwegen inne.

(Foto: picture alliance/AP Photo)

Seit einem Jahr ist Børge Brende Handlungsreisender für die Globalisierung – und auch in eigener Sache. Der Präsident des WEF könnte den Gründer des Forums, Klaus Schwab, als Executive Chairman beerben. In Berlin interessieren ihn vor allem die Pläne von Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Finanzminister Olaf Scholz.

Herr Brende, die Globalisierung wird von vielen Regierungen infrage gestellt. Beunruhigt Sie das?
Die Globalisierung können und wollen wir nicht rückgängig machen. Aber wir können sie verbessern.

Machen Sie einen Vorschlag.
Die Früchte der Globalisierung müssen breiter und gerechter verteilt werden. Außerdem müssen wir berücksichtigen, dass die Welt multipolar geworden ist.

Das heißt?
Es kann für Entwicklungsländer mit wenig Industrie durchaus Sinn machen, auf Mindestanteile aus lokaler Produktion zu bestehen, um überhaupt erst eine eigene Industrie aufzubauen. Mein Heimatland Norwegen hat zum Beispiel bei der Öl- und Gasförderung darauf geachtet, dass heimische Firmen daran beteiligt werden. Heute gehören norwegische Öl- und Gasförderfirmen zu den Weltmarktführern.

Die bisherige liberale Ordnung der Weltwirtschaft steht unter Beschuss. Zu Recht?
Die Kunst liegt darin, die internationale Wirtschaftsordnung so zu reformieren, dass Regierungen, Unternehmen und die Zivilgesellschaft besser zusammenarbeiten. Nur so können wir globale Herausforderungen wie den Klimawandel, die Handelskonflikte und die Armut meistern und weltweit mehr Jobs schaffen.

Sehen Sie Fortschritte?
Die Weltwirtschaft wächst nach wie vor mit einer robusten Rate von fast vier Prozent. Aber die Risiken sind größer geworden. Deshalb hat der Internationale Währungsfonds seine Wachstumserwartungen leicht nach unten korrigiert. Der Handelsstreit zwischen den USA und China mit Strafzöllen auf ein Volumen von rund 260 Milliarden Dollar gehört sicher dazu. Die Kapitalflucht aus einigen Schwellenländern ist ein weiteres Risiko. Es gibt aber auch Lichtblicke.

Welche?
Zum Beispiel, dass sich die USA, Mexiko und Kanada auf ein neues Freihandelsabkommen einigen konnten.

Dieser Deal beinhaltet aber doch die politische Steuerung des Handels.
Vor einem Monat hatten wir noch Sorge, dass die Verhandlungen scheitern. Der Handel wird immer auch von innenpolitischen Zielen beeinflusst. Dass dennoch ein Deal zustande gekommen ist, macht mich optimistisch, dass dies auch zwischen den USA und Europa gelingen kann.

Sie erwarten ein Comeback des Freihandels?
Der globale Handel ist in den vergangenen Jahren oft stärker gewachsen als die Weltwirtschaft und war somit ein Wachstumsmotor. Ich befürchte, dass ein geringeres Wachstum im Welthandel auch die Expansion der Weltwirtschaft bremsen könnte. Gerade jetzt brauchen wir aber noch ein paar Jahre mit guten Wachstumsraten, damit wir uns auf den nächsten Abschwung besser vorbereiten können. Im Moment hat die Wirtschaftspolitik noch nicht genug Munition, um eine globalen Rezession bekämpfen zu können.

Ein Teil des Welthandels besteht heute nicht mehr aus dem Austausch von Gütern, sondern aus Datenverkehr. Schlagen wir mit den Strafzöllen auf Stahl und Autos nicht die Schlachten der Vergangenheit?
Wir können über Handel heute nicht mehr so sprechen wie noch vor zehn Jahren. Die Weltwirtschaft verändert sich durch die Digitalisierung rasant, wie man an dem starken Wachstum von E-Commerce sehen kann. Made in Germany heißt heute etwas ganz anders als vor zehn Jahren.

Nämlich was?
Deutsche Produkte von BMW, Daimler oder Siemens bestehen heute bis zu 70 Prozent aus Zulieferteilen, die aus aller Welt kommen. Strafzölle erhöhen die Kosten selbst für diejenigen, die sie erheben. Das ist das Ergebnis der weltweiten Lieferketten. Wir sitzen alle in einem Boot.

Wie lassen sich internationale Spielregeln für einen digitalisierten Welthandel durchsetzen?
Wir haben selbst in der Welthandelsorganisation WTO heute noch kein globales Regelwerk für E-Commerce. Es gibt keine Verkehrsregeln für Künstliche Intelligenz. All das brauchen wir aber, um zum Beispiel mithilfe der WTO-Schiedsrichter Handelsstreitigkeiten im E-Commerce zu schlichten. Die wichtigste Aufgabe für die WTO ist, dafür zu sorgen, dass alle sich an die gleichen Spielregeln im Welthandel halten.

Bahnt sich im Wettrennen um neue Technologien ein „Kalter Krieg“ zwischen den USA und China an?

Dass es globalen Wettbewerb gibt, ist doch eine gute Sache.

Ist dieser Wettbewerb ein Nullsummenspiel, bei dem die Gewinne des einen die Verluste des anderen widerspiegeln?
Die vergangenen drei Jahrzehnte haben gezeigt, dass die Globalisierung kein Nullsummenspiel ist, sondern dass alle Länder dabei gewinnen können. Die globale Wirtschaftsleistung hat sich verdoppelt, die Armut ist dramatisch zurückgegangen – trotz des starken Wachstums der Weltbevölkerung.

Warum rebellieren dann so viele Menschen gegen die Globalisierung?
Weil die soziale Ungleichheit gestiegen ist, weil sich im Handel nicht immer alle an die Spielregeln halten und weil nicht überall genug neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Außerdem haben wir keinen Planeten in Reserve, sondern müssen dafür sorgen, dass wir die Umwelt der Erde nicht ruinieren.

Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist immer auch ein Stimmungsbarometer für die globale Wirtschaftselite. Was erwarten Sie für das Treffen im kommenden Januar?
Die führenden Unternehmen der Welt fragen sich vor allem, wie sich ihre Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung verändern werden. Sie wollen aber auch wissen, ob und wie sich die politischen Rahmenbedingungen angesichts der geopolitischen Spannungen verändern.

Was bedeutet das für das Treffen in Davos?
Wir wollen in Davos versuchen, die wichtigsten Akteure an einen Tisch zu bringen, um über diesen Paradigmenwechsel zu sprechen. Und wir wollen nach gemeinsamen Lösungen für die Globalisierung 4.0 suchen.

Was heißt das konkret?
Es wird darum gehen, internationale Regeln für den Umgang mit den neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz, Blockchain, den Einsatz von Drohnen und autonomen Fahrzeugen zu finden. Wir müssen uns entscheiden, ob die digitale Zukunft eher dem Wilden Westen gleicht oder ob wir es schaffen, dass möglichst viele Menschen von den neuen Technologien profitieren.

Auf einer Skala von 1 bis 10, welche Note würden Sie heute dem Kooperationswillen in der Welt geben?
Wir sind sicher am Scheideweg. Es geht darum, ob wir die globalen Herausforderungen für die Wirtschaft, aber auch für das Weltklima durch Kooperation lösen wollen oder nicht.

Das heißt, wir stehen bei 5, und es geht abwärts?
Es ist natürlich verlockend, Noten zu vergeben. Das Wirtschaftswachstum ist gut, unsere Banken sind in einer besseren Verfassung als vor zehn Jahren. Die hohe Verschuldung ist nach wie vor ein Grund zur Sorge. Im Handel gibt es gemischte Signale. Was den Klimawandel angeht, haben wir den Worten von Paris nicht genug Taten folgen lassen. Geopolitisch ist die Welt heute weniger stabil, weil einige Länder die Chance sehen, ihre Macht auszubauen. Und dazu kommt die vierte industrielle Revolution, die unsere Wirtschaft radikal verändert. Niemand kann heute sicher sein, dass er auch noch in 20 Jahren ganz oben steht.

Auch nicht die heutigen „Superstars“ wie Google, Facebook, Amazon und Alibaba, die sich dank ihrer Plattform-Modelle nahezu unangreifbar gemacht haben und ihre wirtschaftliche Macht nutzen, um auch in anderen Branchen die Führung zu übernehmen?
Wir müssen darauf achten, dass der Wettbewerb erhalten bleibt. Es stimmt, dass die Gewinner in der Plattform-Ökonomie sehr viel vom Kuchen für sich einstreichen. Da wir aber nicht wissen können, welche zukünftigen Innovationen unser Leben und die Wirtschaft verändern, gibt es immer eine Chance, dass auch die heutigen Superstars neue Konkurrenz bekommen. Uber und Airbnb sind Beispiele dafür.

Herr Brende, vielen Dank für das Interview.

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