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Matteo Salvini

Der Parteivorsitzender der Lega wehrt sich gegen die Kritik aus Deutschland an den Plänen der gerade gescheiterten Regierung.

(Foto: Reuters)

Regierungsbildung Kampf der Vorurteile – Deutschland wird in Italien zum Feindbild

Kaum ist die Regierungsbildung in Italien gescheitert, zeigt die rechte Lega-Partei mit dem Finger auf Deutschland. Doch nicht nur Populisten kritisieren die Deutschen.
11 Kommentare

RomLega-Chef Matteo Salvini beherrscht sein Geschäft als populistischer Agitator perfekt. Vielleicht hat ihm auch das Treffen mit Ex-Trump-Berater Steve Bannon am Wochenende in Rom noch zusätzlich den Rücken gestärkt. Mitten im dramatischsten Moment der politischen Krise in Italien hatte er den Feind schnell ausgemacht: die Deutschen.

„Wir haben ein  Prinzip, und nach dem entscheiden nur die Italiener für Italien, nicht die Deutschen“, rief er am Sonntagabend in der umbrischen Stadt Terni seinen Anhängern zu, während in Rom gerade der letzte Versuch zur Bildung einer Regierung gescheitert war.

Gemeinschaft der Unruhe – Sorgen um Europa wachsen

„Wir lassen uns von niemandem erpressen“, rief der Lega-Chef weiter, als sein Kandidat für das Amt des Wirtschaftsministers schon durchgefallen war. „Ein Minister, der den Deutschen nicht sympathisch ist, heißt doch, dass es genau der richtige Minister für uns ist.“ Nun soll Ex-IWF-Ökonom Carlo Cottarelli eine Übergangsregierung formieren – Lega und Fünf Sterne wollen das verhindern.

Vom „Diktat aus Berlin und Brüssel“ ist in Italien seit Tagen die Rede. Die kollektive Wut der Lega-Politiker und der Fünf Sterne richtet sich gegen Kommentare aus dem Norden, in denen gewarnt wurde, dass die neue und nun geplatzte Regierung mehr ausgeben als einnehmen wollte und dass die Beschlüsse des Stabilitätspakts für die Wahlsieger vom März Makulatur sind.

Ebenso kritische Stimmen gab es auch in Italien. So warnte auch der Unternehmerverband Confindustria vor ausufernden Belastungen für den Haushalt des verschuldeten Landes. Der Noch-Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan sorgt sich wegen der Nervosität an den Finanzmärkten, und jeder Ökonom oder Banker bringt von sich aus das Gespräch auf die hohe Staatsverschuldung Italiens, die eingedämmt werden müsse.

Doch die Stimmung kippte, als der „Spiegel“ eine Kolumne mit der Zeile „Die Schnorrer von Rom“ brachte, in der es hieß: „Wie soll man das Verhalten einer Nation nennen, die erst die Hand aufhält, um sich ihr sprichwörtliches „dolce far niente“ von anderen finanzieren zu lassen – und dann damit droht, den Geldgebern den Knüppel über den Kopf zu ziehen, wenn diese auf einer Begleichung der Schuld bestehen?“

Das ging den Italienern zu weit. Sogar Staatspräsident Sergio Mattarella ging – ohne Namen zu nennen – in seiner Brandrede am Sonntagabend darauf ein und kritisierte „groteske und inakzeptable Urteile“, die in Presseorganen eines europäischen Landes erschienen seien.

Zuvor hatte schon der italienische Botschafter in Berlin sein Land verteidigt. „Es bleibt ein fader Beigeschmack wegen der Art und Weise, wie diese Kritik gegen ein ganzes Volk gerichtet wird”, sagte Pietro Benassi. Es handele sich um ein „sehr einfaches und verführerisches“ System, um die Menschen aufzuregen. Das sei eine gefährliche Straße für Dialektik in Europa. „Am Ende gibt es nur Verlierer.“

So ist über Nacht wieder der alte Krieg der Stereotype und Klischees zwischen Deutschland und Italien ausgebrochen, der vor Jahrzehnten mit einem „Spiegel“-Cover mit einem Teller Spaghetti und einer Pistole seinen Höhepunkt erreicht hatte. Kein Wort mehr über die engen Handelsbeziehungen der beiden Länder, über die gute Arbeit der Regierung Gentiloni und den engen Austausch von Rom und Berlin.

Sogar kluge und normalerweise ausgewogene Kommentatoren wie Federico Fubini im „Corriere della Sera“ legen nun nach: Er vergleicht die aktuelle Situation in Italien mit Griechenland im Sommer 2015 und schreibt: „Mit solchen Klischees soll die öffentliche Meinung (in Deutschland) vorbereitet werden auf die Haltung, die die Regierung einnehmen wird, wenn es zum Knall kommt: nur nicht zulassen, dass ein Land das System konditioniert mit der Drohung, den Euro zu verlassen.“ Und dann erwähnt er – wie es immer die Italiener in diesem Kontext tun – den Handelsüberschuss Deutschlands. 

„Dieses Deutschland ist nur mit den anderen streng“, schreibt Fubini. Und dass die Auseinandersetzung das größte Geschenk für die Anti-Europäer in Italien sei. In dem Punkt hat er recht.

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11 Kommentare zu "Regierungsbildung: Kampf der Vorurteile – Deutschland wird in Italien zum Feindbild"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die deutschen Regierungen sind verantwortlich für alle Euro Probleme. Sie wollten unbedingt Griechenland und Italien dabei haben,obwohl die beiden Länder nicht die Maastrich Kriterien erfüllen. Jetzt, kurz vor dem Ende des Euros bleibt allen Europäern nur noch die Flucht in Gold und Silber. https://gebert-trade.weebly.com/big-silver.html

  • „Dieses Deutschland ist nur mit den anderen streng“, schreibt Fubini.
    Deutschland ist auch mit seiner arbeitenden und produktiven Bevölkerung streng.
    Manche Beamte genießen ein wohl recht angenehmes Leben, siehe auch Pensionen - der Arbeitnehmer darf den Großteil seiner Renten - Einzahlung versteuern, wenn er dann in Rente geht - die Rente nochmals. Da tut sich der Beamte mit seiner schönen hohen Pension, die sich noch dazu nach dem letzten Verdienst richtet, deutlich leichter!
    Deutschland ist auch sehr streng mit seinen Arbeitnehmern! Und wenn einer viel und gerne Leistung erbringt, vielleicht auch etwas mehr verdient, dann kommt sehr schnell der Neid auf.
    Deutschland ist auch sehr streng mit der eigenen Industrie, da werden mal schnell Atomkraftwerke abgeschaltet, die Banken überreguliert und die Automobilindustrie wegen NOx in die Knie gezwungen....
    Ich glaube, viele deutschen Politiker sind sehr, sehr streng und überheblich (z.B. Merkel, Roth). Sie ignorieren wichtige internationale Verträge wie z.B. den Dublin-Vertrag und meinen. alle müssten die konfusen Gedanken verstehen.
    Deutschland hat mit allen EU Ländern über alle Themen zu reden und eine MACHBARE Lösung zu finden. Eine Demokratie ist immer für das Volk - wer dann mit Sprüchen wie "Populismus" kommt, ignoriert den Willen des Volkes.
    Übrigens liebe Italiener, der Spiegel ist nicht die Stimme Deutschlands, der Spiegel schreibt viel Falsches, damit er seine Zeitung verkauft!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Realisten wussten es immer:
    Der Euro bzw. die EU eint Europa nicht, es spaltet Europa.
    Und für den deutschen Michel wird's richtig teuer.

  • "Kein Wort mehr über die engen Handelsbeziehungen der beiden Länder, über die gute Arbeit der Regierung Gentiloni und den engen Austausch von Rom und Berlin."

    Enge und wohlmöglich gute Handelsbezehungen! Eigentlich kann die BRD auf solche Beziehungen gut verzichten, denn gut für Italien sind ausschließlich die Schulden, die sie über die Target-Salden machen können. Auf Pump kann man in der EU trefflich leben, wenn man auf die Schussel der BRD trifft. Uneinbringbare Verbindlichkeiten bedeuten also gute Handelsbeziehungen.
    Das Falsche ist also richtig und das Richtige ist falsch. Die Evolution schlägt schon merkwürdige Haken.

  • Rechtspopulisten gäbe es gar nicht, hätten nicht die Linkspopulisten Europa nachhaltig geschadet.

  • Rechtspopulisten und Rechtsextremisten werden nie kapieren, dass sie das Problem sind und nicht andere, die sie für ihre Probleme verantwortlich machen wollen.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Na da leistet das "Friedensprojekt Euro" ja mal wieder ganze Arbeit.

    Dabei ist alles ganz einfach: Italiener haben eine völlig andere Finanzkultur und fühlen sich und ihre Arbeitsplätze nur sicher, wenn sie inflationieren können. Die weltweite Wettbewerbsfähigkeit ist ihnen vergleichsweise egal. Ebenso, ob ihr Treiben nachhaltig ist oder sie trotz allem Euro-Ungemach unterm Strich heute nicht viel ärmer wären, mit einer 14% verzinsten Lira.

    Die Deutschen wiederum fühlen sich und ihre Industriearbeitsplätze nur sicher, wenn sie zu global wetbewerbsfähigen Preisen produzieren können und neigen eher zur Preisstabilität bzw. zur Not im Hinblick auf Fernost auch taktischer Deflation.

    Beide Strategien funktionieren für sich mindestens teilweise bzw. psychologisch. Die italienische führt zur Währungsabwertung und damit tendenziell mehr Binnenkonsum/-produktion, da Importe wie bei einem Zoll verteuert werden. Die deutsche verhindert das Abwandern von Industriearbeitsplätzen wie sie USA und GB massiv erfahren haben.

    Das Problem ist aber, dass beide Startegien nicht gleichzeitig betrieben werden können ohne massive Enteignungs-/Umverteilungseffekte, für die es keinerlei politische Mandat gibt und die mit Demokratie deshalb überhaupt nichts zu tun haben, zu provozieren. Die betroffenen Deutschen und Italiner spüren das ganz genau und werden nicht zu Unrecht immer aggressiver, derweil die Profiteure der Enteignungen sich still verhalten.

  • Italien muss in der Tat selbst seine Probleme angehen. Der EURO scheint nicht hilfreich aber ist Kern nicht das Problem. Die Demokratie ist schon lange dort ein Problem. Wieviel Regierungen gab es in Italien nach dem Krieg, die länger als ein Jahr im Amt waren? Italien geteilt in Nord und Süden muss Antworten finden gegen diese Teilung. Und alle EU und Euro Länder insbesondere müssen sich gefallen lassen, dass andere mitregieren wollen. Wir sind halt eine Union und kein einzelnes Land mehr. Das hat Nachteile aber auch Vorteile. Doch wir Deutsche müssen wegen des Krieges nach wie vor sehr vorsichtig unseren Einfluss einbringen.

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