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RegenwaldWas der Amazonasgipfel für den globalen Klimaschutz gebracht hat

Ist Südamerikas Regenwald noch zu retten? In Brasilien haben acht Anrainerstaaten um Antworten gerungen. Über die schwierige Suche nach neuen Strategien.Alexander Busch 09.08.2023 - 18:12 Uhr Artikel anhören

Die Urwälder der Amazonas-Region gelten als extrem gefährdet.

Foto: picture alliance / WILDLIFE

Salvador . Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte große Erwartungen an den Amazonasgipfel geknüpft. In einer „Erklärung von Belém“ sollte von einer neuen „Weltregierung“ und der „Neuorganisation der Vereinten Nationen“ die Rede sein, um die Welt vor dem Klimakollaps zu bewahren.

Doch am Dienstag und Mittwoch zeigte sich, wie Visionen durch politische Realitäten schrumpfen. Die acht versammelten südamerikanischen Anrainerstaaten vereinbarten zwar eine Reihe konkreter Maßnahmen, in mehreren existenziellen Fragen des Regenwaldschutzes jedoch fanden sie keinen Konsens.

So konnten sie sich nicht auf ein Datum oder eine Frist zur Reduzierung der Rodungen oder gar einen Entwaldungsstopp einigen. Dabei hatten Brasilien und Kolumbien, die zusammen über 70 Prozent des Amazonasregenwalds verfügen, einen ehrgeizigen Plan vorgelegt. Ihnen schwebte vor, gemeinsam mit den anderen Teilnehmerländern ein Ende aller Abholzungen bis 2030 zu erwirken. Doch vor allem Bolivien und Peru wollten das wegen fehlender finanzieller Mittel nicht unterschreiben.

Grüne Lunge des Planeten in Gefahr

Mit ihren Regenwäldern ist die Amazonasregion die grüne Lunge des Planeten, sie ist so groß wie Australien – und sie ist gefährdet. Jahr für Jahr dezimieren massive Rodungen das größte Biotop der Erde. Der Regenwald bindet große Mengen Kohlendioxid. Experten warnen, dass die vielen Abholzungen die Gegend bald an einen Kipppunkt bringen könnten. Lula hatte zu dem zweitägigen Gipfel in Belém geladen, um gemeinsame Strategien gegen die Zerstörungen zu entwickeln.

Doch die wirtschaftlichen Interessen in der Region könnten kaum unterschiedlicher sein. In der Frage etwa, ob Öl- und Gasexploration im Amazonas verboten werden soll, lagen Lula und Kolumbiens Präsident Gustavo Petro weit auseinander. Lula hatte vor dem Gipfel immer wieder betont, dass er den Staatskonzern Petrobras bei der geplanten Ölsuche im Amazonasdelta unterstützen wolle.

Dort werden große Ölvorkommen vermutet, die sich bis in die Karibik ziehen. Deswegen ist Guayana zu den am schnellsten wachsenden Rohölproduzenten der Welt geworden. Auch dessen Regierung dürfte sich kaum an einem Ölexplorationsstopp beteiligen.

An dem von Lula einberufenen Gipfel nahm auch Sonia Guajajara teil. Sie ist Ministerin für indigene Völker von Brasilien.

Foto: dpa

Kolumbiens Staatschef Petro wiederum forderte vor den versammelten, meist linken Staatschefs eine Übergangsphase bei der Ölsuche im Regenwald. Aber wer den Amazonas und das Weltklima schützen wolle, der müsse über einen Entwaldungsstopp hinausdenken, sagte Petro, der erste linke Präsident Kolumbiens seit vielen Jahrzehnten.

Auch Gelder von den Industrieländern für den Regenwaldschutz lehnt Petro ab – anders als Lula, der den reichen Norden immer wieder an die Zusagen für Investitionen in den Wald- und Klimaschutz erinnert. Mit den Zuschüssen zum Regenwaldschutz wolle sich der Norden nur von seiner historischen Schuld bei der eigenen Entwaldung freikaufen, kritisiert Petro.

In einer gemeinsamen Stellungnahme pochten Staaten aus Lateinamerika und Afrika auf das Versprechen reicher Länder, Entwicklungsländern jährlich 100 Milliarden Dollar für den Klimaschutz zur Verfügung zu stellen. Außerdem fordern sie die Industrieländer auf, die Verpflichtung zur Bereitstellung von 200 Milliarden Dollar pro Jahr für die Erhaltung der biologischen Vielfalt zu erfüllen.

Eine entsprechende Erklärung haben Bolivien, Brasilien, Kolumbien, die Demokratische Republik Kongo, Ecuador, Guyana, Indonesien, Peru, die Republik Kongo, St. Vincent und den Grenadinen, Surinam und Venezuela unterzeichnet.

Brasilien ringt um Ölförderung

Tatsächlich ist die Regierung Lula gespalten, was die Frage der Ölsuche im Amazonas angeht: Sein Energie- und Bergbauminister verstieg sich am Mittwoch in Belém zu der Behauptung, dass der Zusammenhang zwischen Ölförderung und Erderwärmung nicht bewiesen sei. Außerdem hätten 30 Millionen Brasilianer bis heute keinen Zugang zu Strom, deswegen sei die Ölförderung wichtig, um soziale Ziele zu erreichen.

Caetano Scannavino, Koordinator der brasilianischen Nichtregierungsorganisation Observatório do Clima, widersprach. Auch die brasilianischen Ölvorkommen in der Tiefsee seien vor 15 Jahren mit dem Versprechen erschlossen worden, die Bildung in Brasilien zu verbessern – dies sei aber nicht eingelöst worden. Er forderte, die „Ölvorkommen im Boden zu lassen“.

Tatsächlich verlöre Lula als Regenwaldschützer an Glaubwürdigkeit, wenn er gleichzeitig die Ölsuche dort zulassen würde. Doch nicht nur Lula hat Interesse an der Ölförderung im Amazonasgebiet. Neben Guayana fördern auch Peru und Ecuador sowohl Gas als auch Öl im Regenwald.

Dennoch ist es Lula gelungen, in der Abschlusserklärung einige wichtige grenzüberschreitende Kooperationsinstrumente zum Regenwaldschutz zu fixieren: So soll es künftig koordinierte, internationale Polizeiaktionen gegen illegale Rodungen geben.

Die Amtszeit von Ex-Präsident Jair Bolsonaro hatte verheerende Auswirkungen auf den Umweltschutz in Brasilien.

Foto: dpa

Damit sind vor allem der Drogenhandel, die umweltschädliche Goldsuche sowie die illegal agierende Holzmafia gemeint, die meist auch noch zusammenarbeiten. Die Folge ist, dass die Kriminalität im Amazonas rasant gewachsen ist.

Luftraum der Region soll künftig zentral überwacht werden

Wäre der Amazonas ein Land, dann hätte es die vierthöchste Mordrate unter den Staaten weltweit. Künftig soll der Luftraum zentral von der Stadt Manaus aus überwacht werden, um Drogenflüge aus den Anden an die Häfen des Amazonas und die Atlantikküste Brasiliens abzufangen.

Auch ein überregionales wissenschaftliches Panel, an dem indigene und traditionelle Amazonasbewohner teilnehmen, wurde jetzt nach dem Vorbild des Klimarats der Vereinten Nationen gegründet. Für Paulo Artaxo, einen der führenden Klimaforscher Brasiliens, ist das ein großer Schritt, um die staatliche Regenwaldpolitik wissenschaftlich zu untermauern.

Der Gipfel ist trotz der Meinungsunterschiede für Lula ein politischer Erfolg: „Es ist ein Erfolg, dass der brasilianische Präsident alle acht Staats- und Regierungschefs erstmals seit 14 Jahren an einen Tisch holt“, sagt Roberto Maldonado von der internationalen Naturschutzorganisation World Wildlife Fund.

Legale und illegale Rodungen sorgen dafür, dass der Regenwald immer weiter schrumpft.

Foto: action press

Lula will schon beim diesjährigen Klimagipfel COP28 in Dubai als Vertreter der Regenwaldstaaten auftreten. Dort würde er gerne nicht nur als Sprecher Südamerikas beim Thema Amazonas aktiv werden. Der ehemalige Arbeiterführer will bis dahin auch weitere Regierungen von Ländern, die am Äquator liegen, von einem gemeinsamen Vorgehen überzeugen. Lula geht es darum, an Brasiliens Vorreiterrolle bei den internationalen Klimakonferenzen in seinen ersten zwei Legislaturperioden von 2003 bis 2010 anzuknüpfen.

Lob für den Präsidenten Brasiliens

Niels Annen, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Berlin, bewertet die von Lula angestrebte Führungsrolle positiv. Der brasilianische Präsident setze sein Prestige in der Region ein, um den Regenwaldschutz voranzubringen, sagte er dem Handelsblatt.

„Dadurch haben sich die Voraussetzungen deutlich verbessert, dass wir die Ziele des Regenwaldschutzes erreichen.“ Annen war für einen Tag zum Amazonasgipfel nach Belém gereist. „Es passiert jetzt, was wir uns immer erhofft haben“, sagte er. „Es gibt eine neue Dynamik der Koordinierung im Amazonas.“

Deutschland ist neben Norwegen Mitgründer und Financier des Amazonas-Fonds. Unter dem Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, der den Regenwaldschutz vernachlässigte, hatte der Fonds seine Zahlungen an Brasilien eingestellt, nach der Wahl Lulas hat er sie aber wieder aufgenommen.

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Nun müsse die Frage beantwortet werden, wie man den Regenwaldschutz so verankert, dass die Fortschritte nicht bei einem Regierungswechsel gleich wieder rückgängig gemacht werden könnten, sagte Annen.

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