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Professor Tacheles Die Islamische Welt – im Dreißigjährigen Krieg?

Irak, Syrien, Jemen: Der Flächenbrand in der Islamischen Welt wird schon mal als Dreißigjähriger Krieg abgestempelt. Doch das führt in die Irre. Denn zwischen Sunniten und Schiiten geht es nur scheinbar um Religion.
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Selbst Kinder tragen in den Krisenländern Waffen – und werden teils sogar als Kindersoldaten missbraucht. Quelle: dpa
Krieg überall

Selbst Kinder tragen in den Krisenländern Waffen – und werden teils sogar als Kindersoldaten missbraucht.

(Foto: dpa)

Griffig ist die Floskel vom Dreißigjährigen Krieg. Krieg ist schon schrecklich genug, und jeder Krieg ist zu lang. Aber ein Dreißigjähriger Krieg ist der Horror schlechthin. Der Dreißigjährige Krieg wurde vor allem auf deutschem Boden zwischen 1618 und 1648 ausgefochten. Noch heute ist die berechtigte Gedankenverbindung: Schlimmer geht es eigentlich nicht.

Meistens wird der Dreißigjährige Krieg als Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten dargestellt. Das ist grob vereinfacht. Man denke nur daran, dass damals das urkatholische Frankreich und das protestantische Schweden gemeinsam gegen das katholische Habsburger Reich kämpften. Frankreich hatte zudem schon lange keine Scheu, auch mit den islamischen Osmanen (Türken) gegen das katholische Habsburger Reich zu zündeln.

Die jetzt so moderne Floskel vom Dreißigjährigen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten in der Islamischen Welt führt ebenfalls in die Irre. Dieser Konflikt – oft kriegerisch ausgetragen – zwischen den beiden Hauptrichtungen im Islam ist so alt wie der Islam selbst. Den herkömmlichen Zeitangaben zufolge wären das knapp 1400 Jahre.

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.
Professor Tacheles

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Warum wird besonders jetzt in den Medien trotzdem vom Dreißigjährigen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten gesprochen? Weil man auf diese Weise Aufmerksamkeit gewinnt. So weit, so banal.

Kommen wir zum Konflikt selbst. Wie in dem Dreißigjährigen Krieg zwischen Katholiken und Protestanten geht es bei Sunniten und Schiiten nur scheinbar um Religion. Tatsächlich geht es, wie eh und je in der Menschheitsgeschichte, um die Vormacht einzelner Staaten. Religion wird als Argument vorgeschoben. Das ist besonders wirksam, weil jeder Seite für sich beanspruchen kann, nicht nur fürs irdisch, sondern fürs ewig, überirdisch Richtige zu kämpfen. Das motiviert nach innen und außen und bedarf keiner zusätzlichen Rechtfertigung – bei denen, die glauben. An ihren Weg glauben, versteht sich.

Dass die religiöse Motivation mehr Schein als Sein ist, beweist ein Blick auf die Partner beider Seiten. Hauptpartner der sunnitischen Führungsmacht, Saudi Arabien, sind die USA, auch wenn sie derzeit noch nicht oder nicht gleich wieder direkt militärisch in Nahost eingreifen.

Vergessen wir nicht, dass auch Deutschland schon lange und gerne den Saudis teure Waffen liefert. Als im November 1979 saudische Islamisten die Große Moschee von Mekka stürmten und besetzten, wurden sie von französischen Spezialkräften vertrieben. Die sunnitisch-(nenn) christliche Allianz besteht also nicht erst seit heute.

Als Vertreter der reinen Schiiten-Lehre präsentiert sich der Iran. Er unterstützt im Irak die schiitisch geführte Regierung gegen den sunnitisch-fundamentalistischen Islamischen Staat (IS). In diesem Krieg gegen den IS genießt der Iran auch die Unterstützung der USA und Deutschlands.

Kann das Atomabkommen die Situation entschärfen?

Der Iran ist Patron der schiitisch-libanesischen Hisbollah-Miliz. Diese wiederum kämpft, im Auftrag des Iran und gemeinsam mit Iranern, im syrischen Bürgerkrieg auf der Seite des alawitisch-schiitischen Diktators Assad gegen weltliche und sunnitische Muslime. Ohne auswärtige Hilfe kann sich auch der Iran mit seinen schiitischen Partnern nicht behaupten. Auf Putins neuorthodox-christliches Russland und das atheistisch-kommunistische China kann sich der Iran auf der Weltbühne verlassen.

Die Brennpunkte des gegenwärtigen Krieges zwischen Sunniten und Schiiten sind bekannt und genannt: Irak, Syrien, Libanon und der Jemen. Hier stehen die Huthis mit Hilfe des Iran unmittelbar vor der Machtergreifung. Selbst wenn Saudi Arabien trotzdem die Machtergreifung der Schiiten im benachbarten Jemen verhindern kann, hat es die iranische Gefahr keineswegs gebannt, denn das saudische Öl liegt unter dem Boden der Ostprovinz.

Deren Einwohner, zehn Prozent der saudischen Staatsbürger, sind Schiiten. Als Schiiten fühlen sie sich von der strikt sunnitischen Staatsführung als Bürger zweiter Klasse behandelt. Dagegen lehnen sie sich seit Jahren auf. Auch gewaltsam. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Vulkan in der saudischen Ölprovinz ausbricht. Gleiches gilt für das benachbarte Bahrein, wo die schiitische Bevölkerungsmehrheit mit Hilfe des Iran versucht, sich der sunnitischen Bevormundung zu entledigen. Auch hier ist es fünf vor zwölf.

Kann das Atomabkommen von Lausanne das Pulverfass entschärfen? Immerhin haben sich der Iran und der „Große Satan“ USA gütlich geeinigt. Eine Beruhigung der Großwetterlage ist unwahrscheinlich, denn die innenpolitischen Konfliktlinien sind dominant. Ihretwegen suchen die innenpolitischen Akteure außenpolitische Partner.

Die kann man gegebenenfalls wechseln, aber die internen Probleme bleiben – so lange die islamischen Nahoststaaten nicht ihre Gemeinwesen grundlegend umbauen und ihren Minderheiten echte Selbstbestimmung gewähren. Das Zauberwort heißt Föderalisierung. Wer weiter Zentralisierung will, programmiert die Fortsetzung der zwischen- und innerstaatlichen Kriege. Die Alternative heißt nicht sunnitischer oder schiitischer Islam, sondern Selbstbestimmung oder Unterdrückung.

Prof. Dr. Michael Wolffsohn, lehrte 1981-2012 Geschichte an der Bundeswehruniversität München, hält Vorträge über nationale und internationale Politik und Wirtschaft, berät Entscheidungsträger in diesen Bereichen und ist u.a. Autor der Bücher „Wem gehört das Heilige Land?“ (11. Auflage 2014) sowie „Zum Weltfrieden“ (2015)

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6 Kommentare zu "Professor Tacheles: Die Islamische Welt – im Dreißigjährigen Krieg?"

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  • Teile und herrsche

  • Herr Peter Spiegel, das ist die Tragik unserer EU-Politiker. dass sie glauben, wir müssen so viele Leute wir irgend möglich ins Land holen, die ihre religiösen Stammeskonflikte zu Hause nicht lösen können und diese Konflikte sollen sie bei uns austragen. Weil wir so gut vorbereitet sind, diese auf unserem Gebiet zu lösen.

  • Was lernt der EU-Politiker daraus, Zuwanderer braucht das Land, oder?

  • So richtig Tacheles ist das, was Herr Wolffsohn hier schreibt ja nicht. Wenn er der Meinung ist, dass es in der islamischen Welt derzeit nicht nur um Religion, sondern auch um Macht geht (welche eine Erkenntnis!), hätte er nicht das Wort „scheinbar“ benutzen sollen, sondern „anscheinend“. Soviel Zeit muss bei Tacheles sein.
    In der Zivilgesellschaft in den betroffenen islamischen Ländern wird sehr wohl ein Vergleich mit „unserem“ 30-jährigen Krieg gesehen. Im deutschen 30-jährigen Krieg gab es eine Zivilgesellschaft in der heutigen Definition nicht, die Zivil“bevölkerung“ musste allerdings – vor allem in Süddeutschland – Verluste von mehr als 90% in Kauf nehmen. Zynische Machthaber und eine verrohte Soldateska verwandelten die blühenden Landschaften in etwas, was schlimmer war als die katholische Hölle.
    Was lernen wir daraus? Wäre das nicht auch Tacheles gewesen? Irgendwie bleibt Herr Wolffsohn hier im politischen Neusprech gefangen. Wer, wenn nicht Leute wie er, könnten die Ebene der politischen Lösungsattrappen verlassen?
    Der Westfälische Frieden von Münster, Osnabrück und Nürnberg hat nach gängigem Verständnis „unseren“ Krieg beendet. Cuius regio, eius religio - Augsburger Parität – sind Schlagworte, die bei der der nachhaltigen Friedenssicherung seinerzeit geholfen haben. Würden sie, übertragen auf den heutigen Islam, auch heute helfen? Und wenn nicht, warum nicht?
    Mister Tacheles – übernehmen Sie!

  • IRAN ist eben auf dem besten Weg sich von der feindlichen Übernahme durch die Araber zu befreien. Araber sind dor so massiv verhasst, dass sich fast jeder Iraner den (arabischen) Nasenhöcker weg operieren läßt. wenn er eben das Geld für so eine Schönheits-OP.

    IRANER sind eben Arier und wollen nichts mit den verhassten Arabern zu tun haben.

  • Seltsam, dass der Artikel trotz hochtrabender Überschrift erst recht wieder nur von Schiiten und Sunniten berichtet und ihrem angeblich 1400 Jahre alten Konflikt, aber mit keinem Wort auf den noch älteren Konflikt zwischen Iranern (Persern) und Arabern eingeht. So lange diese uralte Rivalität von den deutschsprachigen Medien ignoriert wird, wird man im deutschsprachigen Raum auch nichts vom Nahost-Konflikt verstehen.

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