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Brexit-Gegner mit Union Jack und EU-Flagge

Das Drama um den EU-Austritt belastet Großbritannien – und spaltet die Gesellschaft

(Foto: Reuters)

Report Das Brexit-Drama: Streifzug durch ein irres Land

Das Brexit-Chaos hat tiefe Furchen in Politik, Unternehmen und Familien verursacht. Ein Besuch bei fünf Menschen, die im zerrissenen Großbritannien eine besondere Rolle spielen.
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LondonEs ist dieser Schwebezustand, der das Land langsam in den Wahnsinn treibt. Ein Zustand, der Familien entzweit, Existenzen bedroht, die Gesellschaft zermürbt. Der allein noch den Comedians gute Geschäfte beschert, weil Briten nun einmal über das Talent verfügen, Entsetzen in Humor zu verwandeln.

Das Ringen um den Brexit erscheint als endloses Theater zwischen Drama und Groteske, in dem jeder einzelne britische Bürger seine eigene Statistenrolle spielt. Es ist ein Theater, das die Menschen vereinnahmt und spaltet, dann aber auch wieder vereint in der Sehnsucht, endlich aus diesem Stück der Tollheiten entlassen zu werden.

Vielleicht ist ihnen nicht einmal das vergönnt: Am kommenden Dienstag soll das Parlament erneut über den Ausstiegsvertrag abstimmen. Wird er verabschiedet, ist der ungeordnete Brexit abgewendet. Im Theater spricht man vom retardierenden Moment, in dem für kurze Zeit ein anderes als das tragische Ende möglich scheint.

Bis mindestens Ende 2020 würde dann eine Übergangsperiode gelten, in der alles beim Alten bleibt. Fällt der Vertrag hingegen wieder durch, haben die Parlamentarier die Wahl: zwischen einem Chaos-Brexit am 29. März oder einer Verschiebung des Austrittsdatums. Ende mit Schrecken? Schrecken ohne Ende?

Aus dem großen Drama – der Entfremdung zwischen Großbritannien und Europa, der Selbstdemontage der britischen Politik – entspinnen sich zahlreiche Handlungsstränge: die proeuropäische Familie von Ober-Brexiteer Boris Johnson, die das Thema bei Familientreffen vermeidet. Londons „Lachs-König“, der das Ende der EU-Mitgliedschaft kaum noch erwarten kann. Und die Comedians, deren Witze sich in diesen Zeiten fast von selbst schreiben.

Willkommen, Bienvenue, Welcome. Wir begrüßen Sie zum Brexit-Theater. Niemand unserer heutigen Akteure kennt das Ende dieses Stücks, doch jeder weiß, was auf dem Spiel steht: das Wohl ihres Landes. Vorhang auf.

Sie setzt sich seit Monaten für den Verbleib in der EU ein. Quelle: Reuters
Anna Soubry

Sie setzt sich seit Monaten für den Verbleib in der EU ein.

(Foto: Reuters)

1. Die Angefeindete

Drei Dutzend Zuhörer sind in den Veranstaltungsraum des Londoner Hotels „The Bloomsbury“ gekommen, um Anna Soubry im kleinen Kreis zu erleben. Als die Unterhausabgeordnete gerade zu reden ansetzt, unterbricht sie die Veranstalterin. „Filmen Sie?“, fragt sie eine Frau in der ersten Reihe. „Lassen Sie das bitte, das ist eine private Veranstaltung.“ Doch die Frau mit dem Smartphone denkt nicht daran – sie fängt an, die Politikerin zu beschimpfen. „Sie verraten Ihre Wähler“, ruft sie. „Sie sollten sich schämen.“

Derartige Angriffe ist Soubry gewöhnt. Die Abgeordnete für den nordenglischen Wahlkreis Broxtowe bekommt Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Auf dem Weg zum Parlament wurde sie von Demonstranten auch schon als „Nazi“ beschimpft. Der Grund: Sie setzt sich seit Monaten für den Verbleib in der EU ein. Die Anfeindungen sind ein Zeichen, wie sehr der Brexit das politische Leben verändert hat. Konservative und Labour driften immer weiter auseinander, auch innerhalb der Parteien nehmen die Fliehkräfte zu.

„Ich habe mich immer als konservative Politikerin gesehen, in der Mitte des Parteienspektrums“, sagt Soubry. „Irgendwann galt ich aber als eine Art Gegenspielerin von Jacob Rees-Mogg“, dem Anführer der Brexit-Hardliner in der Tory-Fraktion. Vor zwei Wochen trat sie schließlich als eine von drei Tories aus der Partei aus. Zusammen mit einigen Labour-Abgeordneten formt sie die neue „Independent Group“ im Unterhaus, die ein zweites Referendum fordert.

In dem Londoner Hotel werden irgendwann die Sicherheitsleute geholt. Sie versuchen, die empörte Demonstrantin zu beruhigen, die, wie sich später herausstellt, zu den Anhängern der rechtsextremen „English Defence League“ zählt. Als sie nicht aufhört, Soubry zu beschimpfen, erklären die Veranstalter die Diskussion kurzerhand für beendet – offiziell.

„Geht zur Bar, holt euch einen Drink, und wenn die weg ist, machen wir weiter“, wird den anderen Gästen zugeflüstert. Auch Soubry verschwindet. Sie wartet in einem Nebenraum und nimmt dann, resigniert mit den Achseln zuckend, wieder Platz auf der Bühne. „Das hat der Brexit mit unserem Land gemacht.“

Für die Schwester von Boris Johnson wäre ein ungeordneter Brexit eine „Horrorshow“. Quelle: Jocelyn Bain Hogg / VII  / Redux / laif
Rachel Johnson

Für die Schwester von Boris Johnson wäre ein ungeordneter Brexit eine „Horrorshow“.

(Foto: Jocelyn Bain Hogg / VII / Redux / laif)

2. Die Prominente

Rachel Johnson öffnet die Tür ihres Townhouses im vornehmen Londoner Viertel Notting Hill. „Willkommen in meiner bescheidenen Behausung“, sagt sie mit landestypischem Understatement. Sie serviert Ingwer-Tee in einem Becher mit der Aufschrift „Notting Hell“. So lautet der Titel ihres ersten Buchs über das Leben unter Londoner Millionären.

Die 53-Jährige entstammt dem Johnson-Clan, der britischen Antwort auf Amerikas Kennedys, wenn auch nicht in allen Fällen so gut frisiert. Vater Stanley arbeitete für die EU-Kommission, die Söhne Boris und Jo saßen in Theresa Mays Kabinett, Tochter Rachel ist eine führende Kommentatorin.

Die prominente Familie ist ein Mikrokosmos des Brexit-Dramas. Wie viele im Land sind die Johnsons gespalten in Remainer und Leaver, nur dass sie ihre Diskussionen öffentlich führen – im Fernsehen oder auf Twitter.

Boris ist die Galionsfigur der Brexit-Bewegung, hält den von Theresa May ausgehandelten Ausstiegsvertrag aber für eine Kapitulation gegenüber Brüssel – und nahm ihn auch zum Anlass für seinen Rücktritt als Außenminister im vergangenen Juli. Ein ungeordneter Brexit wäre besser als die „Vasallenschaft“ in der Zollunion, sagt er.

Rachel kann darüber nur den Kopf schütteln. Ein ungeordneter Brexit wäre eine „Horrorshow“, sagt sie. „Erinnern Sie sich daran, als Kentucky Fried Chicken die Hühnchen ausgingen und es 24 Stunden keine Chicken Wings gab? Die Leute haben reagiert, als sei es die Apokalypse. Und das war nur eine Firma und ein Produkt.“ Großbritannien sei ein Land der Hysteriker, ein ungeordneter Brexit werde „nicht lustig“.

Mit Brexiteers wie ihrem Bruder sei keine vernünftige Diskussion möglich, sagt sie. Zu unvereinbar die Positionen, deshalb meide man das Thema bei Familientreffen. Sie hat lange für ein zweites Referendum gekämpft, doch inzwischen glaubt sie nicht mehr daran. Sie hofft, dass Großbritannien langfristig in der Zollunion und dem Binnenmarkt bleibt, so wie Norwegen. Das Land müsste dann sämtliche EU-Regeln befolgen, ohne ein Mitspracherecht zu haben.

Boris und Jo waren beide im vergangenen Jahr zurückgetreten, weil Mays Brexit-Kompromiss die britische Souveränität beschneiden würde. Nun will Boris notfalls den ungeordneten Brexit in Kauf nehmen, der frühere Verkehrsstaatssekretär Jo hingegen wirbt für den EU-Verbleib.

Rachel sieht das Ganze pragmatisch, mit einem Schuss provozierendem Sarkasmus, der wiederum Bruder Boris auf die Palme bringen würde. „Ich bin kein testosteron-gesteuerter Souveränitäts-Junkie“, sagt sie. „Mir ist die Souveränität egal. Darin unterscheide ich mich von meinen Brüdern. Ich bezahle gern die Deutschen dafür, dass sie Großbritannien mitregieren.“

Der 56-jährige Familienunternehmer sieht im Brexit eine „Riesenchance“. Quelle: Susannah Ireland /eyevine / laif
Lance Forman

Der 56-jährige Familienunternehmer sieht im Brexit eine „Riesenchance“.

(Foto: Susannah Ireland /eyevine / laif)

3. Der Lachs-König

Lance Forman hat eines seiner Produkte „Boris“ genannt, nach dem früheren Außenminister: einen Bagel mit Frischkäse und Räucherlachs. Der 56-jährige Familienunternehmer sieht im Brexit eine „Riesenchance“, wie er in seinem Büro über seiner Produktionshalle im Osten Londons erzählt.

1905 war sein Urgroßvater aus Odessa eingewandert und hatte begonnen, Lachse zu räuchern. Heute werden täglich 600 bis 1 000 Fische aus Schottland angeliefert und in einer großen, weißgekachelten Halle von 80 Mitarbeitern verarbeitet.

Forman beliefert Edelkaufhäuser wie Harrods oder Selfridges, die großen Supermarktketten und Restaurants. Man nennt ihn den „Lachs-König von London“. Der größte Teil seiner Lachse landet auf britischen Tellern. Lediglich 15 Prozent verschifft Forman ins Ausland, das meiste davon in die USA, aber auch nach Frankreich und Italien. Dass der Brexit das Exportgeschäft erschweren könnte, fürchtet Forman nicht.

„Warum?“, fragt er zurück, „wegen der zusätzlichen Zollformalitäten? Das ist kein Problem, es dauert lediglich 15 Sekunden, die Formulare am Rechner auszufüllen.“ Auch würden die Menschen nicht woanders kaufen, wenn er wegen Einfuhrzöllen seine Preise erhöhen müsste. Seine US-Kunden müssten ohnehin schon jetzt Zoll zahlen. „Ich denke, wir brauchen keinen Deal mit der EU“, sagt er.

Viel wichtiger ist ihm, die EU zu verlassen, bevor die Situation in Europa eskaliere. „Das Grundproblem ist der Euro“, sagt er. Durch die gemeinsame Währung fehle den Euro-Ländern ein Ausgleichsmechanismus, die Ungerechtigkeiten nähmen zu, und die Menschen würden immer unzufriedener. „Der Brexit schwächt die EU und zwingt sie, sich zu ändern.“ Schon seit Jahren ist Forman Befürworter eines EU-Ausstiegs – auch wenn ihm das Kritik von Kunden eingebracht hat.

„Einige haben mir Mails geschrieben und gesagt, sie würden nicht mehr bei mir kaufen“, erzählt er. „Ich habe sie kontaktiert und meine Gründe erklärt. Die meisten konnte ich überzeugen. Es gibt viele andere Unternehmer, die sich aber nicht trauen, öffentlich ihre Meinung zu sagen.“

Der 51-Jährige fürchtet um seine Existenz. Quelle: AP
John Davies

Der 51-Jährige fürchtet um seine Existenz.

(Foto: AP)

4. Das Bauernopfer

John Davies züchtet auf seinem Bauernhof in Wales Schafe und Rinder, gut 100 Kühe und 1 000 Schafe springen auf seinen Wiesen herum. Es ist ein Familienbetrieb, in der fünften Generation, wie der 51-Jährige stolz erzählt. Doch jetzt fürchtet er um seine Existenz. „Die Unsicherheit, welche Folgen der Brexit haben wird, ist katastrophal.“ Bereits vor fünf Monaten musste er entscheiden, wie viele Lämmer er in diesem Frühjahr verkaufen kann und die Fortpflanzung seiner Tiere entsprechend planen.

92 Prozent der walisischen Lämmer werden in die EU exportiert, auch Davies setzt fast alle auf dem EU-Markt ab. Kommt es Ende März zu einem ungeordneten Brexit, gelten ab April die Konditionen der Welthandelsorganisation WTO. Auf Lammfleisch würde plötzlich ein Zoll von 46 Prozent fällig, Davis müsste von seinen europäischen Abnehmern Preise verlangen, die nicht mehr wettbewerbsfähig wären.

„Wir werden dieses Jahr ein paar Hundert Lämmer weniger haben, weil wir nicht wissen, ob und zu welchen Konditionen wir sie verkaufen können“, erklärt Davies. Er ist gerade auf dem Weg von London zurück zu seiner Farm. Als Vertreter der walisischen Landwirte hatte er persönlich bei Premierministerin Theresa May vorgesprochen.

„Sie hat uns versichert, dass sie ihr Bestes tut, um ein Abkommen mit der EU zu schließen“, sagt Davies im Anschluss an das Treffen, „aber Gewissheit hat mir das nicht gegeben. Eigentlich bin ich jetzt kein bisschen schlauer.“ Die Diskussion über eine Verlängerung der EU-Mitgliedschaft sieht er mit Unbehagen, denn jede Fortdauer des Schwebezustands lähmt seinen Betrieb. „Das macht es eigentlich nur noch schlimmer.“

Noch mehr Unsicherheit kann Davies nicht gebrauchen: In zwei Wochen kommen die Lämmer zur Welt.

Ihr Theaterstück „Brexit“ wird diesen Sommer in London erneut aufgeführt. Quelle: Twitter
Robert Khan und Tom Salinsky

Ihr Theaterstück „Brexit“ wird diesen Sommer in London erneut aufgeführt.

(Foto: Twitter)

5. Die Comedians

Robert Khan und Tom Salinsky fläzen sich auf ihrem Bürosofa in Camden. Wie die meisten Londoner halten die beiden Comedians den Brexit für eine Schnapsidee. Doch ausgerechnet sie profitieren nun davon. Ihr Theaterstück „Brexit“, ein Hit beim letztjährigen Edinburgh-Festival, wird diesen Sommer in London erneut aufgeführt. Viele Leute seien zwar Brexit-müde, sagt Salinsky. „Aber sie haben Lust, sich über die Situation lustig zu machen.“

In dem Stück stellen sie sich den Brexit als nie endende Übergangsphase vor. Zu den Hauptfiguren zählen der Premierminister und eine arrogante EU-Unterhändlerin mit deutschem Akzent. Sie habe eine gewisse Ähnlichkeit mit EU-Vizechefunterhändlerin Sabine Weyand, sagt Salinsky.

Die Ausgangslage des Premierministers auf der Bühne sei, dass er unter Zugzwang stehe. „Beim Schach ist das der Moment, der den Spieler in die Bredouille bringt. Aber du musst ziehen, weil du dran bist.“ Der Premierminister versuche daher den Eindruck großer Aktivität zu erwecken, während er in Wirklichkeit gar nichts tue. „Sein Hauptziel ist, im Amt zu bleiben, was Theresa May seit einigen Jahren nun schon recht erfolgreich vorführt.“

Das Stück wirkt absurd und realistisch, was den Eindruck bestätigt, dass der Brexit längst eine Realsatire ist. Für die Wiederaufführung mussten die beiden Autoren das ein Jahr alte Script nicht ändern, so wenig hat sich seither getan. Nur eine halbe Seite zum irischen Backstop haben sie ergänzt, weil der ja inzwischen sehr prominent sei. „Unsere These vom ewigen Übergang hat sich bisher gut gehalten“, sagt Khan.

Er ist sich sicher, dass das Stück noch lange aktuell sein wird. Selbst wenn es zum ungeordneten Brexit kommen sollte, würde die britische Regierung schon nach wenigen Tagen wieder in Brüssel anklopfen, um die Gespräche fortzusetzen, sagt er. Die Verhandlungen über die künftige Handelsbeziehung könnten zehn Jahre dauern. „Der Brexit ist nie zu Ende.“

Das befürchten nicht nur Comedians. So bleibt der Vorhang des Brexit-Theaters vorerst offen, auch wenn die Hoffnung bleibt, dass er irgendwann doch fällt. Und dass dann Hauptdarsteller übrig sind, die Applaus verdienen. Und dass es am Schluss keine Tragödie wird, sondern nur eine Groteske.

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