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Report aus Cornwall Johnsons Pläne nach dem Brexit: Britische Fischer wittern Verrat

Der Streit um Fischfanggründe im Ärmelkanal droht die Handelsgespräche zwischen EU und Großbritannien zu belasten. Ein Besuch bei Cornwalls Fischern.
02.03.2020 - 15:54 Uhr Kommentieren
Die Fischer erhoffen sich vom Brexit eine gerechtere Verteilung der Fangquoten. Der Appell an Premier Johnson ist eindeutig – und die Folgen für die Handelsgespräche womöglich immens. Quelle: Bloomberg/Getty Images
Fisch-Trawler vor der Küste Englands

Die Fischer erhoffen sich vom Brexit eine gerechtere Verteilung der Fangquoten. Der Appell an Premier Johnson ist eindeutig – und die Folgen für die Handelsgespräche womöglich immens.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Cornwall Manchmal, wenn es zu stürmisch ist und er nicht rausfahren kann, sitzt Andrew Trevarton in seinem Wohnzimmer und blickt aufs Meer. Was er dort in britischen Gewässern sieht, verschlechtert seine Laune noch mehr: Sechs Seemeilen vor der Küste ziehen französische Kutter ihre Netze durch sein Revier. „Ich frage mich, warum die aus hundert Meilen Entfernung herkommen dürfen, während ich nicht fischen kann“, sagt er. Die französischen Boote sind größer und seetüchtiger, deshalb können sie auch fernab ihres Heimathafens bei hohem Wellengang arbeiten. Direkt vor England.

Trevarton lebt in Mevagissey, einem idyllischen Fischerdorf in der Grafschaft Cornwall im äußersten Südwesten des Landes. Wie die meisten Einheimischen fischen der 53-Jährige und sein Sohn James mit einem Boot, das nur zwölf Meter lang ist. Das macht sie abhängiger von Wind und Wetter. In dieser Februarwoche waren sie erst einen Tag auf dem Wasser, und der Fang war wieder einmal enttäuschend.

In Zukunft soll das alles anders werden – wenn Großbritannien erst wieder „ein unabhängiger Küstenstaat“ ist, wie Trevarton sagt. Der Brexit gilt unter den Fischern Cornwalls als einmalige Gelegenheit, ihre siechende Branche wiederzubeleben. Es gehe nicht darum, alle französischen Kutter aus britischen Gewässern zu verbannen, betont Trevarton. „Aber es muss gerechter zugehen.“

In Brüssel beginnen diese Woche die Gespräche über ein Freihandelsabkommen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union (EU). Die Fischerei ist einer der größten Streitpunkte, denn der Ärmelkanal wird von beiden Seiten als Heimatrevier beansprucht.

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    Fischer aus Cornwall und der Bretagne pochen auf ihr jahrhundertealtes Gewohnheitsrecht. Immer wieder kommt es zu Machtspielen in der Meerenge. Dann umzingeln die Boote der einen die anderen. Mal geht es um die Hummerkörbe, mal um die Jakobsmuscheln, mal um den Kabeljau. Die Franzosen zögen ihre schweren Netze häufig über die Hummerkörbe auf dem Seeboden und machten diese so unauffindbar, erzählt ein Fischer im Hafen von Newlyn. „Das ist denen vollkommen egal.“

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    Am Verhandlungstisch sollen nun die Regeln neu geschrieben werden. Statt der bisher geltenden historischen EU-Fangquoten will die britische Regierung die Anteile jährlich neu verhandeln – so wie Norwegen es auch macht. „Wir werden die Hoheit über unsere Küstengewässer zurückerlangen“, bekräftigte Vize-Premier Michael Gove vergangene Woche im britischen Parlament.

    Geringe Bedeutung, große Rhetorik

    Die Europäer hingegen, allen voran Frankreich, wollen ihren Fischern den Zugang zu den britischen Gewässern auf Dauer sichern. Denn diese zählen zu den ertragreichsten Europas. Laut Verhandlungsmandat strebt die EU „stabile Quoten“ an, die nur in beiderseitigem Einvernehmen geändert werden können. „Die Fischer haben ein Recht, geschützt zu werden“, sagte die französische Europaministerin Amelie de Montchalin. „Sie wissen, dass sie viel verlieren werden, wenn wir einen schlechten Deal unterschreiben.“

    Gesamtwirtschaftlich gesehen ist der Kampf ums Meer nur eine Randnotiz. Die Fischerei macht auf beiden Seiten einen verschwindend geringen Anteil der Wirtschaftsleistung aus. In Großbritannien sind es weniger als 0,1 Prozent. Zum Vergleich: Die Finanzindustrie erwirtschaftet rund sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

    Politisch könnte die Bedeutung der Fischerei kaum größer sein. Beide Seiten greifen zu scharfer Rhetorik. Der Streit könne die Handelsgespräche zwischen Briten und Europäern insgesamt zum Scheitern bringen, warnt De Montchalin.

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    Die britische Regierung hat die Kontrolle über die eigenen Gewässer zum Lackmustest für den Brexit erhoben. In der Brexit-Folklore ist der Fischer aus Cornwall zum Symbol des benachteiligten „kleinen Mannes“ geworden, dem in Brüssel übel mitgespielt wird.

    Das Gefühl der Ungerechtigkeit lässt sich anhand von Zahlen illustrieren. EU-Kutter haben ein Anrecht auf mehr als 60 Prozent des Fischs in britischen Gewässern – und sie dürfen auf bis zu sechs Seemeilen an die Küste heranfahren. Die Briten hingegen müssen auf der gegenüberliegenden Seite zwölf Seemeilen Abstand halten, die doppelte Distanz.

    Festgelegt wurde dies in der gemeinsamen europäischen Fischereipolitik. Sie wurde 1970 mit dem Ziel formuliert, allen europäischen Fischern gleichen Zugang zu EU-Gewässern zu gewähren. Als Großbritannien 1973 der Gemeinschaft beitrat, musste sich London auf Quoten einlassen, die an historischen Fangmengen bemessen waren. 

    Heutzutage legen die EU-Agrarminister jeden Dezember eine Gesamtfangmenge für das kommende Jahr fest. Diese richtet sich im Sinne der Nachhaltigkeit danach, wie sich die Fischbestände entwickelt haben.

    Aber die Anteile der einzelnen Länder bleiben unverändert. Bis heute stehen den Franzosen so 84 Prozent des Kabeljaus vor Cornwall zu – und den Briten nur neun Prozent. „Es war der politische Preis, den wir für den EU-Beitritt zahlen mussten“, sagt Paul Trebilcock vom Fischereiverband Cornwall in Newlyn.

    Schrumpfende Branche

    Künftig soll damit aus britischer Sicht Schluss sein. Mindestens müsse die Exklusivzone von sechs auf zwölf Meilen vergrößert werden, fordert Trebilcock. Allein das würde den Umsatz der lokalen Fischer um 30 Prozent erhöhen. 

    Aus dem Fenster seines Büros blickt der Verbandsvertreter auf das Treiben im Hafen von Newlyn. Rund 100 Fischerboote liegen hier. Im Unterschied zu den großen schottischen Häfen, wo es auch größere Unternehmen gibt, besteht die Branche in Cornwall im Wesentlichen aus kleinen Familienbetrieben: zwei, drei Mann mit einem Boot. Auch Trebilcock ist praktisch auf dem Boot seines Vaters groß geworden, hat sich dann aber für den Schreibtischjob beim Verband entschieden. Die Branche schrumpft seit Jahren, landesweit gibt es noch 12.000 Fischer und 6000 Boote. Das Durchschnittsalter der Fischer liegt bei über 50, der Nachwuchs lässt sich nur schwer für den schlecht bezahlten Knochenjob begeistern.

    Die Crews sind häufig Zuwanderer aus Asien, Afrika und Osteuropa. „Ich würde nicht auf einem Fischerboot arbeiten“, sagt ein junger Verkäufer auf dem Fischmarkt in Newlyn. Der Verdienst schwanke zu stark: An manchen Tagen verdiene man viel, an anderen Tagen gar nichts. „Am Ende des Tages muss man seine Familie ernähren können“, sagt er.

    Vom Brexit erhoffen sich viele Fischer nun eine Renaissance ihres Berufs. „Wir sehen schon mehr Interesse in der jüngeren Generation“, sagt Trebilcock. Der Verband entwickele gerade ein Ausbildungsprogramm. Wenn es einen klaren Karriereweg gebe, kämen die jungen Leute wieder. Der dreifache Familienvater hofft, dass auch seine Kinder Fischer werden: „Den Opa würde es freuen.“

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    Auch Andrew Pascoe erwartet neues Wachstum. Das Geschäft habe sich seit dem Brexit-Votum im Jahr 2016 schon verbessert, erläutert der 50-jährige Skipper. Er steht auf dem Deck seines Kutters „Ajax“, während dieser vollgetankt wird. Dank des schwachen Pfunds exportiere man mehr in die EU. Zugleich seien die Fischpreise auf dem Heimatmarkt um 20 Prozent gestiegen. Wenn demnächst noch die Fangquoten erhöht würden, könne man den Umsatz weiter steigern.

    Er plädiert dafür, die britischen Fangquoten schrittweise anzuheben. Es ergebe keinen Sinn, die Quote auf einen Schlag zu erhöhen und dann gar nicht alle Fische fangen zu können, sagt er. Die britische Flotte sei nicht groß genug. Die Europäer sollten daher nicht komplett aus den Küstengewässern verbannt werden.

    „Wir wollen nicht, dass französische Fischer ihre Jobs verlieren“, sagt er. „Sie arbeiten genauso hart wie wir und haben auch Familien zu ernähren.“ Es könne aber nicht so weitergehen, dass er und seine Kollegen regelmäßig zu viel gefangene Fische über Bord werfen müssten, weil ihre Quote zu knapp bemessen sei.

    Premierminister Boris Johnson hat die Fischerei zu einer seiner fünf Prioritäten in den Verhandlungen mit Brüssel erklärt. In den Fischerdörfern halten sie viel von der konservativen Regierung.

    Landwirtschaftsminister George Eustice hat seinen Wahlkreis in Cornwall und kennt die Sorgen der Einheimischen. Auch Vize-Premier Gove, früher selbst Landwirtschaftsminister, gilt als Verbündeter. „Die Regierung sagt die richtigen Sachen“, sagt Trebilcock. „Wir können uns nicht beschweren. So wichtig wie im Moment war die Fischerei in der Politik noch nie.“

    Doch ist die Sorge groß, dass der Premier sich am Ende auf einen Kuhhandel mit der EU einlässt – und die Forderungen der Fischer für die Interessen der viel wichtigeren Banker oder Autobauer opfert. Die Regierung betont zwar, man werde den Zugang zu britischen Gewässern nicht mit dem Zugang zum Binnenmarkt verknüpfen. Vielmehr wolle man ein separates Abkommen erreichen.

    EU größter Exportmarkt

    Aber die Fischer sind skeptisch. Sie wissen, wie einflussreich die Kollegen auf dem Kontinent sind. „Die französischen Fischer haben ihre Regierung in der Hand“, sagt Iain Haggis auf dem Fischmarkt in Newlyn. „Die protestieren, bis sie ihren Willen bekommen.“ Sie könnten etwa die Häfen blockieren.

    „Wir sind besorgt, dass sich nicht genug ändert“, bestätigt Trebilcock. Allerdings habe Johnson so hohe Erwartungen geweckt, dass er kaum hinter seine Worte zurückkönne. „Wenn die Regierung nicht einmal die Kontrolle über unsere Gewässer wiederherstellen kann, wird die Öffentlichkeit denken, dass sie den Brexit gar nicht liefern kann“, sagt er. Auch Trevarton warnt den Premier, dass der Status quo nicht akzeptabel sei. „Wenn Boris Johnson nachgibt, wäre das eine nationale Schande“, führt er aus, „dann wird er nicht lang an der Macht bleiben.“

    Am Ende führt jedoch kein Weg an einer neuen Kooperation mit den Europäern vorbei, da sind sich alle einig. Denn es geht nicht nur um die Quoten, sondern auch um den Absatzmarkt.

    Drei Viertel des britischen Fischs werden in die EU exportiert. Fischer Tom McClure fürchtet vor allem, dass Zölle und Grenzkontrollen den Export verteuern oder unmöglich machen. Bisher laufe es so, dass er seinen Fang abends in Newlyn auslade und dieser am nächsten Tag schon in Europa sei, erzählt er. Da Fisch leicht verderblich sei, könne man sich Probleme beim Transport nicht leisten. Der britische Markt könne den ganzen Fisch gar nicht aufnehmen. „Die Briten essen nicht so viel Fisch.“

    Mehr: Großbritannien will nur noch qualifizierte Arbeitskräfte ins Land lassen. Damit will der Premier bei seinen Wählern punkten – doch der Wirtschaft wird dieser Populismus schaden.

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