Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Reaktionen zum Brexit-Votum So kommentiert die internationale Presse Mays historische Niederlage

Nach dem Scheitern des Brexit-Deals im britischen Unterhaus fragen die Kommentatoren, wie es weitergeht. Kaum ein Protagonist des Brexit-Dramas kommt gut weg.
Kommentieren
Pressevertreter fragen sich vor allem, wie es nach der Niederlage im britischen Unterhaus weitergehen soll. Quelle: AP
Brexit

Pressevertreter fragen sich vor allem, wie es nach der Niederlage im britischen Unterhaus weitergehen soll.

(Foto: AP)

New YorkGroßbritanniens Premierministerin Theresa May hat am Dienstag eine herbe Niederlage eingefahren. Die Abgeordneten im britischen Unterhaus lehnten ihr Brexit-Abkommen mit der EU klar ab: nur 202 stimmten dafür, 432 dagegen. Aus der eigenen Partei wiesen mehr als 100 Abgeordnete den Deal zurück. Die internationale Presse versucht, die Geschehnisse zu analysieren. Viele fragen sich vor allem, wie es weitergehen soll. Es hagelt aber auch Kritik – nicht nur gegen May.

Die „New York Times“ (NYT) glaubt nicht, dass das für Mittwoch angekündigte Misstrauensvotum die Premierministerin von ihrem Posten holen wird. Niemand erwarte, dass May zurücktreten wird, schreibt das Blatt und verweist auf entsprechende Aussagen der Premierministerin vor dem Votum. Aber, heißt es weiter, jetzt seien alle Verschwörungen für und gegen sie entfesselt.

Die Zeitung blickt außerdem auf die Spaltung in den großen Parteien und fragt, wie es nun weitergehen wird. Es sei mit einem Machtkampf auf allen Ebenen zu rechnen. Wer am Ende gewinnen wird? Das sei unmöglich vorwegzunehmen. Jedes Ergebnis sei unwahrscheinlich, und doch sei alles möglich. „Nur Gott allein kennt die Antwort darauf“, wird ein ungenannter Politiker zitiert.

In einem Punkt ist sich das Blatt aber sicher: „Parlamentsabgeordnete und politische Führer aller Parteien werden mit den schwersten Entscheidungen konfrontiert: Die Zukunft Großbritanniens wird im nächsten Monat entschieden.“

Der britische „Guardian“ schreibt von „ungewöhnlichen Zeiten“. Dass sich mehr als 100 Abgeordnete der eigenen Partei gegen May ausgesprochen haben, hätte in jeder „normalen Ära“ zum Zusammenbruch der Regierung geführt.

Doch was wichtiger sei als das Schicksal der Regierung oder das der Premierministerin, sei das Schicksal des Landes und die Entscheidung, die EU zu verlassen. Letzteres befände sich nun in der Schwebe. Der „Guardian“ blickt zurück auf Schlüsselmomente von Mays Vorgehen und schlussfolgert: „Nach den physikalischen EU-Gesetzen hätte es fast kein anderes Ergebnis geben können.“

Endloser Strom an bananenartigen Lügen

Dabei kritisiert die Zeitung nicht nur die Premierministerin, der Weg zur heutigen Abstimmung wird auch als Fehlentscheidung ihres Vorgänger David Cameron beschrieben, „angeheizt von einem endlosen Strom bananenartiger Lügen, von denen viele von einem Telegraph-Korrespondenten namens Boris Johnson in Brüssel zusammengebraut wurden“. Wie einfach sei es für britische Politiker gewesen, „zu sagen, sie würden gern bei diesem und jenem Thema handeln, doch ihre Hände seien wegen der Schurken in der EU gebunden“.

Schließlich bekommt noch das Volk sein Fett weg: Viele Briten seien niemals von ihrer imperialen Wahnvorstellung geheilt worden, urteilt dass Blatt. Sie weigerten sich zu akzeptieren, dass Großbritannien Teil der europäischen Wirtschaft ist.

Auch die „Neue Züricher Zeitung“ fragt danach, wie es nun weitergehen soll. Sie analysiert das Verhältnis innerhalb von Mays Partei. Schon vor der Abstimmung habe sie „alle Brücken hinter sich abgebrannt, indem sie ihr Abkommen stets als alternativlos darstellte“.

Zudem räche sich ihre Rhetorik des „kein Deal ist besser als ein schlechter Deal“. Das habe den kompromisslosen Brexit-Anhängern in die Hände gespielt. Dass der Brexit-Termin verschoben wird, ist dem Blatt zufolge kaum mehr abwendbar. „Großbritannien droht eine Phase zunehmender Instabilität an der politischen Spitze.“

Auch der „Standard“ aus Österreich urteilt harsch über die Geschehnisse des Tages. „Die Niederlage war verdient.“ May habe die Interessen ihrer Partei über die des Volkes gestellt. Statt Kompromisse mit der Opposition zu finden, habe sich die Premierministerin „englische Nationalisten wie David Davis, selbstverliebte Spieler wie Boris Johnson“ ins Kabinett geholt, die schließlich verantwortungslos von Bord gingen.

Die Lösung liege nun auf der Hand: „Großbritannien bleibt in der Zollunion, Nordirland erhält zusätzlich engbegrenzten Zugang zum Binnenmarkt, wie in der Auffanglösung vorgesehen. Dafür gäbe es eine Mehrheit im Unterhaus, anders als für Mays traurige Bemühungen.“

Das Handelsblatt sieht in dem von der Labour-Opposition beantragte Misstrauensvotum eine Chance für May, die Niederlage „gleich wieder durch einen Sieg zu kompensieren“. Mays ruf als Überlebenskünstlerin würde weiter zementiert.

Die von May angekündigten Gespräche mit den Abgeordneten aller Parteien sieht der Beitrag hingegen kritisch. Er verweist auf die Aussagen des Sprechers der Premierministerin, weiterhin eine unabhängige Handelspolitik anzustreben, eine Kernforderung der Brexit-Hardliner.

Der klarste Weg: ein zweites Referendum

Der „Irish Times“ zufolge ist ein zweites Referendum der klarste Weg, „um den Willen des britischen Volkes durchzusetzen, nachdem nun die Konsequenzen und die damit verbundenen Entscheidungen klar werden“. Das Blatt benennt auch die Möglichkeit eines softeren Brexits, den May mithilfe der Labour-Party zustande bekommen könnte.

„Ein Weg nach vorn wird schwer zu finden sein“, schreibt das Blatt weiter und fragt zugleich: Auch wenn einer aufkommen sollte, „reflektiert das den Willen der Mehrheit der Leute?“ Die einzige Möglichkeit, um das das herauszufinden, „ist, ein zweites Referendum zu halten“.

Die „Süddeutsche Zeitung“ rätselt darüber, welche Beziehung zur EU sich die „Austrittsfreunde“ wünschen, und fragt, was gegen Mays Reglung spricht. Die Irlandfrage könne nicht der Grund für den zähen Widerstand sein, denn sie sei im Interesse der Iren auf beiden Seiten der Grenze sowie im Interesse „eines einigen Großbritanniens“. Die britische Politik sei derzeit von einem radikalen Mangel an praktischer Vernunft gekennzeichnet. Für das Blatt ist eines sicher: „Einen ungeregelten Austritt darf es nicht geben.“

So reagieren die Abgebordeten auf das Nein zum Brexit-Vertrag

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Reaktionen zum Brexit-Votum - So kommentiert die internationale Presse Mays historische Niederlage

0 Kommentare zu "Reaktionen zum Brexit-Votum: So kommentiert die internationale Presse Mays historische Niederlage"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.