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Präsidentschaftswahlen Wahlen in Nigeria sorgen schon vorab für Frust und Wut

Fast 60 Jahre nach der Unabhängigkeit bleibt Nigeria in Korruption und Arbeitslosigkeit gefangen. Die Wahl am Samstag wird kaum Verbesserungen bringen.
23.02.2019 - 07:54 Uhr Kommentieren
Ein Radfahrer fährt an einem Wahlplakat von Präsident Muhammadu Buhari vorbei. Quelle: Reuters
Präsidentschaftswahl in Nigeria

Ein Radfahrer fährt an einem Wahlplakat von Präsident Muhammadu Buhari vorbei.

(Foto: Reuters)

Kapstadt Nirgendwo in Afrika klaffen Anspruch und Realität so krass auseinander wie in Nigeria, dem mit fast 200 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Staat des Kontinents. Gerade vor großen Wahlen, wie an diesem Wochenende, greifen seine Politiker gerne zu Superlativen, um das Potenzial der größten Volkswirtschaft Afrikas zu preisen. Zur Jahrtausendwende beschlossen seine Machthaber dabei in einem Anflug von Größenwahn sogar ein Raumfahrtprogramm.

Die Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus: Seit Jahren sind die nigerianischen Raffinerien derart marode, dass das Opec-Land auf massive Benzineinfuhren angewiesen ist. Und am vergangenen Wochenende wurden die Wahlen am Vorabend des Urnengangs von der zuständigen Kommission „aus logistischen Gründen“ um eine Woche verschoben.

Politische Motive, wie sie nicht wenige vermuten, wurden dementiert. Die Gründe für den Aufschub, so hieß es, seien allein die Probleme beim Transport von Wahlmaterial.

Die beiden aussichtsreichsten Parteien – der regierende All Progressives Congress (APC) um Präsident Muhammadu Buhari und die People's Democratic Party (PDP) seines Herausforderers Atiku Abubakar – beschuldigten sich dennoch sofort gegenseitig, den Wahlausgang manipulieren zu wollen.

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    Viele der 84 Millionen Wähler, die sich registriert hatten, reagierten mit Frust und Wut – vor allem diejenigen, die für die Stimmabgabe extra weit gereist waren. Die Wähler fühlten sich erinnert an den Wahlbetrug früherer Abstimmungen und an die tief im gesellschaftlichen Gefüge verankerte Korruption. So sind bis heute Schätzungen zufolge etwa 60 Prozent der Erdöleinnahmen des Landes in privaten Taschen verschwunden – hunderte Milliarden Dollar seit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahre 1960.

    Präsident Muhammadu Buhari, der 2015 mit großer Hoffnung ins Amt gewählt worden war, hat daran trotz diverser Anti-Korruption-Agenturen wenig geändert. Der jüngste Bericht von Transparency International findet keinerlei Anzeichen dafür, dass die Korruption unter dem 76 Jahre alten Präsidenten spürbar zurückgegangen sei.

    Der selbst ernannte afrikanische Wirtschaftsriese rangiert zudem mit einem Durchschnittseinkommen von etwa 200 Dollar im Monat sogar leicht unter dem afrikanischen Durchschnitt. Rund 90 Millionen seiner Einwohner leben unter der Armutsgrenze von 1,90 Dollar pro Tag.

    Neben dem Versagen der Politik findet sich ein weiterer Grund dafür in den niedrigen Ölpreisen, die wegen der versäumten Diversifizierung der Wirtschaft noch immer 70 Prozent der Staatseinnahmen ausmachen – und gar 90 Prozent der Devisenerlöse.

    Beide Kandidaten gelten als Dinosaurier

    Ein weiteres Problem des Landes ist die mangelhafte Stromversorgung. Das Land produziert weniger als fünf Prozent des Stroms, den Brasilien für seine ebenso große Bevölkerung erzeugt. „Die fehlende flächendeckende Stromversorgung gilt als eines der größten Hindernisse für ausländische Investitionen und ist ein großes Hemmnis für die für die Entwicklung des Landes“, konstatiert Christian Wessels, Geschäftsführer von Sunray Ventures in Lagos.

    Er wünscht sich eine Regierung, die nicht länger am Status Quo festhält. Nigerias Auslandsinvestitionen sind drei Jahre hintereinander gefallen und liegen inzwischen sogar hinter denen des viel kleineren Ghana.

    Viel Besserung ist nach den Wahlen kaum zu erwarten: Beide Kandidaten stammen aus dem muslimischen Norden und gelten als politische Dinosaurier. Herausforderer Abdulsalami Abubakar, ein reicher Geschäftsmann, der einst die Zollbehörde leitete, war bei jeder Wahl seit 1999 dabei.

    Präsident Buhari nahm an jeder Wahl seit 2003 teil. Beide sind über 70 Jahre alt und stehen der Aufgabe gegenüber, einer Bevölkerung neuen Mut zu geben, die zur Hälfte jünger als 18 Jahre ist und nach all den unerfüllten Versprechen der Vergangenheit tief ernüchtert ist, meint Adekeye Adebajo, Direktor des „Institutes for Pan-African Thought and Conversation“ in Johannesburg. Seine Prognose: Nigeria werde auch weiter weit unter seinen Möglichkeiten bleiben.

    Dabei hatte Buharis wirtschaftlicher Wachstumsplan zum Amtsantritt vor vier Jahren große Ziele verfolgt. So sollte Nigerias massives Infrastrukturdefizit durch den Bau von Straßen und Eisenbahnen sowie eine stärkere Industrialisierung mehr als 15 Millionen neue Jobs schaffen - und das Wirtschaftswachstum bis 2020 auf sieben Prozent ankurbeln.

    Doch davon ist das Land nach Ansicht Adebajos weit entfernt: Gestiegen ist nur die Arbeitslosigkeit – auf 23 Prozent, darunter mehr als zehn Millionen Jugendliche, wie Adebajo warnt.

    Ebenso schnell wie die Arbeitslosigkeit steigt nur die Bevölkerung – jährlich um etwa 2,5 Prozent und damit sogar stärker als zuletzt die Wirtschaft. Inzwischen werden in Nigeria mit 7,5 Millionen Menschen mehr Menschen pro Jahr geboren als in der ganzen Europäischen Union zusammen.

    Bevölkerung wird weiter wachsen

    Im Schnitt bekommen nigerianische Frauen noch immer 5,6 Kinder – kaum weniger als 1960, als die Zahl bei etwa 6,5 Kindern lag. Infolgedessen ist die Bevölkerung extrem jung. Demographen sprechen in dem Zusammenhang von einem Jugendüberschuss, der fast überall, wo er auf der Welt vorkommt, politische Instabilität schafft. In Nigeria bietet er der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram im Norden des Landes ständig neuen Rekrutierungsnachschub.

    Wenig deutet derzeit darauf hin, dass Nigerias extremes Bevölkerungswachstum gestoppt werden könnte. Nach der jüngsten Prognose der Vereinten Nationen dürfte die Zahl bis 2050 auf 440 Millionen Menschen steigen. Dann läge Nigeria hinter Indien und China weltweit auf Platz drei der bevölkerungsreichsten Länder.

    Niemand weiß, wie diese Menschen ernährt werden sollen, zumal es schon jetzt immer wieder Hungerkrisen gibt. Derzeit benötigen rund 7,7 Millionen Nigerianer humanitäre Hilfe, zwei Millionen davon befinden sich wegen auf der Flucht vor dem Terror der Boko Haram.

    Symptomatisch für Nigeria steht die Entwicklung der Wirtschaftsmetropole Lagos, die von 300.000 Menschen in den 1950er Jahren auf jetzt geschätzte 20 Millionen förmlich explodiert ist. 2050 sollen hier Schätzungen zufolge 50 Millionen Menschen leben, weil viele auf dem Land nicht mehr überleben können. Auch hier fehlen Strom- und Wasseranschlüsse, die Verkehrsinfrastruktur steht trotz einiger neuer Projekte vor dem Kollaps.

    Viele Nigerianer suchen im Ausland ihr Glück. 2017 bildeten Menschen aus Nigeria, nach den Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan die viertgrößte Gruppe von Asylantragsstellern in der EU. Die Vereinten Nationen warnen vor einem massiv steigenden Migrationsdruck.

    Die wenigen Lichtblicke in Nigeria gehen auf private Unternehmerinitiative zurück: Aliko Dangote etwa, der reichste Mann des Landes, baut seit einigen Jahren auf 2.500 Hektar Sumpfland nahe Lagos eine zwölf Milliarden Dollar teure Ölraffinerie, die Nigeria und seine hochkorrupte, mit Subventionen gepäppelte Ölbranche von Grund auf verändern könnte.

    Nach der Inbetriebnahme 2020/21 soll die dann weltweit größte Raffinerie 650.000 Barrel Rohöl am Tag zu Benzin verarbeiten. Dann könnte das Land unabhängiger von den teuren Benzimporten werden.

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