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Protest gegen Rentenreform Trotz massiver Streiks: Frankreichs Unternehmen entwickeln neues Selbstbewusstsein

Die Streiks gegen die Rentenreform legen Frankreich lahm und belasten die Wirtschaft. Trotzdem: Die Unternehmen sind so selbstbewusst wie noch nie.
26.12.2019 - 11:39 Uhr Kommentieren
Eine neue Umfrage kommt zu der Erkenntnis: Französische Unternehmen sind selbstbewusster geworden. Quelle: dpa
Französische Flagge vor dem Eifelturm

Eine neue Umfrage kommt zu der Erkenntnis: Französische Unternehmen sind selbstbewusster geworden.

(Foto: dpa)

Paris Die Franzosen haben noch Wochen nach Beginn der Streiks gegen die Rentenreform mit den Demonstration zu kämpfen – vor allem wegen der massiven Beeinträchtigung des Schienen- und Busverkehrs. In der Hauptstadt Paris blieben am Donnerstag erneut Dutzende Metro-Stationen geschlossen, wie die Pariser Verkehrsbetriebe RATP mitteilten.

Neben den zwei vollautomatischen Metro-Linien waren sieben weitere Linien zu den Stoßzeiten am Morgen und am Abend in Betrieb. Der 26. Dezember ist nicht in ganz Frankreich ein Feiertag. Auch der Fernverkehr mit Zügen war weiter stark beeinträchtigt. Von den TGV-Hochgeschwindigkeitszügen waren am Donnerstag nur etwa halb so viele wie üblich unterwegs.

Zwar besserte sich die Lage im Vergleich zu Heiligabend, dem ersten Weihnachtsfeiertag und dem Reise-Wochenende vor den Feiertagen ein wenig, ein Ende des Streiks war aber nicht in Sicht. Im Machtkampf zwischen der Regierung und den Gewerkschaften um die Rentenreform zeichnet sich keine rasche Lösung ab. Gespräche soll es erst am 7. Januar geben.

Auch der Handel in Paris leidet darunter. Geschäfte im Stadtzentrum, die nicht leicht mit dem Auto zu erreichen sind, verzeichnen Umsatzrückgänge um 30 bis 40 Prozent. In den Einkaufszentren außerhalb des Zentrums macht das Minus rund zehn Prozent aus.

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    Erste Schätzungen von Ökonomen über die wirtschaftlichen Konsequenzen kommen dagegen zu etwas beruhigenderen Ergebnissen. „Selbst wenn die Folgen so gravierend wären wie (beim landesweiten Streik) 1995, brächte das die Wirtschaft nicht in Gefahr“, schreibt die Investmentbank Natixis in einem Report. Allerdings sank damals die Wirtschaftsleistung des vierten Quartals um 0,2 Prozent – in absoluten Zahlen ein Milliardenwert.

    Noch sind längst nicht alle Wirkungen erfasst, denn in vielen Unternehmen kommen die Beschäftigten später zur Arbeit und/oder gehen früher, weil sie teils Stunden unterwegs sind. Dennoch haben die Gewerkschaften, die zu den Streiks aufrufen, bislang ihr Ziel verfehlt: eine Bewegung loszutreten, die auch den Privatsektor erfasst. Dazu ist es anders als 1995 nicht gekommen, in den Unternehmen bleibt es ruhig. Offenbar hat sich Frankreich seit 1995 verändert.

    Vor diesem Hintergrund ist eine Studie interessant, die das Meinungsforschungsinstitut Opinion Way im Auftrag des Personaldienstleisters Randstad in Frankreich und Deutschland erstellt hat und die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Vertreter von jeweils 200 Klein-, Mittel- und Großbetrieben verschiedener Industriebranchen wurden befragt. Jeweils 92 Prozent stammen aus dem verarbeitenden Gewerbe, der Rest ist der Rohstoffindustrie zuzuordnen.

    Die Studie dreht sich um die Frage, wie französische und deutsche Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit einschätzen, welche Faktoren dabei für sie wichtig sind und wie sie das Verhältnis von wirtschaftlichem Umfeld und eigener Anstrengung sehen. Gleichzeitig wurden die Firmenvertreter gebeten, einen Blick auf die jeweils andere Rheinseite zu werfen und die dortigen Bedingungen mit den eigenen zu vergleichen.

    Mehr Selbstbewusstsein

    Eines der interessantesten Ergebnisse ist, dass die französischen Unternehmen an Selbstbewusstsein gewonnen haben. 88 Prozent der befragten Firmen halten sich für wettbewerbsfähig. „Sie schauen immer noch mit Neid, teils mit Bewunderung auf ihre deutschen Kollegen“, schreibt Opinion Way. 49 Prozent halten sich für weniger wettbewerbsfähig als die deutsche Konkurrenz, acht Prozent glauben, sie seien besser.

    Interessant ist, dass die Franzosen in zweierlei Hinsicht deutliche Vorteile auf deutscher Seite sehen: beim Arbeitsmarkt und bei der Innovationskraft. 73 Prozent sehen Aspekte wie das Arbeitsrecht, das Lohnniveau, alles, was mit der Reglementierung des Arbeitsmarktes zu tun hat, als besonders günstig für Deutschland an. Nur 47 Prozent sehen hier Pluspunkte in ihrer Heimat.

    Ähnlich ist es bei der Innovationskraft. 65 Prozent der französischen Unternehmen schreiben Deutschland ein besonders gutes Umfeld zu. Das zeige sich in guten Beziehungen zu Start-ups oder zu universitären Forschungseinrichtungen. Im nationalen Rahmen sehen hier nur 45 Prozent eine besondere Qualität.

    Doch wüssten mittlerweile alle die eigenen Stärken als Unternehmen zu schätzen und arbeiteten an ihnen, schreibt das Institut. Mit anderen Worten: Sie erwarten nicht mehr alles von staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

    Das Meinungsforschungsinstitut führt die Erhebung seit vier Jahren durch. In der Vergangenheit hatten französische Unternehmen drei exogene Faktoren als besonders wichtig angesehen für ihren eigenen Erfolg oder Misserfolg: die Qualität der Infrastrukturen, die Steuerbelastung und die Zahlungsmoral der Kunden. Alle drei Größen haben in der Einschätzung der Verantwortlichen inzwischen deutlich an Bedeutung verloren.

    Unterschied zu deutscher Konkurrenz

    Stattdessen setzen sie auf ein Trio an endogenen Faktoren. An die erste Stelle der Einflussgrößen, die ihnen Wettbewerbsfähigkeit sichern, setzen die Franzosen mit 88 Prozent der Nennungen die eigene Verkaufsstrategie. Auf Platz zwei folgen mit 87 Prozent die internen Produktionsabläufe und an dritter Stelle mit 82 Prozent die Investitions- und Innovationskapazitäten (Mehrfachnennungen möglich).

    Die Vermischung der beiden Aspekte ist etwas unglücklich. Es wäre interessanter gewesen, getrennt danach zu fragen. Investitions- und Innovationskraft hängen miteinander zusammen, aber ein Unternehmen kann auch eine hohe Investitionskraft haben, ohne besonders innovativ zu sein.

    Bei der Einschätzung der eigenen Stärken zeigt sich ein deutlicher Unterschied zur deutschen Konkurrenz: Die sieht mit 87 Prozent das eigene Geschäftsmodel als die wichtigste Stärke im Wettbewerb. Dann folgen Produktionsabläufe und Verkaufsstrategie.

    Etwas anders sieht es allerdings aus, wenn man nur die Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern in den Blick nimmt: Diese halten in Deutschland zu 85 Prozent die Investitions- und Innovationskraft für den wichtigsten Hebel, um im Wettbewerb vorne zu liegen.

    Zum Schluss haben die Meinungsforscher von Opinion Way einen Index der Wettbewerbsfähigkeit errechnet, der allerdings nicht auf objektiven Faktoren beruht, sondern auf der Selbsteinschätzung der Unternehmen.

    Aktiv statt passiv

    Die Qualität der Produktionsabläufe, die Innovationskraft – gemessen an Maßnahmenplänen für die digitale Wende und den Übergang zur Industrie 4.0 – sowie die Gewinnung neuer Kunden gehen mit jeweils dreifacher Gewichtung darin ein, die Qualität der Mitarbeiter und Fähigkeit zur Gewinnung neuer Talente mit doppelter und interne CSR-Richtlinien (soziale Verantwortung des Unternehmens) mit einfacher.

    Im Ergebnis landet Frankreich mit 68 Punkten knapp vor Deutschland mit 66 Punkten. Das bedeutet nicht, dass die französischen Unternehmen wettbewerbsfähiger sind als die deutschen, sondern dass die deutschen sich selbst etwas skeptischer beurteilen als ihre französischen Kollegen es tun.

    Schließlich lohnt sich noch ein Blick auf die künftigen Aufgaben, die die befragten Industrieunternehmen beider Länder vor sich sehen. In früheren Jahren kam dem Outsourcing eine große Bedeutung zu, doch das ist heute weit nach unten abgerutscht. In beiden Ländern haben der digitale Wandel und die Ökowende den höchsten Stellenwert. In Frankreich nennen dies jeweils 70 Prozent als wichtigste Aufgabe, in Deutschland sind es 66 und 63 Prozent.

    Aufschlussreich an der Studie ist vor allem das Gesamtbild, das sich für die Einstellungen in der französischen Industrie zeigt: Hier drückt sich eine Generation von Unternehmen aus, die nicht mehr passiv auf bessere Zeiten wartet oder darauf, dass der Staat es richten möge.

    Selbstverständlich ist das nicht, denn angesichts des laufenden Streiks und seiner Begleiterscheinungen entsteht im Ausland der Eindruck, Frankreich habe sich seit 30 Jahren nicht verändert. Der Blick auf die privaten Unternehmen zeigt aber, dass unser Nachbar nicht stehen geblieben ist.

    Mehr: Kampf der Plattformen: Wie neue Technologien das Milliardengeschäft Autohandel revolutionieren.

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