Fliegendes Motorrad

Dongguan hat sich neu erfunden wie kaum eine andere Stadt.

(Foto: picture alliance/Ge yufei - Imaginechina)

Report aus Südchina Im einstigen Produktionsmoloch Dongguan übernehmen Roboter die Fabriken

Dongguan war einst die Fabrik der Welt, inzwischen wurde die Stadt zur vorbildlichen Gartenstadt geadelt. Ein Strukturwandel, von dem der Westen lernen kann.
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DongguanWie Libellen stehen die Drohnen in der Mittagshitze über dem Huayang-See. Die weißen Lotusblüten leuchten zwischen dem Uferschilf. Hier und da eine Pagode – die für China so typischen turmartigen Bauwerke. Dort ein paar verzierte Brücken. Dazwischen Bananenstauden. Eine Märchenwelt.

Dass hier kein Abfall mehr im Wasser schwimmt, dass niemand den Lotus pflückt in den kleinen Buchten, dafür sorgen Drohnen. Sie werden in der Gegend hergestellt von DJI, einem Unternehmen, das es in wenigen Jahren zum Weltmarktführer für Drohnen gebracht hat.

Der See gehört zu Dongguan, einer Stadt in Südchina mit acht Millionen Einwohnern. Sie liegt mitten im Pearl-River-Delta und ist einer der Knotenpunkte beim Ausbau der Region zu der „Greater Bay Area“, in der Hongkong, Macau und acht andere Städte zu einem innovativen „Megahub“ entwickelt werden sollen, so wie Tokio oder San Francisco Bay.

Schon heute leben insgesamt fast 70 Millionen Menschen in der Bay Area. Die Menschen erwirtschaften jährlich ein Bruttoinlandsprodukt von 1,52 Billionen US-Dollar. Wäre die Region ein Staat, wäre es die fünftgrößte Volkswirtschaft Asiens.

Um in der Bay Area mitspielen zu können, musste sich Dongguan neu erfinden. Und das hat die Stadt gemacht – wie kaum eine andere. Wenn es so etwas wie erfolgreichen Strukturwandel gibt – weg von der umweltverpestenden Schwerindustrie hin zur technologiedominierten futuristischen Smart City –, dann ist er hier in Dongguan zu besichtigen.

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Mehr noch: Aus Sicht der chinesischen Führung ist das Stadtprojekt ein Beleg dafür, das dynamisches Wachstum, wie es China in den vergangenen 30 Jahren wie keine andere Volkswirtschaft erlebt hat, und eine nachhaltige Umweltpolitik kein Widerspruch sein müssen – so wie es den Anschein hatte.

Und das Projekt funktionierte so: Die Fabriken wurden weiter radikal automatisiert, die verbliebenen Arbeiter höher qualifiziert. Und jenseits der Produktion musste die Stadt Technologie-Start-ups ansiedeln. „Denn wenn ohne Arbeiter mit Robotern produziert wird, können die Fabriken dort stehen, wo die Kunden die Produkte kaufen, und nicht dort, wo es günstige Arbeitskräfte gibt“, sagt Yang Xiaotang. Er ist Mitglied des mächtigen ständigen Ausschusses der KP von Dongguan und für Innovation zuständig. Deshalb die Start-ups.

Doch die Entwickler kommen nur, wenn die Lebensqualität stimmt. Deshalb der Umweltschutz. „Das ist alles sehr viel auf einmal“, sagt Yang, „aber wir kriegen das hin. Wir haben ja keine Wahl.“ 2012 war das Wachstum der Stadt um zwei Drittel gesunken. In den Boomzeiten hatte es bei 18 Prozent gelegen. Heute sind es wieder gut acht Prozent.

Dass Yang sich einmal darum kümmern würde, ein Buch mit Singvögeln herauszugeben, hätte er sich vor zehn Jahren noch nicht träumen lassen: „Ich werde heute auch daran gemessen, wie viele seltene Vögel sich bei uns ansiedeln.“ Mit Erfolg: Inzwischen wurde die Stadt vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen als „internationale Gartenstadt“ ausgezeichnet. Eine Adelung, auf die Parteisekretär Liang Weidong sehr stolz ist.

Am vergangenen Wochenende war er in Wuppertal. Auch so eine Industriestadt, die die ökologische Wende geschafft hat. Die Gruppe hat sich unter anderem mit dem Wupperverband getroffen, der sich unter dem Slogan „Für Wasser, Mensch und Umwelt“ bemüht, den Fluss Wupper in seinem natürlichen Gleichgewicht zu erhalten. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts war der Fluss so verschmutzt, dass man dort nicht mehr fischen konnte.

Vor wenigen Jahren noch eine verseuchte Brühe

Inzwischen sind dort wieder Flusskrebse aufgetaucht, die nur in sehr klarem Wasser leben können. Die chinesische Delegation und ihre deutschen Partner hatten viel zu diskutieren. Die Chinesen wollen nun enger zusammenarbeiten und dabei von deutscher Technologie und Erfahrung profitieren, was die Reinigung des Wassers betrifft.

Der Huayang-See und die umliegenden Feuchtgebiete, immerhin 20 Quadratkilometer, sehen heute aus, als hätten sie immer schon so ausgesehen. Doch noch vor ein paar Jahren war das Wasser hier eine von Fäkalien und Öl verdickte Brühe, in die jeder seinen Müll entsorgte. Das war praktisch für die vielen kleinen Fabriken dort. Die Reste aus der Herstellung von billigen Plastiktüten und groben Metallteilen wurden einfach mit einer Schubkarre in die Kloake gekippt. Umweltschutz? Erst mal reich werden, lautete die Devise.

Drone in Dongguan. Quelle: Visual China Group/Getty Images
Jungfernflug

Drone in Dongguan.

(Foto: Visual China Group/Getty Images)

Hier in Dongguan hat ja alles angefangen mit dem China-Boom. Sie war der Vorreiter der chinesischen Öffnungspolitik, die vor genau vierzig Jahren von Deng Xiaoping initiiert wurde.

Im September 1978 nahm hier die Taiping Handbag Factory chinaweit den ersten Auftrag aus Hongkong an. Der Geschäftsmann Zhang Zimi ließ Handtaschen produzieren. Das war der Anfang von „made in China“. Immer mehr ausländische Investoren kamen.

Nur zehn Jahre später exportierte China Waren im Wert von über 100 Milliarden Dollar. Bald bestand die Stadt nur aus Fabriken. Grau mit blauem Wellblech. Straße um Straße. Praktisch, aber lieblos wie eine Lagerhalle. Fast nur Wanderarbeiter und Produktionsleiter lebten hier. Die Bosse kamen nur kurz aus Hongkong herüber.

Lange war Dongguan das Aschenputtel des Pearl-River-Deltas, eingeklemmt zwischen Guangzhou, der stolzen Hauptstadt der boomenden Südprovinz Guangdong, und Shenzhen, der Grenzstadt zu Hongkong, einer Mischung aus Miami und Silicon Valley. Dennoch waren die Dongguaner so stolz auf ihre Fabriken, so wie die Menschen im Ruhrpott auf die rauchenden Schlote: „Wir sind die Fabrik der Welt.“ Dafür wurde Dongguan weltbekannt.

Dongguan setzt nicht nur auf Produktion

Doch diese Phase ist nun vorbei. Wer die Fabrik der Zukunft besichtigen will, der muss Huawei in Dongguan besuchen. Huawei ist der führende Telekomausrüster und Smartphone-Hersteller Chinas. In den Produktionshallen sind kaum Menschen zu sehen. Ohne Kittel, Haube und firmeneigene Pantolette darf niemand die Hallen betreten - alles ist keimfrei.

Huawei produziert etwa zehn Prozent seiner Handys selbst, damit ihnen ihre Auftragshersteller nichts vom Pferd erzählen können. 1700 Smartphones laufen auf einer Produktionsstraße pro Tag vom Band. Insgesamt legte die Produktion 2017 um fest ein Drittel zu. Dennoch ist die Mitarbeiterzahl gleichgeblieben. „Daran sieht man, wie schnell Huawei automatisiert“, sagt der Deutsche Torsten Küpper, Vizepräsident bei Huawei.

Er könne gut verstehen, warum Dongguan nicht nur auf Produktion setzt. „Wenn die Personalkosten keine Rolle mehr spielen. Und die Kosten der Anlage gleich sind“, erklärt der Manager, dann seien die Logistikkosten entscheidend. Das bedeutet, „man wird die Fabriken dort aufstellen, wo die Smartphones gekauft werden.“

Das gilt auch für Zulieferer wie Luo Weiqiang. Sein Unternehmen Guangdong Everwin Precision Technology Co. stellt die Cases und Präzisionsteile für Smartphones in Dongguan her. Alle großen Hersteller kaufen bei ihm ein. 1,1 Milliarden Dollar Umsatz. 120 Millionen Cases im Jahr. Wachstum: plus 50 Prozent im Jahr.

„Das ist der Workshop Asiens“, sagt er, als er in schnellen Schritten durch die Halle führt. Auch Luo liebt Roboter: „Ein Roboter ersetzt 16 Menschen und ist in drei Monaten bezahlt.“ Vergangenes Jahr hatte er 500 Roboter. Dieses Jahr sind es schon 2000. Nächstes Jahr 5000. Inzwischen stellen die Chinesen auch eigene Roboter her. 131.000 Roboter waren es 2017. Ein Wachstum von über 80 Prozent.

Einer der vielversprechendsten chinesischen Roboterhersteller sitzt in Dongguan: Topstar. Umgerechnet 25 Millionen Euro steckt die Stadtverwaltung seit 2014 jährlich in die Förderung der Automatisierung.

Ein Roboterarm, gesteuert von künstlicher Intelligenz, bereitet auf einer Messe in Guangzhou Tee zu. Quelle: picture alliance/Li zhihao - Imaginechina
Robotik

Ein Roboterarm, gesteuert von künstlicher Intelligenz, bereitet auf einer Messe in Guangzhou Tee zu.

(Foto: picture alliance/Li zhihao - Imaginechina)

Inzwischen ersetzen allein in Dongguan über 70.000 Roboter rund 200.000 Arbeiter. Die Produktivität ist um 250 Prozent gestiegen. Ein boomender Markt. „Wir sind noch kleiner, können uns aber viel besser auf die chinesischen Kunden einstellen“, sagt Wu Feng Li, der Gründer und Chef des Unternehmens. „Unsere Kunden sitzen hier gegenüber.“ Das schaffe Vertrauen.

Zu seinen Kunden gehörten Midea, das Unternehmen, welches den Augsburger Roboterhersteller Kuka gekauft hat, der Haushaltsgeräte Hersteller Haier, aber auch die Autohersteller beiden BYD und Great Wall Motors. Die Aktie des Unternehmens ist in Shenzhen gelistet. Sie bewegt sich noch seitwärts. Der Wettbewerb ist hart.

Unternehmen wie Topstar brauchen zwar weniger Arbeiter, aber die verbleibenden müssen immer qualifizierter sein. Deswegen ist das technische College im Stadtteil Hengli sehr wichtig. 3000 bis 4000 Studenten im Jahr werden nach dem deutschen dualen System ausgebildet. Arbeiten und Lernen zugleich. Der Partner ist das Bildungswerk der Wirtschaft in Berlin Brandenburg. Überall deutsch-chinesische Fahnen. Eine Bosch-Lehrwerkstadt und ein Daimler-Star-Ausbildungsprojektschule.

Besser guter Facharbeiter als schlechter Ingenieur

Zwei Mal im Jahr werden Studenten von der IHK in Leipzig geprüft. „Wir bauen jetzt eine Abteilung für Industrie 4.0 auf“, sagt der Rektor Liu Haiguang stolz. Als deutscher Experte ist der Berliner Hans-Werner Klahre vor Ort. Zuvor hatte er in Berlin ausgebildet. „Die Schüler sind disziplinierter hier als in Berlin“, sagt er. „Sie sind stolz hier zu sein.“ Aber sie müssten noch selbstständiger werden. Er bringt ihnen bei, „dass ein guter Facharbeiter besser sein kann als ein schlechter Ingenieur.“

Doch vor allem setzt Dongguan auf Forscher und Entwickler, Tüftler wie Zhao Deli. Ohne große Finanzspritzen hat er eine Art fliegenden Motorroller gebaut, eine Mischung aus einem Hocker und einer Drohne. 1500 Flugstunden hat er in Dongguan schon absolviert. Zhao hat nie Elektrotechnik studiert, sondern sich alles selbst beigebracht. Er hat schon im Golfclub gearbeitet, als Sicherheitsmann und Immobilienmakler.

Jetzt ist er Erfinder: „Mein Traum wird wahr.” Zhao sucht derzeit ein Unternehmen, mit denen er die bemannte Drohne produzieren kann. Die Chancen hier in Dongguan stehen gut. Die Smartphone-Hersteller Vivo und Oppo haben hier ganz klein angefangen. Oppo nahm seine Produktion 2006 auf, Vivo 2009.

Heute verkaufen beide Unternehmen jeweils mehr Smartphones in China als Apple. Entwickler wie Zhao müssen sich um eine Wohnung keine Sorgen machen. Sie bekommen eine 60 Quadratmeter große Wohnung für umgerechnet 60 Euro.

Der größte Coup für Dongguan als Innovationshub war jedoch die Entscheidung von Huawei-Chef Ren Zhengfei, an den Ufern des Songshan-Sees für 1,3 Milliarden Dollar eine Huawei-Zentrale für Fertigprodukte aufzubauen. Der Hauptsitz liegt eine Stunde südlich in Shenzhen. Ren hat dafür hier besonders schöne Gebäude aus zwölf Ländern Europas in Originalgröße nachbauen lassen. Den Oxford-Campus ebenso wie die Altstadt von Heidelberg. Rund 30.000 Menschen werden dort arbeiten. Die ersten sind schon eingezogen.

Gleich um die Ecke steht eine von weltweit vier Spallation-Neutronen-Quellen. Die 300 Millionen Euro Anlage ist ein großer Teilchenbeschleuniger, der die Kernspaltung in einem Forschungsreaktor ersetzt, also viel sicherer ist, weil man kein Uran braucht. Aber das Verfahren, mit dem man die Belastbarkeit von Materialien testet, ist technisch auch aufwendiger. „Die Spallation ist die Neutronenquelle der Zukunft“, sagt Professor Wang Fangwei, der sehr stolz auf seine Anlage ist.

„Ich lebe jetzt in einem Park“

Um Forscher wie Wang zu kriegen, Oppo und Vivo zu halten, Huawei zu bekommen und für junge IT-Entwickler attraktiv zu sein, führte die Stadtverwaltung den Umweltstandards mit aller Härte ein. Am Huayang-See ließ über 112 umweltverpestende Fabriken von einem aus dem anderen Tag schließen. Den Schlamm ließ sie ausbaggern. Die Menschen in den umliegenden Dörfern waren sauer. Kein Job mehr und ihren Müll mussten sie nun zu den Müllsammelplätzen bringen. Inzwischen sind sie froh. Sie arbeiten im Tourismus, haben kleine Shops eröffnet oder Bewässern die Pflanzen.

Das hat sich gelohnt: Dongguan ist kürzlich in den Reigen der 15 neuen chinesischen Städte „ersten Ranges“ aufgestiegen – direkt hinter Peking, Schanghai, Guangzhou und Shenzhen. Die Rangfolge wird anhand der Kaufkraft und der Lebensqualität ermittelt. „Ich lebe jetzt in einem Park“, sagt Mo Liang stolz. Er ist Steuermann eines der Touristenboote, der zuvor in einer Fabrik gearbeitet hat. „Natürlich waren wir empört. Wir mussten Land abgeben. Aber jetzt ist alles besser.“

Er fahre auch gern nachts mit seinem Boot herum. Dann ist die Landschaft für die Touristen spektakulär beleuchtet. Ein wenig kitschig ist das schon, aber eben umweltfreundlich. Im Nachthimmel knapp über den Bäumen steht ein roter Punkt. Dazu das Summen der kleinen Rotoren. Die Parkwächter-Drohnen arbeiten auch nachts.

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