Report Ein Land in Schockstarre

Die Iren, die so stolz auf ihre Unabhängigkeit sind, kann nur noch Hilfe aus dem Ausland vor dem Bankrott retten. Und das Volk, das allen Grund zur Aufregung hätte, bleibt ruhig und schaut ungläubig zu, wie fahrig die Regierung agiert.
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Brian Cowen: Das Krisenmanagement des irischen Premiers gleicht einem politischen Irrlauf. Quelle: Reuters

Brian Cowen: Das Krisenmanagement des irischen Premiers gleicht einem politischen Irrlauf.

(Foto: Reuters)

DUBLIN. Als er sieht, dass die Regierung sein Land blamieren wird, hält Tim Kelly mit Ironie dagegen. Eigentlich verkauft der Ire über sein Internetmodehaus puckout.com Sportbekleidung. Doch seit Tagen sind mit Sprüchen bedruckte Shirts der neue Renner: „Ich lass' mich lieber vom IWF verpfänden“, steht etwa auf einem. Die Modebotschaft ist Kellys Antwort auf die Verhandlungen einer hilflosen Regierung mit dem Internationalen Währungsfonds (IFW) und der EU. Sie müssen Irland mit Krediten vor der Staatspleite retten. „Was soll man da noch machen?“, fragt der Unternehmer. „Wir können jetzt doch nichts mehr tun – außer unseren Geschäften nachgehen.“

Verkehrte Welt in Dublin: Ein Volk, das Grund zur Aufregung hätte, bleibt ruhig. Und eine Regierung, die Ruhe ausstrahlen sollte, agiert überaus fahrig. Ein Land in Schockstarre. Ohne großen Protest nehmen die stolzen Insulaner hin, dass ihre Regierung 85 Mrd. Euro an ausländischen Notkrediten einwirbt und dafür bis 2014 im Staatshaushalt 15 Mrd. Euro einsparen will. Spätestens wenn Premier Brian Cowen am Mittwoch die Details des Sparprogramms bekannt gibt, dürfte auch dem Letzten klar werden, dass die Iren jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt haben.

„Die Menschen wissen, dass es so wie bisher nicht weitergeht“, sagt Thomas Conefrey. Der Ökonom arbeitet für das einflussreiche Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung, das auch die Regierung berät. Von den mannshohen Fenstern seines Büros aus konnte Conefrey beobachten, wie das Land tiefer in die Misere schlitterte. Sein Institut residiert in einem der schicken Glasbauten, mit denen Dublin – wie viele Städte in Europa – seine alten Docklands in Hafennähe zupflasterte.

Absurder Immobilienboom

Doch während das Konzept in London oder Hamburg aufgeht, hakt es in Dublin an einer empfindlichen Stelle: Für die vielen neuen Bürobauten gibt es keine Mieter. Ein mittäglicher Streifzug durch die Docklands gleicht einem Spaziergang in einer Geisterstadt. Doch stehen nicht nur Büroviertel in Dublin leer, sondern auch Hunderttausende Wohnungen in dem kleinen Land mit seinen 4,4 Millionen Einwohnern. Denn angefeuert von einer Steuerpolitik, die Hausbesitz absurd lukrativ machte, haben sich die Iren einem wahren Immobilienboom hingegeben.

„Die irische Politik hat zwei große Fehler gemacht“, sagt Ökonom Conefrey, „die Banken zu wenig reguliert, so dass sie zu viele Kredite vergaben, und eine zu starke Niedrigsteuerpolitik betrieben.“ Immerhin habe man Konsequenzen gezogen und die Chefs der Nationalbank und der Finanzaufsicht ausgewechselt.

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  • Die iren sind ein sympathisches Volk mit eigenem Humor und waren und sind allerdings immer auch ein Auswanderervolk.
    Faireweise sollte man den iren die Chance geben, selbst über ihren weiteren Weg durch und ggf. aus der Krise zu entscheiden:

    Euro-bindung oder Rückkehr zur eigenen früheren Währung

    Aufnahme von überdimensionalen Schulden oder banken- und Staatsbankrott/Umschuldung

    Einführung von öffentichen Steuerungs- und Kontrollmechanismen, die verhindern, daß neue Schulden und Risiken entstehen.

    Die jetzige skizzierte Vorgehensweise (iWF- und "Rettungsschirm"-Mittel) birgt mehrere Risiken in sich:

    Der Ausgang des eingenschlagenen Weges ist offen

    Prinzipiell ist der image-Schaden der gleiche, wie beim Eintreten eines Staatsbankrottes, da nicht ausgeschlossen werden kann, daß dieser später doch ggf. unter noch ungünstigeren bedingungen eintreten kann: Erhebliche Unsicherheiten bleiben

    Das Risikobewußtsein verantwortlich agierenden Unternehmen ist gewachsen und wird zur Nichtansiedelung potentieller Unternehmen bzw. unternehmerischen Rückzugserscheinungen führen, da
    niemand mehr sicher sein kann, daß die bisherigen Vorteile von Dauer sein werden und infrastrukturelle Mangelerscheinungen zutage treten, weil EU-Fördermechnismen auslaufen und nicht druch eigenstaatliche Mittel kompensiert werden können, weil diese fast ausnahmslos oder zwangsweise zur Schuldenbekämpfung verwendet werden müssen.

    Schußendlich sollte nicht unterschätzt werden, daß der nun eingeschlagene Weg für die iren und irinnen keinerlei positiven Motivationsmomente zum Verbleib und großen Anstrengungen im eigenen Land beinhaltet: Gut ausgebildete, flexible, begabte und vor allem junge Menschen werden den Weg ins lastenärmere Ausland suchen und die zurücklassen, die weniger leistungsfähig sind und folglich noch mehr belastet sein werden.

    Keine berauschenden Aussicht, die wohl im irish-Whisky-Rausch am besten zu ertragen sind...

    Den iren gehört mein Mitgefühl, mehr aber auch nicht. Nette irinnen sind sicher immer willkommen in Deutschland... : )

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