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Report Land in Aufruhr: In Chile stellen die Menschen die Systemfrage

In kaum einem Land sind die Einkommensunterschiede so hoch. Das rächt sich nun: Es kommt zu Unruhen. Dieses Schicksal könnte weiteren Schwellenländern drohen.
13.11.2019 - 10:47 Uhr Kommentieren
Auslöser der Proteste war eine erneute Preiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr. Quelle: action press
Demonstration in Santiago de Chile

Auslöser der Proteste war eine erneute Preiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr.

(Foto: action press)

Santiago de Chile, Salvador Cristián Talamilla hat seine Nachbarn zusammengetrommelt. Es ist 16 Uhr an diesem Samstag. Im Zentrum von Santiago de Chile messen sich Demonstranten und Randalierer wieder einmal mit Sicherheitskräften. Hier, in Valle Grande, einem Mittelklassevorort am nördlichen Stadtrand, stellt Talamilla im kleinen Park den Lautsprecher an. Er zieht die Tischdecke auf dem Holztisch gerade. In die Mitte stellt er große Flaschen mit Wasser und Cola, daneben legt er einen Stapel Fragebögen. Um die geht es heute.

Der 46 Jahre alte Talamilla, kariertes Hemd und Schiebermütze, ist Vorsitzender einer Nachbarschaftsinitiative. Er hat die Anwohner zu einem „Cabildo abierto“ zusammengerufen, einem „offenen Bürgerrat“. Es sind spontane Treffen auf Stadtteilebene, in Betrieben, Unis und Hausgemeinschaften. Sie finden derzeit überall in Chile statt. In diesen verwirrenden Tagen in einem schwankenden Land suchen die Menschen nach Orientierung und Ideen, wollen mitreden, mitgestalten und helfen, ein neues Gesellschaftsmodell zu entwerfen.

In Valle Grande diskutieren an diesem Nachmittag rund hundert Menschen: Lehrerinnen, Kleinunternehmer, ein junger Ingenieur, Mütter und Hausfrauen sind dem Ruf zum „Cabildo abierto“ gefolgt. Wie ein Moderator stellt Talamilla die Fragen, die dieser Tage alle Chilenen umtreiben. Was kann die Lösung dieser Krise sein, die so unerwartet und so plötzlich und so gewaltsam vor gut drei Wochen ausgebrochen ist?

Die einen wollen bezahlbare Gesundheit, andere eine Reduzierung des Arbeitstages auf acht Stunden. Für die Mütter müssen die staatlichen Schulen besser werden. Ein Rentner beklagt, dass die Abgeordneten Diäten von über 20.000 Euro im Monat beziehen. Und alle gemeinsam drückt die hohe Verschuldung. 70 Prozent der Bevölkerung sind verschuldet. Vor allem junge Menschen spüren, dass ihr weiterer Aufstieg nicht gesichert ist.

Eine Dachorganisation namens „Unidad Social“, in der Gewerkschaftsverbände, Lehrervereinigungen, Studentenräte und Frauenorganisationen zusammengeschlossen sind, hat die Fragebögen für die Bürgerräte ausgearbeitet. Die Fragen sind: Wie kann es mehr soziale Gerechtigkeit geben? Was können Bürger und die Zivilgesellschaft tun, um die Ziele zu erreichen?

Was dieser Tage in Chile zu beobachten ist, war vor vier Wochen noch unvorstellbar. Das lange Zeit wirtschaftlich erfolgreiche und politisch stabile Land ist im Aufruhr. Mehr als 20 Tote, über tausend Verletzte, Millionenschäden, zerstörte Infrastruktur und geplünderte Geschäfte: Das Bild vom Musterländle Lateinamerikas ist dahin. Der Andenstaat, den Piñera noch vor Kurzem als „Oase“ in der Region bezeichnet hat, gleicht mitunter einem Bürgerkriegsland.

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Und das Land scheint nicht so bald wieder zur Ruhe zu finden. Ein Schicksal, das weltweit mehr Staaten drohen könnte: Überall dort, wo Menschen frustriert in der Falle eines mittelhohen Pro-Kopf-Einkommens feststecken. Die Weltbank zählt 37 Länder weltweit dazu, denen diese Gefahr droht. Das gilt für Staaten wie Peru und Kolumbien in Südamerika, aber auch für Thailand, die Philippinen oder Indonesien in Asien und Rumänien oder die Türkei in Europa.

Das Beispiel Chile zeigt, warum Menschen plötzlich die Systemfrage stellen. Entzündet hat sich die Rebellion am 18. Oktober an einer minimalen Erhöhung der U-Bahn-Tickets. Es war die dritte Preisanpassung in diesem Jahr in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen im Schnitt nur 500 Euro im Monat verdient und nicht nur der öffentliche Nahverkehr so viel kostet wie in Paris. Der Tropfen ließ das Fass überlaufen.

Ob die Flut den konservativen Präsidenten Sebastián Piñera aus dem Amt spült, ist noch unklar. Es geht den Chilenen nicht um 30 Pesos mehr für das Ticket, es geht ihnen um 30 Jahre Ungerechtigkeit. Die Verfassung, noch aus den Zeiten der Diktatur von General Augusto Pinochet, wollen sie geändert haben. Sie schreibe das herrschende ultraliberale System fest. Die Regierung versprach dies am Sonntag.

Und die Chilenen fordern eine gerechtere Einkommensverteilung. Ein Prozent der Chilenen verfügt über 30 Prozent der Einkommen. Nach dem Ranking des World Inequality Database (WID) sind weltweit nur in Katar die Reichen noch reicher. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Massenprotesten von Studenten und Schülern. Jetzt geht es um mehr.

Auch am vergangenen Wochenende gingen wieder tausende Menschen auf die Straße. Quelle: AFP
Demonstrationen

Auch am vergangenen Wochenende gingen wieder tausende Menschen auf die Straße.

(Foto: AFP)

Der Präsident wirkt überfordert. Piñera verhängte zunächst eine Ausgangssperre und schickte das Militär auf die Straße. Das Land sei „im Krieg mit einem mächtigen, unerbittlichen Feind, der nichts und niemanden respektiert“, so seine erste Reaktion. Dass es Chilenen aller Alters- und sozialer Klassen waren, die gegen die Regierung demonstrierten, wurde ihm erst nach einigen Tagen klar.

Kleinlaut ruderte Piñera zurück, sagte zerknirscht das Asien-Pazifik-Wirtschaftsforum (APEC) im November und den Weltklimagipfel im Dezember ab. Er kündigte Erhöhungen bei Rente, Mindestlohn und Gesundheitsvorsorge an. Bisher hat dies die Wut der Menschen nicht gemildert. Die Chilenen wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, weil das Vertrauen in die Regierung, in die etablierte Politik und die Parteien dahin ist.

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