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Wladimir Selenski

Der TV-Comedian kann damit rechnen, am 21. April in die Stichwahl zu kommen.

(Foto: dpa)

Report Ein Netflix-Star mischt den ukrainischen Wahlkampf auf

Die Wirtschaft des Landes hat gerade erst begonnen, sich zu stabilisieren. Nun lähmt Furcht die Ukraine. Viele deutsche Unternehmen sind engagiert.
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KiewEin durchdringendes Stimmengewirr aus Englisch, Ukrainisch und Russisch durchdringt den Schaltersaal der Bank von Zar Nikolaus II. Gut 150 Programmierer, Softwareentwickler und Webdesigner versuchen aus dem zwischenzeitlich völlig verfallenen, einst hochherrschaftlichen Geldhaus heraus, ihr Land in die Moderne zu führen.

„Hoffentlich bleibt alles friedlich. Wir brauchen keinen neuen Krieg und keine Gewalt nach der Wahl“, sagt Dimitri Podolijew. Mit wem man in diesen Tagen in Kiew auch spricht, überall kursieren Gerüchte über massiven Stimmenkauf, die Einmischung Russlands und mögliche Gewaltausbrüche.

Der 33-Jährige sitzt am Rand des nur von einigen Glaswänden abgetrennten früheren Kassensaals. 1912 ließ der Zar die mächtige Wolschsko-Kamski Bank hier bauen. Die Nazis quartierten während der Besetzung der Ukraine die NS-Wirtschaftsbank Kiew hier ein. Nur noch die Säulen und die riesigen Fenster erinnern an den Glanz der Zarenzeit.

Der Zar ist längst tot, die Sowjetunion untergegangen und die Ukraine seit fast drei Jahrzehnten unabhängig. Dennoch hat Podolijew, der Gründer der Start up-Firma iHub, wie viele in Kiew Angst. Angst vor einer neuen Welle der Gewalt nach der Präsidentenwahl am kommenden Sonntag.

Vor ziemlich genau fünf Jahren erlebte Podolijew dies schon einmal – und änderte sein Leben: Wer aus dem Fenster der Bank schaut, blickt auf den Maidan, jenen zentralen Platz, auf dem 2014 Hunderttausende Ukrainer mit ihrer über Wochen andauernden Revolution den korrupten Präsidenten Viktor Janukowitsch stürzten und eine neue Ära für das Land einleiteten. Und wo bei Schießereien vor Janukowitschs Flucht nach Russland Dutzende Oppositionelle ihr Leben ließen.

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„Damals habe ich meinen Investmentbankerjob in London aufgegeben und hier angefangen“, erinnert sich Podolijew. Er sei jetzt nicht nur Unternehmensgründer, sondern habe mit iHub auch eine Non-Profit-Organisation aufgebaut, die junge Unternehmer fördert. Doch erst mal geht es in der Ukraine wieder einmal um die große Politik. Wird das Land seinen Weg nach Westen fortsetzen? Kann der Kreml ihm genehme Kandidaten an die Spitze des Nachbarlands befördern? Wird es wieder Unruhen geben?

Wahlen? Da lacht Alexander Schukow. „Es ist doch komisch, bei uns liegt ein Komiker vorn“, sagt der Unternehmer, dessen Firma Video Gorillas gerade mit einem Auftrag für Netflix berühmt wurde. Mit dem „Komiker“ meint er den TV-Comedian Wladimir Selenski. Er spielt nicht nur im Fernsehen einen vom Volksschullehrer zum Präsidenten Aufgestiegenen, sondern liegt vor der Wahl am Sonntag auch so komfortabel in Führung, dass er mit der Stichwahl am 21. April sicher rechnen kann.

Schukow hat gerade in Hollywood für Aufsehen gesorgt, weil er das nie vollendete Spätwerk „The Other Side of the Wind“ von Orson Welles aus den 1970er-Jahren neu produzierte. Eigentlich wollte er seine Firma, die offiziell in den USA ansässig ist, jetzt in Kiew registrieren. Doch wegen der Wahlen zögert er. „Niemand weiß, wofür Selenski wirklich steht. Und er weiß ja selbst nicht einmal, was er will“, sagt er.

„Wir hatten gerade etwas Stabilität, wir wollten uns nicht weiter verstecken – und unsere Firma hier registrieren. Und nun diese Angst.“ Wieder einmal. Der größte Flächenstaat Europas ist ein verrücktes Land. In Kiew stand einst die Wiege der Rus, des späteren russischen Reichs. Und auch fast 30 Jahre seit der Unabhängigkeit ist die Ukraine nicht richtig von Russland weggekommen.

Seit der Hinwendung zum Westen hat der Kreml 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert und führt durch die Unterstützung der Separatisten im Donbass Krieg in der Ostukraine.

Gute Wirtschaftsdaten

Das eigentliche Wunder: Trotz dieses schwierigen Umfelds entwickelt sich die Wirtschaft recht passabel. „Viele Firmen haben 2018 gerade ihr bestes Jahr in der Ukraine seit der Unabhängigkeit erlebt“, sagt Andreas Lier, Präsident der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Kiew. Immer mehr ausländische Investoren kämen, auch deutsche.

So hat der Kfz-Zulieferer Leoni in der Westukraine einen zweiten Standort aufgemacht, und der Möbelriese Ikea kommt ebenso ins Land wie der französische Sportartikler Decathlon. Die Metro und der Rivale Auchan sind schon präsent. Horizon Capital, der führende Anbieter von Ukraine-Fonds, hat gerade einen weiteren aufgelegt und dabei von 150 auf 200 Millionen Dollar aufgestockt. „Die Nachfrage war so groß, dass wir sogar Anleger abweisen mussten“, sagt Horizon-Capital-Chefin Lenna Koszarny.

Der Comedian will von der Bühne an die Staatsspitze. Welche Politik er dort machen würde, ist vielen Ukrainern unklar. Quelle: Reuters
Wladimir Selenski

Der Comedian will von der Bühne an die Staatsspitze. Welche Politik er dort machen würde, ist vielen Ukrainern unklar.

(Foto: Reuters)

Ein Wirtschaftswachstum von 3,3 Prozent im Jahr 2018 locke Investoren, meint Darja Michailischina, Ökonomin an Kiews Zentrum für Wirtschaftsstrategie. Für 2019 rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) mit 2,9 Prozent Wachstum. Ein Grund ist die boomende Agrarwirtschaft. In wenigen Jahren dürfte sie durch die Steigerung der Produktivität in der Lage sein, eine Milliarde Menschen zu ernähren.

Heute sind es 600 bis 700 Millionen. Das Land leiste einen wichtigen Beitrag zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung, sagt Lier, der in Kiew auch die Geschäfte des Chemiekonzerns BASF leitet. Zudem werde die IT-Industrie zunehmend zum Wachstumsmotor.

Der IWF will weiter helfen

Nicht zuletzt wegen dieser Dynamik ist der Währungsfonds auch weiter bereit, die Ukraine „zu unterstützen“, wie IWF-Chefin Christine Lagarde jüngst betonte, obwohl sie auch die immer wieder verschleppten Reformen kritisiert. Der Deal, Kredite in Milliardenhöhe gegen Reformen – wie etwa die drastische Erhöhung der Gas- und Strompreise sowie die Korruptionsbekämpfung und Privatisierungen – steht.

Auch wenn die Forderungen durchaus umstritten in Kiew sind. Ausgehandelt hat sie Präsident Petro Poroschenko. Seine beiden ärgsten Rivalen – Ex-Premierministerin Julia Timoschenko und Komiker Selenski – gehen mit populistischen Gegenprogrammen auf Stimmenfang und versprechen billiges Gas, soziale Wohltaten und ein Ende der IWF-Knebelungen.

Holte vor fünf Jahren „Schokoladenkönig“ Poroschenko, dessen Süßwarenkonzern Roshen ihn zum Milliardär machte, noch 54,7 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang, so muss er heute sogar um den Einzug in die Stichwahl fürchten. Mit Nationalstolz, Ruhm für die Armee und der Betonung der ukrainischen Sprache will Poroschenko punkten.

Poroschenko wird vorgeworfen, dass Männer aus seinem Umfeld Millionen bei dubiosen Rüstungsdeals abgezweigt haben – und das ausgerechnet mit schmutzigen Geschäften mit Kriegsgegner Russland. Als Schuldeingeständnis werten seine Widersacher, dass Poroschenko Beschuldigte gefeuert hat.

Julia Timoschenko, früher Regierungschefin und später vom ehemaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch inhaftiert, rechnet sich auch Chancen aus. Die 58-Jährige wurde in den 1990er-Jahren durch undurchsichtige Gasgeschäfte zur Multimillionärin. Später schloss sie als Regierungschefin Gasverträge mit dem russischen Kremlkonzern Gazprom, die der Ukraine die höchsten Gaspreise in Europas bescherte.

Heute wettert sie gegen die IWF-Auflagen und verspricht billiges Gas. Ihren Stimmenanteil von 2014 (12,8 Prozent) dürfte sie deutlich steigern.

In Führung, allerdings ohne Chancen, gleich im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit zu holen, liegt Komiker Selenski. Der 41-Jährige ist dauerpräsent auf den TV-Bildschirmen. Der Schauspieler aus der südukrainischen Stahlstadt Kriwy Risch empfängt sowohl Journalisten wie auch Bildungsexperten zur Entwicklung seines Wahlprogramms besonders gern im grün-schwarzen Rollkragenpullover.

Der „Diener des Volks“ – wie die TV-Serie mit dem zum Präsidenten mutierten Lehrer heißt – will via Facebook und Instagram besonders offen wirken, möchte sogar seine Minister über Abstimmungen im Internet auswählen. Laut der Soziologin Iryna Bekeschkina ist Selenskis Aufstieg damit zu erklären, dass „die Menschen nach Kandidaten suchen, die nicht Teil des Systems sind“.

Allerdings sei er vor allem bei jungen Menschen beliebt, die sich aber weniger an Wahlen beteiligten. Daher könnte Selenski am Sonntag weniger Stimmen erhalten als erwartet. Über politische Erfahrung verfügt der Aufsteiger nicht, im Gegenteil: Er gilt als völlig naiv. „Was braucht ihr, Jungs?“ – das würde er als gewählter Präsident seinen russischen Kollegen Wladimir Putin fragen und sich mit ihm „irgendwo in der Mitte treffen“.

Im Internet folgte daraufhin ein veritabler Shitstorm. Zudem steht Selenski unter Druck, seit Medien darüber berichteten, er sei Anteilseigner der zypriotischen Green Family Ltd., einer Filmfirma, die noch bis 2017 Geld für Filmproduktionen von der russischen Regierung bekommen haben soll.

„Dass Selenski ein Business in Russland hat, ist nicht verwunderlich, das hatten die meisten ukrainischen Unternehmer. Aber sein auf Ehrlichkeit getrimmtes Image ist dahin“, meint Senon Sawada von Concorde Capital in Kiew. Davon könnte am Ende Amtsinhaber Poroschenko profitieren, der vor allem ein Argument auf seiner Seite hat: Putin hat sich sehr deutlich gegen ihn ausgesprochen.

Gegen Selenski oder Timoschenko dagegen gibt es keine Kritik aus dem Kreml. Vielleicht ist die Wahlempfehlung aus Moskau der größte Trumpf in dem kriegsgeschundenen Land. Denn trotz aller Kritik an der zunehmenden Korruption und dem ewigen Missmanagement: Die Unabhängigkeit ist für eine Mehrheit der Ukrainer ein hohes Gut.

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