Rekordarbeitslosigkeit in der Ukraine Die Sehnsucht nach einem ukrainischen Tsipras

Ein Viertel der Ukrainer hat keine Arbeit – ein trauriger Rekord. Und diejenigen mit Jobs kämpfen mit Lohnrückständen und Gehaltskürzungen. Nur ein Arbeitgeber schafft sichere Jobs – doch dem misstrauen die Ukrainer.
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Jobs sind in der Ukraine rar. Einzig die Polizei und das Militär suchen derzeit Personal. Quelle: dpa
Ukrainische Polizei

Jobs sind in der Ukraine rar. Einzig die Polizei und das Militär suchen derzeit Personal.

(Foto: dpa)

KiewMichail ist seit Anfang des Jahres ohne Job. Er hat fast zehn Jahre in einem Restaurant in der Kiewer Innenstadt als Kellner gearbeitet. „Ohne das Gehalt meiner Frau und die Rente der Eltern säßen wir auf dem Trockenen“, sagt der 34-Jährige. Derzeit überlegt er, ob er sich beim ukrainischen Staat bewerben soll. „Die suchen Polizisten und Soldaten“, berichtet Michail.

Von der staatlichen Fürsorge kann er nicht viel erwarten, eine Arbeitslosenversicherung wie in Deutschland gibt es in der Ukraine nicht. Als er seinen Job verlor, hat er sich gar nicht erst registrieren lassen. Fälle wie der Michails verfälschen die Arbeitslosenstatistik der Ukraine. Anfang April präsentierte das Statistikamt eine Quote von 9,7 Prozent, demnach sind 1,9 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter ohne Einkommen.

Michail kann sich nur schwer mit seiner neuen Situation abfinden. Er stammt aus der Westukraine, aus der Region Ternopil, direkt an der polnischen Grenze. „Als junger Kerl bin ich extra nach Kiew gezogen, weil ich dachte, hier finde ich immer ein Auskommen“, sagt der Familienvater.

Doch selbst in Kiew schließen immer mehr Geschäfte, reduzieren Restaurants und Cafés ihre Mitarbeiterzahlen. Michail war einer von acht Kellnern. „Die teuersten Vier hat der Chef entlassen“, berichtet der schlanke Mann. Ihm sei gesagt worden, er solle sich in einem der zahlreichen Fünf-Sterne-Hotels bewerben. Doch das wollte er nicht.

„Meine Frau hat mir geraten, ins Ausland zu gehen“, erzählt Michail. Vor allem in der Schweiz und in Süddeutschland würden in der Gastronomie Leute händeringend gesucht. Doch da ist die Sprachbarriere, Michail spricht außer Russisch und Ukrainisch nur ein wenig Englisch. Sein Traum wäre es, nach Polen zu gehen. Jetzt hat er sich aber erst einmal bei der Polizei gemeldet.

„Das Bewerberverfahren startet demnächst, die Auswahl ist streng“, sagt Michail. Obwohl die ukrainische Regierung in diesem Jahr mehr als 20.000 Stellen im öffentlichen Dienst streichen will, stehen Polizei und Armee vor einem Neuaufbau.

Alexander Ochrimenko, Präsident des „Analyse Zentrums“, beschreibt in der Tageszeitung „Komsomolskaya Prawda“ den Sicherheitsapparat der Ukraine als „den einzigen Jobmotor, der zurzeit vorhanden ist“. Wer derzeit auf Jobsuche sei, sollte sich dorthin orientieren, weil die Regierung ein auf Jahre hinaus angelegtes, mit großzügigen Mitteln ausgestattetes Aufbauprogramm für diesen Bereich bereithalte.

Kein Vertrauen in die Regierung
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10 Kommentare zu "Rekordarbeitslosigkeit in der Ukraine: Die Sehnsucht nach einem ukrainischen Tsipras "

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  • Die Ukraine hat jahrzentelang von den Krediten Russlands gelebt. Strom, Gas und Lebensmittel wurden subventioniert damit die Oligarchen sich mit den Gewinnen die Taschen füllen konnten

    und die Ukrainer haben sich nun einen dieser Oligarchen zum Präsi gewählt...

    Sorry - sollen sie höhere Löhne fordern - oder ohne smartphones und Ipads leben....

    seit Monaten arbeitslos - im 5Sterne lokal will er nicht arbeiten - eine Sprache will er auch anscheinend nicht lernen - so what?

    Glaubt der Herr wir zahlen ihm ein bequemes Leben und gehen bis 70 arbeiten?

  • @Herr Florian Forstmaier
    "Polen, Tschechien, das Baltikum, alle schauen Russland nicht mit ihrem Ar*** mehr an. Warum wohl. Weil es ihnen ohne Russland besser geht. Wie dem ganzen Rest der Welt."

    Genau, der Ukraine geht es besser als vorher und den Griechen geht immer noch viel zu gut im Gegensatz vor 1970.

    Sie typischer Schlaumeier, Sie typischer Wähler etablierter Parteien in Deutschland, erkauft wurde das mit einem hektischen Beitritt zur EU und die versinkt gerade in Schulden. Hätte Russland im Verhältnis nur die Hälfte der Schulden und Probleme der EU und gleichzeitig nur die Hälfte seiner gigantischen Rohstoffe, dann hätten kriminelle westliche Ratingagenturen und sonstigen weltweit agierenden Feudalstrukturen längst die Staatspleite über Russland erklärt. Der gesamte Westen einschließlich der EU leben nur noch von der eigenen Illusion, träumen Sie mal schön weiter, Sie werden auch noch aufwachen müssen!!!

  • In diesem Land glauben auch viel zu [...], dass nur feudale Oligarchen und sonstige vornehme Beutegemeinschaften besser als jede direkte Demokratie zu regieren wissen. [...] Bleibt es bei der gelenkten repräsentativen Demokratie werden wir es, zumindest die noch nicht fünfzig jährigen unter uns, erleben dürfen wie von Vollpfosten im Westen die Halbdemokratie zu Grabe getragen wird! Gerade auch von den Grünen und den Salon-linken, die alles nationale, selbstverständlich nur in ihrem eigenen direkten Umfeld, vernichten müssen [...].
    Es gibt weder in Europa noch weltweit ein erfolgreicheres Land als die Schweiz. Feudale und diktatorische Herrschaftssysteme funktionieren hingegen nur dort wo es gigantische Rohstoffreserven gibt. Warum das schweizerische System nicht eine weltweite Vorbildfunktion besitzt ist nur dem Umstand der globalen Verdummungspropaganda feudaler Strukturen geschuldet, die gerade auch hier zu Lande seit Jahrzehnten sehr effektiv praktiziert wird.

    [...]

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • @ Froll Vladimirow... Da sind wieder russische Internet Trolls am Werk. Die österreichische Kaufkraft hat sich seit Euro-Einführung halbiert? Das ist der größte Blödsinn, den ich jemals gehört habe... Genau wie der Rest ihrer "Meinung". Dass ganz Osteuropa die Nase gestrichen voll hat von Russland übersehen sie. Polen, Tschechien, das Baltikum, alle schauen Russland nicht mit ihrem Ar*** mehr an. Warum wohl. Weil es ihnen ohne Russland besser geht. Wie dem ganzen Rest der Welt.

  • Der europäische Traum hat noch kein einziges Land wohlhabender gemacht. Spanien und Italien sind verschuldet, in Griechenland herrschen katastrophale Zustände, selbst in Österreich hat die Kaufkraft seit der Einführung des Euro halbiert. Der aus einer Besatzung entstandene Staat Kosowo liefert nur Flüchtlinge, die Ukraine zieht nach. Doch alle Probleme kommen natürlich aus Russland. Der böse Russe hat etwas gewagt, was ausschließlich der gute Amerikaner darf: Er habe die Krim annektiert/beschützt und unterstütze die Separatisten/Freiheitskämpfer in Donbass. Macht nichts, dass die Menschen auf der Krim es so wollten, weil sie Angst vor Nazis-Schlägern und Armut hatten. Die Motivation des Westens kann ich nachvollziehen: Die „Wertegemeinschaft“ wollte die Ukraine in eine Kanonenfutterfabrik und Sklavenmarkt verwandeln, und so ist es geschehen. Als Bürger Russlands kann ich aber die Ziele unserer Führung nicht begreifen. Gestern hat uns Wladimir Putin im Fernsehen live erzählt, wie viele Kredite und Vergünstigungen Russland dem ukrainischen Staat gewährt. Denn die Obrigkeiten kommen und gehen, hieß es, das Brudervolk aber bleibe. Nichts für ungut, aber vielleicht sollte man zunächst „russlandtreue Hardliner an die Macht“ bringen und dann Kredite geben? Die Nazis an der Macht in der Ukraine ist das Letze, was wir uns wünschen. Selbst wenn diese Nazis pro-europäisch sind.

  • @ Herr Christoph Weise

    >> . Es bleibt ein Rätsel, wie die Experten in Berlin und Brüssel den Wegfall der ukrainischen Exporte nach Russland ausgleichen wollen. >>

    Sehr berechtigte Frage.

    Die Antwort darauf ist aber sehr einfach zu finden : schauen Sie ins Baltikum, Polen, Rumänien, etc.

    Dort sind die Wirtschaftsverhältnisse nach Beitritt zu EUtopia auch zusammengebrochen und die Menschen leben von Almosen der Europäischen Steuerzahler.

    Zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben !

    Das bringt der blinde Aktionismus mit der Utopie eines europäischen Großstaates mit sich.

    Es leiden sowohl die beigetretenen Armutsstaaten ( oder vornehm ausgedrückt....Nehmerstaaten ) und auch die wohlhabenderen entwickelten europäischen Staaten ( die sogenannten Geberstaaten ).

    € - Sowjetunion per Excellence !

  • "Ihm sei gesagt worden, er solle sich in einem der zahlreichen Fünf-Sterne-Hotels bewerben. Doch das wollte er nicht."
    Michail klagt, dass er keine Arbeit hat, aber will sich nicht in einem Fünf-Sterne-Hotel bewerben. Nun, das verstehe wer will!

  • Berlin und Brüssel leisteten und leisten wichtige Beiträge, um die Ukraine vom ihrem mit Abstand wichtigsten Wirtschaftspartner Russland abzuschneiden. Die akute Krise in der Ukraine wurde daher maßgeblich von der deutschen Politik verursacht. Es bleibt ein Rätsel, wie die Experten in Berlin und Brüssel den Wegfall der ukrainischen Exporte nach Russland ausgleichen wollen. Für die meisten dieser Waren gibt es keine Abnehmer in der EU. Die Einkommen der etwa 1 Mio. Pendler, welche in Russland arbeite(te)n, werden spätestens nach dem Bau der neuen Grenzanlagen und der Einführung der Visumpflicht ebenfalls wegfallen. Zudem muss das Land den Wegfall von etwa 15% seines Territoriums und etwa 25% seiner Bevölkerung verkraften. Man addiere die zusätzlichen Kosten im Energiesektor und die erheblichen Mehraufwendungen für die Kriegsführung mit der Ostukraine und man hat daher perfekte Rezept für ein Mega-Desaster. Wieso dieses wahnwitzige Vorgehen von Berlin die Billigung der Bevölkerung findet ist mir schleierhaft. Man sollte sich nichts vormachen: Deutschland und wir Deutschen sind für die Kriegstoten und das Elend in der Ukraine mit verantwortlich und bürden uns hier neben Griechenland, dass wir zu eigenem Nutzen bis zum Rand mit Krediten vollgesteckt haben, eine weitere Schuld auf.

  • All dieses Unheil wegen der EU und Murksel und ihren Auftraggebern in den USA.

  • >> Nur drei von vier Ukrainern haben noch Arbeit – ein Rekord. Und diejenigen in Lohn und Brot kämpfen mit Lohnrückständen und Gehaltskürzungen. >>

    Und diese drei, die noch Arbeit haben, gehen meistens in USA,Westeuropa, Kanada den Senioren die Ärsche putzen und den Dreck wegräumen !

    Im Lande selbst, bei Gehältern unter 100 $, Renten unter 30 $, Preisen im Vergleich zu Europa um Faktor 2 bis 3 teurer, kann keiner mehr ohne RAUB KLAUEREI mehr überleben.

    Alles der EUtopia sei Dank !

    Die EUtopia hat den Ukrainern Wohlstand und Mercedese versprochen.....Armut, Krieg, Kriminalität und Unterversorgung gebracht !

    >> Die Sehnsucht nach einem ukrainischen Tsipras >>

    Den gibt es bereits in der Ukraine ! In Donetsk.

    Und der heißt Sachartschenko.

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