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Lira und US-Dollar

Die türkische Währung war zwei Monate lang stabil gegenüber dem US-Dollar. Jetzt fällt sie doch.

(Foto: Reuters)

Rekordtief Warum die Lira an den Märkten langsam austrocknet

Die türkische Währung verliert immer weiter an Wert. Händler finden kaum noch Gelegenheit, mit Lira zu handeln. Entwicklungsbanken springen ein – doch das reicht nicht.
06.08.2020 - 14:24 Uhr 1 Kommentar

Welche Möglichkeiten hat eine Verkäuferin, wenn ihr Produkt partout keine Abnehmer findet? Sie kann den Preis senken, um das Produkt attraktiver zu machen, oder das Angebot verknappen, um nicht zu viel zu produzieren. Mit der Türkischen Lira geschieht gerade Ähnliches. Mit einem Unterschied: Wenn sich niemand für das Produkt – in dem Fall türkische Geldscheine – interessiert, dann rauscht der Wert beinahe automatisch nach unten. Und ein Ende scheint nicht in Sicht.

Die Währung ist so unbeliebt wie seit Langem nicht mehr. Am Donnerstagvormittag (Ortszeit) fiel sie auf ein Rekordtief zu Dollar und Euro. Der Dollar stieg im Gegenzug auf 7,29 Lira, der Euro auf 8,67 Lira – so viel mussten Türkinnen und Türken noch nie für die beiden Weltwährungen ausgeben. Alleine am Donnerstag stieg der Kurs um drei Prozent.

Die schwache Lira führt zu äußerst unangenehmen Nebeneffekten in der Wirtschaft und an den Märkten. Mitten in der Corona-Pandemie müssen türkische Unternehmen einen weiteren Rückschlag verkraften. Steuern die Behörden nicht dagegen, droht ein freier Fall der heimischen Währung.

Offenbar versucht die Türkische Zentralbank derzeit, die Lira für Spekulanten unattraktiv zu machen. So berichteten mehrere internationale Banken der Nachrichtenagentur Bloomberg, dass sie ihre Lira-Positionen mit türkischen Gegenparteien am Dienstag nicht schließen konnten. Ausländische Kreditinstitute seien demnach nicht in der Lage gewesen, ihre Lira-Verpflichtungen zu erfüllen, da die Kosten für Ausleihungen in der Währung für Offshore-Investoren auf bis zu 1050 Prozent stiegen, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen sagten.

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    Der Credit Suisse war es zunächst nicht möglich, ihren Lira-Verpflichtungen nachzukommen. Die Schweizer Bank konnte das Geschäft aber am Mittwoch schließen, berichtete eine andere Person der Agentur Bloomberg.

    Kampf gegen Leerverkäufe

    Die Vorgänge zeigen, wie die Türkische Zentralbank derzeit versucht, die Liquidität in lokaler Währung an ausländischen Märkten zu begrenzen. Denn häufig wetten Spekulanten und Großbanken große Mengen darauf, dass eine Währung in Zukunft an Wert verliert. Kommt es tatsächlich dazu, verdienen die Anleger Geld – und die Zielwährung verliert an Wert.

    Solche Leerverkäufe hatten die türkischen Aufsichtsbehörden bereits im Frühjahr unterbunden, indem sie einen dauerhaften Liquiditätsengpass herbeigeführt hatten, um eine ungeordnete Abwertung der Landeswährung zu verhindern. Auch damals hatte die Lira binnen Wochen deutlich an Wert eingebüßt.

    Um Leerverkäufer abzuschrecken, wurde ausländischen Investoren im Wesentlichen die Aufnahme von Krediten bei lokalen Banken untersagt, und sie hatten keinen Zugang zu Finanzmitteln der türkischen Zentralbank. Infolgedessen müssen diejenigen ohne Lira die Währung auf dem Offshore-Markt ausleihen – wo das Angebot begrenzt ist –, was den Kurs nach oben treibt. Zeitweise sollen die Zinsen für solche Währungs-Leihen auf 1050 Prozent gestiegen sein, wie Insider berichten. Zuvor lag der Wert bei unter 30 Prozent.

    Die damaligen Maßnahmen bewirkten mehrere ähnlich gescheiterte Abwicklungen wie in dieser Woche. Damals untersagten die türkischen Aufsichtsbehörden den lokalen Kreditinstituten vorübergehend den Handel mit den drei Banken Citigroup, UBS und BNP Paribas.

    Verantwortlich dafür ist das türkische Finanzministerium, das von Berat Albayrak geleitet wird. Er ist Schwiegersohn von Staatschef Erdogan. Der wiederum sagte einmal, er habe eine Allergie gegen Zinsen. Er glaubt, dass niedrige Zinsen nicht nur die Konjunktur ankurbeln, sondern auch die Inflation drücken können.

    Strukturelle Gründe für die schwache Lira

    Vor einem Jahr entließ Erdogan den damaligen Notenbankchef. Der Nachfolger senkte die Leitzinsen prompt, von 24 auf inzwischen 8,25 Prozent. Die Inflation ist in der Zeit tatsächlich gesunken. Doch gleichzeitig verliert die Türkische Lira kontinuierlich an Wert. Innerhalb von zwei Jahren sind es fast 50 Prozent.

    Doch die Maßnahmen haben nur die Symptome bekämpft. An den strukturellen Gründen für die schwache Lira hat dies nichts geändert. Das zeigt sich dadurch, dass die Lira nun wieder fällt. „Die Ursachen des Abwärtsdrucks auf die Lira sind zuvorderst fundamentaler Natur: die mangelnde Inflationsbekämpfung der Zentralbank und ein Realzins im tiefroten Bereich“, kommentierte Antje Praefcke, Devisenexpertin von der Commerzbank. „Wir gehen deshalb davon aus, dass die Lira tendenziell weiter unter Druck bleiben wird.“

    Die türkische Notenbank hatte zuletzt erfolglos versucht, die Währung durch Interventionen am Devisenmarkt zu stützen. Die Notenbank verfügt nur noch über geringe Devisenreserven und steht unter hohem politischen Druck. Die Inflation hat sich zuletzt beschleunigt und lag im Juni bei fast 13 Prozent.

    Für türkische Unternehmen haben die Vorgänge konkrete Folgen. Sie haben es immer schwerer, Kredite aufzunehmen. In der Landeswährung ist das Angebot äußerst begrenzt. Und wenn sie einen Kredit in ausländischer Währung aufnehmen, dann verteuert sich dieser Kredit umso mehr, je stärker die Lira an Wert verliert. Autokonzerne etwa, die Einzelteile an den Weltmärkten in Euro oder Dollar einkaufen, ihre fertigen Produkte aber in Lira verkaufen, können damit schnell in einer Finanzierungsklemme geraten.

    Entwicklungsbanken springen ein

    Die Europäische Bank für Wiederaufbau und die International Finance Corporation IWC, der private Kreditarm der Weltbank, wollen daher mehr Lira-Kredite an türkische Unternehmen vergeben. Sie haben dafür von der türkischen Finanzaufsicht eine spezielle Erlaubnis erhalten, an der Börse in Istanbul sogenannte Lira-Swaps zu erwerben.

    „Wir begrüßen die Ankündigung der Bankenaufsicht, internationalen Entwicklungsbanken wie der EBRD den Zugang zu Lira-Liquidität zu ermöglichen“, sagte Arvid Türkner, Leiter des EBRD-Büros in Istanbul. Er erhofft sich dadurch zuverlässigen Zugang zu Türkischer Lira, um das Geld an den türkischen Privatsektor weiter zu verleihen.

    Letztlich bleibt der türkischen Regierung nur ein Mittel, um die Währung zu stabilisieren: Stabilität im eigenen Haushalt. Die Regierung gibt mehr Geld aus, als sie durch Steuern einnimmt. Auch die Wirtschaft verschuldet sich jedes Jahr auf Nettosicht. Diese beiden Defizite führen dazu, dass Unternehmen und Organisationen in der Türkei immer wieder auf ausländisches Kreditgeld angewiesen sind. So lange sich daran nichts ändert, bleibt die Lira unter Druck.

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      Indem die Europäische Bank für Wiederaufbau und die International Finance Corporation IWC, der private Kreditarm der Weltbank, die Türkei unterstützen, verringern sie den Druck Krieg und Unrecht zu beseitigen.

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