Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Regionalwahlen in Russland Fünf Jahre nach der Krim-Annexion: Aus Euphorie wird Apathie

Stromausfälle, Wassermangel, sinkende Einkommen, steigende Korruption: Selbst die einstigen Hurra-Patrioten auf der Halbinsel sind ernüchtert.
Kommentieren
Das Leben vieler Bewohner auf der Krim hat sich verschlechtert. Quelle: dpa
Menschen auf der Krim

Das Leben vieler Bewohner auf der Krim hat sich verschlechtert.

(Foto: dpa)

Moskau Am Sonntag finden in Russland Regionalwahlen statt. Auch auf der Krim geht es um die Neubesetzung des Regionalparlaments. Doch viele Menschen auf der Halbinsel sind unzufrieden, das Interesse an der Wahl deshalb gering. Viele Bewohner verfolgen die politischen Prozesse ohnehin nur noch apathisch. Die meisten Politologen gehen von einer Wahlbeteiligung um die 40 Prozent aus.

Zum Vergleich: Bei der Präsidentenwahl 2018 erreichte Putin immerhin noch 80 Prozent Wahlbeteiligung und gut 90 Prozent der Stimmen. Bei der Duma-Wahl 2016 waren es immerhin 50 Prozent. Nach Ansicht von Dmitri Omeltschenko, Dozent an der Philosophischen Fakultät der Föderalen Universität Krim“ wird die Obrigkeit alles dafür tun, mindestens dieses Ergebnis zu halten: „Die Wahlbeteiligung wird meiner Meinung nach zwischen 40 und 45 Prozent liegen, aber sie werden sie garantiert auf 50 Prozent oder mehr nach oben ziehen“, sagte er. 

Am Sieg der Kremlkandidaten vom Einigen Russland zweifelt allerdings kaum jemand. Rentner und Militärs, die einen beträchtlichen Bevölkerungsanteil auf der Krim stellen, sind diszipliniert und stellen das Gerüst ihrer Wählerschaft. Offen oppositionelle Kräfte gibt es auf der Krim ohnehin nicht. Als Ukraine-Anhänger zu gelten, ist gefährlich. Die meisten Unzufriedenen und Enttäuschten werden das Wochenende daher im Garten, auf der Datscha oder am Strand verbringen. Weit weg von der Politik.

Ausnahmen von der politischen Gleichgültigkeit sind selten. Im März gab es eine solche: Zum fünften Jahrestag des Referendums auf der Halbinsel Krim, bei dem eine Mehrheit für einen Beitritt zu Russland gestimmt hatte, war sie noch einmal zu spüren: die Feierstimmung, die auf der Krim im März 2014 herrschte, als Russland die Halbinsel in Besitz nahm. 

Während in der Hafenstadt Sewastopol eine 70 Meter große Russlandflagge entrollt wurde und im Kurort Jalta zum Jubiläum tausende Menschen an einem Dauerlauf teilnahmen, veranstaltete die Insel-Hauptstadt Simferopol einen Konzert-Marathon, zu dem zahlreiche Rock- und Popstars aus Moskau eingeflogen wurden. 

Erinnerungen an das Fahnenmeer auf dem Lenin-Platz in Simferopol unmittelbar nach Bekanntwerden der Ergebnisse des Referendums wurden wach. 

Auch Kremlchef Wladimir Putin flog extra zum Jubiläum ein – und weihte dabei zwei Gaskraftwerke ein, um deren von Siemens produzierte und unter Umgehung westlicher Sanktionen gelieferte Turbinen es im Vorfeld einen Riesenskandal gegeben hatte. 

Seit der Abtrennung von der Ukraine ist das Energiedefizit der Halbinsel ein Riesenproblem. Ukrainische Nationalisten kappten die Stromverbindung vom Festland zur Halbinsel – und zwar buchstäblich, indem sie die zur Krim führenden Strommasten sprengten. 

Rund eine Milliarde Euro investierte Russland in den Aufbau der Kraftwerke in Sewastopol und Simferopol. Ihre Gesamtkapazität liegt bei 940 Megawatt. Zusammen mit der vom russischen Festland herübergeworfenen 850 Megawatt starken Stromleitung sollen sie das Energieproblem der Krim lösen. 

Doch Stromabschaltungen sind auf der Halbinsel immer noch an der Tagesordnung. Und nicht nur in entlegenen Ortschaften. Erst am Freitag versanken wieder mehrere Stadtteile Simferopols stundenlang in der Dunkelheit. 

Marodes Stromnetz

 „Planmäßige Abschaltung“ nennen das die Energieversorger. Das Stromnetz ist weiterhin marode und muss immer wieder geflickt werden. In die Verbesserung des Straßennetzes hat Moskau ebenfalls viel Geld investiert, doch auch hier gibt es nach wie vor genügend Buckelpisten auf der Krim. 

Noch problematischer ist die Wasserversorgung. Nach der Trockenlegung des Dnepr-Krim-Kanals sind Trink- und Brauchwasser kostbares Gut geworden. Die Dürre im vergangenen Jahr kostete die Landwirtschaft Unsummen, die Hälfte der Ernte fiel aus. Einige Kulturen können wegen des chronischen Wassermangels nicht mehr angebaut werden. 

Zur Trinkwasserversorgung wurden zahlreiche Brunnen gebohrt. Die unangenehme Nebenwirkung: Der Grundwasserspiegel sinkt ab. Eine endgültige Lösung des Problems steht aus. Es heißt also haushalten – und dazu gehört im Sommer auch weiterhin die stundenlange Wasserabschaltung in den Wohnhäusern. Die Bewohner haben sich daran gewöhnt. Doch die Touristen sind verärgert. Dabei leben viele Menschen auf der Halbinsel vom Tourismus. 

Die Urlauber kommen nach dem Beitritt natürlich vor allem aus Russland. Nach den Krisenjahren 2014 und 2015 gehen die Zahlen wieder hoch. Speziell nach der Einweihung der über drei Milliarden Euro teuren Krim-Brücke, die Putin natürlich ebenfalls persönlich und imageträchtig am Steuer eines Bau-Lkws einweihte. Doch die großen Hoffnungen auf den mit den russischen Touristen verbundenen Geldsegen haben die Gastwirte auf der Krim inzwischen begraben müssen. 

Schimpften sie erst auf die ukrainischen Gäste, die kein Geld hätten und am liebsten billig campten, so mussten sie feststellen, dass auch bei den Russen das Geld nach nunmehr sechs Jahren fallender Realeinkommen nicht mehr so locker in der Tasche sitzt wie vor der Krim-Krise. 

Inflation belastet Einkommen

Die Einkommen von Rentnern und Militärs sind nach dem Beitritt zu Russland deutlich gestiegen. Für Selbstständige und Angestellte hingegen ist es schwieriger geworden. Zwar sind auch ihre Einkommen nominell gewachsen, doch die Inflation hat dieses Wachstum teilweise überholt. 

In Rubel gerechnet haben sich die Preise für Schweine- und Rindfleisch seit 2013 mehr als verdoppelt, der für Kartoffeln gar mehr als vervierfacht. 

Die Bewohner ärgert aber vor allem, dass die Korruption nicht kleiner geworden ist. Viele Beamte auf der Halbinsel, die sich schon zu ukrainischen Zeiten bereichert haben, stehlen nach der Russifizierung der Krim eifrig weiter. 

Mehr noch: Die neuen Machthaber in der Region haben eine knallharte Umverteilung von Eigentum vorgenommen und machen gerade Klein- und Mittelständlern auf der ohnehin von den westlichen Sanktionen gebeutelten Halbinsel das Leben schwer. 

Daher regt sich der Unmut selbst bei einstigen Hurra-Patrioten. Der Blogger Alexander Gorny, ein glühender Anhänger der Bewegung „KrimNasch“ („Die Krim ist unser“), beispielsweise konstatierte zuletzt ernüchtert, dass die russische Führung einen Großteil der bestehenden Sympathien auf der Krim verspielt habe: „Meiner Einschätzung nach haben etwa 50 Prozent der Menschen eine proukrainische Einstellung und verspüren eine Nostalgie zur Ukraine“, erklärte er. Wobei er allerdings in die Zahl die Krimtataren einschloss, die das Referendum 2014 (offiziell 96,8 Prozent Zustimmung bei 90 Prozent Wahlbeteiligung) weitgehend boykottierten. 

Mehr: Der „Selenski-Effekt“ sorgt für kleines Wirtschaftswunder in der Ukraine.

Startseite

Mehr zu: Regionalwahlen in Russland - Fünf Jahre nach der Krim-Annexion: Aus Euphorie wird Apathie

0 Kommentare zu "Regionalwahlen in Russland: Fünf Jahre nach der Krim-Annexion: Aus Euphorie wird Apathie"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.