Proteste in der Türkei „Erdogan nennt uns Capulcu – Plünderer“

Noch immer demonstrieren in der Türkei Zehntausende Menschen gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdogan. Eine Lehrerin und ein Jugendlicher, die in Istanbul protestiert haben, berichten über ihre Motive.
16 Kommentare
Demonstranten im Istanbuler Gezi-Park. Quelle: AFP

Demonstranten im Istanbuler Gezi-Park.

(Foto: AFP)

Düsseldorf/IstanbulProteste gegen Baumfällungen im Herzen von Istanbul haben sich zu einer landesweiten Protestbewegung gegen den zunehmend autoritär regierenden Ministerpräsidenten Recep Tayyip entwickelt. Trotz der Repressalien der Polizei halten die Aktionen an, in Istanbul und in vielen anderen Städten der Türkei. Handelsblatt Online lässt zwei Istanbuler zu Wort kommen, die von ihren Erlebnissen und ihren Zielen berichten.

Der Jugendliche
Ich bin nicht mehr wütend. Ich habe auch keine Angst mehr. Heute bin ich froh. Ich freue mich, weil all diese Menschen zusammenstehen und für die gleiche Sache kämpfen – obwohl sie vorher glaubten, sie wären komplett verschieden. Ich freue mich, weil ich gesehen habe, wie Restaurants Lebensmittel an Demonstranten verschenken und Apotheken Medikamente verteilen. Ich freue mich, weil die Menschen in der Türkei aufgewacht sind.

Wütend war ich, als ich am Donnerstag auf Twitter las, was mit dem kleinen Demonstrantencamp im Gezi-Park passiert. Dass ihre Zelte angezündet werden und die Polizei jeden mit Pfefferspray angreift. Das war nur ein Handvoll Aktivisten. Aber am Freitag bin ich dort hin und habe gesehen, was dort passiert.

Ein Jugendlicher erzählt: „Ich habe gesehen, wie Polizisten Gaskartuschen in Gebäude werfen, in denen Verwundete provisorisch gepflegt werden. “ Quelle:

Ein Jugendlicher erzählt: „Ich habe gesehen, wie Polizisten Gaskartuschen in Gebäude werfen, in denen Verwundete provisorisch gepflegt werden. “

Und ich habe auf Blogs, bei Twitter und bei Facebook noch viel mehr gesehen. Ich war immer noch wütend, aber vor allem hatte ich jetzt Angst. Vor der Polizei und der Regierung. Vor abstoßender Brutalität. Grundloser Grausamkeit. Am Samstag war ich in Besiktas, dort herrschte Krieg. Nicht, weil die Demonstranten irgendjemanden angegriffen hätten, sondern weil die Polizei völlig wahllos Menschen mit Tränengas, Pfefferspray und anderen, undefinierbaren Gasen attackiert. Jeder, der dort ist, spürt das Brennen im Gesicht.

Mindestens zwei Menschen sind gestorben, tausende sind schwer verletzt. Ich habe gesehen, wie Polizisten Gaskartuschen in Gebäude werfen, in denen Verwundete provisorisch gepflegt werden.

Die Medien haben geschwiegen. Meine Mutter hat mich angerufen und mich gefragt, was los sei. Sie hatte im Fernsehen nur eine Rede Erdogans gehört, in der er erklärte, es gäbe Aufstände. Er sagte, die Polizei halte die Anarchisten im Zaum. Das war die einzige Information, die meine Mutter nach drei Tagen Ausnahmezustand hatte.

Erdogan droht und verhöhnt uns. Er hat angekündigt, 100.000 Demonstranten könne er eine Million Polizisten gegenüberstellen. Er nennt uns Capulcu – Plünderer. Das ist so absurd, dass die Menschen es aufgreifen und sich darüber lustig machen. Erdogan ist ein Diktator. Er will jeden Aspekt unseres Lebens bestimmen. Wie wir aussehen, was wir denken, wen wir lieben, wo wir uns küssen, wann wir trinken, zu wem wir beten. Und im Augenblick hat er dazu auch die Macht.

Viele junge Türken haben sich lange damit abgefunden. Aber in letzter Zeit staute sich die Unzufriedenheit an. Die extreme Gewalt in Taksim und der Hohn, mit dem die Regierung darauf reagiert, das war für viele ein Weckruf. Das war zu viel. Plötzlich wollten all diese Menschen auf die Straße gehen. Alle reden plötzlich über diese Ungerechtigkeit, niemand findet sich mehr damit ab.

Wir wollen selbst bestimmen, wie wir leben. Wir wollen Freiheit. Wir wollen, dass die Regierung die Polizisten zurückpfeift, die Gewalt beendet und sich entschuldigt. Und danach wollen wir, dass sie aufhört, unser Leben kontrollieren zu wollen.

Es wird nicht einfach, Erdogan zum Einlenken zu bringen. Er versucht, uns zu diskreditieren und zum Schweigen zu bringen. Ich werde von einem Zivilpolizisten überwacht, weil ich für ausländische Medien Twitter-Meldungen übersetze. Menschen werden festgenommen und verprügelt, aber wir geben nicht auf. Wir sind viele. Niemand kann die Bilder, die Gewalt und die Ungerechtigkeit wegdiskutieren. Jeder kann sie im Internet sehen. Deswegen werden wir uns durchsetzen. Die Jugend der Türkei ist aufgewacht und sie wird so lange zusammenstehen, bis ihre Forderungen umgesetzt werden. Darauf freue ich mich.

Der 23-jährige Erzähler arbeitet an einer der renommiertesten Universitäten Istanbuls. Seinen Namen möchte er hier nicht lesen, um keine Schwierigkeiten zu bekommen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
„Als Lehrer müssen wir ausführen, was wir für falsch halten“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Proteste in der Türkei - „Erdogan nennt uns Capulcu – Plünderer“

16 Kommentare zu "Proteste in der Türkei: „Erdogan nennt uns Capulcu – Plünderer“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Flughafenpersonal wird von den Leitern zum Empfang Erdogan´s bedroht.
    Übersetze: Unser großer Anführer erscheint morgen um 13:00 Uhr am Esenboga Flughafen. Das Personal muss gewzwungernermaßen am Empfang teilnehmen. Beurlautes Personal wird nach normalem Tarif bezahlt. Personal welches mit Auto erscheint bekommt 100TL Benzingeld. (Wir erinnern uns an die Wahlen :) )
    Gegen die die nicht anwesend sind werden gerichtliche Prozesse in Gang gesetzt.

    http://mirilti.com/turkiye/gokcek-erdogan-geliyor-diye-belediye-personelini-mesajla-tehdit-ediyor.html

  • @Hagbart-Celin

    ..auch im Fastenmonat Alkohol gibt..

    Genau aus diesen Grund soll der Alkohol bei Muslimen eingeschränkt werden. In ihren Texten kann man es auslesen wie wichtig das ist. Knutschen von Paaren, will Erdogan übrigends verbieten. Das die Türkei von Amerika hochgelobt wird hat doch nichts mit Wirtschaft zu tun,
    dass ist politischen Kalkül. Würde sich der Iran ändern
    und auf Amerika zugehen, würde der Iran die Türkei als Liebling ablösen. Durch die vermischung von Politik und Religion in der Türkei und Deutschland war es nur eine Frage der Zeit wann das Gemisch explodiert. Die Handlanger bei uns die Erdogan nachlaufen könnten uneingeschränkt sofort in die AKP integriert werden.
    Alle Steinzeittürken sollten nach hause fahren und die aufgeschlossenen Türken sollten hierbleiben.

  • demokrat
    dem schließe ich mich an

  • Es ist sehr gut, dass die säkularen Menschen in der Türkei das Maul aufmachen und sich von den politischen AKP-Imamen nichts mehr sagen lassen wollen.
    Die Demonstranten gegen Erdogan sind die wahren Türken - sie handeln im Sinne Atatürks. Sie wollen die Freiheit.
    Erdogans Schergen und Anhänger hingegen imitieren die Konservativen aus Kairo, Mekka und Medina. Ihnen liegt nichts an Freiheiten, sondern an den (auch geistigen) Wüsten bei Mekka.

  • Ich stimme Ihnen voll und ganz zu und möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie die Meinung von vielen Menschen vertreten haben. Sie haben es in Worten gefasst, vor allem Ihre Aussage :
    "War die Türkei noch gestern ein erfolgreiches Land und wichtiger Partner besteht sie heute scheinbar nur noch aus einer Bürgerrevolte und einer faschistischen Regierung um es mal überspitzt zu formulieren.

    Mir fehlt die Kritik der Nachrichtenargenturen an den Demonstranten dahingehend das die das Demonstrationsrecht mit Sicherheit verletzen."

    ist voll zu vertreten. Die Demonstranten NUR werden in Schutz genommen und immer mehr finden in den deutschen Medien Hetzereien gegen die türkische Regierung statt. Somit entsteht Hass und die Menschen in Deutschland sehen nicht wirklich, was dort wirklich passiert. Somit leiden die türkischen Menschen in Deutschland darunter, weil die Nachrichtenagenturen unwahre Nachrichten veröffentlichen. Das wollen die ja auch.

    Die Protestanten haben so viel Schaden angerichtet, sodass viele darunter gelitten haben. Sei es die Dienstleister, deren Läden zu unbrauchbaren Zustand randaliert wurden oder die Wohnungen von Menschen die dort wohnten.

    Protestieren in Maße ist überall erlaubt. Die Menschen sollen ehrlich mit sich selbst umgehen und keinen glaubhaft machen, dass die Polizei in Deutschland NICHT mit Tränengas gegen solche Demonstranten vorgehen würde.

  • @ 1demokrat

    Ja das sehe ich auch so.
    In den TV-Nachrichten kommt das Thema dagegen viel zu kurz.

  • JEB
    Volle Zustimmung. So geht es mir auch
    Herr Kolat und seine Kollegen aus all den türkischen Hetzvereinen bei uns, sollen gut hinsehen.
    Denn leider wollen sie ja hier genau das ins tallieren, was ERdogan in der Türkei macht.
    Direkt ein Wunder, dass Fatima Roth noch nicht in der Türkei ist um Erdogan zu unterstützen
    Aber auch hier bei uns gibt es Gott sei Dank eingie Trükische Mitbürger die auch so nicht leben wollen und ebenfalls Demos veranstalten und somit die Demonstranten in der Türkei uterstützen.
    Wir sollten sie unterstützen

  • RESPEKT an das HB, dass sie sich für die Demokratie in der Türkei einsetzt und darüber berichtet.

    Weiter so...

  • Die Gretchenfrage ist nun, ob es sich bei den Unruhen in der Türkei um einen rein endogenen Prozess handelt.

    Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, Tatsache ist jedoch das zumindest eine Motivation für geopolitische Rivalen existiert die Massendemonstrationen zu instrumentalisieren.

    Was auffällt ist die Tatsache der gestern hui heute pfui Berichterstattung diverser "westlichen" Nachrichtenargenturen die sich kaum verändert in vielen Print Medien wieder findet.

    War die Türkei noch gestern ein erfolgreiches Land und wichtiger Partner besteht sie heute scheinbar nur noch aus einer Bürgerrevolte und einer faschistischen Regierung um es mal überspitzt zu formulieren.

    Mir fehlt die Kritik der Nachrichtenargenturen an den Demonstranten dahingehend das die das Demonstrationsrecht mit Sicherheit verletzen.

    Damit will ich nicht die Politik von Hr. Erdogan in irgend einer Weise bewerten, aber es fällt mir auf.

    Bleibt zu hoffen das Vernunft und Ruhe bald wieder einkehren.

  • Turkeys Startegy by George Friedman

    http://www.stratfor.com/weekly/turkeys-strategy#axzz2VR8sVLBx

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%