Reaktion auf Sanktionen Russland lässt Lebensmittel aus dem Westen vernichten

Der Sanktionskrieg geht weiter: Weil trotz Embargo offenbar viele Lebensmittel aus dem Westen nach Russland gelangen, lässt Präsident Putin eingeführte Ware vernichten. Prominente und Hungernde protestieren.
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Das russische Einfuhrverbot für westliche Lebensmittel hat in Russland zu einem massiven Preisanstieg bei Lebensmitteln geführt. Trotzdem lässt Putin widerrechtlich eingeführte Ware vernichten. Quelle: dpa
Wursttheke einer Fleischerei

Das russische Einfuhrverbot für westliche Lebensmittel hat in Russland zu einem massiven Preisanstieg bei Lebensmitteln geführt. Trotzdem lässt Putin widerrechtlich eingeführte Ware vernichten.

(Foto: dpa)

MoskauTrotz großer Empörung in der Bevölkerung haben die russischen Behörden am Donnerstag damit begonnen, Lebensmittel aus dem Westen zu vernichten. Produkte, die unter das vor einem Jahr verhängte Embargo fallen, werden an den Grenzen nicht mehr zurückgeschickt, sondern beschlagnahmt und zerstört. Präsident Wladimir Putin hatte dies vergangene Woche angeordnet. Prominente und Bürger forderten, die Lebensmittel lieber an Bedürftige zu verteilen.

„Von heute an müssen alle landwirtschaftlichen Produkte und Lebensmittel aus einem Land, das Sanktionen gegen Russland oder russische Staatsbürger verhängt hat, zerstört werden“, teilte das Landwirtschaftsministerium in Moskau mit. Die Lebensmittelaufsichtsbehörde erklärte, an der Grenze zu Weißrussland seien drei Lastwagenladungen Pfirsiche und Nektarinen mit falscher türkischer Herkunftsbezeichnung entdeckt worden; sie seien mit Hilfe von Traktoren und Bulldozern ungenießbar gemacht worden. Das Fernsehen zeigte, wie in Belgorod an der ukrainischen Grenze Dampfwalzen eine große Ladung Käse plattmachten. Die neun Tonnen würden anschließend vergraben, sagte eine Sprecherin der Aufsichtsbehörde.

Russland hatte das Embargo vor einem Jahr als Antwort auf die Sanktionen des Westens wegen der Ukraine-Krise verhängt. Der Import von Milchprodukten, Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse aus Australien, Kanada, der EU, Norwegen und den USA ist seitdem verboten. Findige Importeure würden aber die verbotenen Waren einfach umdeklarieren und behaupten, sie kämen aus nicht betroffenen Lieferländern, mutmaßt die russische Regierung.

Die Aufsichtsbehörde hat angekündigt, allein am Donnerstag würden hunderte Tonnen von Lebensmitteln zerstört. Bereits am Montag waren, um die Entschlossenheit zu zeigen, 114 Tonnen Schweinefleisch aus Europa vernichtet worden. Ein Sprecher der Behörde warnte am Donnerstag, jeder, der die Lebensmittel esse, statt sie zu zerstören, begehe eine Straftat, wie die Zeitung "Iswestija" berichtete.

In der Bevölkerung kommt die Kampagne überhaupt nicht gut an. Bis Donnerstagmorgen unterschrieben fast 260.000 Russen eine Petition auf change.org und riefen dazu auf, die Nahrungsmittel lieber an Kriegsveteranen, Rentner, Behinderte, Großfamilien oder Opfer von Naturkatastrophen zu verteilen.

Die Zeitung „Wedomosti“ kritisierte, die Zerstörung von Lebensmitteln sei „barbarisch“. Kommunistenchef Gennadi Sjuganow nannte die Anordnung eine „extreme Maßnahme“; er schlug vor, die Nahrungsmittel an Kinder- und Waisenheime zu verteilen. Auch „unsere Freunde in Donezk und Lugansk“ in den von pro-russischen Rebellen kontrollierten Regionen in der Ost-Ukraine könnten die Lebensmittel brauchen.

Welche Firmen noch auf Russland setzen
Stada
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In Russland wuchs der Arzneimittelhersteller Stada im vergangenen Jahr um vier Prozent, allerdings in Rubel gerechnet. Durch den Wertverfall der Währung nahm der Umsatz in Euro gerechnet stark um 14 Prozent auf 360,7 Millionen Euro ab. Das Land ist aber nach wie vor der größte Auslandsmarkt. Stada-Chef Hartmut Retzlaff reist derzeit etwa fünf Mal pro Jahr nach Russland, „aus motivatorischen Gründen, um den Mitarbeitern zu zeigen, dass man an den Standort glaubt“, sagt er.

Bionorica
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Für den Naturarzneimittelhersteller Bionorica ist Russland der wichtigste Auslandsmarkt: Der steuert rund ein Drittel zu Geschäft bei und legte in den vergangenen Jahren stets zweistellig zu. Das ist auch 2014 nicht anders gewesen, allerdings nur in Absatz gerechnet. Der Umsatz sank wegen der Währungsumrechnungseffekte um etwa sieben Prozent auf 72 Millionen Euro. Bionorica-Chef Michael Popp hat den Verfall des Rubels nur zu einem Teil mit Preiserhöhungen aufgefangen: „Wir haben im Sinne des Patienten auf Umsatz verzichtet“, nennt Popp dieses Vorgehen.

Fresenius
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Der Gesundheitskonzern Fresenius hat im November angesichts der Osteuropa-Krise seine Pläne für ein Gemeinschaftsunternehmen in Russland aufgegeben. Geplant war ein Zusammenschluss des bestehenden Geschäfts der Ernährungs- und Infusionssparte Fresenius Kabi mit dem russischen Pharmaunternehmen Binnopharm. Den Unternehmen entstanden wegen des geplatzten Deals keine finanziellen Verpflichtungen. Zum Gesamtumsatz des Gesundheitskonzerns Fresenius trägt Russland weniger als ein Prozent bei.

Siemens
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Der Besuch bei Wladimir Putin vor gut einem Jahr hat Siemens-Chef Joe Kaeser viel Aufmerksamkeit, aber auch viel Kritik eingebracht – dem Geschäft geholfen hat er nicht. Die Umsätze seien etwa um die Hälfte eingebrochen, berichtete Kaeser kürzlich. Russland ist ein wichtiger Markt für den Infrastrukturanbieter, die Münchener bauen dort zum Beispiel Züge und Gasturbinen. „Russland bietet riesige Chancen, die man momentan nicht nutzen kann“, bedauerte Kaeser. Siemens wolle Know-how nach Russland geben und Produktion dort lokalisieren. „Aber diese Möglichkeit gibt es momentan nicht. Wir halten uns voll an alle Sanktionsvorgaben.“

Otto-Gruppe
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Im August 2013 kündigte die Otto-Gruppe noch neue Investitionen in Russland an. Eineinhalb Jahre später ist die Ernüchterung groß. Für das Unternehmen ist Russland zu einer Belastung geworden. Im abgelaufenen Geschäftsjahr ist der Umsatz um 25 Prozent gesunken. Bereinigt um Wechselkurseffekte bleibt ein Rückgang um nur vier Prozent. Und fest steht auch: Die Otto-Gruppe hat in Russland Geld verloren. Zwar hält Hans-Otto Schrader, Chef der Otto-Gruppe, eine Rezession in Russland für nicht vermeidbar. Aber: „Wir haben diesen Markt über sechs Jahre aufgebaut – und wir werden ganz vorne mit dabei sein, wenn sich die Lage bessert“, sagt er.

Hubert Burda Media
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Fragt man den Vorstandsvorsitzenden von Hubert Burda Media, Paul-Bernhard Kallen (Bild), ob sich sein Unternehmen angesichts der Wirtschaftskrise in Russland aus dem Land zurückziehen will, antwortet er: „Nein, wir nicht. Die Frage ist aber, ob man uns noch haben will.“ Offenbar will der russische Staat das nicht. Vergangenen Herbst unterzeichnete Präsident Wladimir Putin ein Gesetz, das vorsieht, den Anteil von Ausländern an russischen Medienunternehmen auf 20 Prozent zu beschränken. Besonders hart trifft dies Burda. In Verlagskreisen werden die Erlöse, die Burda in Russland und in der ebenfalls krisengeschüttelten Ukraine erzielt, auf gut 200 Millionen Euro geschätzt.

Bauer Media
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Bauer will sich angesichts der Debatte um das neue Mediengesetz zwar überhaupt nicht zum Russland-Engagement äußern. Für den Hamburger Verlag dürften die Märkte in den USA, Australien, England und Polen aber weitaus wichtiger sein als der Markt in Russland, wo das Zeitschriftenhaus ausweislich seiner russischen Website 25 Titel herausgibt.

Der Fernsehmoderator Wladimir Solowjow, normalerweise ein Freund der Regierung, schrieb auf Twitter, er könne nicht verstehen, dass ein Land, „das durch den grausamen Hunger während des Krieges und die schrecklichen Jahre nach der Revolution ging“, Lebensmittel zerstören könne. Der Verbraucheranwalt Alischer Sachidow mahnte im Radiosender Kommersant FM, die Regierung solle auf die 18 Millionen Menschen schauen, die unterhalb der Armutsgrenze lebten. „Diese Menschen brauchen das Fleisch.“

Den deutschen Landwirten sind durch das russische Embargo Einnahmen in Höhe von fast einer Milliarde Euro entgangen, wie der Bauernverband am Donnerstag in Berlin mitteilte. Die Exporte nach Russland hätten sich von 1,8 auf 0,9 Milliarden Euro halbiert. Bei Fleischwaren und Milchprodukten sei die Ausfuhr „praktisch auf Null“ zurückgegangen; das gelte auch für Obst und Gemüse.

  • afp
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7 Kommentare zu "Reaktion auf Sanktionen: Russland lässt Lebensmittel aus dem Westen vernichten"

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  • Grundsätzlich werden in allen Ländern der Welt falsch deklarierte oder illegal eingeführte Lebensmittel vernichtet. Der Grund dafür ist, dass diese Lebensmittel keinerlei gesicherten Herkunftsnachweis haben und somit für den Verbraucher als potentiell gefährlich eingestuft werden müssen. Es gibt keine Garantien dafür, dass beispielsweise Fleischwaren nicht überlagert, Obst und Gemüse nicht mit Schadstoffen kontaminiert oder Milchprodukte nicht gepanscht sind. Wer in der EU solche Lebensmittel in irgendeiner Weise an den Mann bringt (auch aus sehr edlen Motiven) riskiert eine satte Gefängnisstrafe. Daher verstehe ich die Aufregung über die Aktion des Russischen Zolls überhaupt nicht. Scheint ein wenig Stimmungsmache zu sein, oder?

  • So etwas sollte man nie öffentlich machen.
    Dann allerdings kann man es auch verteilen lassen.

  • Wenn jemand mit dem Flieger versucht Lebensmittel mit nach Deutschland zu bringen werden ihm die Lebensmittel weggenommen und vernichtet.

    Verbot ist Verbot - egal wo auf der Welt

  • Illegale Einfuhren werden eben amtlich vernichtet, ob Plagiate oder z.B. Elfenbein.

  • Rußland tut das einzig Richtige.

    Sicher ist es im Prinzip nicht richtig, Lebensmittel zu vernichten, aber was bleibt Rußland anderes übrig? Nach den absolut nicht zu rechtfertigenden und völkerrechtlich illegalen Rußlandsanktionen, die der Westen verhängt hatte, mußte Rußland irgendwie reagieren.

    Allerdings war Putin nicht so dumm wie der Westen, der Sanktionen verhängt hat, die ihm selbst schaden, sondern er hat gezielt Sanktionen verhängt, die vor allem dem Westen schaden und gleichzeitig im Innern den Anreiz fördern, eigene Produkte zu herzustellen.

    In dieser Hinsicht scheinen die Sanktionen für die russische Volkswirtschaft ein Erfolg zu sein. Der Westen wird also Schwierigkeiten haben, die alten Märkte in Rußland zurückzugewinnen, wenn der Wahnsinn der Sanktionen einmal beendet worden ist. Denn inzwischen haben andere Lieferanten aus dem Ausland und vor allem auch die Eigenproduktion in Rußland die Märkte besetzt, die vorher eine Domäne westlicher Lieferanten waren.

    Damit das nun jedoch auch gelingen kann und vor allem auch, damit es dem Westen wirklich weh tut, muß Rußland Konsequenz zeigen. Es kann es nicht hinnehmen, daß das Embargo umgangen wird. Und wenn die jeweiligen Lieferanten, die mit Hilfe gefälschter Papiere das Embargo zu umgehen suchen, durch die Vernichtung ihrer Lieferung finanzielle Schäden erleiden, so geschieht ihnen das recht.

    Das motiviert sie vielleicht, sich in der Heimat politisch gegen den Sanktionswahnsinn der politischen Klasse zu engagieren. Auf die Unterstützung ihrer Interessenverbände können sie wohl dabei aber in der Regel nicht setzen. Diese haben sich meist als politisch korrekt und als gehorsame Abnicker der Regierungsidiotie erwiesen.

  • Was Rußland angeblich an Lebensmitteln vernichten lässt, ist nur ein Bruchteil dessen, was allein in Deutschland an Lebensmitteln auf dem Müll landet (Ablaufdatum etc.)

  • RICHTIG !!!
    In umgekehrter Richtung wird genauso verfahren!! Also wirds diesseits nicht mal der Versuch
    unternommen. Drohen sogar Haftstrafen.

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